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Bei oberflächlicher Sicht auf Opernstudios könnte man schnell darauf kommen, dass es sich hier um die Beschaffung billiger Arbeitskräfte für den Opernbetrieb handelt. Seriöse Opernstudios allerdings investieren auch in die Fortbildung der jungen Sänger. Im Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg beispielsweise werden zusätzlich Meisterkurse angeboten. Erstmalig hat sich jetzt der Gesangsprofessor Konrad Jarnot der jungen Leute angenommen.

Für die Aufnahme im Opernstudio müssen mehrere Dinge zusammenkommen. Neben den formalen Voraussetzungen, wir haben eine Altersgrenze von maximal 28 Jahren, müssen die jungen Sänger uns beim Vorsingen stimmlich und persönlich überzeugen. Dabei geht es nicht darum, schon komplett fertige Künstler zu engagieren, sondern wir suchen vielversprechende junge Talente, die in der Zwischenphase zwischen Hochschule und Engagement ihr Potenzial im Opernstudio entfalten und weiterentwickeln können“, sagt Ville Enckelmann, Künstlerischer Leiter des Opernstudios der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Wenngleich die Kriterien eher schwammig klingen, führen sie offenbar zu einem Erfolgsmodell. Immer wieder schließen sich für die Opernstudio-Absolventen Engagements an anderen Häusern an, wenn sie nicht gleich in das Ensemble der Rheinoper übernommen werden wie etwa Luiza Fatyol, die derzeit Erfolge als Valerie in La traviata feiert.
Es gibt sechs Plätze im Opernstudio, die je nach Vertragsdauer für ein oder zwei Jahre besetzt werden. Das bedeutet, dass die Nachwuchssänger sich nicht zwei Jahre in einem eingeschweißten Team in die Welt auf und hinter der Opernbühne einfinden, sondern das Opernstudio die Wirklichkeit ständig wechselnder Beziehungen widerspiegelt. Gerade vor einigen Wochen ist der Bass Valentin Ruckebier dazugestoßen. Er hat bereits ein Kompositionsstudium absolviert, bei Ludwig Grabmeier und anschließend bei Konrad Jarnot an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf Gesang studiert. Damit ist er ein typischer Opernstudio-Kandidat. Stimmlich hochbegabt, mit ungewöhnlicher Lebenserfahrung für sein Alter und bereits mit einigen Auftritten erfolgreich. Ruckebier durfte bereits erleben, wie es in Österreich funktioniert. „Es gibt ja verschiedene Modelle von Opernstudios in Europa. In Linz habe ich zum Beispiel erlebt, dass die eigene Produktionen erarbeiten. So was finde ich auch ganz spannend. Aber vielleicht kommt ja hier auch noch so was“, sagt Ruckebier. So etwas gab es bereits. Unter der Leitung von Mechthild Hoersch fanden bis 2016 erfolgreiche Eigenproduktionen des Opernstudios Düsseldorf statt. Mit ihrem Weggang strukturierte Christoph Meyer, Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, das Opernstudio neu. „Ziel des Opernstudios der Deutschen Oper am Rhein ist es, hochtalentierte junge Sänger aus der ganzen Welt auf dem Weg zur künstlerischen Karriere zu fördern und ihnen eine optimale Vorbereitung auf den Beruf zu ermöglichen. Dazu gehören regelmäßige Solorepetition, Repertoireaufbau, Ensembleproben, Rollenstudium, Vorsingtraining, Sprachcoaching, szenische Workshops und musikalische Meisterklassen“, formulierte der Intendant den bis heute gültigen Weg neu.

Damit bekamen die Meisterklassen eine neue Wertigkeit. Waren sie doch fortan der einzige Weg für die Opernstudio-Teilnehmer, neben kleineren Rollen in großen Produktionen der Rheinoper, sich als Sänger in eigenständigen Leistungen zu profilieren. Meisterklassen oder Meisterkurse, beide Begriffe werden meist synonym verwendet, sind in Form und Umfang nicht festgelegt, sondern besagen zunächst einmal nur, dass ein „Meister“, also ein sehr erfahrener Mensch in seinem beruflichen Fach, dem Nachwuchs etwas von seinen Erfahrungen im Berufsleben vermittelt. An der Rheinoper dauern die Meisterkurse im Gesang eine Arbeitswoche, werden zumeist von erfolgreichen Sängern angeboten, und schließen mit einem Konzert, in dem die Opernstudio-Mitglieder die in der Woche erworbenen Kenntnisse darbieten. Das übliche Vorgehen in diesen Kursen sieht so aus, dass die Sänger Partituren mitbringen, die sie mit dem „Meister“ in Klavierbegleitung bearbeiten. Dabei steht in der Regel die Singtechnik im Vordergrund. Eine besondere pädagogische Befähigung wird nicht abgefragt. Trotzdem entsteht nahezu immer eine Win-win-Situation. Der Ausrichter, in diesem Fall die Rheinoper, darf sich mit großen Namen wie Helen Donath, Linda Watson, Camilla Nylund oder Franz Grundheber schmücken, für den Nachwuchs ist es in jedem Fall eindrucksvoll, Personen, die eine glanzvolle Karriere auf der Opernbühne hinter sich gebracht haben, zu begegnen und ihre eigenen Träume beflügeln zu lassen, und am Ende dürfen sich auch die zumeist älteren Herrschaften noch einmal öffentlich dafür feiern lassen, dass sie ihre Erfahrungen an den Nachwuchs weitergegeben haben.
Wer Belcanto singen kann, weiß mehr für das Leben als Sänger
Der Chorprobensaal liegt im zweiten Stock. Er ist funktional, akustisch abgeschottet und genauso heruntergekommen wie der Rest des Hauses. Vor einem dreistufigen Podium ist Platz für einen Flügel und eine kleine Auftrittsfläche. Die Geländer an den Podien, an denen alte Bretter angebracht sind, von denen kleine Beutel mit Schreibmaterialien herabbaumeln, wackeln. Immerhin gibt es Stühle, die man in der Öffentlichkeit allerdings nicht sehen möchte. Hier arbeiten zu müssen, kann man nur mit der Begeisterung für das Metier erklären. Die Zustände sind bekannt. Sie stehen stellvertretend für den Beschluss des Stadtrates, den unrettbaren Zustand des Gebäudes durch einen Neubau zu ersetzen. Hierhin hat sich das Opernstudio für eine ganze Woche zurückgezogen. In leicht dezimierter Version. Der Tenor Sander de Jong, so wird Meyer beim Abschlusskonzert erklären, ist unabkömmlich bei den Proben zu Don Pasquale, die Sopranistin Ekaterina Aleksandrova hat der Virus erwischt, vor dem sie alle Angst haben. Nein, eigentlich nicht vor dem Virus, sondern eher vor dem positiven Testergebnis. Trotzdem unterziehen sich alle Anwesenden jeden Tag einem Test, um nicht das Gesamtergebnis zu gefährden.
Denn als Gast ist zum aktuellen Meisterkurs der Bariton Konrad Jarnot eingeladen. Er tritt nur noch in Ausnahmefällen auf, hat sein Herz der Lehre verschrieben. Als Gesangsprofessor der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf sorgt er regelmäßig für Nachwuchs im Opernstudio der Rheinoper. Er hat nicht nur ein unfassbares Gespür für sich entwickelnde Stimmen, sondern vermag sie auch zu Höchstleistungen zu bringen, wenn sie ihm ausreichend vertrauen. Damit hat die Rheinoper erstmalig einen fähigen Pädagogen für den Meisterkurs beauftragt. Der stellt auch gleich alles auf den Kopf. Training der Stimmtechnik mit viel Anfassen? Fehlanzeige. „Mir war wichtig, den Sängern im Opernstudio Grundsätzliches auf den Weg zu geben. Deshalb haben wir das Thema Stilistik des Belcanto-Gesangs gewählt. Weil ich glaube, dass das auch auf die weitere Entwicklung des Operngesangs übertragbar ist“, erklärt der Gesangslehrer. Eine ungewöhnliche Herangehensweise für die jungen Sänger, die zunächst auch mit gesundem Misstrauen reagierten. Bis sie erkannten, dass Jarnot ihnen mehr beibringen konnte, als sie das von den bisherigen Meisterkursen kannten. „Ich habe das Glück, dass ich bei Konrad Jarnot ja auch studiere. Ich kenne also sein Vokabular und weiß, worauf er hinauswill. Aber trotzdem habe ich unglaublich viel gelernt hier in der Woche. Viel reichhaltiger, als man auch im Unterricht darauf eingehen kann. Über allem stand der Satz Technik ist Stilistik und Stilistik ist Technik. Daran haben wir einfach sehr fokussiert gearbeitet in den letzten vier Tagen“, beschreibt Ruckebier die ungebrochene Begeisterung für seinen Lehrer.

Am vierten Tag haben sich auch die übrigen Opernstudio-Teilnehmer an die ungewöhnliche Herangehensweise von Jarnot gewöhnt. Die Stimmung ist hervorragend. Die Gemeinschaft eingeschworen. „Das Besondere an Konrad Jarnot ist, dass er uns als Künstler nimmt und nicht als Studenten. Er belehrt uns nicht, sondern respektiert unsere musikalischen Ideen und Interpretationen. Und wir haben nicht nur an der Stimme gearbeitet, was oft in Meisterkursen der Fall ist, sondern Technik, Musikalität und Interpretation kombiniert. Da kann man sich auf Augenhöhe austauschen, was ich sehr gut finde“, sagt Carmen Artaza. Warum die Mezzosopranistin eigentlich überhaupt noch in einem Opernstudio ist, fragt man sich. Preisgekrönt, stipendienverwöhnt, in Salzburg im Young Singers‘ Project aufgetreten, was eigentlich noch? Düsseldorf wird also zum Sprungbrett für sie werden. Dass es auch für sie noch allerlei zu lernen gibt, zeigt Jarnot ihr, auch wenn sie sich der Videoaufnahme entzieht, die der Lehrer am vierten Tag anbietet. Beim Abschlusskonzert am darauffolgenden Tag wird die spielfreudige Artaza zeigen, dass sie viele Hinweise verinnerlicht hat. Bariton Jake Muffet mit seiner voluminösen Stimme hingegen zeigt sich vom „Videobeweis“ absolut begeistert. „Belcanto ist sehr spezifisch und einfach schwierig zu singen. Da habe ich gerade in stilistischer Hinsicht in dieser Woche noch viel lernen können“, erzählt er. Dass Sänger aus dem Königreich es überhaupt nach Europa schaffen, ist relativ selten, auch dann, wenn jemand wie er schon eine beachtliche Auftrittsserie hinter sich hat. Was er über das Legato in der vergangenen Woche gelernt hat, wird er vermutlich noch seinen Enkeln erzählen.
„Wir haben in dieser Woche sehr entspannt und mit viel Spaß Belcanto-Repertoire und auch unbekannte Stücke vorbereitet. Ich habe bereits in meiner Heimat Südkorea bei meiner Lehrerin dort Belcanto studiert. Aber in den letzten vier Jahren hier in Deutschland habe ich das meiste wieder vergessen. So war es eine gute Wiederholung. Und es ist sehr erfrischend gemacht“, erzählt Chorong Kim, die sich am vierten Tag eigentlich schonen will, aber dann doch dem Auftritt stellt. Jarnot ist es in der vergleichsweise kurzen Zeit gelungen, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, bei dem man als Sänger einfach Lust auf mehr bekommt.
Konzert als Dankeschön

Fünf intensive Tage im geschützten Raum haben die Opernstudio-Mitglieder absolviert. Jetzt heißt es, das erworbene Wissen auch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dieses Abschlusskonzert findet traditionell im Maxhaus am anderen Ende der Altstadt statt. Ein schöner Raum mit guter Gesangsakustik, in dem eine kleine Bühne und eine Theke aufgebaut sind. Auch Intendant Meyer hat es sich nicht nehmen lassen, das Konzert zu besuchen, und setzt damit auch ein Zeichen für die Bedeutung des Opernstudios im Gesamtbetrieb der Deutschen Oper am Rhein. Das Programm ist klar. Schließlich haben die jungen Sänger sich ja ausreichend mit dem Belcanto, dem Schöngesang, auseinandergesetzt. Aber es darf eben auch Unbekanntes dabei sein. Jake Muffet hat sich die Arie des Camoens O Lisbona, alfin ti miro aus Gaetano Donizettis Don Sebstiano vorgenommen. Erstaunlich, wie er das Vorspiel gelassen aushält. Das sah am Vortag noch ganz anders aus. Auch Chorong Kim wirkt eher entspannt, wenn man das bei einer Sängerin während ihres Vortrags überhaupt sagen kann. Die Arie der Marie Il faut partir aus der doch bekannteren Oper La fille du régiment geht ihr flüssig über die Lippen, ehe sie mit Valentin Ruckebier im Duett Signorina, in tanta fretta aus Don Pasquale singt. Auch Ruckebier wirkt bei seinem Vortrag der Arie des Procida O tu Palermo aus I vespri Siciliani von Giuseppe Verdi viel überzeugender als noch am Vortag, nachdem Muffett noch Alphonses Léonor, viens … aus La favorite dargeboten hat.
Von Verspieltheit ist bei Carmen Artaza an diesem Abend nichts mehr zu sehen. Stattdessen zeigt sie Eleganz nicht nur in der Stimme, wenn sie in der Arie Werther! … Ces lettres! der Charlotte aus Jules Massenets Werther eine ganze Gefühlswelt offenbart. Die Arie der Linda O luce di quest’anima aus Donizettis Linda de Chamounix gelingt Kim ebenfalls wunderbar. Zum Abschluss gibt es überraschenderweise kein Quartett, sondern das Duett von Isabella und Taddeo Ai capricci della sorte aus Rossinis L’Italiana in Algeri, dargeboten mit viel Verve von Artaza und Muffett. Man darf die Auftritte der jungen Sänger an diesem Abend getrost als Dankeschön an ihren Lehrer begreifen. Und so versteht es wohl auch das Publikum, das begeistert nicht nur dem Nachwuchs, sondern auch Jarnot applaudiert. Wie sagte Enckelmann? „Junge Talente, die in der Zwischenphase zwischen Hochschule und Engagement ihr Potenzial im Opernstudio entfalten und weiterentwickeln können.“ Das haben die vier Sänger unter Beweis gestellt, indem sie mit Hilfe von Konrad Jarnot in nur einer Woche einen gewaltigen Schritt nach vorn gegangen sind, der sicher auch über den Tag hinausreichen wird.
Michael S. Zerban