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Hervorragende Interpreten aus aller Welt präsentieren beim Dortmunder Festival Klangvokal erlesene Programme auch an ungewöhnlichen Spielstätten, die die Besonderheiten des Kulturstandorts Dortmund in den Vordergrund rücken. Beispielhaft sind hier die Eindrücke vom Dresdener Kammerchor und dem Sollazzo-Ensemble aus Basel.

Inzwischen bereits im elften Jahr und immer anspruchsvoller treffen sich zur Sommerzeit in Dortmund hervorragende Chöre und Musiker, um an verschiedenen Aufführungsstätten im Dortmunder Süden einem inzwischen zuverlässigen Stammpublikum vorwiegend aus dem kirchlichen Raum Musik zu präsentieren, die vom Barock über die Klassik bis zur Moderne reicht, aber auch mit der Gregorianik und zeitgenössischen Kompositionen vertraut ist. Torsten Mosgraber, nun schon seit 2008 umtriebiger und sachkundiger Festivalleiter, kennt inzwischen sein Publikum und weiß, was es erwartet und was ihm zugemutet werden kann. Und da ist Mosgraber alles andere als zimperlich …
Auch das diesjährige Programm mit insgesamt zwölf Konzerten und Musikern beziehungsweise Chören der internationalen Musikszene verspricht wieder musikalischen Hochgenuss: Mit Werken von Orlando di Lasso bis zu Peter Tschaikowsky liegt der Schwerpunkt des Programms im frühen Barock, aber es finden sich auch Kompositionen von John Cage und Jazziges aus Kamerun im Programm.
Das Tor zu den Himmelswelten öffnet in diesem Jahr der Dresdener Kammerchor, ein Ensemble von professionell ausgebildeten Sängerinnen und Sängers, das je nach Projekt auf einen Pool von gut 100 Sängern zurückgreifen kann. Mit rund 30 Sängern präsentiert der Chor unter langjähriger Leitung von Hans-Christoph Rademann Chorsätze von Mahler, Brahms, Reger, Cage und Frank Martin. Mahlers Chorsatz Ich bin der Welt abhanden gekommen beginnt in einem lang gezogenen Piano der Oberstimmen, zu dem sich allmählich Alt und Bass hinzugesellen. Eine weiche Intonation und gute Sprechtechnik lassen Mahlers Melodiebögen bis in höchste Lagen eine zarte, innige Stimmung verbreiten. Brahms‘ Opus 74 beginnt mit kräftigen Tutti-Passagen in spitzen Obertönen, deren Echo leicht nachklingt. Die des Todes warten wird wuchtig vorgetragen, um in den Schlusszeilen verhalten auszuklingen.
Aus Max Regers Geistlichen Gesängen, op. 138 wählen Rademann und sein Chor acht Gesänge aus, die mit dem jubilierend aufklingenden Der Mensch lebt und besteht beginnen. Im Morgengesang Du höchstes Licht überzeugt der Chor durch seine sehr präzise, fast unisono erklingende Intonation. Angenehm, dass sich Rademann in der Folge der Sätze genügend Zeit lässt, so dass etwa das vor allem von Sopran und Alt stark vorgetragene Kreuzfahrerlied, der forsche Schlachtgesang und der Schlusssatz Wir glauben an einen Gott bei den Zuhörern ihre Wirkung entfalten können.

Nach der Pause müssen die Besucher bei John Cages Four erst einmal durchatmen. Mit wenigen Stimmen spannen die Sängerinnen einen „Klanghimmel“ auf und bieten eine „meditative Klangfläche langer Liegetöne“, in denen Rhythmus und Zeitmaße unnötig sind. In dem umfangreichen Werk Messe für Doppelchor a capella von Frank Martin, das von 1922 bis 1926 entstand, zeigt der Chor noch einmal Ausdruckskraft und Klangfülle. Die Damenstimmen beginnen mit einem fortissimo vorgetragenen Kyrie eleison, setzen im Gloria starke Akzente. Eher erzählend folgt der Chor mit einem Credo, das sich allmählich steigert. Im Sanctus und Benedictus brillieren die Oberstimmen mit rollenden, feinen Verzierungen und schließen den Satz im Forte mit einem Osanna in excelsis. Der Schlusssatz klingt aus mit einem allmählich verschwindenden Agnus Dei – eine ergreifende Schlusspassage. Den eher kühlen Zweckbau der St. Nicolaikirche in Dortmund, der mit seinen Beton- und Glasflächen als ein frühes Beispiel des evangelischen „sachlichen Bauens“ in den späten Zwanzigern gilt, beleben Hans-Christoph Rademann und sein Kammerchor mit eindrucksvoller Musik.
Nachtigall und Turteltaube
Mit der Verpflichtung des jungen Sollazzo-Ensembles aus Basel ist Mosgraber ein besonderer Coup gelungen: Vier junge Musikerinnen und Musiker aus Basel begleiten zwei außerordentliche Gesangstalente bei einem Spaziergang durch die Liederwelt des späten Mittelalters und der Renaissance. Diesem kleinen Ensemble und den Sängern gelingt es, mit relativ geringem Aufwand die Zuhörer in der St. Marienkirche im Zentrum von Dortmund auf eine bemerkenswerte, stimmungs- und anspruchsvolle musikalische Reise in die Alte Musik zu entführen.
Vor dem Hintergrund von hohen, in kühlem Grau modern gehaltenen Fenstern des Chorraumes und dem dreiflügeligen Marienaltar setzt Vivien Simon, Tenor, mit leisen, weich angesetzten Tönen zu Borlets Ach, du schöne Nachtigall ein und lässt den Ton langsam anschwellen, bis der warme Ton das ganze Kirchenschiff füllt, ohne Anstrengung und Mühe leicht dahin gesungen, wie es scheint. Die Zuhörer sind gefangen. Nachtigall, Turteltaube und Zeisig, schließlich die Herzensdame schweben klangvoll durch die Gewölbebögen. Im unbekannt komponierten Stück aus dem Cyprus-Codex Mein Herz freut sich treten die Instrumente hinzu und weben ein feines Klanggebilde aus Laute, Fideln und Psalter. Perrinne Devilleres, Sopran, und Tenor Simon beherrschen die Kunst der tonalen Verzierungen perfekt und lassen die Zuhörer akustisch in eine andere Zeit lauschen. Devilleres trägt Francesco Landinis Conviens à fede fè nahezu selbstvergessen vor. Franziska Fleischanderl am Psalter, Christoph Sommer an der Laute sowie Sophie Danilevskaia und Anna Danilesvskaia, beide Fidel, sorgen für eine Instrumentenbegleitung, die stets im Hintergrund bleibt und doch ein solides Klanggerüst schafft. Im Instrumentalstück Non piú ebbe Dido spielt das Ensemble besonders für die Liebhaber filigraner Instrumentalmusik auf. Im Duett mit Vivien Simon präsentieren die Gesangsstimmen ausdrucksstark das Peccatrice nominata, das Devilleres mit einem Solopart beendet.
Den zweiten Teil des Abends beginnt Vivien Simon mit einer bewegt vorgetragenen Klage von Vincenzo da Rimini aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, einer Liebesklage des verlassenen Troilos. Auch in dieser Hälfte erhalten die Instrumentalisten ihr eigenes Stück mit der anonymen Komposition Hont Paur. Jacob de Senlénche lässt die Liebhaber lautmalender Musik zu ihrer Freude kommen, wenn er in En ce gracieux Tamps soli Nachtigall und Turteltaube erklingen lässt. Nach solch fröhlich-beschwingter Musik wird sich mancher Zuhörer angesprochen fühlen, wenn dann Das ist ein schönes Leben erklingt. Den Klang dieser „Chansons des 14. und 15.Jahrhunderts“ zeitgemäß erlebbar gemacht zu haben, ist eine besondere Leistung des Sollazzo-Ensembles.
Die Schritte zurück aus dem dämmrig-verträumten Halbdunkel der Kirche und den verzaubernden Klängen dieses Abends lassen manchen erst langsam wieder in die reale Welt zurück finden, bevor er dann dankbar und herzlich in den lang anhaltenden Schlussapplaus einstimmt und in dem Gedanken nach Hause geht: „Welch ein besonderer Abend!“
Im elften Jahresprogramm des Klangvokal-Musikfestivals ist es Torsten Mosgraber erneut und mit wachsendem Zuspruch gelungen, ein ausgewähltes Programm an einem besonderen Ort zu präsentieren, mit dem die Stadt Dortmund als Ort der Musik auf sich aufmerksam macht. Wie zahlreiche andere Orte des Ruhrgebietes nutzt auch das Dortmunder Musikfestival die Atmosphäre besonderer Aufführungsorte, an denen noch vor zwanzig Jahren schwere Maschinen der Industriestadt donnerten. Die immer häufiger kaum noch genutzten Kirchen erfahren auf diese Weise eine angemessene Weiternutzung. Das genreübergreifende Programm hat der Region einen weiteren Tupfen ihrer kulturellen Vielfalt hinzugefügt und sie für Gäste und Künstler ersten Ranges weltweit interessant gemacht. So zeigt sich das Herz des Ruhrgebietes in Kooperation mit den Nachbarstädten als Beleg dafür, dass hier keineswegs „Schicht am Schacht“ ist, sondern neue Strukturen und Lebensräume greifen – unter anderem mit zeitgemäßen Interpretationen einer Musik von vor 700 Jahren.
Horst Dichanz