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Das Leitungsteam zementiert die Blase - Foto © O-Ton

Neue Besen in alten Bahnen

Ein Inten­dan­ten­wechsel ist in der Regel mit der Hoffnung auf eine Art Neubeginn verbunden. Das gilt auch für das Tanzhaus NRW, in dem seit dieser Spielzeit Ingrida Gerbu­ta­vičiūtė die Intendanz übernommen hat. Jetzt haben sie und ihr Leitungsteam offiziell verkündet, wie es mit dem Tanzhaus weiter­gehen soll. Zumindest bis Ende September. Viel Neues ist da nicht zu entdecken. Konse­quent wendet sich die Blase weiter vom Düssel­dorfer Bürger ab.

Eine Gans, die sich für das neue Programm inter­es­siert … – Foto © O‑Ton

Mit der Programm­reihe May I hug you? fragen wir uns und Sie, liebes Publikum, wie vertrau­ens­volle Bezie­hungen zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Umwelt, zwischen Insti­tu­tionen und Stadt neu wachsen können und welche Rolle der Körper dabei spielen kann und muss“, sagt Ingrida Gerbu­ta­vičiūtė, neue Inten­dantin am Tanzhaus NRW, und könnte nicht deutlicher erklären, dass Reflexion und Neubeginn ausbleiben. Mit ihrem Amtsan­tritt hätte es die Möglichkeit gegeben, zur deutschen Sprache und ihren geltenden Regeln zurück­zu­kehren und sich damit wieder den Düssel­dorfer Bürgern zuzuwenden. Statt­dessen heißt es: Weiter­machen. Eine Bankrott­erklärung zur Spiel­zeit­er­öffnung hat es auch noch nicht so oft gegeben.

Gerbu­ta­vičiūtė absol­vierte einen Master­stu­di­engang in Lingu­istik, Theater­wis­sen­schaft, Publi­zistik und Kommu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft an der Freien Univer­sität Berlin und war als freischaf­fende Drama­turgin und Kuratorin tätig. Seit 2011 war sie Projekt­lei­terin beim Litaui­schen Infor­ma­ti­ons­zentrum Tanz. In dieser Funktion war sie Teil des Programm­teams der Baltic Dance Platform. Darüber hinaus organi­sierte und kuratierte Gerbu­ta­vičiūtė von 2012 bis 2017 das Berliner Festival Litauen tanzt und leitete von 2013 bis 2018 den Lehrstuhl für Tanz an der Litaui­schen Akademie für Musik und Theater. Eine inter­es­sante Biografie für jemanden, der das Tanzhaus von Hiphop und Urban Dance wieder zu einem Ort von inter­na­tio­naler Bedeutung in der zeitge­nös­si­schen Tanzszene zurück­führen soll und überdies während umfang­reicher Baumaß­nahmen das Fortbe­stehen des Regel­be­triebs organi­sieren muss.

Darf ich dich umarmen? lautet das Motto dieser Spielzeit, das in der engli­schen Formu­lierung an Stärke verliert, weil es nicht nur von vielen Düssel­dorfern nicht verstanden wird, sondern auch beliebig klingt. In drei Bereichen soll es sich wieder­finden, erläutert Drama­turgin Lucie Ortmann. Intime Körper­lichkeit, Körper­lichkeit der Gemein­schaft und expansive Körper­lichkeit „markieren die Breite unseres Fokus, innerhalb dessen das Tanzhaus NRW die neue Norma­lität gestalten und formen möchte“. Unter neuer Norma­lität versteht das Tanzhaus die Zeit nach der Pandemie, die aus Sicht des Tanzhauses ein „gewisses Risiko“ bietet. Da habe die Pandemie „tradierte körper­liche Rituale in Frage gestellt, ungefragten Körper­kontakt, der als übergriffig, unsicher oder sogar gefährlich empfunden werden kann“. Eine merkwürdig pessi­mis­tische Weltsicht, die sich in der erlebten Wirklichkeit dieser Tage glück­li­cher­weise nicht wieder­findet. Ortmann sieht die drei Überschriften als Beschreibung für Knäuel, die nun zu entwirren seien. Wie das gelingen kann, soll die Eröffnung der Spielzeit zeigen.

Das Programm für Düsseldorfer

Am 16. September startet das Eröff­nungs­wo­chenende mit einer deutschen Erstauf­führung. Der Lette Krišjānis Sants und die Litauerin Ieva Gaurilči­kaitė werden als IevaKrish das House of Labrys anbieten. In Zusam­men­arbeit mit dem letti­schen Kompo­nisten Jēkabs Nimanis wollen sie nur durch Bewegung und Klang einen archi­tek­to­ni­schen Raum erzeugen – zu sehen gibt es dabei nichts. Die Besucher werden gebeten, sich beim Eintritt in den Saal die Augen zu verbinden. Anschließend werden sie zu einzelnen Sitzplätzen geführt, die in einem Raster angeordnet sind. Vier „klingende“ Tänzer vollführen komplexe Bewegungs­ab­läufe zwischen den geome­trisch angeord­neten Besuchern, so heißt es in der Vorankün­digung, die so von einer Raumklang­kom­po­sition umgeben werden. Die Dreivier­tel­stunde ist nach Angaben der Künstler auch für Besucher mit Sehbe­hin­de­rungen geeignet und trägt so dazu bei, die Inklusion, die sich das Tanzhaus auf die Fahnen geschrieben hat, weiter voran­zu­treiben. Die Idee erinnert ein wenig an die Gastro­nomie-Events, die eine Zeit lang in völliger Dunkelheit Menschen zum Essen einluden und damit einen kurzfris­tigen Hype entfachten. Ob das auf den Tanz übertragbar ist, bei dem die haptische und taktile Erfahrung entfällt, wird sich zeigen – oder eben auch nicht. Man sieht ja nichts.

Mehr zu sehen wird es am selben Abend geben. Dann geht es in der Tonalität weiter, die am Ende der Intendanz von Bettina Masuch bevorzugt war. Queen Blood heißt das Stück, das verschiedene Gesten und musika­lische Einflüsse von HipHop „über Locking und Popping“ zusam­men­bringt. Hier gibt es jetzt in der Vorankün­digung des Tanzhauses gar „ausschließlich weibliche Tänze­rinnen“, die Choreograf Ousmane Sy, Vorreiter der franzö­si­schen HipHop-Szene, der 2020 im Alter von nur 45 Jahren verstarb, in Gestalt der Truppe Paradox-Sal auf die Bühne brachte.

Am Samstag und Sonntag werden eventuelle Besucher die Möglichkeit bekommen, die sozialen, politi­schen und kultu­rellen Eigen­heiten und Heraus­for­de­rungen des samischen Volkes kennen­zu­lernen. Das Siedlungs­gebiet der Urein­wohner, die den Deutschen besser als Lappen bekannt sind, erstreckt sich über die nördlichen Teile Schwedens, Norwegens, Finnlands und im Osten bis zu den Küsten der Barentssee und dem Weißen Meer auf der russi­schen Kola-Halbinsel. Elle Sofe Sara, Choreo­grafin und Regis­seurin, die in der norwe­gi­schen Gemeinde Kautokeino lebt, beschäftigt sich nicht nur mit ihren Ursprüngen, sondern in dem Stück, das sie zeigen wird, Vástádus eana/​The answer is land, auch mit der Natur. „Wenn ich in diesem Stück unsere Verbindung zur Natur betrachte, muss ich auch die zerbro­chene Beziehung ansprechen. Das Thema Natur und Klima bringt Emotionen wie Scham, Trauer mit sich und ein Gefühl, Opfer zu sein“, sagt die Choreo­grafin. In ihrem Stück bekommen die Zuschauer nicht nur ein folklo­ris­ti­sches Kostümbild zu sehen, sondern werden den Joik kennen­lernen, einen eintönig-guttu­ralen Gesang der Samen, bei dem Musik und Klang mehr Bedeutung haben als die gesun­genen Worte. Etwa eine Stunde ist dafür vorgesehen.

Dass Ideologen nicht erst seit den 1930-er Jahren versuchen, sich zunächst der Sprache zu ermäch­tigen, ist bekannt. Auch der Umstand, dass histo­rische Fakten plötzlich nichts mehr gelten, gehört zum ideolo­gi­schen Handwerk. Wenn aller­dings das Tanzhaus aus Minne­sängern Lesben, Schwule und Trans­se­xuelle machen will, übersteigt das das Maß des Erträg­lichen für den durch­schnitt­lichen Bildungs­bürger. So zumindest wird das Stück Happy Hype von Collectif Ouinch Ouinch angekündigt. Auch am Samstag­abend gibt es dann wieder jede Menge HipHop, der von „leuch­tenden Turntables“ erklingt. 50 Minuten lang werden „mittel­al­ter­liche Fashion-Universen mit zeitge­nös­si­scher Clubkultur und futuris­ti­schen Welten“ vermischt.

Alles über das Eröff­nungs­pro­gramm Hinaus­ge­hende sind Absichts­er­klä­rungen, wie sie aus der Zeit von Bettina Masuch bekannt sind. Die Zeiten, in denen neue Besen gut kehren, sind wohl vorbei. Ob Gerbu­ta­vičiūtė das Tanzhaus NRW so in die Zukunft führen kann, wird selbige zeigen. Fehlende Sprach­kennt­nisse und eine Tanzform, die sich bevorzugt in kriege­ri­schen Begriffen wie „battle“ äußert, scheint keine gute Mischung zu sein. Wer zeitge­nös­si­schen Tanz erleben will, der sich mit dem inhalt­lichen Diskurs ausein­an­der­setzt, fährt jeden­falls wohl auch weiterhin nach Köln in die Tanzfaktur.

Michael S. Zerban

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