O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Marienkirche Dortmund - Foto © Chris06

Mit Chören im Klanghimmel

Hervor­ra­gende Inter­preten aus aller Welt präsen­tieren beim Dortmunder Festival Klang­vokal erlesene Programme auch an ungewöhn­lichen Spiel­stätten, die die Beson­der­heiten des Kultur­standorts Dortmund in den Vorder­grund rücken. Beispielhaft sind hier die Eindrücke vom Dresdener Kammerchor und dem Sollazzo-Ensemble aus Basel.

Sollazzo-Ensemble – Foto © Bülent Kirschbaum

Inzwi­schen bereits im elften Jahr und immer anspruchs­voller  treffen sich zur Sommerzeit in Dortmund hervor­ra­gende Chöre und Musiker, um an verschie­denen Auffüh­rungs­stätten im Dortmunder Süden einem inzwi­schen zuver­läs­sigen Stamm­pu­blikum vorwiegend aus dem kirch­lichen Raum Musik zu präsen­tieren, die vom Barock über die Klassik bis zur Moderne reicht, aber auch mit der Grego­rianik und zeitge­nös­si­schen Kompo­si­tionen vertraut ist. Torsten Mosgraber, nun schon seit 2008 umtrie­biger und sachkun­diger Festi­val­leiter, kennt inzwi­schen sein Publikum und weiß, was es erwartet und was ihm zugemutet werden kann. Und da ist Mosgraber alles andere als zimperlich …

Auch das diesjährige Programm mit insgesamt zwölf Konzerten und Musikern bezie­hungs­weise Chören der inter­na­tio­nalen Musik­szene verspricht wieder musika­li­schen Hochgenuss: Mit Werken von Orlando di Lasso bis zu Peter Tschai­kowsky liegt der Schwer­punkt des Programms im frühen Barock, aber es finden sich auch Kompo­si­tionen von John Cage und Jazziges aus Kamerun im Programm.

Das Tor zu den Himmels­welten öffnet in diesem Jahr der Dresdener Kammerchor, ein Ensemble von profes­sionell ausge­bil­deten Sänge­rinnen und Sängers, das je nach Projekt auf einen Pool von gut 100 Sängern zurück­greifen kann. Mit rund 30 Sängern präsen­tiert der Chor unter langjäh­riger Leitung von Hans-Christoph Rademann Chorsätze von Mahler, Brahms, Reger, Cage und Frank Martin. Mahlers Chorsatz Ich bin der Welt abhanden gekommen beginnt in einem lang gezogenen Piano der Oberstimmen, zu dem sich allmählich Alt und Bass hinzu­ge­sellen. Eine weiche Intonation und gute Sprech­technik lassen Mahlers Melodie­bögen bis in höchste Lagen eine zarte, innige Stimmung verbreiten. Brahms‘ Opus 74 beginnt mit kräftigen Tutti-Passagen in spitzen Obertönen, deren Echo leicht nachklingt. Die des Todes warten wird wuchtig vorge­tragen, um in den Schluss­zeilen verhalten auszuklingen.

Aus Max Regers Geist­lichen Gesängen, op. 138 wählen Rademann und sein Chor acht Gesänge aus, die mit dem jubilierend aufklin­genden Der Mensch lebt und besteht beginnen. Im Morgen­gesang Du höchstes Licht überzeugt der Chor durch seine sehr präzise, fast unisono erklin­gende Intonation. Angenehm, dass sich Rademann in der Folge der Sätze genügend Zeit lässt, so dass etwa das vor allem von Sopran und Alt stark vorge­tragene Kreuz­fah­rerlied, der forsche Schlacht­gesang und der Schlusssatz Wir glauben an einen Gott bei den Zuhörern ihre Wirkung entfalten können.

Dredner Kammerchor – Foto © Johannes Windolph

Nach der Pause müssen die Besucher bei John Cages Four erst einmal durch­atmen. Mit wenigen Stimmen spannen die Sänge­rinnen einen „Klang­himmel“ auf und bieten eine „meditative Klang­fläche langer Liegetöne“, in denen Rhythmus und Zeitmaße unnötig sind. In dem umfang­reichen Werk Messe für Doppelchor a capella von Frank Martin, das von 1922 bis 1926 entstand, zeigt der Chor noch einmal Ausdrucks­kraft und Klang­fülle. Die Damen­stimmen beginnen mit einem fortissimo vorge­tra­genen Kyrie eleison, setzen im Gloria starke Akzente. Eher erzählend folgt der Chor mit einem Credo, das sich allmählich steigert. Im Sanctus und Benedictus brillieren die Oberstimmen mit rollenden, feinen Verzie­rungen und schließen den Satz im Forte mit einem Osanna in excelsis. Der Schlusssatz klingt aus mit einem allmählich verschwin­denden Agnus Dei – eine ergrei­fende Schluss­passage. Den eher  kühlen Zweckbau der St. Nicolai­kirche in Dortmund, der mit seinen Beton- und Glasflächen als ein frühes Beispiel des evange­li­schen „sachlichen Bauens“ in den späten Zwanzigern  gilt, beleben  Hans-Christoph Rademann und sein Kammerchor mit eindrucks­voller Musik.

Nachtigall und Turteltaube 

Mit der Verpflichtung des jungen Sollazzo-Ensembles aus Basel ist Mosgraber ein beson­derer Coup gelungen: Vier junge Musike­rinnen und Musiker aus Basel begleiten zwei außer­or­dent­liche Gesangs­ta­lente bei einem Spaziergang durch die Liederwelt des späten Mittel­alters und der Renais­sance. Diesem kleinen Ensemble und den Sängern gelingt es, mit relativ geringem Aufwand die Zuhörer in der St. Marien­kirche im Zentrum von Dortmund auf eine bemer­kens­werte, stimmungs- und anspruchs­volle musika­lische Reise in die Alte Musik zu entführen.

Vor dem Hinter­grund von hohen, in kühlem Grau modern gehal­tenen Fenstern des Chorraumes und dem dreiflü­ge­ligen Marien­altar setzt Vivien Simon, Tenor, mit leisen, weich angesetzten Tönen zu Borlets Ach, du schöne Nachtigall ein und lässt den Ton langsam anschwellen, bis der warme Ton das ganze Kirchen­schiff  füllt, ohne Anstrengung und Mühe leicht dahin gesungen,  wie es scheint. Die Zuhörer sind gefangen. Nachtigall, Turtel­taube und Zeisig, schließlich die Herzensdame schweben klangvoll durch die Gewöl­be­bögen. Im unbekannt kompo­nierten Stück aus dem Cyprus-Codex Mein Herz freut sich treten die Instru­mente hinzu und weben ein feines Klang­ge­bilde aus Laute, Fideln und Psalter. Perrinne Devil­leres, Sopran, und Tenor Simon beherr­schen die Kunst der tonalen Verzie­rungen perfekt und lassen die Zuhörer akustisch in eine andere Zeit lauschen. Devil­leres trägt Francesco Landinis Conviens à fede fè nahezu selbst­ver­gessen vor. Franziska Fleisch­anderl am Psalter, Christoph Sommer an der Laute sowie Sophie Danilevskaia und Anna Danilesvskaia, beide Fidel, sorgen für eine Instru­men­ten­be­gleitung, die stets im Hinter­grund bleibt und doch ein solides Klang­gerüst schafft. Im Instru­men­tal­stück Non piú ebbe Dido spielt das Ensemble besonders für die Liebhaber filigraner Instru­men­tal­musik auf. Im Duett mit Vivien Simon präsen­tieren die Gesangs­stimmen ausdrucks­stark das Pecca­trice nominata, das Devil­leres mit einem Solopart beendet.

Den zweiten Teil des Abends beginnt Vivien Simon mit einer bewegt vorge­tra­genen Klage von Vincenzo da Rimini aus dem Ende des 14. Jahrhun­derts, einer Liebes­klage des verlas­senen Troilos. Auch in dieser Hälfte erhalten die Instru­men­ta­listen ihr eigenes Stück mit der anonymen Kompo­sition Hont Paur. Jacob de Senlénche lässt die Liebhaber lautma­lender Musik zu ihrer Freude kommen, wenn er in En ce gracieux Tamps soli Nachtigall und Turtel­taube erklingen lässt. Nach solch fröhlich-beschwingter Musik wird sich mancher Zuhörer angesprochen fühlen, wenn dann Das ist ein schönes Leben erklingt. Den Klang dieser „Chansons des 14. und 15.Jahrhunderts“ zeitgemäß erlebbar gemacht zu haben, ist eine besondere Leistung des Sollazzo-Ensembles.

Die Schritte zurück aus dem dämmrig-verträumten Halbdunkel der Kirche und den verzau­bernden Klängen dieses Abends lassen manchen erst langsam wieder in die reale Welt zurück finden,  bevor er dann dankbar und herzlich in den lang anhal­tenden Schluss­ap­plaus einstimmt und in dem Gedanken nach Hause geht: „Welch ein beson­derer Abend!“

Im elften Jahres­pro­gramm des Klang­vokal-Musik­fes­tivals ist es Torsten Mosgraber erneut und mit wachsendem Zuspruch gelungen, ein ausge­wähltes Programm an einem beson­deren Ort zu präsen­tieren, mit dem die Stadt Dortmund als Ort der Musik auf sich aufmerksam macht. Wie zahlreiche andere Orte des Ruhrge­bietes nutzt auch das Dortmunder Musik­fes­tival die Atmosphäre beson­derer Auffüh­rungsorte, an denen noch vor zwanzig Jahren schwere Maschinen der Indus­trie­stadt donnerten. Die immer häufiger kaum noch genutzten Kirchen erfahren auf diese Weise eine angemessene Weiter­nutzung. Das genre­über­grei­fende Programm hat der Region einen weiteren Tupfen ihrer kultu­rellen Vielfalt hinzu­gefügt und sie für Gäste und Künstler ersten Ranges weltweit inter­essant gemacht. So zeigt sich das Herz des Ruhrge­bietes in Koope­ration mit den Nachbar­städten als Beleg dafür, dass hier keineswegs „Schicht am Schacht“ ist, sondern neue Struk­turen und Lebens­räume greifen – unter anderem mit zeitge­mäßen Inter­pre­ta­tionen einer Musik von vor 700 Jahren.

Horst Dichanz

Teilen Sie sich mit: