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Annemaria Köhler bei ihrem Vortrag in Coesfeld - Bildschirmfoto

Kunst kann helfen

Seit vielen Jahrhun­derten versuchen die Menschen, sich die Welt und das mensch­liche Handeln zu erklären. Sie ziehen dazu  die Wissen­schaften, die Religion,  Mythen und Märchen, die Heilkunst, bestimmte Rituale heran oder befragen Geister,  imaginäre Wesen oder Zauberer. Fantas­tische Ereig­nisse, Sagen, erfundene Geschichten und Spiele, Propheten, Heils­ver­künder, Schamanen sollen den Menschen die Welt und ihr Leben erklären. Reale oder erfundene Geschichten sind ihnen ebenso willkommen wie gespielte Geschichten etwa im Theater.  Auch die Idee, mithilfe des Theater­spiels die Götter anzurufen oder Geister zu vertreiben ist nicht neu. In der Psycho­the­rapie ist das Theater­spielen längst eine anerkannte, wenn auch besondere Heilmethode.

Annemaria Köhler hat in Jena Sozio­logie studiert. Seit fünf Jahren erforscht sie im Rahmen ihrer Disser­tation in psych­ia­tri­schen Einrich­tungen, welche Rolle dort das Theater spielt. Dabei hat sie unter­schied­liche Facetten des Themas unter­sucht. Im Februar vergan­genen Jahres hielt sie an der Fernuni­ver­sität Hagen einen Vortrag zum Thema „Was hat Theater in der Psych­iatrie verloren?“.

Annemaria Köhler bei ihrem Vortrag in Coesfeld – Bildschirmfoto

Horst Dichanz: Woher stammt die Idee, mithilfe von Theater­spielen, von Rollen­spielen das Spiel als Therapie einzusetzen?

Annemaria Köhler: Zwei gängige Ausgang­punkte lassen sich für thera­peu­tische Aspekte im theatralen Spiel ausmachen: die Katharsis und das Ritual. Verkürzt könnte man sagen, dass während des rituellen Prozesses oder durch die Katharsis ein Prozess in Gang gebracht werden kann, in dem Grund­le­gendes in Bewegung versetzt wird.

Dichanz: Gibt es einen „Erfinder“ dieser Nutzung?

Köhler: Nein, den einen „Erfinder“ gibt es nicht. Denkt man an Katharsis, wird immer wieder Aristo­teles genannt, beim Ritual Victor Turner und Arnold van Gennep. Wenn es dezidiert um thera­peu­tische Aspekte von Theater geht, begegnet mir besonders häufig der Name Jacob L. Moreno. Letztlich ist das Feld der Theater­the­rapien aber von unter­schied­lichen Ausrich­tungen geprägt, die jeweils unter­schied­liche Autoren zu ihren Ursprüngen zählen. Das ist auch eine Frage der geogra­fi­schen Verortung.

Dichanz: Welche Ziele verfolgen Thera­peuten, wenn sie Theater­spielen zur Behandlung einsetzen?

Köhler: Das kann ganz unter­schiedlich sein und richtet sich natürlich auch danach, was der Patient im Einzelfall benötigt. Für manche Patienten kann es ein Fortschritt oder Behand­lungsziel sein, pünktlich zu den Proben zu erscheinen und bei den Kostümen zu helfen, für andere bietet der drama­tische Stoff vielleicht eine Ausein­an­der­setzung mit eigenen biogra­fi­schen Themen oder die Verkör­perung einer Figur, die einem hilft, etwas über sich selbst zu erfahren. Allge­meiner wird dem Theater­spielen beispiels­weise zugeschrieben, es könne helfen, eine andere Perspektive einzu­nehmen, handelnd Alter­na­tiven zu entdecken oder überhaupt Handlungs­fä­higkeit wieder­zu­er­langen oder persön­liche Entwick­lungs- und Verän­de­rungs­po­ten­ziale zu eröffnen. Letztlich, so würde ich sagen, geht es darum, in einem beson­deren, weil theatralen Setting soziales Mitein­ander zu vollziehen.

Dichanz: Für welche Krank­heits­bilder wird Theater­spielen als Therapie eingesetzt?

Köhler: Im Prinzip wird Theater­spielen für alle möglichen somati­schen wie psychi­schen Erkran­kungen einge­setzt. Sehr häufig hörte und las ich, dass insbe­sondere für Menschen, die über ein geringes Selbst­wert­gefühl verfügen oder in ihrem Selbstwert gestärkt werden sollen, eine andere Perspektive auf sich bekommen sollen, Theater­spielen enorm hilfreich sein kann. Auch der Applaus nach einer gelun­genen Aufführung kann hierzu beitragen. Wollte man das in psych­ia­tri­schen Diagnosen ausdrücken, wäre hier beispiels­weise an Depres­sionen oder Angst­stö­rungen zu denken. Mehr oder weniger einig scheint man sich aber darüber zu sein, dass in einer akuten psycho­ti­schen Phase, wenn also der Bezug zur Realität verschwimmt, Theater­spielen weniger indiziert ist.

Dichanz: Wie lassen sich theatrales Spiel und thera­peu­tische Übungen vonein­ander unterscheiden?

Köhler: Das ist eine kompli­zierte Frage und je nachdem, wen Sie fragen, erhalten sie unter­schied­liche Antworten: Sie reichen von „Theater und Therapie sind nicht zu trennen“ bis „Theater als Kunst ist nicht mit einem thera­peu­ti­schen Anliegen vereinbar“. Nach meiner empiri­schen Unter­su­chung jedoch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sich beide darin unter­scheiden, welchen Rahmen Thera­peuten um das theatrale Spiel spannen. Man könnte sagen, dass das, was im Spiel gemacht wird, sich ähnelt, weswegen man überhaupt von theatralem Spiel reden kann. In welchen Kontext das Spiel davor und danach gesetzt wird, unter­scheidet sich erheblich. Am augen­schein­lichsten wird dies bei der Frage danach, ob das Gespielte einer Reflexion hinsichtlich des psychi­schen Befindens und Erlebens während des Spiels unter­zogen wird oder nicht.

Dichanz: Bitte vergleichen Sie die Rolle eines Schau­spielers mit der eines Thera­peuten. Welches sind die Unter­schiede zwischen einem Schau­spieler und dem Spiel­leiter, dem Spiele leitenden Therapeuten?

Köhler: Schaut man aus einer sozio­lo­gi­schen Perspektive auf Thera­peuten und Schau­spieler, ist für beide charak­te­ris­tisch, dass sie sich in einem Spannungsfeld bewegen. Als profes­sionell Handelnde sind Thera­peuten, ähnlich wie Mediziner und Juristen, ständig dabei, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Einzelfall und allge­mei­nerem, theore­ti­schem Hinter­grund­wissen zu balan­cieren. Schau­spieler hingegen sind in ihrer Rolle als Künstler relativ frei, bewegen sich aber in einer Spannung zwischen Selbst- und Fremd­an­teilen der Figur, die sich in der Verkör­perung von etwas anderem als sich selbst ausdrückt.

Gemein­sam­keiten der Rollen in Bezug auf Theater­the­rapie sehe ich eher zwischen Therapeut und Regisseur. Beide sind dafür zuständig, das Spiel zu leiten, Impulse zu geben, Spielende zu motivieren, die Fäden zusam­men­zu­halten und vieles mehr. Unter welchem Fokus sie das tun – thera­peu­ti­scher oder künst­le­ri­scher – variiert mitunter sehr stark.

Dichanz: Welche Funktionen haben die Verklei­dungen und Masken im Theater und im thera­peu­ti­schen Rollenspiel?

Köhler: Die Verfremdung kann helfen, Distanz herzu­stellen und anzuzeigen, dass jetzt etwas passiert, das anders ist als im Alltag oder auch als das, was die Person „hinter der Figur“ sonst so tut. Außerdem konnte ich beobachten, dass Masken auch eine Entlastung für weniger erprobte Spieler sein können, weil die Darstel­lenden dann nicht unter dem Druck stehen, die ganze Zeit der Aufführung ihre Mimik zu kontrollieren.

Dichanz: Gehen Anteile der indivi­du­ellen Persön­lichkeit beim Theater­spielen und bei einer thera­peu­ti­schen Aktion in das Spiel ein?

Köhler: Ja, natürlich. Schon allein durch unsere Körper unter­scheidet sich die Verkörperung einer Figur.

Dichanz: Nicht jeder Schau­spieler kann jede Rolle spielen, sie muss zu ihm passen.  Gibt es ähnliche Unter­schiede auch bei Patienten im thera­peu­ti­schen Spiel?

Köhler: Ja, bei der Rollen­auswahl kommen thera­peu­tische Erwägungen zum Tragen. Nur sind die Kriterien für die Passung im künst­le­risch orien­tierten Theater andere als im thera­peu­tisch orientierten.

Dichanz: Gibt es so etwas wie „unerwünschte Neben­wir­kungen“ beim thera­peu­ti­schen Theaterspiel?

Köhler: Die gibt es ganz bestimmt, aber beobachtet oder etwas über sie gelesen habe ich bisher nicht. Ich konnte aber beobachten, dass es während des Proben- und Insze­nie­rungs­pro­zesses immer wieder zu unter­schied­lichsten Krisen kam. Aus thera­peu­ti­scher Sicht jedoch sind diese nicht „unerwünscht“, sondern zum Teil gewollt, weil sie Anstoß für Verän­derung sein können.

Dichanz: Kann eine Thera­pie­ab­sicht das Ziel eines Theater­spiels verändern oder gar beschädigen?

Köhler: Ob man ein theatrales Spiel unter künst­le­ri­schem oder thera­peu­ti­schem Fokus betreibt, wirkt sich auf die Gestaltung aus – also verändern: ja. Ob das Ziel des Spiels bei einer Thera­pie­ab­sicht beschädigt im Sinne von verfehlt wird, hängt vom Ziel ab, ist unter gewissen Umständen und Annahmen, zum Beispiel unter dem Postulat der Zweck­freiheit der Kunst, durchaus möglich.

Das Gespräch führte Horst Dichanz.

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