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Der Ring des Nibelungen, jenes Weltendrama, das Richard Wagner in den Jahren 1848 bis 1874 komponiert hat, erfreut sich noch immer so großer Beliebtheit, dass es mittlerweile sogar in Kleinstädten auf die Bühne gebracht wird. Im Bundesland Sachsen haben die Bürger jetzt die Gelegenheit, gleich drei sehr unterschiedliche Interpretationen zu erleben.

Die Aufführungen von Richard Wagners epochaler Tetralogie Der Ring des Nibelungen fordert von jedem Haus, das diese Werke zur Aufführung bringt, Höchstleistungen des Orchesters, der Solisten und vor allem eine enorme Koordination der Bühnenwerkstätten, der Technik und Logistik. Kurzum, ein Mammutprojekt, dass auch finanziell eine große Herausforderung darstellt. Wenn dann in einem Umkreis von gut 100 km gleich drei renommierte Opernhäuser in einem Jahr dem Publikum den Ring präsentieren, dann ist das Anlass genug, sich diese drei unterschiedlichen Inszenierungen einmal genauer anschauen. An der Semperoper Dresden, am Theater Chemnitz und an der Oper Leipzig stehen im Kalenderjahr 2018 diese Werke auf dem Spielplan.
Am 13. Januar hob sich an der Semperoper Dresden der Vorhang zum ersten von zwei Zyklen von Richard Wagners musikalischem Weltendrama Der Ring des Nibelungen. Damit ist nach acht Jahren erstmals wieder der komplette szenische Ring in Dresden zu erleben. Dieses Ereignis hatte Wagner-Freunde im Vorfeld so elektrisiert, dass bereits wenige Tage nach der Eröffnung des Vorverkaufs genau ein Jahr vor Aufführungsbeginn die Kartenkontingente für beide Zyklen im Januar 2018 ausgeschöpft waren. Dabei handelt es sich bei diesem Ring-Zyklus keineswegs um eine Neuinszenierung. Die Semperoper zeigt die Tetralogie in der Inszenierung von Willy Decker, die zwischen September 2001 – Das Rheingold – und August 2003 – Götterdämmerung – ihre Premiere feierte. Die Dresdner Inszenierung des Rings entstand in Zusammenarbeit mit dem Bühnen- und Kostümbildner Wolfgang Gussmann. Ein typisches Merkmal des Teams Decker und Gussmann ist ein szenischer Minimalismus auf der Bühne sowie eine psychologisch präzise Personenführung. Das in Kombination mit der hohen Erwartungshaltung an die musikalische Leitung von Christian Thielemann sorgten also im Vorfeld durchaus für einen Hype um den „Ring in Dresden“, der ein erster großer musikalischer Höhepunkt im noch jungen Jahr 2018 werden sollte.
Um Willy Deckers Ring-Interpretation und die szenische Umsetzung durch Wolfgang Gussmann verstehen zu wollen, muss man sich auch etwas mit der Philosophie des Werkes und Wagners Schaffen und seiner Zeit beschäftigen. Decker, der auch Philosophie studiert hat, wählt hier einen tiefenpsychologischen Ansatz, nämlich das dynamische Spiel und der erbitterte Kampf zwischen weiblichem und männlichem Prinzip, das in einer Apokalypse der männlichen Welt endet. Man kann es auch mit der Zerstörung des männlichen Machtprinzips überschreiben. Neben der inhaltlichen Umsetzung steht natürlich die musikalische Darbietung im Fokus. Christian Thielemann, der den Ring des Nibelungen als Zyklus am Anfang seiner Karriere an der Deutschen Oper Berlin und in den letzten Jahren mehrfach in Bayreuth und in Wien dirigiert hatte, stand nun vor seinem ersten Gesamtzyklus an der Semperoper Dresden.
Für ihn ist die Aufführung des Rings immer ein „besonderer Höhepunkt seines musikalischen Schaffens“, und er sei nach etwa 50 Ring-Dirigaten deutlich „gelassener“ geworden. Das Besondere an dem Dresdner Ring sei für ihn die „intensive Zusammenarbeit mit seiner Kapelle“. Viele der Musiker kannte er schon aus der Zusammenarbeit in Bayreuth, und ihre Kompetenz habe ihn „auch auf den Gebieten beeinflusst, auf denen er selbst viel Erfahrung mitbringe“. Das betrifft natürlich das Schaffen Richard Wagners, aber natürlich auch das von Richard Strauss. Thielemann mag den Klang seiner Kapelle, der „rund und nie zu dick ist, dunkel, aber nicht extrem, sondern auch mit Helligkeit gemischt. Aber nie kantig!“ Und so gelingt ihm sein erster Ring-Zyklus auf beachtliche Weise. Mit präzisem Schlag und viel Sensibilität arbeitet er die gut 260 Leitmotive und die großen Orchesterszenen an allen vier Abenden klar heraus, bereitet die expressiven Ausbrüche vor, um dann das Orchester immer wieder zurückzunehmen, ins Piano zu gehen und dabei fürsorglich sängerfreundlich zu begleiten. Insgesamt wirkt die Musik im Ring leicht, ja fast verletzlich, nicht mehr so machtbesessen, was in einem interessanten Kontrast zu der Inszenierung von Willi Decker steht.
Natürlich schaut auch ein Christian Thielemann über den Rand seiner Kapelle und tauscht sich mit seinen Kollegen aus. Mit Guillermo Garcia Calvo, seit dieser Spielzeit der neue Generalmusikdirektor in Chemnitz und sein ehemaliger Assistent, hat er über die Länge und Interpretation des Rheingold diskutiert. Die beiden Ring-Zyklen an der Semperoper Dresden im Januar 2018 bleiben allerdings vorerst ein einmaliges Ereignis. Den nächsten Zyklus wird es wohl erst wieder im Jahre 2021 geben, dann aber vielleicht auch als Mitschnitt für DVD und CD.
Die weibliche Sicht
Am Theater Chemnitz sind die Voraussetzungen für ein derartiges Projekt komplett anders. Die Stadt Chemnitz feiert in diesem Jahr ihr 875. Stadtjubiläum. Für das Theater Chemnitz und Generalintendant Christoph Dittrich Anlass genug, einen neuen Ring des Nibelungen auf die Bühne zu bringen. Nachdem die letzte Ring-Inszenierung von Michael Heinicke vor elf Jahren das letzte Mal über die Bühne ging, hat sich das Theater Chemnitz viel für den neuen Zyklus vorgenommen. Alle vier Produktionen werden im Kalenderjahr 2018 ihre Premiere erleben. Im Zentrum der Chemnitzer Auseinandersetzung steht der für alle vier Musikdramen des Zyklus entscheidende Impuls: die Frau. Frauen nehmen in Wagners Ring zentrale Rollen ein. Die Weltenordnung liegt in den Händen von Erda. Die Frauen, seien es die Rheintöchter, Freia, Fricka oder Brünnhilde, lassen die Männer ihre Beherrschung verlieren, wodurch sich die vernichtenden Tragödien Bahn brechen. Die Frauen sind die tonangebenden Figuren – mit höchst unterschiedlichen Zielen. Für das Theater Chemnitz ist es daher nur folgerichtig, dass nicht eine, sondern gleich vier Regisseurinnen sich der Tetralogie inszenatorisch annehmen. Liegt also der Blick der Regisseurinnen auf dem spezifisch Weiblichen im Ring, oder ist es die weibliche Perspektive, die dem Zuschauer eine neue Sichtweise auf das Drama vermitteln kann?

Für Christoph Dittrich ist der Ring allgegenwärtig. Die „Kapitalismuskritik“ des Werkes möchte er auch in einem historischen Kontext verstanden wissen, schließlich hieß Chemnitz ja während des Bestehens der Deutschen Demokratischen Republik Karl-Marx-Stadt. Das 875. Stadtjubiläum ist ein Aspekt, ein weiterer ist die Bewerbung von Chemnitz als Kulturhauptstadt 2025. Hier möchte das Theater Chemnitz ein „Angebot für die Stadt“ machen. Für die Oper Chemnitz, die ein Stadttheater ist und kein Staatstheater mit entsprechender Förderung, wird es für das Ring-Projekt kein Sonderbudget geben. Somit stehen vier große Einzelproduktionen im Jahr 2018 auf dem Spielplan, denen andere Vorhaben damit untergeordnet werden. Im Selbstverständnis der Oper Chemnitz ist das aber kein Problem. Die große Herausforderung liegt eher auch an der Messlatte, die Michael Heinicke mit seiner Ring-Deutung hinterlassen hat. Und somit ist das Projekt, vier Regisseurinnen, vier verschiedene Teams inszenieren zu lassen, interessant, aber natürlich auch gewagt. Kann es da überhaupt einen roten Faden geben? Wird das Gesamtkunstwerk Der Ring des Nibelungen zu vier Einzelstücken fragmentiert und damit der Beliebigkeit überlassen? Und was bedeutet eigentlich die weibliche Sichtweise? Fragen über Fragen, die vor der Premiere des Rheingold am 3. Februar im Raum standen, und die natürlich noch nicht komplett beantwortet sind.
Den Beginn mit dem Rheingold macht die junge Regisseurin Verena Stoiber gemeinsam mit Sophia Schneider, die sowohl das Bühnenbild gestaltete als auch die Kostüme entwarf. Und es wird eine durchaus bizarre Vorstellung mit drastischen Szenen, die das Chemnitzer Publikum spaltet. Wenn Alberich beispielsweise der Liebe entsagt, sich die drei Rheintöchter packt, ihnen die Haare abschneidet und als Trophäen wie einen Skalp hochhält, dann ist das schon ein starkes Bild, das erahnen lässt, dass die Tragödie des Vorabends des Ring des Nibelungen schon im vollen Gange ist. Stoiber, die als Regieassistentin von Calixto Bieito begonnen hat, sieht in der aktuellen „MeToo“-Debatte einen Bezug zu ihrer Sichtweise des Rheingold, den sie auch als selbstständigen Abend verstehen möchte und nicht als Teil eines Ring-Gesamtkonzeptes. Auch Stanley Kubricks legendärer Film 2001 – Odyssee im Weltraum hat sie in ihrer Sichtweise beeinflusst.
Nun war die große Frage, wie würde die nächste Regisseurin, Monique Wagemakers, mit der Fortsetzung der Tetralogie umgehen, wie wird ihr Blickwinkel auf das Werk sein? Immerhin elf der insgesamt zwanzig weiblichen Figuren im Ring des Nibelungen sind in der Walküre vertreten. Doch für Wagemakers gibt es nicht den speziellen „weiblichen Blick“, sondern für sie ist die Erzählung der Handlung aus einem sehr starken Gefühl herausgearbeitet. Es ist eine Familientragödie, eine in sich abgeschlossene Handlung, die Wagemakers erzählt. Es ist keine mythische Erzählung von Helden und Göttern, es ist eine Geschichte über Menschen, insbesondere über die Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern. Insbesondere erzählt sie von dem Missbrauch und der Vernichtung enger familiärer Beziehungen.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht Wotan, für Wagemakers ein „arroganter Narziss“, der die Beziehungen zu seinen Kindern Siegmund, Sieglinde und Brünnhilde auf das Grausamste zerstört. Seine Kinder sind für ihn Werkzeuge, Mittel zum Zweck, die funktionieren müssen, um seine eigene Macht zu sichern. Wenn sie nicht so wollen wie er, greift er rigoros ein. Besonders Brünnhilde, seine Lieblingstochter, die er einst mit Erda gezeugt hat, bekommt seine grausame Härte zu spüren. Das Ende ist bekannt, am Schluss der Tetralogie wird keiner mehr am Leben sein. Um diese Verflechtung herauszuarbeiten, erzählt Wagemakers die Handlung aus der Perspektive der Kinder, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist eine durchaus gefühlsbetonte, vielleicht auch feminine Sichtweise der Handlung und der familiären Tragödie, die sie erzählt. Und obwohl vieles nachvollziehbar ist, gelingt die szenische Umsetzung nicht wirklich. Es fehlt der zündende, fesselnde Ausdruck. Insgesamt ist es eine solide, aber deutlich zu brave und harmlose Darstellung der Geschichte und damit ein totaler Kontrast zu der drastischen Darstellung Stoibers im Rheingold. Auch musikalisch gibt es hier sehr unterschiedliche Ansätze. Im Rheingold steht der neue GMD Guillermo Garcia Calvo am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie. Er führt die Orchestermusiker mit klarem Gestus durch die Partie, wechselt klug die Tempi und arbeitet besonders die Leitmotive und symphonischen Elemente klar heraus. In der Walküre ist es Felix Bender, Erster Kapellmeister und stellvertretender GMD am Theater Chemnitz, der den Takt vorgibt. Auch das ist etwas Besonderes an der Chemnitzer Ring-Inszenierung, dass GMD Guillermo Garcia Calvo nicht alle vier Premieren dirigiert, sondern sich die Tetralogie mit seinem Stellvertreter teilt, ein Ausdruck von Größe und Wertschätzung gegenüber dem jungen Kollegen. Bender macht deutlich, dass er seinen eigenen Stil hat, insbesondere in der Tempogestaltung und in der Phrasierung. Mit knapp 70 Minuten ist der erste Aufzug der Walküre deutlich länger als die meisten Referenzaufnahmen, gleiches gilt für den zweiten Aufzug. Ein interessantes, manchmal aber schon ermüdendes Tempo, was die formidabel besetzten Sänger vor noch größere Herausforderungen stellt.
Es bleibt nach der Halbzeit des Chemnitzer Ringes festzustellen, dass zwei szenisch und musikalisch divergente Einzelwerke eine durchaus fulminante Premiere erlebt haben, ohne Gesamtkonzept und ohne roten Faden, was aber bei der Besetzung mit vier unterschiedlichen Regieteams und mit zwei Dirigenten auch nicht zu erwarten war. Am 29. September dieses Jahres wird die Premiere von Siegfried in der Inszenierung von Sabine Hartmannshenn zu sehen sein, und am 1. Dezember schließt der Ring mit der Premiere Götterdämmerung in der Regie von Elisabeth Stöppler. Ob es dann in der Gesamtschau eine Verbindung der vier Einzelwerke geben wird, bleibt abzuwarten. Im Januar nächsten Jahres wird dann der Chemnitzer Ring erstmals als Zyklus gegeben, allerdings in einem doch langen Zeitraum von drei Wochen, was wiederum mehr für die Betonung des Einzelwerkes spricht als für den Ring als Gesamtkunstwerk. Dafür wird es dann zu Ostern und Pfingsten jeweils einen kompakten Ring-Zyklus geben.
Ein Zyklus schafft Intensität
Wieder ganz anders ist die Ausgangslage für den Ring an der Oper Leipzig. Den letzten Ring in Leipzig zuvor gab es 1976 in der legendären Inszenierung von Joachim Herz, der als erster Regisseur versuchte, den Ring in Bezug zu seiner Entstehungszeit zu setzen und damit einen Gegenentwurf zum Jahrhundertring von Patrice Chéreau in Bayreuth präsentierte. Vor fünf Jahren waren in Leipzig die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des Komponisten Richard Wagner, und ein Höhepunkt war die Premiere Rheingold, die den Auftakt zu einem neuen Ring-Zyklus an der Oper Leipzig in der Inszenierung von Rosamund Gilmore bedeutete. Bereits Ende 2013 folgte mit der Premiere der Walküre die lang ersehnte Fortsetzung der Ring-Tetralogie. Bis zur Premiere des Siegfried mussten sich die Wagnerianer dann fast eineinhalb Jahre gedulden. Den finalen Höhepunkt der Tetralogie, ein Jahr nach der Siegfried-Premiere, erlebt die Oper Leipzig mit der Premiere Götterdämmerung auch die Krönung und Vollendung des Ring-Zyklus, der sich nach drei Jahren geschlossen hat. Nur fünf Tage nach der Premiere der Götterdämmerung Ende April 2016 stand zum ersten Mal nach über vierzig Jahren die Aufführung des Ring des Nibelungen als Zyklus auf der Bühne, und das direkt an vier Abenden hintereinander. Und auch in diesem Jahr gab es drei Ring-Zyklen, Im Januar an zwei Wochenenden, im April wurde der Zyklus mit einem Tag Pause nach der Walküre gegeben, im Mai folgte dann wieder ein Zyklus an vier Abenden hintereinander. Und auch Leipzig feiert in diesem Jahr, nämlich 325 Jahre Oper in Leipzig. Da gehört der Ring des Nibelungen natürlich mit zu den Festveranstaltungen.
Der Leipziger Ring wird auch von einer Regisseurin inszeniert, doch steht die in Chemnitz angesprochene weibliche Sichtweise nicht primär im Vordergrund. Vielmehr ist es eine märchenhafte Erzählung. Rosamund Gilmore bedient sich dabei eines choreografischen Ansatzes, und hält sich dabei sehr dicht an den Text. Ein Dutzend Tänzerinnen und Tänzer, auch als mythische Elemente bezeichnet, sind omnipräsent auf der Bühne und illustrieren, beobachten und begleiten das Geschehen und sind der zentrale Mittelpunkt dieser Inszenierung. Die mythischen Wesen, Wagners stumme Stimmen, bekommen im Verlaufe des Ringes immer mehr Bedeutung, sie sind wie seine Leitmotive elementare Bestandteile und werden fast zu Partnern auf Augenhöhe mit den singenden Protagonisten. Gilmore hat einen mythischen Ring erzählt, ohne in bedeutungsvolle Interpretationsversuche abzudriften. Ihr gelingt der Spannungsbogen von der Tiefe des Rheins bis zum finalen Ende in der Götterdämmerung, ohne dass es große Brüche gibt. Als Zyklus ist der Ring verdichtet, klar und verständlich. Und auch musikalisch ist ein Ring-Zyklus, insbesondere wenn er an vier Abenden hintereinander gegeben wird, ein besonders intensives Erlebnis.

Für Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, gehört der Ring einfach an ein Haus wie Leipzig. Nachdem es vor seinem Amtsantritt kein nennenswertes Wagner-Repertoire am Hause gab, hat er einfach angefangen, die Werke zu spielen. Und von seinem großen Traum, das gesamte Werk Wagners einschließlich der drei Frühwerke im Repertoire zu haben, ist der Hausherr nicht mehr allzu weit entfernt. Doch der Ring bildet das zentrale Fundament. Die Herangehensweise, insbesondere wenn es um einen Zyklus ohne Pause geht, ist eine „Aufgabe, die von weitem auf ihn zukommt.“ Für ihn ist das ein „Höhepunkt im Dasein als Dirigent“. Interessant ist zu erfahren, wie Schirmer das Lebensgefühl, das der Ring bei ihm und seinen Mitarbeitern auslöst, beschreibt. So „meldet sich der Ring etwa anderthalb Wochen vor den aufwändigen Proben in meiner Seele“, und er „durchwebt das Haus“, sagt Schirmer. Das zyklische Spielen des Rings verändere alles, „insbesondere die Tempi verändern sich, alles wird verstärkt, wenn man weiß, dass nach dem Rheingold noch drei weitere Abende folgen. Alles ist mehr im Fluss“. Und dass der Dirigent auch ein penibler Anhänger einer detailgetreuen musikalischen Aufführungspraxis ist, zeigt sich daran, dass er die in der Partitur des Rheingold vorgesehenen 18 Ambosse in den beiden Verwandlungsszenen durch eine gesampelte und digitalisierte Aufnahme von Originalambossen durch zwei Pianisten hat einspielen lassen und damit einen Klang erzeugt, der dem Original sehr nahe kommt und so in dieser Form selten zu hören ist. Für die Szene mit Hagens Mannen in der Götterdämmerung sind extra drei große Stierhörner angefertigt worden, die es ebenfalls so in dieser Form in keinem Orchester gibt.
Richard Wagner hat einmal anlässlich der ersten szenischen Aufführung des Ring des Nibelungen außerhalb von Bayreuth gesagt: „Heil Leipzig, meiner Vaterstadt, die eine so kühne Theaterdirektion hat.“ Vielleicht ist die heutige Direktion nicht kühn, aber mutig und weitsichtig. Der aktuelle Publikumserfolg beim Ring gibt ihnen jedenfalls Recht. Und auch im kommenden Jahr wird es zu den Richard-Wagner-Festtagen wieder zwei komplette Zyklen geben, allerdings nicht an vier Abenden hintereinander.
Der Wagnerfreund in Sachsen und natürlich darüber hinaus hat in diesem Jahr die einmalige Möglichkeit gehabt, sich drei komplette und divergente Aufführungen von Richard Wagners Ring des Nibelungen anzuschauen. In Chemnitz steht der Abschluss der Neuinszenierung zum Jahresende noch aus. Unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Interpretationen, sowohl szenisch wie auch musikalisch, kontroverse Diskussionen und Reaktionen machen das Ring-Erlebnis in Dresden, Chemnitz und Leipzig zu einem Lebensgefühl, wie Ulf Schirmer es bezeichnet hat. Und das wiederum ist tatsächlich einzigartig.
Andreas H. Hölscher