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Das Schauspielhaus Düsseldorf mit dem Logo der Nacht - Foto © O-Ton

Alarmstufe Rot

Den meisten ist wohl nicht bewusst, dass die Veran­stal­tungs­wirt­schaft mit über einer Million Beschäf­tigter einen Großteil der bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Wirtschaft ausmacht. Seit dem 10. März steht dieser Teil der Wirtschaft de facto still. Die Night of Light will auf diese Notlage aufmerksam machen. In über 250 Städten Deutsch­lands haben über 7.000 Örtlich­keiten daran teilge­nommen, teils um ihrer Verzweiflung Luft zu verschaffen, teils um Solida­rität zu zeigen.

Dietrich und Gabriele Ahrens kämpfen um ihren Betrieb. – Foto © O‑Ton

Der Düssel­dorfer Stadtteil Gerresheim befindet sich im Umbruch. Die Glashütte ist liqui­diert. Ein riesiges Gelände an der Heyestraße liegt brach und wartet auf neue Bebauung. Der Bunker auf der gegen­über­lie­genden Straßen­seite wird saniert und erweitert. Neubau­ge­biete zur Innen­stadt hin sind erschlossen. Was nicht mitwächst, ist das kultu­relle Angebot. Da kam Dietrich Ahrens 2017 mit seiner Idee gerade recht, den alten Bahnhof in einen Event-Bahnhof umzuwandeln. Fortan konnten in den sanierten Räumlich­keiten Feier­lich­keiten aller Art gebucht werden. Auf dieser wirtschaft­lichen Grundlage hielt auch die Kultur Einzug in das Gebiet um die Heyestraße. Lesungen, Ausstel­lungen, Konzerte konnten so gegen­fi­nan­ziert werden. Die Bürger nahmen das Angebot gerne an. 25.000 Besucher konnte Ahrens im vergan­genen Jahr zählen.

Der gelernte Koch und Diplom-Volkswirt, geboren in Osnabrück, zwei Kinder mit Ehefrau Gabriele, konnte zufrieden sein. Mehr als hundert Mitar­beiter beschäf­tigte er an verschie­denen Stand­orten. Die Strategie hieß Expansion. Bis zum 10. März dieses Jahres. Es dauerte eine Weile, bis Ahrens begriff, was passiert war. Dass der Shutdown ihm jede Möglichkeit einer Berufs­aus­übung entzog. Die Ausgaben liefen weiter, die Einnahmen blieben vollständig aus. Eine Sofort­hilfe des Landes war blitz­schnell verbraucht, die Stundung des Vermieters, die dieser gewährte, verschiebt den finan­zi­ellen Aufwand um ein paar Monate. Aber der Alptraum bleibt. Hilfe von der Stadt, die sonst gerne seine Steuern kassierte, ist nicht in Sicht. Der Oberbür­ger­meister, der in der Anfangszeit zu Besuch kam, hat jetzt keine Zeit mehr. Ahrens lässt sich nicht ins Bockshorn jagen. Er baut auf die Solida­rität seiner Gäste.

Der Unter­nehmer aus Düsseldorf ist kein Einzelfall. Mehr als eine Million Beschäf­tigte sind in der Veran­stal­tungs­wirt­schaft tätig. Oder eben nicht. Ein Milli­ar­den­markt liegt von jetzt auf gleich brach, ohne dass die Regierung davon Kenntnis nimmt. Das ist kein morali­sches Problem, auch wenn man natürlich darüber nachdenken kann, dass die Automo­bil­in­dustrie da noch lange nicht heran­kommt, die gerade gepampert wird. Schon jetzt ist klar, dass viele Menschen in der Veran­stal­tungs­wirt­schaft den Shutdown ökono­misch nicht überleben werden. Um darauf aufmerksam zu machen, fand am 22. Juni die Night of Light statt. Warum es keine Lichter­nacht sein kann: geschenkt. Betroffene Veran­stal­tungsorte wie auch all die, die ihre Solida­rität zeigen wollten, waren aufge­fordert, ihre Häuser rot anzustrahlen. Ein visuell flammender Appell an die Regierung, sich endlich nicht nur um die mit der stärksten Lobby, sondern auch um die zu kümmern, die am stärksten von deren Maßnahmen betroffen sind. Unter dem Slogan „100 Tage länger überleben wir nicht!“ sollten die Häuser „brennen“. Über 250 Städte meldeten sich mit mehr als 7.000 Veran­stal­tungs­orten zu der Aktion an.

Travestie-Künstler Diana Diamond hält einen Appell für den Weiter­be­stand der Veran­stal­tungs­wirt­schaft. – Foto © O‑Ton

Auch Ahrens nutzte die Aktion, um auf die Bedrohung seiner Betriebe hinzu­weisen. Er lud zu einer Party in den Event-Bahnhof Gerresheim. Sollten zufällig Künstler im Publikum sein, waren die aufge­fordert, sich auf einer Freiluft­bühne zu präsen­tieren. Und Künstler wie Gäste kamen. In allmählich zuneh­mender Dunkelheit „entflammte“ das Gebäude im roten Licht, während Travestie-Künstler Diana Diamond, im Leben abseits des Bühnen­lichts Dario Naunheim, einst Praktikant bei Olivia Jones, eine flammende Rede hält, warum es den Event-Bahnhof weiter geben muss. Ahrens sieht es scheinbar gelas­sener und vertraut auf sein Publikum. Gibt es bis Ende des Jahres genügend Buchungen, kann die Krise abgewendet werden. Außerdem wird voraus­sichtlich im August der Außen­be­reich in Betrieb gehen, ein weiterer Hoffnungs­schimmer. Überlebt sein Unter­nehmen Münch­hausen, überleben auch die Künstler, die er querfi­nan­ziert. Ein paar Großver­an­stal­tungen könnten die Rettung bringen, sinniert Ahrens. Aber die wird es auf lange Zeit nicht geben. Da ist der Unter­nehmer schon froh, dass er auf der Galopp-Rennbahn im Aaper Wald eine Gastro­nomie eröffnet hat, in der es genügend Platz für allerlei Ideen gibt. Verraten will er noch nichts.

Die Aktivisten hätten es gern gehabt, wenn Deutschland an diesem Abend rot erleuchtet worden wäre. Und wer sich die Bilder in den so genannten sozialen Medien angeschaut hat, könnte diesen Eindruck gewinnen, vor allem, was die östlichen Städte angeht. Da brannte es sinnbildlich lichterloh. Alarm­stufe Rot. In Düsseldorf geht es in Sachen Solida­rität eher gelassen zu. Die nächt­liche Rundfahrt sorgt für Ernüch­terung. Auf dem Schau­spielhaus leuchtet immerhin eine große rote Fläche mit Logo und Werbung auf. Inmitten des Baustel­len­be­triebs durchaus ein Zeichen. Die Museen zünden kleine Leucht­feuer, die eher an Verzierung als an Mahnmal denken lassen. Der Funkturm scheint von innen zu glühen. Das ist allemal besser als ein Opernhaus, das im Dunkel liegen­bleibt. Aber das kennen wir. Solida­rität scheint ein Fremdwort bei staat­lichen Insti­tu­tionen, die über ausrei­chende Budgets verfügen, um die Krise unbeschadet zu überstehen.

Ahrens sieht der Zukunft positiv entgegen. Wenn er das Überleben bis Ende des Jahres schafft, kann er weiter­machen. Und damit dürfte er eine Ausnahme in der Veran­stal­tungs­wirt­schaft darstellen. Andere werden die Maßnahmen der Regierung wirtschaftlich nicht überleben. Hoffen wir, dass die Regis­seure, Beleuchter, Bühnen­tech­niker, Event-Manager und nicht zuletzt die Kultur­schaf­fenden in ihrer Gesamtheit dann wenigstens in der Gastro­nomie unter­kommen können. Oder besser: Dass die Regierung die Alarm­stufe Rot erkennt.

Michael S. Zerban

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