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Vor 35 Jahren übernahm Ernst von Marschall das Jugendsinfonieorchester an der Musikschule, ging damit vor 18 Jahren an die Tonhalle Düsseldorf und baute die Arbeit kontinuierlich aus. Jetzt geht der Dirigent in den Ruhestand. Und freut sich, dass sein Werk von György Mészáros weitergeführt wird.

Ernst von Marschall hat mit dem Jugendorchester-System an der Tonhalle etwas bundesweit Einmaliges geschaffen. Und – das ist genauso wichtig – er hat es 18 Jahre lang gehegt, gepflegt und wachsen lassen. Das ist eine Lebensleistung. Mit György Mészáros übernimmt ein Künstler dieses System, der im Profi- wie im Nachwuchs-Bereich einen exzellenten Ruf genießt. Die Zustimmung während der Auswahlphase war von allen Seiten so deutlich, dass wir uns ab jetzt auf die neuen Impulse von György Mészáros freuen“, beschreibt Michael Becker, Intendant der Düsseldorfer Tonhalle, das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit.
Angefangen hat es 1989, als Ernst von Marschall an der Clara-Schumann-Musikschule ein Jugendsinfonieorchester übernahm, das bereits 1967 als eines der ersten Jugendorchester Deutschlands in sinfonischer Besetzung von Victor Adams gegründet worden war. Ursprünglich stammt von Marschall aus Unteribental im Schwarzwald. Als er nach Freiburg kam, um wie sein Vater Jura zu studieren, nahm er – mehr aus Spaß – an einer Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule teil und wurde angenommen. Also studierte er Violine in Freiburg, wechselte zum Melos-Quartett nach Stuttgart, um sich der Kammermusik zu widmen, und erlernte schließlich das Dirigieren in Würzburg. „Ich bin offensichtlich ein ‚Entwickler-Typ‘, weniger ein ‚Bewahrer‘, und habe gerne in großen Zeitabschnitten gedacht“, sagt von Marschall über sich selbst. 1995 entwarf er erstmals seine Vision von einem Jugendsinfonieorchester, die er ausgiebig mit dem damaligen Intendanten der Tonhalle, Freimut Richter-Hansen, diskutierte. Aber es sollte noch bis 2007, also bis zur Amtsübernahme von Michael Becker, dauern, bis seine Vision Wirklichkeit wurde und das Jugendsinfonieorchester an die Tonhalle wechselte. Damit freilich „entstanden große, neue Entwicklungsräume, die ich genutzt habe, und wir sehen heute in der Tonhalle ein mindestens europaweit einmaliges System“, blickt von Marschall nicht ohne Stolz auf sein Werk zurück.
Das „System“ ist insofern eindrucksvoll, als es bereits Kinder musikalisch in einem Kinderorchester mit heute rund 50 Mitgliedern einbindet, übergangslos das U16-Orchester anschließt, in dem heute etwa 70 Teilnehmer im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren mitwirken, ehe sie sich durch ein Vorspiel für das eigentliche Jugendsinfonieorchester bewerben, das derzeit um 100 Musiker im Alter von 15 bis 25 Jahren umfasst. Darunter sind zahlreiche Preisträger und Bundessieger des Wettbewerbs Jugend musiziert. Wöchentliche Proben werden ergänzt durch intensive Probenfreizeiten in Jugendherbergen im Umland. Zusätzlich betreuen Mitglieder der Düsseldorfer Symphoniker die einzelnen Orchestergruppen. So erarbeitet das Orchester in der Regel zwei bis drei Sinfoniekonzertprogramme pro Saison, die in der Tonhalle und auf Orchesterreisen zur Aufführung kommen. In guter Erinnerung ist noch der letzte Auftritt in Zusammenarbeit mit dem Konzertchor Ratingen, bei dem das Orchester nicht nur glänzen, sondern anschließend auch nach Italien reisen konnte, um sich dort mit dem Brahms-Requiem feiern zu lassen.
35 Jahre Jugendarbeit, davon 18 Jahre Aufbauarbeit in der Tonhalle: Irgendwann muss der Staffelstab übergeben werden. Schließlich ist niemand unersetzlich, aber wer eine solche Leistung bringt, bleibt wenigstens in guter Erinnerung. Und je größer die Meriten, wie im Fall des Dirigenten von Marschall, desto schwieriger ist die Frage der Nachfolge zu lösen.
Einstimmig angenommen

Anders als in anderen kulturellen Institutionen der Stadt, wo gern mal „gekungelt“ wird, um „Chefdirigenten“ zu finden, hat die Tonhalle die Position von Ernst von Marschall öffentlich ausgeschrieben. Mehr als 150 Bewerbungen aus Europa, den USA und Asien wurden nach Angaben der Tonhalle in den vergangenen Monaten gesichtet. Dreizehn Bewerber wurden zum Vorstellungsgespräch eingeladen, fünf von ihnen absolvierten Probedirigate. Das Ergebnis, zu dem neben der Geschäftsführung der Tonhalle unter anderem auch Mitglieder der Düsseldorfer Symphoniker und des Jugendsinfonieorchesters fanden, überzeugt.
„Ich freue mich ganz besonders auf diese ehrenvolle Aufgabe, denn meine bisherige Arbeit mit Kinder- und Jugendorchestern hat von mir immer die volle Bereitschaft gefordert, mich musikalisch-künstlerisch und pädagogisch mit allen Facetten des Orchesterspiels und des Dirigierens auseinanderzusetzen. Die Erfahrung ist unvergesslich, wenn nach langer Probenarbeit – was bei den Jugendlichen eine vollständige Aufmerksamkeit und Anstrengung fordert, wie kaum eine andere Beschäftigung – ein Konzert gut gelingt, und sie glücklich von der Bühne kommen“, sagt Györgi Mészáros. Der 40-jährige Pianist und Dirigent ist aktuell Erster Kapellmeister und stellvertretender Generalmusikdirektor am Landestheater Detmold. In der Spielzeit 2021⁄22 bekleidete er dort kommissarisch die Position des Generalmusikdirektors. Die Förderung und Ausbildung des musikalischen Nachwuchses ist ein wesentlicher Teil seiner bisherigen dirigentischen Tätigkeiten. Neben seinem Lehrauftrag für Orchesterleitung an der Hochschule für Musik Detmold leitet er viele Projekte mit Kinder- und Jugendorchestern. Zudem ist er als Künstlerischer Leiter und Dirigent beim Kinderorchester NRW im Bereich Planung und Gestaltung der Familienkonzerte tätig. Bei den Jungen Sinfonikern Bielefeld arbeitet er regelmäßig als Gastdirigent. Seine Erfahrung sorgte dafür, dass sich das Auswahlgremium einstimmig für ihn entschied. Und so wird er seine Stelle in der Tonhalle zum 1. Juli dieses Jahres antreten. „Meine Ziele sind, diese einzigartig großartige Struktur mit den drei sich ergänzenden und aufeinander aufbauenden Kinder- und Jugendorchestern, die Herr von Marschall zusammen mit der Unterstützung der Tonhalle ausgebaut hat, weiter zu erhalten und zu formen. Ich möchte auch neue künstlerische Impulse setzen, um das hohe Niveau zu fördern“, erzählt der Vater dreier Kinder.
Es ist ungewöhnlich, dass jemand, der bereits als Generalmusikdirektor gearbeitet hat, sich noch dermaßen in der Jugendarbeit engagiert. „Ich denke, an sich ist ein Jugendorchester die schönste Verbindung zwischen unserem hochkulturellen Erbe und der Zukunft, wie wir uns sie wünschen oder vorstellen sollten. Es ist wie die Darstellung eines Janusgesichtes bei den antiken Römern: Ein Gesicht blickt in der Zeit zurück, das andere nach vorne – und deren Verbindung können wir hier und jetzt gestalten und erleben!“, erklärt Mészáros gern, was ihn bewegt.
Und Ernst von Marschall, der Mann, der von sich sagt: „Das JSO ist mein Leben“? Werden seine Schützlinge ihm künftig auf einer Parkbank im Zoo-Park beim Entenfüttern begegnen? Die Wahrscheinlichkeit geht gegen null. Denn von Marschall kehrt in seine Heimat zurück. Im Unteribental im Schwarzwald schließt sich der Kreis. Damit sich neue Kreise öffnen können. Gemeinsam mit seiner Frau Caroliná, die er bereits in Würzburg während des Musikstudiums kennenlernte, hat er schon vor einiger Zeit den Melcherhof erworben und saniert. In dem Schwarzwaldhaus wird ein neues Kulturzentrum entstehen. Und muss man es eigentlich erwähnen? Bereits Ende Mai wird dort das Kinderorchester der Tonhalle Düsseldorf zu Gast sein.
Michael S. Zerban