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Staatlich geförderte Kulturinstitutionen erwecken immer mehr den Eindruck, zu Häusern der Unterhaltung zu verkommen. Neue Impulse sind selten geworden. Die aufregendste kulturelle Weiterentwicklung der jüngsten Zeit ist der vorauseilende Gehorsam in Sachen „Gendersprache“, den der Großteil der Bevölkerung nicht mitträgt. Auf der Suche nach Alternativen wird man immer leichter fündig – in den Wohnzimmern der Städte.

Im Düsseldorfer Stadtteil Bilk, einem ehemaligen Arbeiterviertel, schreitet die Gentrifizierung voran. Rund um das hiesige Krankenhaus mehren sich in den schmalen Seitenstraßen die sanierten Fassaden. Was eigentlich hübsch aussieht, hat einen faden Beigeschmack, denn in solchen Häusern wohnen keine Studenten mehr, die eigentlich hier leben sollten, nicht allzu weit von Heinrich-Heine-Universität oder Musikhochschule entfernt. Aber Bilk ist auch überregional bekannt geworden, weil es hier Vermieter gibt, die einfach ihre Häuser instand halten, um so ihr Auskommen zu haben und gleichzeitig realisierbare Mieten zu ermöglichen.
In einem dieser Häuser hat Susanne Diesner Unterkunft gefunden. Damit ist sie ihrer Geburtsstadt treu geblieben, ohne auf den kosmopolitischen Anspruch zu verzichten. Sie hat ihren Magister in Kunstgeschichte, Informationswissenschaft und Anglistik gebaut, sich mit der japanischen Kultur anlässlich eines Studienaufenthaltes in London auseinandergesetzt. Inzwischen gehört Diesner zu den wichtigsten Vertretern der internationalen Konzert- und Bühnenfotografie. In der Florastraße ist sie damit naturgemäß eher selten, obwohl sie dort ihre Erdgeschosswohnung mit eigenem Atelier und einem bezaubernden Hinterhofgarten bewohnt.
Das Atelier ist kein schicker Showroom eines Starfotografen, sondern Arbeits- und Lebensraum eines hart arbeitenden Menschen. Zur Straßenseite gelegen, bietet das Doppelzimmer Platz für die Utensilien der Fotografin, die in allen Medien zuhause ist. Stative, Lichter, Mikrofone stapeln sich in Regalen vor Arbeitstischen mit Fotografien und Computern. Dazwischen sind Lautsprecher und Musikinstrumente abgestellt. Seit kurzem hat dieser Raum auch einen Namen. Flora Art Space heißt das „Wohnzimmer“ der Künstlerin nun. Das ist nicht wahnsinnig originell, andererseits aber groß genug, um sich zu dem zu entwickeln, was Diesner vorschwebt. Denn seit einiger Zeit lädt sie zu Wohnzimmerkonzerten ein.
Im ersten Moment lässt einen das an die Salons denken, die es schon einmal gab. Aber damals, zu Zeiten des Fin de Siècle, war alles anders. Da luden wohlhabende Menschen in Wien und anderswo Gäste ein, die von Avantgarde-Komponisten bespielt wurden, während feudal gespeist und getrunken wurde sowie ganz nebenbei auch Geschäfte eingefädelt und Karrieren befördert oder beendet wurden. Im Flora Art Space geht es ein paar Nummern kleiner zu. Und gerade das macht es interessant.
Nach zwei ersten Wohnzimmerkonzerten hat Diesner nun Tsivi Sharett eingeladen, in ihrem Atelier einen Workshop zu veranstalten. Die beiden kennen sich aus Studienzeiten und haben sich nach langer Zeit zufällig bei einer Ausstellung in England wiedergetroffen. Sharett ist in Israel geboren, lebt heute als Komponistin, Lehrerin und Pianistin in London. Für sie gehören Veranstaltungen im privaten Umfeld längst zum Tagesgeschäft. Sie schätzt es, im intimem Kreis Menschen für Musik zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, wie viel kreatives Potenzial in ihnen selbst steckt. Das passt perfekt in Diesners Konzept, die selbst daran arbeitet, ihre gesanglichen Fähigkeiten auszubauen. Mit vierzehn Jahren sang sie in einer Schüler-Band, hat den Gesang über die Jahre vernachlässigt und entdeckt ihn für ihre zusätzlichen künstlerischen Aktivitäten gerade wieder.
Die inneren Hürden überwinden

Wohnzimmerkonzerte sind weder in Zeit, Umfang oder Gestaltung festgelegt. Das macht sie so spannend. In der Florastraße geht es mittags los. Drei Stunden sind veranschlagt. Stephanie Fuchs ist schon früh gekommen. Die studierte Sprachwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Romanistik und Kulturkontakte verantwortet den Bereich Social Media für das Marketing der Düsseldorfer Tonhalle. Ihre Liebe zum Gesang hat sie in den Flora Art Space getrieben. Gautier Dubois ist Konditor. Mit neun Jahren begann er, E‑Gitarre zu spielen, später studierte er zwei Semester Musikwissenschaften. Jetzt hat er eine akustische Gitarre mitgebracht. Damit ist der Kreis auch schon komplett. Erste zwanglose Gespräche in der Küche führen allmählich in das Atelier hinüber, ehe die Veranstaltung offiziell beginnt. Im Atelier ist ein E‑Piano aufgebaut, weil Sharett mit ihren Teilnehmern über World Music sprechen will. Und da hat sie ein paar ungewöhnliche Beispiele mitgebracht. Aber ehe es dazu kommt, müssen die Teilnehmer, zu denen auch Diesner zählt, sich öffnen. Findet Sharett und hat auch schon die richtige Methode in petto, um die Panzer ihrer Schützlinge zu knacken. Da geht es erst mal sehr körperlich zu. Ehe überhaupt nur ein Ton gesungen ist, legt die erfahrene Pädagogin Hand an. Sorgt dafür, dass die Teilnehmer sich von Barrieren befreien, indem sie sie in die Arme nimmt, gegenseitige Berührungen und Annäherung zulässt. Da entsteht ganz schnell eine sehr vertraute Situation, in der sich niemand mehr Gedanken über die Qualität seines Gesangs zu machen braucht.
Die studierte Chordirigentin beginnt mit Avre tu Puerta, einem sephardischen Lied, das in der Runde ganz sicher keiner kennt. Und was keiner kennt, kann auch niemand falsch singen. So werden eventuelle Hürden im Nullkommanichts genommen. Wie nebenbei nimmt Sharett Haltungskorrekturen vor, die bei den Teilnehmern Aha-Effekte auslösen. Allmählich nimmt das Lied Formen an, die Teilnehmer werden selbstsicherer, lösen sich. Die Professionalität von Sharett lässt keinen Zweifel daran, dass auch ein armenisches Lied noch möglich ist. Am Ende des Mittags haben die Teilnehmer nicht nur die Gewissheit, zwei Lieder gelernt und einen Ausflug in fremde Kulturen unternommen, sondern auch das Gefühl, die Kehle befreit zu haben.
Ein Wohnzimmerkonzert der eher ungewöhnlichen Art geht zu Ende. Und es wird noch eine Menge geredet im Anschluss. Glücksgefühle herrschen vor. Die Wohnzimmerkonzerte sind sicher die kleinste Form kulturellen Engagements. Aber das Angebot nimmt zu, je weiter sich die kulturellen Institutionen – ja, auch der so genannten Freien Szene – von den Bürgern entfernen. Neben Selbsterfahrung und der unbedingten Nähe zu bekannten Künstlern steht die Gastfreundschaft im Vordergrund, die auch im Flora Art Space zu spüren ist.
Wer den Klang großer Orchester liebt, ist hier fehl am Platz. Aber wer die Intimität der kleinsten aller Kultureinrichtungen für sich selbst nutzen will, wird der neue Entwicklung mit Freuden entgegensehen. Susanne Diesner jedenfalls will ihren Kunstraum nun noch konsequenter weiterentwickeln.
Michael S. Zerban