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Foto © O-Ton

Jedes Konzert ist Hoffnung

Privater Gesangs­un­ter­richt ist eine höchst intime Angele­genheit zwischen Lehrer und Schüler. Zeugen unerwünscht, zumindest meist auf Seiten des Schülers. Aber einmal im Jahr schickt Rolf A. Scheider seine Schüler auf die Bühne. Und dann gehen sie gern – gemeinsam. Jetzt ist es wieder so weit. O‑Ton durfte eine Probe besuchen, ehe das Konzert Ende Oktober ausschließlich für geladene Gäste stattfindet.

Foto © O‑Ton

Sonntag­nach­mittag. In der evange­li­schen Petrus­kirche im Düssel­dorfer Stadtteil Unterrath herrscht reger Betrieb. Es ist eine ungewöhn­liche Kirche, und das liegt auch am Archi­tekten. Helmut Hentrich legte eine stramme Nazi-Karriere hin, behauptete anschließend, völlig unpoli­tisch zu sein und, das macht es schwierig, zeigte seine größten Arbeiten in der Nachkriegszeit. Berühmt wurde er mit Hochhaus­bauten in den 1960-er und 1970-er Jahren, darunter auch das Dreischeiben-Haus in Düsseldorf. Die Petrus­kirche wurde 1959 fertig­ge­stellt und weist bis heute in die Zukunft sakraler Bauten. Um so etwas zu schaffen, braucht es einen visio­nären Geist. Nein, es ist keine Kathe­drale, sondern eine Stadt­teil­kirche, licht­durch­flutet, trans­parent, mit inter­es­santen Licht­ef­fekten, in sanftem Schwung führen die Stufen zum Altarraum hinab. Sehr einladend. Und zugegeben, die Leute, die an diesem Nachmittag die Kirche bevölkern, werden sich vermutlich die wenigsten Gedanken über ihren Archi­tekten machen. Sie sind ausschließlich mit ihrem Gesang beschäftigt.

Es gibt viel zu tun. Einmal im Jahr lädt der Bass-Bariton Rolf A. Scheider seine Gesangs­schüler zu einem gemein­samen Konzert ein. Das geht schon seit sieben oder acht Jahren so. Denn so intim auch die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist – und das ist hier im Sinne von geschützten Räumen zu verstehen, in denen sich Menschen frei entwi­ckeln können – muss ja auch irgendwann mal der Schüler, egal welchen Geschlechts, an das Licht der Öffent­lichkeit und zeigen, was er gelernt hat. Mit dem jährlich statt­fin­denden Schüler-Konzert bietet Scheider seinen Schütz­lingen eine Plattform, auf der sie sich vor geladenen Gästen, also in der Regel Freunden oder Famili­en­an­ge­hö­rigen, präsen­tieren können. Und seine Schüler freuen sich auf die Aufführung. Dass sie den Gesangs­lehrer und den Korre­pe­titor dafür bezahlen müssen, nehmen sie gerne in Kauf. Denn das Erlebnis des gemein­samen Konzerts hat sie längst zusam­men­ge­schweißt. Auch private Freund­schaften darüber hinaus seien längst entstanden, weiß Scheider zu berichten. Was ihn persönlich freut.

Profes­sio­nelle Probe

Scheider selbst hat nie die ganz große Karriere angestrebt. Das war nicht das, was er wollte. Er hat Erfolge als Opern­sänger auf verschie­densten Bühnen, wird immer gern als Einspringer einge­laden, erfreut das Publikum immer wieder als Solist in der Kirchen­musik, freut sich an außer­ge­wöhn­lichen Projekten und ist damit so viel unterwegs, dass er in sich ruhen kann. Das ist auch, was seine Schüler an ihm schätzen. Ganz unauf­geregt gibt er ihnen sicheres Geleit, lässt sie behutsam weiter­wachsen. Auch an diesem Nachmittag unter­bleiben die großen Gesten öffent­licher Meister­kurse, bei denen der Gesangs­meister Brustkorb und Kehle des Schülers umfasst, um das Letzte heraus­zu­holen. Mal ein gemein­samer Blick in die Noten, ein paar Bemer­kungen, ein kleiner Spaß und schon geht wieder ein Ruck durch die Sänge­rinnen und Sänger, auch wenn sie nicht immer gleich bemerken, dass die kleinen Schritte oft Großes bewirken. „Fühlst Du, dass sich etwas verändert hat?“ ist eine von Scheiders beliebten Fragen, die – zumindest heute – regel­mäßig mit „Nein“ beant­wortet werden. Dabei ist die Verän­derung durchaus hörbar. Aber es scheint den Schülern auch denkbar egal, ob sie die Verän­derung spüren. Das Vertrauen in ihren Mentor spüren alle anderen.

Den Gesangs­schüler gibt es nicht, erzählt Scheider in der Pause. Zwar seien es häufig Menschen, die in chori­schen Zusam­men­hängen ihre solis­ti­schen oder halbso­lis­ti­schen Aufgaben zu verbessern suchten, aber es gibt auch die Menschen, die einfach für sich ihre Stimme geschmei­diger gestalten wollen. Und natürlich die profes­sio­nellen Sänger, gerade jüngeren Alters, die bei Scheider ihr Feedback suchen. Die sind im vergan­genen Jahr aller­dings selten geworden, beobachtet Scheider. Ihnen geht das Geld aus, und es gibt auch keinen Grund mehr zu üben, weil sie keine Aufträge haben. Eine erschre­ckende Entwicklung, die auch den Bass-Bariton selbst trifft. Eigentlich bereitet er sich in dieser Jahreszeit längst auf seine Kirchen­auf­tritte vor.

Sänger, die nicht im Engagement und auf das Nachsingen gepolt sind, haben derzeit so gut wie keine Auftritts­mög­lich­keiten mehr. Momentan rächt sich das Ausbil­dungs­system der Musik­hoch­schulen, die auf das Nachsingen jahrhun­der­te­alter Arien ausge­richtet sind, anstatt die Kreati­vität der Sänger zu fördern.

Entspannte Atmosphäre

Das inter­es­siert die Gesangs­schüler von Scheider weniger, die sich auf ein vielfäl­tiges Konzert­pro­gramm vorbe­reiten. Fünf Proben à vier Stunden sind dafür vorge­sehen. Scheider würde gern mehr machen, aber da stehen die Zeitpläne seiner Schüler dagegen. Und so geht er mit akribisch vorbe­rei­teten Proben­plänen in die Wochen­enden, damit alle möglichst gut vorbe­reitet sind.

In der Petrus­kirche geht es heute vollkommen entspannt zu. Selbst für den Korre­pe­titor ist noch Zeit, von seinem Kollegen wertvolle Tipps zu bekommen. Die Küsterin achtet darauf, dass die Sicher­heits­regeln einge­halten werden, ohne den Belehr­finger allzu sehr zu heben. Nach der eigenen Probe bleiben viele Schüler einfach sitzen, um noch ein bisschen zuzuhören oder ihre Noten noch zu besprechen. Scheider kann, so das Fazit, gelassen seinem Schüler-Konzert entge­gen­blicken, das Ende Oktober statt­finden wird. Dass so ein Konzert auch einen Multi­pli­kator-Effekt hat, gibt der Opern­sänger gern zu. Aber das ist ja auch erfreulich in einer Zeit, in der die Regierung still­schweigend in Kauf nimmt, dass freischaf­fende Künstler einfach unter­gehen. In den nächsten Jahren werden wir erleben, welche Schäden diese Ignoranz bewirken wird. Und wenn dann noch immer Schüler-Konzerte statt­finden, sollten sie dringend öffentlich zugänglich gemacht werden. Denn wie an diesem Nachmittag zu hören ist, brauchen sich zumindest Scheiders Schüler nicht zu verstecken.

Michael S. Zerban

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