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Der schillerndste und freieste Beruf, den Opern- und Konzerthaus zu bieten haben, ähnelt aus der Sicht des Publikums einem Eisberg. Quasi unter der Wasserlinie spielen sich die Veränderungsprozesse ab, die einen umfassenden Strukturwandel der Rolle des Dirigenten eingeleitet haben. Autorität, die hauptsächlich auf Hierarchie gründet, ist obsolet, vor allem Empathie gefragt, zur Sache und zu Menschen.

Pianissimo, verhalten, langsam, wie aus den Tiefen eines unendlichen Raums setzen die Violoncelli ein. Nach einem winzigen Absinken erklingt in den Holzbläsern der Tristan-Akkord: F‑H-Dis-Gis. „Sich sehnen und sterben“ – die sinnlich-chromatische Verschmelzung der Extreme in der menschlichen Gefühlswelt fordert die Neue Philharmonie Westfalen von der ersten Sekunde. In einer bipolaren Welt hat Richard Wagner sein Wahnsinnsstück erbaut, die den Musikern von der ersten Sekunde an Adrenalin pur abverlangt. Rasmus Baumann, der Schlagmann am Pult, formt das Vorspiel zum „Alptraumstück schlechthin“, wie es Christian Thielemann einmal genannt hat, mit seinen Schützlingen von Takt zu Takt, als gelte es, vor dem Höchsten zu bestehen. Größte Konzentration, intensive Körpersprache, kontinuierlicher Blickkontakt, ein dezenter, gleichwohl bestimmender Einsatz des Taktstocks. Den kühnen Tonartwechseln und kaskadenförmig anschwellenden Eruptionen der Partitur folgend, errichtet der 43-Jährige die frappierende Architektur der „endlosen Melodie“ nach der Blaupause seines so eigenwilligen wie einzigartigen Handwerks.
Auf dem Spielplan des Musiktheaters im Revier (MIR) Gelsenkirchen am 19. März dieses Jahres steht eine von mehreren Repertoire-Vorstellungen von Tristan und Isolde. Noch ehe die Stimme des jungen Seemanns vom „westwärts schweifenden Blick“ künden wird, stellen sich erste Gewissheiten ein. Die des weit ausgreifenden Glücks einer Tristan-Aufführung, das von den Akteuren im Orchestergraben wie auf der Bühne stets neu errungen werden muss. Die der Erfüllung in einem Beruf, der ein Füllhorn an individuellen Freiheiten und öffentlicher Aufmerksamkeit über seine Günstlinge auszubreiten pflegt. Dieses Privileg sieht auch Baumann, für den zweifelsfrei feststeht, „dass ich mit dem Dirigieren meinen Traumberuf gefunden habe“.
„Keine objektive Interpretation“
Für den gebürtigen Gelsenkirchener, Generalmusikdirektor am MIR seit 2014, ist es der erste Tristan. Noch nie ist die Aneignung gerade dieses Werks jemandem in den Schoß gefallen. Auch nicht am MIR. Weder den rund 80 Streichern, Holz- und Blechbläsern sowie den Könnern des Schlagwerks noch ihrem musikalischen Leiter. Anfangshindernisse hat es gegeben, sind aber überwunden. So litten die Proben unter regelmäßigen Unterbrechungen. Es gab Probleme mit einem Teil des Orchestermaterials. Und dann das Wagnis selbst. „Zu Beginn“, räumt Baumann ein, „hatte ich einen mörderischen Respekt vor diesem Stück, auch weil Wagner ja immer so hoch gehalten wird.“ Diesen Respekt habe er aber in der intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk alsbald verloren. Die Partitur ist kein heiliger Schrein. Baumann spricht von Retouchen, von Veränderungen der Tempi und der Dynamiken. „Man darf sich nichts vormachen“, gibt er zu bedenken, „es gibt keine objektive Interpretation.“ Eine Aussage von gravierender Bedeutung. Sie entzieht zudem der naiven Vorstellung jegliche Realität, ein Dirigent koordiniere lediglich das Miteinander von Musikern.
Benvenuto Cellini, Madama Butterfly, Don Giovanni, Tosca – an der Oper Bonn hat Stephan Zilias in den letzten beiden Spielzeiten etliche Repertoire-Schwergewichte mit dem Beethoven-Orchester Bonn einstudiert und dirigiert. Der aus Wiesbaden stammende, jugendliche Zilias, seit August 2015 Erster Kapellmeister am Haus, ist erst einige Jahre im Metier des Operndirigenten unterwegs. 2011 debütiert er, damals musikalischer Assistent von Markus Stenz an der Oper Köln, mit Bergs Wozzeck. Er nennt das Werk „eines meiner Lieblingsstücke“, dirigiert es in drei Vorstellungen. Seine Corporate Identity, wie ein Marketingexperte formulieren würde, steht fest. Und schon ziemlich unverbrüchlich für jemanden Anfang 30. „Meine Entscheidung für diesen Beruf“, verrät er, „habe ich bis heute nicht bereut.“
Constantin Trinks hat gerade an der Bayerischen Staatsoper eine Serie von Così fan tutte musikalisch verantwortet. Für Dezember steht ein Dutzend Mal der Ring des Nibelungen am Theater an der Wien auf seinem Terminplan, in einer an einem Abend spielbaren Fassung. Von 2009 bis zum Bruch mit dem Intendanten 2012 arbeitet Trinks als GMD am Staatstheater Darmstadt, seitdem als freiberuflicher Dirigent, nun weltweit gefragt. Mit elf Jahren, beschreibt er seinen Werdegang, habe er in seiner Heimatstadt Karlsruhe erstmals eine Opern-Aufführung erlebt. „Ein großes Erlebnis.“ Mit 13, nach einer Lohengrin-Aufführung, habe es dann „Klick gemacht“. Da sei schon konkret die Entscheidung für das gefallen, was auch er nun als seinen Traumberuf empfindet. 29 Jahre später ist ihm die ganze Welt zur Opernbühne geworden.
Großer Freiheitsgrad

Wie Trinks frei sein, gefragt sein, reisen können über die Kontinente – den „großen Freiheitsgrad“ an seinem Beruf schätzt ähnlich vehement der aus Kiew stammende Kirill Karabits, seit 2016 GMD und Chefdirigent des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Weimar. In seiner ersten Saison stellt er dem Publikum seine Sicht auf Wagners Die Meistersinger von Nürnberg vor. Für ihn, wie er anmerkt, ein „Doppeldebüt“, seine erste Oper in Weimar, seine ersten Meistersinger. Den Genuss der Freiheit, berichtet der 40-jährige, habe er in besonders großzügiger Weise beim Bournemouth Symphony Orchestra kennen und nutzen gelernt. Als dessen Chefdirigent ist er seit 2008 tätig, auch weiterhin parallel zu seinen Funktionen in Thüringen. „Man kann planen, Ideen haben und umsetzen, was man will“, fasst Karabits seine ersten acht Jahre mit den Musikern im Süden Englands zusammen. Entstanden ist so eine Einspielung von sinfonischer Musik William Waltons sowie aller Sinfonien von Prokofjew. Unter Engagements des Operndirigenten Karabits 2017 sind Debüts an der Deutschen Oper Berlin mit Boris Godunow und an der Oper Stuttgart, hier Der Tod in Venedig, registriert.
Vier Dirigenten, vier Individualisten, vier Momentaufnahmen auf der jeweiligen Karriereleiter, die entweder schon weit hinaufragt oder noch in den Anfängen steckt. Und eine Gewissheit: Alle vier Dirigenten mit der Präferenz Musiktheater offenbaren eine begeisterte Grundhaltung zu ihrem Metier. Dabei ist dieser Beruf, der vielleicht schillerndste, den Opernhaus und Konzertsaal zu bieten haben, dem wohl grundlegendsten Wandel in seiner gut 200 Jahre umfassenden Geschichte unterworfen. Die Globalisierung mit ihren erweiterten Wettbewerbsstrukturen, die gesellschaftliche Fragmentierung mit ihren Traditions- und Bindungsbrüchen, der Tsunami auf dem Feld der medialen Vermittlung und Vernetzung aller Kulturen, die stärker von Partnerschaft geprägten menschlichen Beziehungen in der Berufswelt: Diese Trends haben Anteil daran, den Abschied vom Leitbild des sich hierarchisch definierenden und Gefolgschaft verlangenden Dirigenten zu besiegeln. Den Abschied von einer ganzen Ära.
All die kolportierten Dramen und schaurig-schönen Legenden um Diktatoren, Alpha-Tiere und autokratische Einzelgänger am Pult, wie sie der englische Musikjournalist Norman Lebrecht in seinem Buch Der Mythos vom Maestro collagiert hat, atmen heute die Patina von Geschichte. Es habe bestimmt Spaß gemacht, findet Trinks, Toscanini beim Sich-Austoben im Probenbetrieb erlebt zu haben. „Mit einem solchen Maß an Unmenschlichkeit würde aber niemand mehr heute Karriere machen.“ Das Bild des Dirigenten, meint der Frühberufene, habe sich enorm verändert. „Als junger Mensch dachte ich, es reicht völlig aus, eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie ich dies oder das gespielt haben möchte. Habe ich die Vision, dann passiert es auch so“, erzählt er. Wie entscheidend es ist, die Musiker zu erreichen und zu überzeugen, sei ihm nicht klar gewesen.
Unter der Wasserlinie
Wenn im Saal eines Opernhauses die Lichter erlöschen, und das Publikum das Ritual des Dirigenten verfolgt, wie er sich als letzter aller Akteure unter verhaltenem bis großem Beifall zu seinem Platz im Orchestergraben begibt, ist das Gros seiner Leistung im Regelfall längst erbracht. Da es keine „objektive Interpretation“ von Stoff und Partitur gibt, hat sich nun zu erweisen, ob es dem für den musikalischen Gesamteindruck Verantwortlichen in den theoretischen Diskursen wie den praktischen Proben gelungen ist, Orchester, Solisten und Chor sein Verständnis des Werks plausibel zu machen. Sie alle und jeden Einzelnen für seine ureigene Interpretation zu gewinnen. Was im Idealfall in das einmal mehr geschaffene Wunder einer Opernaufführung mündet, ist allerdings mit den Worten von Zilias das Endergebnis „eines langen Arbeitsprozesses“: ein Jahr oder Monate vor der Premiere Aneignung des Werks und Abstimmung mit dem Regisseur, sechs Wochen vor der Premiere Arbeit mit Sängern in Form von Klavierproben, drei bis vier Wochen vorher Orchesterproben, dann Generalprobe.

Dieser Prozess indes bleibt für das Publikum unsichtbar. Die eigentliche Leistung des Dirigenten, die Erarbeitung einer Basis für die Wiedergabe seines Werkverständnisses, ist dem Arkan vorbehalten. Ein Phänomen, das einmal mehr das Bild vom Eisberg im Meer in Erinnerung ruft. Dessen Spitze lässt bekanntlich nichts von den rund 90 Prozent an gefrorener Masse erahnen, die unter der Wasserlinie existieren. Eben unter dieser Wasserlinie spielen sich die Hauptströmungen ab, die das Berufsbild des Führungspersonals am Pult verändern. Kommunikation statt Oktroy, Empathie statt Despotie. Der Wandel in den Eigenschaften und Anforderungen manifestiert sich eindrücklich in den Kriterien, die Arrivierte für Berufsaspiranten definieren. Lothar Zagrosek, Vorsitzender der Jury des Deutschen Dirigentenpreises 2017, hat sie so formuliert: „Zunächst, eine Selbstverständlichkeit, zählt die musikalische Begabung; hinzu kommt die körperliche Ausdrucksfähigkeit, also die Fähigkeit, die eigenen Intentionen zu vermitteln; schließlich die Proben-Konzeption und, ganz wesentlich, der Draht zu den Musikern.“
Dieser „Draht zu den Musikern“ ist allerdings leichter beschworen als gezogen. Es müssen – nicht gerade wenig – fachliche, menschliche und intuitive Qualitäten in einer Persönlichkeit zusammenkommen. „Die Schwierigkeit besteht darin“, resümiert Baumann seine Erfahrung mit mehreren Profiorchestern, „dass jeder Orchestermusiker ja außerhalb der Masse wahrgenommen werden möchte. Wenn gesagt wird, wie schwierig es ist, eine Beziehung zu zweit zu führen, wie schwierig muss es erst dann sein, eine mit 80 zu führen?“ Der eine brauche eine knallharte Hand und müsse geführt werden. Der andere brauche einen Kumpel als Chef, auf Augenhöhe. Der musikalische Leiter, so Baumann, sei gefordert, für jeden einzelnen im Orchester eine Allgemeingültigkeit zu finden. Das verlange, eine musikalische Ordnung vorzugeben: „Ich achte darauf, dass Spiel und Interpretation stimmen, dass das Ganze eine Balance hat, Handwerk, wenn man so will.“
Der neue Erfolgsfaktor, die gelingende Kommunikation mit den Instrumentalisten, gründet nach Ansicht von Trinks vor allem im wechselseitigen Respekt. „Entscheidend ist es, das Gegenüber für voll zu nehmen“, sagt er. Auf dieser Basis komme es dann darauf an, „das, was ich in der Aufführung will, auch inhaltlich zu begründen, die Wahrheit der Partitur zu vermitteln“. Letztlich, meint Trinks, sei für diesen Dialog „Persönlichkeit“ gefragt. Die Summe an physischen, psychischen und mentalen Fähigkeiten. Gern auch an Charisma, sofern von Natur aus entsprechend verwöhnt.
Die Notwendigkeit für das Individuum am Pult, durch kommunikative Qualitäten eine größere Gruppe unterschiedlich geprägter Einzelner für eine vorgegebene Überzeugung zu gewinnen, wird zudem in der Globalisierung von Markt und Kunst bedeutsamer, in der sich gefragte Dirigenten bewegen. Kennt ein Rigoletto letztlich nur eine Sprache, die des Librettos und der Musik, so ist es in der Interaktion mit unterschiedlichen Orchestern auf der ganzen Welt anders. Trinks nennt als Beispiel für die speziellen Anforderungen, denen sich ein Dirigent stellen muss, den Prager Lohengrin im Sommer 2017. Bei dieser Produktion bekam es der deutsche Dirigent mit arrivierten Solisten, den Chören des Nationaltheaters und der Prager Staatsoper sowie dem Orchester des Nationaltheaters zu tun. Mit Musikern, die nicht alle in der lingua franca des weltweiten Opern- und Konzertbetriebs, dem Englischen, zu Hause sind. Körpersprache, Mimik, Emotionen seien dann, betont Trinks, die funktionierende nonverbale Brücke zum Verständnis. Im Prinzip denkt auch Zagrosek so. Die äußerliche Darstellung von Musik, die physische Leistung auf dem Podium, findet der Chef der Dirigentenpreis-Jury, habe heute eine viel größere Bedeutung als früher.
Nicht einsam, aber einzigartig
Die Beziehung zwischen Dirigent und Musikern, meinte Herbert von Karajan, sei von der „Kraft der Übertragung“ bestimmt. Vielleicht ein Stück zu nebulös. Nun gut, einfach zu beschreiben wie der Grundriss eines Rokokotheaters oder einer Basilika scheint die komplexeste menschliche Architektur des Musiktheaters jedenfalls nicht. Sind die Dirigenten in der Post-Maestro-Ära eine Spezies von Alpha-Tieren mit Potenzial zum Teamplayer? Vergleichbar den schillernden und medial verwöhnten Spitzentrainern im bezahlten Fußball? „Ich hatte schon“, lässt sich Baumann in die biografischen Karten seiner anfänglichen Berufsorientierung schauen, „einen gewissen dominanten Zug in meiner Persönlichkeit.“ Zilias, einst Assistent von Edward Gardner an der English National Opera, weist mit einem Bonmot des britischen Dirigenten Mark Elder in eine Ziel führende Richtung. Elder, den er in der Londoner Dirigierklasse erlebte, habe die Rolle des Dirigenten als manchmal „not lonesome, but solitary“ umschrieben.
Ist die Karriere im „schönsten Beruf der Welt“ eigentlich planbar? „Gar nicht“, sagt Baumann. Und ergänzt, „dass da in erster Linie Arbeit dazu gehört“. Er habe „immer mehr gearbeitet als andere“. „Alles was ich erreicht habe“, beschreibt Karabits die Maxime seines Lebenswegs ähnlich, „habe ich durch Arbeit geschafft.“ Ist die intrinsische Einstellung zum Metier eine Art Lebensversicherung in diesem Beruf, so muss doch ein Anfang gesetzt werden. Unter den zwei Königswegen, die üblicherweise im Erfolgsfall den Weg zum Chefpult bahnen, haben Baumann, Trinks und Zilias die Kapellmeisterlaufbahn gewählt, Karabits den über einen Dirigentenwettbewerb. Einen solchen gewinnt er 2002 in Paris. In der Folge führt das zu einer Festanstellung beim Orchester von Radio France. Was sich im Fall des Aspiranten aus Kiew als Einstieg in eine Karriere herausgestellt hat, wäre für den jungen Baumann kein Modell gewesen. „Ich habe nie daran gedacht, meinen Weg über Dirigentenwettbewerbe zu gehen“, erzählt er und findet, es sei natürlich eine Option, aufzutreten und entdeckt zu werden, von einer Agentur zum Beispiel. „Nur ist es relativ unwahrscheinlich“, gibt er zu bedenken, „dass bei einem Wettbewerb die Fähigkeit erkennbar wird, ob ein junger Dirigent auch als Chef geeignet ist.“
Für „wahnsinnig gesund“ hält Trinks das Kapellmeister-Modell. Seine Sprossen auf der Leiter nach oben an verschiedenen Theatern: Repetitor während des Studiums, Assistent mit Dirigierverpflichtung, Zweiter, dann Erster Kapellmeister, kommissarischer GMD, schließlich GMD, woraus die heutige Freiberuflichkeit entspringt. „Ich finde diesen Werdegang schlüssig“, lautet sein Resümee. „Es geht ja nicht darum, möglichst früh genial zu sein, sondern darum, ein Handwerk zu lernen.“ Georg Solti, dem vor 20 Jahren gestorbenen großen Opern-Dirigenten, wird die Erkenntnis zugeschrieben, letztlich bleibe es ein „Geheimnis, warum der eine dirigieren kann und der andere nicht“.
Ob die indirekte Beschwörung des geborenen Genies in der Post-Maestro-Ära noch uneingeschränkt gilt, kann bezweifelt werden. Die chemischen Bausteine, aus denen heute die DNA von Operndirigenten mit Perspektiven destilliert werden, sind konkreter zu fassen: Respekt gegenüber Menschen, Leidenschaft für die Kunst, Vermittlungskompetenz in komplexer werdenden sozialen Geflechten. Und nicht zuletzt die Fähigkeit, „stets mit größter Energie für die Sache“ einzutreten. Sagt Karabits.
Ralf Siepmann