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Eine Meisterklasse mit der Sopranistin Camilla Nylund zu besuchen, gehört nicht zu den Alltäglichkeiten im Leben eines Opernsängers. Die Nachwuchssänger des Opernstudios der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg bekamen jetzt diese schöne Gelegenheit. Entstanden ist dabei ein Video, das einen Einblick in die Probenarbeit verspricht und das Abschlusskonzert – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – zeigt. Am 15. Mai wird der kurze Film online gehen.

Gerade mal Anfang 50 ist Camilla Nylund schon so etwas wie eine Legende. Geboren im finnischen Vaasa, studierte sie Musikwissenschaften und Gesang in Turku, bis sie am Mozarteum in Salzburg angenommen wurde. Von dort aus startete sie eine dieser einzigartigen Karrieren, die nur einer Hand voll Opernsängern in einer Generation vorbehalten sind. Ihr Repertoire führt sie an alle berühmten Opernhäuser dieser Welt. Aber auch die Sängerin im Stimmfach dramatischer Sopran hat gerade ein bisschen mehr Zeit, als ihr lieb ist.
Solokünstler, und das sind Opernsänger immer häufiger, haben schwere Zeiten hinter und vermutlich auch noch vor sich. Viel härter aber als erfahrene Solisten, die ihre Karriere und Bekanntheit aufgebaut haben, trifft es den Nachwuchs. Wie zum Beispiel Ekaterina Aleksandrova, Sander de Jong, Luvuyo Mbundu, Jake Muffet, Andrei Nicoara oder Anna Rabe. Die sechs jungen Leute aus den Niederlanden, Russland, Südafrika, Großbritannien, Rumänien und Deutschland haben eines gemeinsam. Nach ihrem Gesangsstudium haben sie einen Platz im Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg bekommen. Eigentlich, so sollte man meinen, ein Glücksgriff. Denn in so einem Opernstudio konnten sie bis März vergangenen Jahres erste Aufführungspraxis erwerben, Kontakte knüpfen und den Arbeitsalltag in einem Theater kennenlernen. Nicht selten ist das Opernstudio auch Sprungbrett für die weitere Karriere. Luiza Fatyol und Olesya Golovneva, um nur zwei Namen junger, herausragender Sängerinnen zu nennen, haben das Opernstudio in Düsseldorf absolviert, ehe sie lückenlos in feste Ensembles wechselten. Tempi passati.
Dass auch Meisterklassen in die Zeit des Opernstudios gehören, erweist sich tatsächlich als Glücksfall. Denn Intendant Christoph Meyer ist es gelungen, Camilla Nylund nach Düsseldorf einzuladen. Eine Woche haben die jungen Leute Gelegenheit, mit der Weltklasse-Sängerin zu arbeiten. Neben dem Umstand, dass es hier eine Menge fürs Leben zu lernen gibt, ist das auch eine Woche, die aus keinem Lebenslauf, aus keiner Biografie mehr verschwindet. Und obwohl Eva Hölter, die für die organisatorische Leitung des Opernstudios verantwortlich ist, üblicherweise alles unternimmt, ihre „Schützlinge“ der Öffentlichkeit vorzuenthalten, lässt sich die Marketingabteilung der Rheinoper diese Gelegenheit nicht entgehen, aus dem prominenten Besuch Kapital zu schlagen. Sie beauftragt den Filmemacher Jo Alexander Berg, einen Videofilm herzustellen.

Ein solcher Film böte hervorragende Gelegenheiten. Man könnte die Opernstudio-Teilnehmer vorstellen, sich mit Nylund und Meyer darüber unterhalten, welche Chancen sie für den Nachwuchs unter den gegebenen Umständen überhaupt noch sehen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Aber irgendjemand scheint seine Aufgabe nicht richtig ernstgenommen zu haben. Und so bleibt es dabei, dass ein paar Bilder aus dem Probenraum gezeigt werden, Nylund und Meyer Allgemeinplätze von sich geben und anschließend ein verkürztes Abschlusskonzert aus dem Düsseldorfer Maxhaus gezeigt wird. Damit dauert das Video dann auch nicht ganz eine halbe Stunde.
Das Maxhaus in Düsseldorf ist ein ehemaliges Kloster und versteht sich heute als das Zentrum der katholischen Kirche in der Landeshauptstadt. Der mit Glas überdachte Innenhof des Gebäudes eignet sich für Konzerte mit Publikum, und so manches Opernstudio-Mitglied hat hier schon seinen Auftritt zum Abschluss eines Meisterkurses absolviert. Ohne Publikum allerdings, so kann man im Video lernen, scheint die Akustik eher unzulänglich, zumal, wenn die Tontechnik es nicht ausgleicht. Dabei hat das Opernstudio ein durchaus anspruchsvolles Kurzprogramm zusammengestellt, wenn man vielleicht vom ersten Auftritt absieht. Da singt Jake Muffet die Arie Papagena, Papagena aus der Zauberflöte. Das hat man schon oft pfiffiger gehört. Auch wenn die Akustik nicht stimmt, hängt die Wirkung hier ja auch stark vom Auftritt des Sängers ab, und da ist das Zücken der Flöte nicht alles. Überhaupt verwundert nach einer Woche mit Nylund etwas, dass die Sänger allesamt sehr steif auf der Bühne stehen. Auch Ville Enkelmann, hoch engagierter Künstlerischer Leiter und Klavierbegleiter, vermag kein rechtes Feuer zu entfachen, gleichwohl sein Spiel einwandfrei ist. Mbundu präsentiert sich mit E fra quest’ansie aus I pagliacci ordentlich. Rabes Koloraturen in der Arie der Zerbinetta aus Ariadne auf Naxos sind kunstfertig gesungen, schaffen es aber ebenfalls nicht, die Tücken der Akustik in der Aufzeichnung zu überwinden. Aleksandrova wagt sich gekonnt an Nobles Seigneurs, salut aus Meyerbeers Hugenotten. Und mit Nicoaras Arie des Rocco aus Beethovens Fidelio ist die Aufzeichnung dann bereits zum Ende gekommen. Das ist wirklich kurz und knapp. Selbst den gemeinsamen Vorhang gibt es nur als Pressefoto.
Dass man sich diesen Film trotz aller Kritik unbedingt ansehen sollte, hat einen einfachen Grund. Man wird die Teilnehmer des Opernstudios in dieser Funktion kaum noch erleben dürfen. Sich das nicht anzusehen, hieße sechs wunderbare Nachwuchssänger nicht gesehen zu haben. Das haben weder sie noch das Publikum verdient. Also heißt es am 15. Mai um 16 Uhr: unbedingt einschalten. Die Rheinoper allerdings muss sich fragen lassen, ob sie das Thema Internet tatsächlich ausreichend ernst nimmt.
Michael S. Zerban