Mit anderen Ohren

Am 27. November nahmen die diesjäh­rigen Preis­träger bei der Verleihung des Junge-Ohren-Preises ihre Auszeich­nungen in Dortmund entgegen. Das Netzwerk Junge Ohren trägt mit dem Preis jährlich unter dem Motto Ausge­zeich­netes für junge Ohren den im deutsch­spra­chigen Raum etablierten Wettbewerb um innovative und nachhaltige Musik­ver­mittlung für neues Publikum aus. Neuer Schwer­punkt ist Diversity.

Ilona Schmiel – Foto © Paolo Dutto

Wenn anspruchs­volle Musik­ver­mittlung gelingt, hören Zuhörer mehr, anderes, diffe­ren­zierter als vorher, sie hören „mit anderen Ohren“ – wie Diana Lehnert aus Luzern es treffend formu­liert. Sie stellt bei der Verleihung des 13. Junge-Ohren-Preises (JOP) in Dortmund ein besonders vielfäl­tiges inklu­sives Projekt vor, das um das Luzerner Sinfo­nie­or­chester als buntes Programm der „Musik­ver­mittlung & Soziales Programm“ entstanden ist. Sein Kern ist der Gedanke, Musik aus dem Konzertsaal heraus zu holen und in den Lebens­alltag vor allem von Kindern und Jugend­lichen zu bringen.  Die Luzerner machen ihre Musik­pro­gramme mobil und reisen mit ihrem „Musik­wagen“ durch die entle­genen Siedlungen der Zentral­schweiz. Sie wenden sich, in welcher Umgebung auch immer, der Natur, der Umwelt, einfachsten Gebrauchs­ge­gen­ständen oder Ähnlichem zu und motivieren ihre „Schüler“ jeglichen Alters und jedweder Herkunft, mit den runden Kieseln eines Gebirgs­baches ein steinernes Marim­baphon-Schlagzeug erklingen zu lassen oder ein Stückchen Wald „klanglich“ zu nutzen. Und wenn das nicht motiviert, haben sie einen bunt bemalten und mit Werkzeugen aller Art gespickten „Musik­wagen“ zur Hand, der auch noch den Weg ins  nächste Dorf findet – Musik ist immer auch Bewegung.

Von den Bewer­bungen um den JOP dieses Jahres landen schließlich sechs in der Nominier­ten­börse. In der Kategorie Programm streiten Projekte aus Hamburg, Leipzig, Luzern, Wien, Nürnberg in Koope­ration mit Salzburg und Köln um den ersten Platz. Eine sieben­köpfige Jury, wie die Projekte inter­na­tional besetzt, hat die Qual der Wahl zwischen Koffer­kon­zerten, Kreativ­la­boren und Social-Media-Projekten. Eine Leipziger Gruppe verlässt die Konzertsäle und besucht, vom Stadtteil Grünau ausgehend, Jugend­clubs, Schulen, Kinder­gärten und Kirchen­ge­meinden. Ein Luzerner Projekt verbindet seine Musik­ver­mittlung mit sozialem Engagement und wendet sich besonders – im Rahmen der Musik­ver­mittlung – behin­derten oder benach­tei­ligten Menschen zu. Das Wiener Konzerthaus versucht, mit starker Unter­stützung der Schulen besondere Vermitt­lungs­pro­gramme umzusetzen. In Bridging Arts arbeiten Projekte aus Nürnberg und Salzburg fächer­über­greifend zusammen. Die Rheinische Musik­schule aus Köln wagt sich mit einer Gruppe von sieben Jugend­lichen an Experi­men­telle und Neue Musik und zeigt, wie man sein Gesicht, seinen Kopf, kleine Taschen­in­stru­mente zum Klingen bringen kann und schon in halbstün­digen Konzerten das Interesse von Jugend­lichen gewinnt.

Musik­ver­mittlung muss Chefsache sein

Kiesel­schlagwerk – Foto © O‑Ton

In einem auf vielfäl­tigen inter­na­tio­nalen Erfah­rungen basie­renden Statement plädiert in der Kategorie Charakter Ilona Schmiel, inzwi­schen Inten­dantin der Tonhalle-Gesell­schaft Zürich, für eine gezielte Kultur­po­litik der Musik­in­sti­tu­tionen, die selbst klar machen müssten, dass Musik­ver­mittlung überall „Chefsache“ sein müsse. Sie plädiert nachhaltig dafür, Medien­arbeit in die Vermittlung mit einzu­be­ziehen und dafür zu kämpfen, dass trotz aller Medien das Life-Erlebnis erhalten bleibt, ja unver­zichtbar ist. In mehreren Workshops haben schon am Tag vorher die Teilnehmer konzep­tio­nelle, metho­dische und kultur­po­li­tische Fragen der Musik­ver­mittlung disku­tiert und Erfah­rungen ausge­tauscht. Schnell wird klar, dass in Zeiten, in denen ein Fach „Wirtschaft“ quasi über Nacht an den NRW-Schulen einge­richtet wird, auch die „Musik­ver­mittlung“ eine Lobby braucht, wie der Blick auf die Stunden­pläne der Schulen und die Unter­richts­be­richte überdeutlich zeigen. Die hierfür bereits bestehenden Insti­tu­tionen wie etwa die Landes­mu­sik­aka­demie im nordrhein-westfä­li­schen Heek erreichen den Musik­un­ter­richt in den Schulen nur begrenzt.

Das realpo­li­tische Statement der in der Kategorie Charakter prämierten Ilona Schmiel und die unter­schied­lichen Kontexte der fanta­sie­vollen und sehr erfolg­reichen Projekte der Musik­ver­mittlung in der Nominierung haben erneut  bestätigt, dass die Musik­ver­mittlung trotz aller Kreati­vität und Experi­men­tier­freu­digkeit ohne kultur­po­li­tische Unter­stützung auf der Stelle tritt. Der JOP 2018 hat das erneut deutlich gemacht und die Unver­zicht­barkeit kultur­po­li­ti­scher Unter­stützung nachdrücklich unter­strichen – und das ist auch nötig.

Horst Dichanz

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