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Vom 3. Mai bis zum 14. Juli zeigt die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg die Ausstellung Große Oper – viel Theater? des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt im Düsseldorfer Opernhaus. Vorgestellt werden elf Bauprojekte von europäischen Opernhäusern der jüngeren Vergangenheit, begleitet wird die Ausstellung von einem Rahmenprogramm, in dem Experten zum Opernneubau zu Wort kommen.

Das Auto ist in die Jahre gekommen, und die nächste größere Reparatur steht an. Lohnt sich das noch, oder sollte man das Geld nicht doch lieber schon in einen neuen Wagen stecken? Eine schwierige Entscheidung, bei der man das Gefühl nicht loswird, garantiert die falsche zu treffen. Und so richtig unwohl fühlt man sich, wenn man die Reparatur trotzdem noch zahlen muss, damit der Wagen fahrbereit bleibt. Eine alltägliche Situation, wie sie fast jeder kennt. Wenn man den Maßstab etwas verschiebt, landet man beim Düsseldorfer Opernhaus.
Ende des 19. Jahrhunderts als Stadttheater erbaut, nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut, ist das Opernhaus an der Heinrich-Heine-Allee in Düsseldorf seit 1956 ununterbrochen in Betrieb. Immer mal wieder fielen kostspielige Reparaturen an, der Graben wurde erweitert, einen neuen Probensaal gab es auf dem Dach. Über die Jahre wurden so viele Millionen in ein akustisch wenig reizvolles Gebäude gesteckt. Von außen betrachtet, ein eher unscheinbarer Zweckbau, ist das Opernhaus zwischen Hofgarten und Altstadt doch vielen Menschen in Düsseldorf ans Herz gewachsen. Und während sich die Innenstadt immer wieder erneuert, das Schauspielhaus in unmittelbarer Nähe demnächst wieder in neuem Glanz erwacht, stehen beim Opernhaus die nächsten Reparaturen an.
Erste Stimmen werden laut, die die weitere Existenz des Gebäudes in Frage stellen. Geblendet vom schönen neuen Schein der Elbphilharmonie, fordert ein Politiker im Sommerloch einen Neubau im Hafen, weitab vom Stadtkern, dafür aber am Rhein gelegen. Der Oberbürgermeister, Thomas Geisel, kontert mit einer eigenen Idee. Die „Kulturmeile“ von Königsallee bis zum Ehrenhof am Rhein müsse ausgebaut werden. Der Stadtrat beauftragt den Kulturreferenten, eine Übersicht über die anstehenden Sanierungskosten erstellen zu lassen. Das Ergebnis ist erschreckend. Um überhaupt den laufenden Betrieb zu gewährleisten, ist ein zweistelliger Millionenbetrag erforderlich. Für die eigentliche Sanierung wird ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag zusätzlich geschätzt. Aber: Bei einem Neubau wird es sicher schnell dreistellig.
Vielfalt der Optionen
Damit ist eine Diskussion eröffnet, in der sich schnell die verschiedenen Interessenvertreter zu Wort melden. Die einen haben das wunderbare Filetstück als Baugrundstück für wirtschaftlich interessante Projekte im Blick. Eine Architektengruppe sucht nach einer Kombination, indem sie anstelle des Opernhauses einen 140 Meter hohen Turm mit vielfacher Nutzung sieht. Auch wenn vom Erhalt des teilweise denkmalgeschützten Gebäudes ernsthaft keiner mehr spricht, gibt es letztlich doch vier Optionen, die im Raum stehen. Die Kernsanierung würde ein Stück Geschichte der Stadt bewahren helfen, allerdings ein höchst mediokres in einem Gebäude, das laut Betreibern längst viel zu klein für einen modernen Opernbetrieb sei. Ein Neubau an anderer Stelle ersparte zwar möglicherweise eine Interimsspielstätte, risse aber die Oper aus der Mitte der Stadtgesellschaft. Ein Vielzweckturm könne, behaupten potenzielle Investoren, kostenneutral entstehen – dass die Oper darin schnell ihre Sichtbarkeit verlöre, dürfte ebenso klar sein wie die ästhetischen Gewinne in der Stadtentwicklung fraglich sind. Bleibt Möglichkeit Nummer vier, zu der sich inzwischen auch Generalintendant Christoph Meyer bekennt: Ein Neubau an gleicher Stelle, dann aber mit Öffnung zum Hofgarten hin. Das unterstriche auch die Idee des Oberbürgermeisters von der „Kulturmeile“. „Ein Opernhaus im Zentrum der Stadt, in dem Künste und das urbane Leben zusammentreffen können. Ein Haus, das sich schon durch seine Architektur den Menschen und der Gesellschaft öffnet. Die Oper der Zukunft als Ort der Partizipation und der Begegnung unterschiedlichster Disziplinen“, umreißt Meyer seine Vision.
Den wichtigsten Grundstein für eine sachliche Diskussion hat jetzt die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg selbst gelegt. Vom 3. Mai bis zum 14. Juli ist im Düsseldorfer Opernhaus die Ausstellung Große Oper – viel Theater? zu erleben, die die Rheinoper vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt übernommen hat. Hier haben die Stellvertretende Museumsdirektorin Andrea Jürges und ihr Co-Kurator Yorck Förster Grundrisse, Fotografien und Basisfakten von elf Sanierungs- und Neubauprojekten von Opernhäusern im Europa der jüngeren Vergangenheit zusammengetragen und in einigen Punkten miteinander verglichen. Anhand dieser Beispiele können sich die Düsseldorfer Bürger bei ihrem nächsten Opernbesuch oder bei speziellen Führungen, zu denen man sich anmelden muss, ein eigenes Bild von den Anforderungen an eine Oper machen, die zukunftsorientiert ausgelegt ist. Herausragend ist hier das Beispiel der Oper in Oslo zu nennen. Ein Gebäude, das an eine Eisscholle erinnert und mehr Begegnungsstätte als geschlossener Theaterbetrieb ist. Diesen Blick auf Europa ergänzt die Rheinoper um drei Diskussionsforen, bei denen Experten aus Europa im Hinblick auf das weitere Geschehen in Düsseldorf zu Wort kommen. „Wir stehen in Düsseldorf vor einer wichtigen kulturpolitischen Entscheidung – soll die Oper saniert oder neu gebaut werden? Bei einer solch wichtigen Weichenstellung halte ich es für geboten, dass wir möglichst viele Perspektiven auf dieses Thema beleuchten“, begrüßt Geisel ausdrücklich das kostenlose Informationsangebot für die Düsseldorfer Bürger.
Dass es lokale Tageszeitungen gibt, die immer mehr zur Boulevard-Berichterstattung neigen, um ihre verbliebenen Leser noch zu halten, ist ein offenes Geheimnis. Umso wichtiger ist es, den Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich fernab jeder Marktschreierei und möglicher Interessenslagen Informationen über Erfordernisse und Perspektiven einer Sanierung respektive eines Neubaus zu verschaffen.
Als Christoph Meyer 2009 die Intendanz der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg antrat, wurde er nach eigener Erinnerung mit den Worten „Jetzt hast du ein neues, supertoll renoviertes Düsseldorfer Opernhaus“ begrüßt. „Nach und nach stellte sich dann halt heraus, was da jetzt gut war an der Sanierung und was nicht“, sagt Meyer heute. Inzwischen sitzt er in einem maroden Opernhaus, während seine zweite Spielstätte, das Theater Duisburg, unter Wasser steht. Das hatte er sich auch mal anders vorgestellt. Aber es hilft ja nicht. Der Blick geht nach vorn. „Mein Vertrag geht bis 2024. Wir müssen jetzt vorbereiten für die, die nach uns kommen. Und da muss man natürlich jede Sorgfalt anwenden, dass man da dem Nachfolger einen guten Weg bereitet“, sagt er. Zeit genug dafür hat der Intendant. Von der ersten Idee einer Sanierung oder eines Neubaus bis zur Eröffnungsaufführung vergehen durchschnittlich zwölfeinhalb Jahre, hat Andrea Jürges vom Deutschen Architekturmuseum gerechnet. Ausreichend Zeit also, gelassen nach einer vernünftigen Lösung für das Opernhaus der Zukunft in Düsseldorf zu suchen.
Michael S. Zerban