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Die Ballettfreunde der Deutschen Oper am Rhein hatten zu einem Gespräch zwischen Martin Schläpfer und der Chefdramaturgin des Balletts, Anne do Paço, im Düsseldorfer Balletthaus eingeladen. Neben der Vorstellung zweier Neuproduktionen blieb der Informationsgehalt allerdings eher spärlich.

Anderthalb Jahre bleibt Martin Schläpfer als Künstlerischer Direktor dem Ballett am Rhein noch treu, bevor er an der Wiener Staatsoper seine nächste Aufgabe stemmen wird. Heute liegen schon zehn erfolgreiche Jahre in Düsseldorf und Duisburg zurück, wobei das Publikum die anspruchsvollen und meist abstrakten Arbeiten Schläpfers mit ungebrochener Aufgeschlossenheit akzeptiert und teilweise geradezu begeistert goutiert. Das gilt auch für Schläpfers jüngste und größte Herausforderung mit Peter Tschaikowskys Super-Hit Schwanensee, den Schläpfer in eine dunkle, alles andere als schwanenweiße Welt tauchte. Dennoch sind alle 26 Aufführungen restlos ausverkauft, so dass die Choreografie in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen wird. Außerdem ist Schläpfers Choreografie ab März als DVD erhältlich und eine Fernsehübertragung zu Weihnachten hat zusätzlich zu einer ungewöhnlich weiten Verbreitung der Arbeit geführt.
Ob ihm die Erfolge aus seinen Mainzer und Düsseldorf/Duisburger Jahren in Wien treu bleiben, wird sich zeigen. In einem Choreografengespräch der Ballettfreunde der Deutschen Oper am Rhein mit der leitenden Ballett-Dramaturgin Anna do Paço äußerte sich Schläpfer im Düsseldorfer Balletthaus zu den Wiener Plänen und den bevorstehen zwei Uraufführungen seiner neuen Stücke an der Rheinoper zurückhaltend. Die Wiener Herausforderung nimmt Schläpfer mit großer Gelassenheit an, hält sich mit konkreten Hinweisen jedoch noch bedeckt. Auf die Frage, ob er sich gerade in Hinsicht auf das Wiener Publikum weitere Handlungsballette in Anknüpfung an den Schwanensee vorstellen könnte, sagt er: „Das kann ich mir schon vorstellen, wenn es um Träume und Seelenlandschaften geht. Ein Stück wie Prokofieffs Romeo und Julia interessiert mich dagegen nicht. Einerseits, weil ich es selbst so oft getanzt habe und andererseits wegen des so endgültigen und eindeutigen Schlusses, mit dem ich mich nicht anfreunden kann. Strawinskys Petruschka käme meinen Vorstellungen schon eher entgegen.“
Und hätte Schläpfers Schwanensee in Wien eine Chance? „Der Schwanensee steht nicht zur Debatte. In Wien steht noch Nurejews Choreografie hoch im Kurs. Ich werde mit anderen Stücken meinen Weg gehen“, sagt der Choreograf.
Schläpfers Aversion gegen Prokofieffs populäre Romeo-Version möchte er nicht als Affront gegen den von ihm hoch geschätzten Komponisten verstanden wissen. Denn seiner nächsten eigenen Produktion, den Ulenspiegeltänzen, die im Programm b.38 ab Anfang Februar im Theater Duisburg gezeigt werden, liegt Prokofieffs wenig gespielte siebte Symphonie zugrunde.
Der Wahl des Stücks ging, wie immer bei Schläpfer, eine intensive Auseinandersetzung mit dem Komponisten voraus. Nach seiner Ansicht hört man der Musik an, dass die siebte Symphonie in einer Zeit unter Stalins Damoklesschwert entstanden ist. Zerrissen zwischen den offiziellen Forderungen des sozialistischen Realismus, eigenen Zweifeln und innerer Ablehnung des Systems. In diesem Kontext ist auch Schläpfers Bild des Ulenspiegel zu sehen, den Schläpfer als hintergründige, schillernde und bizarr sarkastische Figur sieht. Ähnlich wie Daniel Kehlmann in seinem neuen Buch Tyll.
Andere Wege beschreitet Schläpfer mit seinem Ballett 44 Duos, das im Rahmen des Programms b.39 Anfang April im Düsseldorfer Opernhaus aus der Taufe gehoben wird. 44 kurze, teilweise sehr kurze Duos für zwei Violinen, die Béla Bartók als Übungsstücke mit fortschreitenden Schwierigkeitsgraden konzipiert hat und die in ihrer schlichten Knappheit einen denkbar schroffen Kontrast zu Monumentalwerken wie dem Schwanensee bilden. Gerade von der schlichten Machart der Stücke fühlt sich Schläpfer angezogen, wobei 44 Szenen eine besondere Herausforderung an die Fantasie des Choreografen stellen. Schläpfer nennt es „Rückkehr zum Einfachsten“. Ob und wie die 44 Episoden miteinander verbunden werden, darüber brütet Schläpfer noch.
Jedenfalls stehen den Ballettfreunden am Rhein mit den Ulenspiegeltänzen und den 44 Duos konzeptionell sehr unterschiedliche Werke bevor. Ob die Bewegungssprache Schläpfers, die in den letzten Produktionen mehr durch Wiederholungen als durch Neuerungen auffiel, dafür reichen kann, wird sich zeigen. Kritische Nachfragen zu diesem oder anderen Problemen des Balletts am Rhein wurden nicht gestellt. Die Ballettfreunde sehen ihre Aufgabe ohnehin eher in der Unterstützung der Arbeit des Meisters, weniger in der kritischen Hinterfragung. Auch die Frage, wie es mit dem Ballett nach dem Abgang Schläpfers weitergehen wird, spielte an dem Abend keine nennenswerte Bedeutung. Derzeit übernimmt ja bereits Ballettdirektor Remus Şucheană etliche Aufgaben des Künstlerischen Direktors. Die Ballettfreunde freuen sich derweil auf die nächsten Neuschöpfungen Schläpfers in den verbleibenden anderthalb Spielzeiten.
Pedro Obiera