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Festivals haben wohl die Eigenschaft, sich langsam aber stetig auszudehnen, Verbindungen herzustellen und Neues zu entdecken. Da unterscheidet sich das Kurt-Weill-Fest in Dessau nicht von anderen Festivals: Werke, Programme, Interpreten, Spielorte – nach 25 Jahren überrascht das 26. Kurt-Weill-Fest sein Publikum mit dem Motto Weill auf die Bühne – als wäre er nicht längst da! Doch die Dessauer sind sich sicher, Weill auf die Bühne ist noch lange nicht erfüllt und bleibt „eine herausfordernde Aufgabe“ – trotz 50 Veranstaltungen in gut zwei Wochen.

Traditionell eröffnen die Dessauer ihr Fest mit einem Konzert im Anhaltischen Theater. Unter der bewährten Leitung des seit 2016 als GMD in Dessau tätigen Markus L. Frank präsentiert die Anhaltische Philharmonie ein buntes Programm mit Werken von Kurt Weill, Pharrel Williams, Dave Grusin und Ludwig van Beethoven. Schon das Eingangsstück, die Suite aus Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, kommt vielen Besuchern bekannt, ja, vertraut vor. Das von Weill hinzu genommene Klavier sowie Saxophone, Gitarre, Banjo und ein üppiges Schlagwerk machen es den Zuhörern leicht, sich davon tragen zu lassen. Eine weitere Ergänzung erfährt das Programm durch die Jazz-Stücke für Trompete und Orchester, mit denen der Artist in Residence und international ausgezeichnete Jazz-Trompeter Till Brönner das Publikum überrascht. Ob glasklare Spitzentöne, schnelle Läufe oder verhaltene, fast sentimentale Largo-Passagen: Brönner kann sein Publikum auf vielfältige Weise gefangen nehmen.
Das Konzert schließt überraschend mit der Siebten Sinfonie A‑Dur von Ludwig van Beethoven, einem Werk, das zur Zeit Beethovens und danach viel Aufmerksamkeit fand. Richard Wagner entdeckt in ihr eine „Apotheose des Tanzes“, und Zeitgenossen wie das Wiener Publikum sahen in diesem lebhaften, schnellen Stück eine „Orgie des Rhythmus“, den das Publikum gern nachempfindet und sich begeistern lässt.
Zwischen Bach und Weill
In deutlichem Gegensatz zu dieser orchestralen Aufführung steht das Konzert, zu dem das Festival seine Besucher bei einer Spurensuche in Sachen Bildung in das Gymnasium Francisceum ins benachbarte Zerbst einlädt: Ein Cello-Konzert mit gleich zwölf Cellisten, sechs Damen und sechs Herren der benachbarten Hochschule für Musik und Theater unter Leitung von Peter Bruns. Auf durchaus unterschiedlichem musikalischen Bildungsniveau präsentieren die Studierenden die ersten zusammenhängenden Übungsstücke, wechseln ihre Formation vom Trio bis zum Orchester mit zwölf Musikern und spazieren mit Beiträgen von Johann Sebastian Bach, Felix Mendelsohn Bartholdy, Robert Schuman, Max Bruch und – natürlich – Kurt Weill durch die Musikgeschichte.
Durchaus im Sinne des Selbstverständnisses der Anhaltiner, die sich selbst gern als Ausgangspunkt für „wissenschaftliche und künstlerische Impulse weit über die Landesgrenzen hinaus“ sehen, zögern Bruns und seine Studenten denn auch keineswegs, Kompositionen von Bach oder dem schweizerisch-amerikanischen Komponisten Ernest Bloch neben Schlager der Berliner Zeit zu setzen und den Zuhörern ein weiteres Mal bei der Juliska aus Budapest und dem kleinen grünen Kaktus der Comedian Harmonists zu zeigen, dass für sie ganz im Sinne Kurt Weills die Grenzen zwischen U- und E‑Musik längst fließend geworden sind. Ob getragene Solopassagen oder lebhaft-feurige Soli, die Zuhörer sind überrascht und begeistert, und die jungen Cellisten vom langanhaltenden Beifall überwältigt. Im hohen Raum der Aula dieses ehemaligen Klosters, das sich um 1500 zum Zentrum der anhaltischen Lutherreformation entwickelte, kann sich der voluminöse Klang dieser ungewohnt starken Cellogruppe bestens entfalten.
Dreigroschenoper in neuem Gewand

Man kann den Anhaltinern wohl zustimmen, die Die Dreigroschenoper für „das“ Erfolgsstück des 20. Jahrhunderts einschätzen. Ob jemand gezählt hat, wie oft Weills Klassiker schon auf den Programmen des Festes gestanden hat, ist nicht festzustellen. Jedenfalls kommt Weills sozialkritische Komposition, die am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin, dem heutigen Berliner Ensemble, uraufgeführt wird, in diesem Jahr gleich zweimal auf die Bühne: Einmal als La BETTLEROPERa in einer Inszenierung der Neuköllner Oper Berlin, dann als Festspielbeitrag des Anhaltischen Theaters Dessau.
Die Neuköllner haben sich auf das Abenteuer eingelassen, eine Neufassung des Klassikers zu präsentieren – mit mäßigem Erfolg. Schon 1728 hatten der Komponist Johann Christian Pepusch und sein Textdichter John Gay im Sinn, den ach so populären italienischen Opern einmal Wasser in den Wein zu gießen. Nun setzt sich Moritz Eggert daran, Musik und Texte der Brecht-Weillschen Fassung gründlich zu überarbeiten. Kein geringes Unterfangen: Auf einer kargen, mit mehreren eckigen Lichtsäulen bestückten Bühne wuseln fast ständig Darsteller, Sänger und Tänzer der italienischen Truppe Ballett Civile la Spezia nach den Rhythmen der Band Freiraum Syndikat umher, sie präsentieren mit ihrem Cello, einer E‑Gitarre und zig Blockflöten eine Musik und Rhythmen, die nur selten Erinnerungen an Macheath Messer zulassen. Die vier Musiker erinnern mit ihrem Auftritt eher an ein Kammerorchester, bieten aber Klänge, die von der Klassik über Jazz und Barock bis zur Moderne reichen, Kurt Weill – manchmal – eingeschlossen. Zu ihren Rhythmen tanzen, springen, turnen die Mitglieder des Balletto Civile La Spezia in Andeutungen von klassischem Ballett, modernem Tanz bis hin zum Rap und zeigen tänzerisch-sportlich die wilden Seiten des Lebens im Großstadtdschungel, eine Mischung, die Komponist Eggert „Musiktheatertanz“ nennt. Wie im Original beherrschen Bettler, Ganoven, korrupte Polizisten und ein ganzer Chor von Damen der unfeinen Gesellschaft die Szene und treiben ihr liederliches Leben, das weder real noch dramaturgisch einen roten Faden erkennen lässt und auch sprachlich zu wünschen übriglässt.
In der zweiten Hälfte des Abends gewinnt das Stück an Tempo und Linie und zeigt mehr von dem, was Weill als „nichts Falsches“ beschreibt. Bei aller Grobheit und Direktheit behalten die verkrachten Existenzen, die ihre Figuren gern karikierend zeichnen, ihren lockeren Berliner Charme. Es sind vor allem die Songs, die den Abend zusammenhalten und die Aufmerksamkeit der Zuschauer stützen, in einer Inszenierung, in der man den bissigen Charme der Brecht-Weillschen Fassung oft vergeblich sucht.

Ob genau so geplant oder zufälliges Ergebnis, das Gegenstück zu der Neuköllner Fassung liefert das Anhaltische Theater Dessau mit der Inszenierung des gleichen Stückes nach Ideen von Ezio Toffolutti. Seine weitgehend konventionelle Bühnenfassung präsentiert die Dreigroschenoper in bekanntem Gewand mit dem bekannten Personal und der vertrauten Weillschen Musik – nicht zum Schaden der Aufführung. Bühnenbild und Kostüme bleiben weitgehend in der Zeit, lediglich der Hurenchor darf ein wenig mehr zeigen. Betont durch die jeweilige Ansage des musikalischen Leiters Markus L. Frank werden die Songs zum eigentlichen Leitfaden des Abends. Vom Anstatt-Song über den Mond über Soho, den Kanonensong, die Mackie-Messer-Ballade, das Lied von der Seeräuber-Jenny oder die Zuhälterballade sind sie alle da und sorgen für Romantik und Sentimentalität, die Brecht eigentlich vermeiden wollte. Zu gerne summen in Dessau die Zuschauer leise diese Evergreens mit und beklatschen jeden Song einzeln, Brechts ironische Gesellschaftskritik – kommt auch vor. So fällt der Schlussapplaus nach diesem Theaterabend auch für die Mitwirkenden überraschend herzlich und langanhaltend aus, die Besucher bedanken sich ausführlich für einen entspannenden und musikalisch unterhaltsamen Abend. Das darf wiederholt werden.
Man staunt, was alles Weill betrifft
Mit dem Eröffnungskonzert und den beiden Inszenierungen der Dreigroschenoper sind Höhepunkte eines umfangreichen Gesamtprogramms angesprochen, das viele Facetten der Brecht-Weillschen Zusammenarbeit berührt. Das Rahmenprogramm beginnt mit einer biografischen Hommage an Kurt Weill, geht über den bekannten Stumm-Film Das Kabinett des Dr. Caligari, verpflanzt Berliner Lokalkolorit von der Kuhlen Wampe an den Elbestrand, verbindet Shakespearesche Sonette mit Jazzelementen à la Weill, stellt Weill als Berliner Salonmusiker vor, lädt mit dem Fabia-Mantwill-Trio zu einem musikalischen Brunch ein, spürt mit zwölf Cellisten der Hochschule für Musik in Leipzig jüdischen Quellen bei Weill nach, bietet dem Trompeter und Artist in Residence Till Brönner eine Plattform, auf der sich Weill und Jazz begegnen, „klassisch und avantgardistisch, vertraut und ungewöhnlich“. In dem breit gefächerten Rahmenprogramm ergänzen zahlreiche, meist international bekannte Interpreten die Dessauer Eigenproduktionen und Gastspiele. Hier treffen die Besucher auf Ute Lemper, Jan Josef Liefers, die Komische Oper Berlin und das Theater Neukölln. Mehrfach greifen die Programmmacher auf historische Ereignisse und Personen im Kontext von Kurt Weill zurück, wie etwa die Novembergruppe, revolutionäre Klassiker, Flautando Köln …
Mit gut 50 Veranstaltungen beweist das Kurt-Weill-Fest 2018 ein weiteres Mal, dass in Dessau tatsächlich noch Platz ist für Weill auf die Bühne. Die gut besuchten Veranstaltungen bestätigen, dass sich das über Dessau und Anhalt hinaus herumgesprochen hat – aus gutem Grund.
Horst Dichanz