O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Weill auf die Bühne

Festivals haben wohl die Eigen­schaft, sich langsam aber stetig auszu­dehnen, Verbin­dungen herzu­stellen und Neues zu entdecken. Da unter­scheidet sich das Kurt-Weill-Fest in Dessau nicht von anderen Festivals: Werke, Programme, Inter­preten, Spielorte – nach 25 Jahren überrascht das 26. Kurt-Weill-Fest sein Publikum mit dem Motto Weill auf die Bühne – als wäre er nicht längst da! Doch die Dessauer sind sich sicher, Weill auf die Bühne ist noch lange nicht erfüllt und bleibt „eine heraus­for­dernde Aufgabe“ – trotz 50 Veran­stal­tungen in gut zwei Wochen.

Impression vom Cello-Konzert – Foto © KWF

Tradi­tionell eröffnen die Dessauer ihr Fest mit einem Konzert im Anhal­ti­schen Theater. Unter der bewährten Leitung des seit 2016 als GMD in Dessau tätigen Markus L. Frank präsen­tiert die Anhal­tische Philhar­monie ein buntes Programm mit Werken von Kurt Weill, Pharrel Williams, Dave Grusin und Ludwig van Beethoven. Schon das Eingangs­stück, die Suite aus Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, kommt vielen Besuchern bekannt, ja, vertraut vor. Das von Weill hinzu genommene Klavier sowie Saxophone, Gitarre, Banjo und ein üppiges Schlagwerk machen es den Zuhörern leicht, sich davon tragen zu lassen. Eine weitere Ergänzung erfährt das Programm durch die Jazz-Stücke für Trompete und Orchester, mit denen der Artist in Residence und inter­na­tional ausge­zeichnete Jazz-Trompeter Till Brönner das Publikum überrascht. Ob glasklare Spitzentöne, schnelle Läufe oder verhaltene, fast senti­mentale Largo-Passagen: Brönner kann sein Publikum auf vielfältige Weise gefangen nehmen.

Das Konzert schließt überra­schend mit der Siebten Sinfonie A‑Dur von Ludwig van Beethoven, einem Werk, das zur Zeit Beethovens und danach viel Aufmerk­samkeit fand. Richard Wagner entdeckt in ihr eine „Apotheose des Tanzes“, und Zeitge­nossen wie das Wiener Publikum sahen in diesem lebhaften, schnellen Stück eine „Orgie des Rhythmus“, den das Publikum gern nachemp­findet und sich begeistern lässt.

Zwischen Bach und Weill

In deutlichem Gegensatz zu dieser orches­tralen Aufführung steht das Konzert, zu dem das Festival seine Besucher bei einer Spuren­suche in Sachen Bildung in das Gymnasium Francisceum ins benach­barte Zerbst einlädt: Ein Cello-Konzert mit gleich zwölf Cellisten, sechs Damen und sechs Herren der benach­barten Hochschule für Musik und Theater unter Leitung von Peter Bruns. Auf durchaus unter­schied­lichem musika­li­schen Bildungs­niveau präsen­tieren die Studie­renden die ersten zusam­men­hän­genden Übungs­stücke, wechseln ihre Formation vom Trio bis zum Orchester mit zwölf Musikern und spazieren mit Beiträgen von Johann Sebastian Bach, Felix Mendelsohn Bartholdy, Robert Schuman, Max Bruch und – natürlich – Kurt Weill durch die Musikgeschichte.

Durchaus im Sinne des Selbst­ver­ständ­nisses der Anhal­tiner, die sich selbst gern als Ausgangs­punkt für „wissen­schaft­liche und künst­le­rische Impulse weit über die Landes­grenzen hinaus“ sehen, zögern Bruns und seine Studenten denn auch keineswegs, Kompo­si­tionen von Bach oder dem schwei­ze­risch-ameri­ka­ni­schen Kompo­nisten Ernest Bloch neben Schlager der Berliner Zeit zu setzen und den Zuhörern ein weiteres Mal bei der Juliska aus Budapest und dem kleinen grünen Kaktus der Comedian Harmo­nists zu zeigen, dass für sie ganz im Sinne Kurt Weills die Grenzen zwischen U- und E‑Musik längst fließend geworden sind. Ob getragene Solopas­sagen oder lebhaft-feurige Soli, die Zuhörer sind überrascht und begeistert, und die jungen Cellisten vom langan­hal­tenden Beifall überwältigt. Im hohen Raum der Aula dieses ehema­ligen Klosters, das sich um 1500 zum Zentrum der anhal­ti­schen Luther­re­for­mation entwi­ckelte, kann sich der voluminöse Klang dieser ungewohnt starken Cello­gruppe bestens entfalten.

Dreigro­schenoper in neuem Gewand

La BETTLER­OPERa – Foto © KWF

Man kann den Anhal­tinern wohl zustimmen, die Die Dreigro­schenoper für „das“ Erfolgs­stück des 20. Jahrhun­derts einschätzen. Ob jemand gezählt hat, wie oft Weills Klassiker schon auf den Programmen des Festes gestanden hat, ist nicht festzu­stellen. Jeden­falls kommt Weills sozial­kri­tische Kompo­sition, die am 31. August 1928 im Theater am Schiff­bau­erdamm in Berlin, dem heutigen Berliner Ensemble, urauf­ge­führt wird, in diesem Jahr gleich zweimal auf die Bühne: Einmal als La BETTLER­OPERa in einer Insze­nierung der Neuköllner Oper Berlin, dann als Festspiel­beitrag des Anhal­ti­schen Theaters Dessau.

Die Neuköllner haben sich auf das Abenteuer einge­lassen, eine Neufassung des Klassikers zu präsen­tieren – mit mäßigem Erfolg. Schon 1728 hatten der Komponist Johann Christian Pepusch und sein Textdichter John Gay im Sinn, den ach so populären italie­ni­schen Opern einmal Wasser in den Wein zu gießen. Nun setzt sich Moritz Eggert daran, Musik und Texte der Brecht-Weill­schen Fassung gründlich zu überar­beiten. Kein geringes Unter­fangen: Auf einer kargen, mit mehreren eckigen Licht­säulen bestückten Bühne wuseln fast ständig  Darsteller, Sänger und Tänzer der italie­ni­schen Truppe Ballett Civile la Spezia nach den Rhythmen der Band Freiraum Syndikat umher, sie präsen­tieren mit ihrem Cello, einer E‑Gitarre und zig Block­flöten eine Musik und Rhythmen, die nur selten Erinne­rungen an Macheath Messer zulassen. Die vier Musiker erinnern mit ihrem Auftritt eher an ein Kammer­or­chester, bieten aber Klänge, die von der Klassik über Jazz und Barock bis zur Moderne reichen, Kurt Weill – manchmal – einge­schlossen. Zu ihren Rhythmen tanzen, springen, turnen die Mitglieder des Balletto Civile La Spezia in Andeu­tungen von klassi­schem Ballett, modernem Tanz bis hin zum Rap und zeigen tänze­risch-sportlich die wilden Seiten des Lebens im Großstadt­dschungel, eine Mischung, die Komponist Eggert „Musik­thea­tertanz“ nennt. Wie im Original beherr­schen Bettler, Ganoven, korrupte Polizisten und ein ganzer Chor von Damen der unfeinen Gesell­schaft die Szene und treiben ihr lieder­liches Leben, das weder real noch drama­tur­gisch einen roten Faden erkennen lässt und auch sprachlich zu wünschen übriglässt.

In der zweiten Hälfte des Abends gewinnt das Stück an Tempo und Linie und zeigt mehr von dem, was Weill als „nichts Falsches“ beschreibt. Bei aller Grobheit und Direktheit behalten die verkrachten Existenzen, die ihre Figuren gern karikierend zeichnen, ihren lockeren Berliner Charme. Es sind vor allem die Songs, die den Abend zusam­men­halten und die Aufmerk­samkeit der Zuschauer stützen, in einer Insze­nierung, in der man den bissigen Charme der Brecht-Weill­schen Fassung oft vergeblich sucht.

Dreigro­schenoper – Foto © Claudia Heysel

Ob genau so geplant oder zufäl­liges Ergebnis, das Gegen­stück zu der Neuköllner Fassung liefert das Anhal­tische Theater Dessau mit der Insze­nierung des gleichen Stückes nach Ideen von Ezio Toffo­lutti.  Seine weitgehend konven­tio­nelle Bühnen­fassung präsen­tiert die Dreigro­schenoper in bekanntem Gewand mit dem bekannten Personal und der vertrauten Weill­schen Musik – nicht zum Schaden der Aufführung. Bühnenbild und Kostüme bleiben weitgehend in der Zeit, lediglich der Hurenchor darf ein wenig mehr zeigen. Betont durch die jeweilige Ansage des musika­li­schen Leiters Markus L. Frank werden die Songs zum eigent­lichen Leitfaden des Abends. Vom Anstatt-Song über den Mond über Soho, den Kanonensong, die Mackie-Messer-Ballade, das Lied von der Seeräuber-Jenny oder die Zuhäl­ter­ballade sind sie alle da und sorgen für Romantik und Senti­men­ta­lität, die Brecht eigentlich vermeiden wollte. Zu gerne summen in Dessau die Zuschauer leise diese Evergreens mit und beklat­schen jeden Song einzeln, Brechts ironische Gesell­schafts­kritik – kommt auch vor. So fällt der Schluss­ap­plaus nach diesem Theater­abend auch für die Mitwir­kenden überra­schend herzlich und langan­haltend aus, die Besucher bedanken sich ausführlich für einen entspan­nenden und musika­lisch unter­halt­samen Abend. Das darf wiederholt werden.

Man staunt, was alles Weill betrifft

Mit dem Eröff­nungs­konzert und den beiden Insze­nie­rungen der Dreigro­schenoper sind Höhepunkte eines umfang­reichen Gesamt­pro­gramms angesprochen, das viele Facetten der Brecht-Weill­schen Zusam­men­arbeit berührt.  Das Rahmen­pro­gramm beginnt mit einer biogra­fi­schen Hommage an Kurt Weill, geht über den bekannten Stumm-Film Das Kabinett des Dr. Caligari, verpflanzt Berliner Lokal­ko­lorit von der Kuhlen Wampe an den Elbestrand, verbindet Shake­spearesche Sonette  mit Jazzele­menten à la Weill, stellt Weill als Berliner Salon­mu­siker vor, lädt mit dem Fabia-Mantwill-Trio zu einem musika­li­schen Brunch ein, spürt mit zwölf Cellisten der Hochschule für Musik in Leipzig jüdischen Quellen bei Weill nach, bietet dem Trompeter und Artist in Residence Till Brönner eine Plattform, auf der sich Weill und Jazz begegnen, „klassisch und avant­gar­dis­tisch, vertraut und ungewöhnlich“. In dem breit gefächerten Rahmen­pro­gramm ergänzen zahlreiche, meist inter­na­tional bekannte Inter­preten die Dessauer Eigen­pro­duk­tionen und Gastspiele. Hier treffen die Besucher auf Ute Lemper, Jan Josef Liefers, die Komische Oper Berlin und das Theater Neukölln. Mehrfach greifen die Programm­macher auf histo­rische Ereig­nisse und Personen im Kontext von Kurt Weill zurück, wie etwa die Novem­ber­gruppe, revolu­tionäre Klassiker, Flautando Köln …

Mit gut 50 Veran­stal­tungen beweist das Kurt-Weill-Fest 2018 ein weiteres Mal, dass in Dessau tatsächlich noch Platz ist für Weill auf die Bühne. Die gut besuchten Veran­stal­tungen bestä­tigen, dass sich das über Dessau und Anhalt hinaus herum­ge­sprochen hat – aus gutem Grund.

Horst Dichanz

Teilen Sie sich mit: