O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Am 2. und 3. November veranstaltete das Frauenkulturbüro NRW in der Ausweichspielstätte Central des Schauspielhauses Düsseldorf das Symposium Wonderlands – Führungspositionen in den Performing arts. Im dichtgedrängten, aber gut organisierten Programm ging es vor allem um Gleichberechtigung, Bestandsaufnahme und den Seitenblick auf andere Gesellschaftsbereiche. Lösungswege blieben vorwiegend im Dunkel. Aber das Signal des Symposiums ist laut und deutlich: Aufbruch.

Es rumort gewaltig hinter Deutschlands Bühnen. Die deutschen Theaterfrauen sind die Ungleichbehandlung gegenüber ihren männlichen Kollegen in Bezug auf Bezahlung und Beförderung leid. Bereits vor acht Monaten hatten sich in Bonn Theatermacherinnen aus ganz Deutschland zum Symposium Burning Issues getroffen – damals unter Ausschluss der Männer – um ihren Unmut zu formulieren. Das blieb alles noch im Ungefähren, und von Konsequenzen war nichts zu hören. Aber im Hintergrund drehten die Räder weiter. Und diesmal nahm das Frauenkulturbüro NRW die Fäden auf und lud zu einem zweitägigen Symposium ein, dass es Wonderlands – Führungspositionen in den Performing arts nannte. Es ging auch nicht wieder in die Provinz.
Stattdessen lud das Schauspielhaus Düsseldorf in seine Ausweichspielstätte Central am Hauptbahnhof ein. Dort herrschten nahezu ideale Zustände. Die Probebühne wurde zum Treffpunkt für die Panels, in den Pausen ging es auf die Brücke, wo es „open mics“ gab, also eine kleine Zusatzbühne, auf der ausgewählte Rednerinnen Gelegenheit bekamen, ihre Standpunkte darzustellen, während die Gäste sich verköstigen konnten. Vorträge und Diskussionen waren engmaschig getaktet, so dass es schon bei längeren Redebeiträgen zu Verzögerungen kam, die aber schnell wieder aufgefangen wurden. Dass die Besucherzahlen nicht für den großen Saal reichten, ja, auch im Saal der Probebühne immer noch Plätze frei blieben, mag weniger am mangelnden Interesse denn am Termin gelegen haben. Ein solches Symposium mitten in der Spielzeit zu veranstalten, ist mutig, und der Mut wurde nur teilweise belohnt.
Verwirrende Zahlen
„78 Prozent Spartenleitungen und Intendanzen sind männlich geführt. 78 Prozent der Inszenierungen auf der großen Bühne werden von Männern gemacht. 70 Prozent der Inszenierungen aller Spielstätten werden von Männern gemacht. Der niedrigste Frauenanteil interessanterweise – bei sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen – ist in Häusern in Städten mit über einer Million Einwohner. Der Anteil weiblicher Souffleusen liegt bei 80 Prozent. 291 Opernkompositionen, davon 20 Frauen. Uraufführungen darunter 15. Von 1402 Autoren im Schauspiel waren 340 weiblich“, stellte Bettina Milz, Referatsleiterin für Theater und Tanz im Ministerium Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, scheinbar eindrucksvolle Zahlen vor, denen eine Erhebung des Frauenkulturbüros NRW zugrunde liegt.

Das Problem: Es liegen keine Vorerhebungen vor. Die Zahlen sagen nichts über eine Entwicklung, sondern nur etwas über einen Ist-Zustand aus. Man kann also angesichts solcher Zahlen nichts darüber aussagen, ob wir möglicherweise schon auf dem Weg zu einer Geschlechtergerechtigkeit sind. Wenn die Zahlen zum jetzigen Zeitpunkt weniger beglückend sind, dann aus Sicht von Rita Süßmuth, die Oliver Keymis, Vorsitzender des Kultur- und Medienausschusses und Vizepräsident des Langtages, zitiert. „Rita Süßmuth, eine von mir sehr geschätzte Vorkämpferin der richtigen Sache, die hat mal so schön formuliert: Nur kleine Schritte bedeuten Trippelschritte. Und dann warten wir weitere hundert Jahre. Und dann hat sie gesagt: Ich kann Ihnen nur sagen, es gehört immer eine bestimmte Rebellion dazu, dass etwas nicht so bleiben soll, wie es war.“ Es geht also nicht darum, eine Angelegenheit auf den Weg zu bringen, sondern sie auf diesem Weg zu beschleunigen. Schwierig genug in der Welt des Theaters. „Wir haben eine künstlerische Logik, die sich auf diesen künstlerischen Arbeitsmärkten bildet. Wir haben aber auch die ökonomische Marktlogik, die gilt. Nämlich von Angebot und Nachfrage. Und einen Preis für Arbeit, der sich herausbildet. Das sind keine Unterschiede zu anderen Arbeitsmärkten, die wir haben. Etwas, was aber leicht eher tabuisiert wird, oder verschleiert wird, etwas, über das man nicht so gerne spricht“, beschreibt Alexander Haunschild die Arbeitswirklichkeit. Der Professor ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft an der Leibniz-Universität Hannover. Und er stellt auch klar, dass es im Theater schwierig ist, mit einer Leistungskurve zu glänzen. Es zählt nicht, über zehn Jahre erfolgreich zu arbeiten, sondern ausschlaggebend sei der letzte Job, das letzte Projekt. Eine solche Denkweise verschließt sich auch objektiven Leistungsbewertungen. „Wo wird eigentlich Leistung bewertet? Das findet auf Künstlerarbeitsmärkten in der Regel auch in der Organisation statt, aber viel zentraler ist das Überorganisationale. Das heißt, es entstehen Reputationssysteme über die Organisationsgrenzen hinweg. Soziale Netzwerke entfalten besondere Bedeutung. Also bekannt zu sein, gesehen zu werden, spielt eine zentrale Rolle. Damit die eigene Leistung auch gewürdigt werden kann.“ Damit entfällt für Frauen de facto die Möglichkeit, sich in einem Betrieb „hochzuarbeiten“. Ein weiterer Befund des Sozialwissenschaftlers erschwert die Karriereplanung zusätzlich. „Künstler, und dazu gehören auch Intendanten, akzeptieren keine sozialen Kriterien bei Auswahl- und Besetzungsentscheidungen. Das ist jetzt hart formuliert, aber in der Logik des Systems nicht vorgesehen.“
Das Erfreuliche an solch beschwerenden Erkenntnissen ist, dass damit eine Multikausalität eintritt, die die Fronten zu entschärfen hilft. Denn das arg vereinfachende Argument der „patriarchalen Strukturen“, das auch an diesen zwei Tagen immer wieder aufleuchtet, wird damit eines von vielen.
„Im Grunde genommen sind wir Menschen, und es ist wahnsinnig wichtig, an einer Haltung zu arbeiten. Es gibt sehr, sehr viele kleine Entscheidungen im Alltag. Von Politik, von Verwaltung, von Theaterleuten, die letztendlich das Feintuning in der Gendergerechtigkeit ausmachen. Und ich bemerke, wenn man eine grundsätzliche Haltung zu diesem Thema entwickelt, und auch genau beobachtet, auf wie viele Details sich das herunterbricht – das Besetzen von Jurys oder von Strukturen ist oft nur ein Kleines. Es ist sehr oft der tägliche Umgang miteinander, dass da sehr viel zu verändern ist“, unterstützt auch Milz den offenen Horizont. Erfrischend in der Diskussion wirkt, dass sich das Vokabular allmählich ändert. Haltung, Parität – das klingt schon anders als überholt geglaubte Floskeln. Ruth Seidl, Vorstandsvorsitzende des Frauenkulturbüros NRW, will Brücken schlagen zwischen hartnäckigen Standpunkten und neuen Wegen. „Wir erleben gerade eine Repolitisierung feministischer Fragestellungen. Und eine Neuauflage der Debatte zum Thema: Wie gestaltet sich ein faires Miteinander der Geschlechter in Bezug auf Leitungspositionen?“ fragt sie etwas umständlich. Gerade die „Repolitisierung“ ist in der Frage der Parität eher nicht gemeint. Auch hier hat Milz noch ein Zitat von Süßmuth parat. „Sie hat gesagt, dass die Frage einer Quote in der Politik immer noch zu schwach sei, und sie sei für Parität. Doch Quote wird ja auch immer wieder umstritten. Ich glaube, man braucht Parität. Nun legt auch Frau Süßmuth den Finger in eine gewisse Wunde der Frauenbewegung, nämlich dass es auch oft Kämpfe von Frauen gegen Frauen gibt“, sagt die Referatsleiterin.
Quotenregelung ist umstritten
Dass Frauen in der alltäglichen Karriereschlacht gegen Frauen kämpfen, erledige sich, so sagen Forschungsergebnisse, wenn eine höhere Quote als 30 Prozent erreicht werde. Oberhalb dieser Grenze neigten Gruppen dazu, sich zu solidarisieren, sagen die Wissenschaftler. Ist also eine Quote hilfreich? Bei den einen taucht sie als Nonplusultra in ihren Forderungskatalogen auf, bei den anderen sind die Zweifel groß. Das Thema durchzieht das Symposium als roter Faden. Auch Johannes Schatz, Vorstandsvorsitzender von Art but fair Deutschland, sieht keine rechte Lösung. Dazu gebe es in seiner Vereinigung zu viele verschiedene Meinungen. Wenn Quote, dann am ehesten in den Findungskommissionen für neu zu besetzende Führungspositionen. Dort seien Männer immer noch dramatisch überrepräsentiert. Über Qualität wird an diesen beiden Tagen wenig geredet. Wer über Quote redet, meint vermeintlich eher nicht die Qualität. Die aber ist in den Theatern dramatisch gefordert, will man die Zuschauerzahlen nicht nur durch statistische Tricks oben halten. Keymis, bei den Grünen/Bündnis 90 seit 18 Jahren sozialisiert, sieht in der Quote einen guten Weg. „Wir haben das immer sehr zu schätzen gewusst, dass wir so quotiert arbeiten. Auch wenn für viele quotiert so vorkommt: Da steckt ein Zwang hinter. Aber es steckt ja hinter manchen gewissen gesellschaftlichen Entwicklungen ein Zwang. Und insofern glaube ich, dass es guttut, wenn Frauen und Männer an der Stelle gemeinsam Verantwortung tragen“. Andere Stimmen stellen das in Frage, fordern die Rückkehr zum Kollektiv, in dem die Hierarchie entfalle. Diese Vorstellung aber dürfte beim Führungspersonal eines großen Opernhauses eher für Kopfschütteln sorgen. Headhunterin Sabine Hansen, selbst in leitender Funktion bei einem internationalen Personalberatungsunternehmen, stellt der Quote die Eigenleistung führungswilliger Frauen entgegen. Ein Fünfjahres-Karriereplan, den jede Frau für sich erstellen müsse, sei hilfreich. Das allerdings ruft bei den Theaterschaffenden eher Protest hervor, die einen solchen Vorschlag für ihre eigene Arbeitswelt als abstrus ansehen.
Besser, als man denkt

Frauke Meyer, Regisseurin, Projektentwicklerin und Dozentin für Musiktheater und Musik, hat als Künstlerische Projektleiterin für die Durchführung des Symposiums gesorgt. Auch ihr reicht eine Quote nicht. Sie geht die Ausgangssituation lieber grundsätzlich an. Nach ihrer Auffassung müssen Machtstrukturen aufgebrochen werden und die gesellschaftliche Realität auch in Theatern abgebildet werden. Um das zu erreichen, sieht sie in ihrem Resümee gleich einen Katalog an Forderungen, der sich aus dem Symposium ergeben hat. Eine Stellenvergabe nach paritätischen Prinzipien unter Berücksichtigung auch sozialer Aspekte könnte mit einer Zertifizierung verbunden werden, die die Kulturförderung an bestimmte Konditionen bindet. Einfacher ausgedrückt: Geld gibt es in Zukunft nur noch für solche Institutionen, die sich an festzulegende Spielregeln halten. Rahmenstrukturen wie Steuergesetzgebung, Vertragswerke oder auch Betreuungsfragen sind an die veränderte gesellschaftliche Wirklichkeit anzugleichen. In den Häusern sind Strukturprüfungen angesagt – über die Geschlechtergerechtigkeit hinaus, betont Meyer. So könnten auch Übergriffe vermieden werden. Und schließlich liege es auch in der Hand jeder einzelnen Frau, aktiv zu werden, indem sie sich in Netzwerke integriere, über die „Blase Theater“ hinaus ein nötiges Rüstzeug wie übergeordnete Fortbildung nutze und – ein häufig gehörtes Wort in diesen zwei Tagen – sich sichtbar mache.
Rückblickend möchte man hinzufügen: Am Puls der Zeit bleiben. Während des Symposiums wurden – auch abseits der Panels – immer wieder Vokabeln laut, die an vergangene, kämpferische Zeiten erinnern. Trotz der rhetorischen Peitsche, die Süßmuth in ihrem Gedankenspiel von der Rebellion schwang, scheinen solche Wege nicht mehr zeitgemäß. Die schirmstockschwingenden Suffragetten wirken heute eher komisch, wenn nicht kontraproduktiv. Und wenn in Neuss bereits die zweite Intendantin in Folge berufen wird, Intendant Peter Spuhler in Karlsruhe gleich vier Frauen in Leitungspositionen einstellt – und hier wirkt der Zwischenruf, das sei ja ein Mann, der über die Positionen von Frauen entscheide, eher überzogen – und Nürnberg wie Erfurt Generalmusikdirektorinnen berufen haben, um nur ein paar Beispiele zu nennen, kann man das eher als Entwicklung denn als Alibi begreifen. Symposien wie Wonderlands, runde Tische und ähnliche Maßnahmen seitens der Frauen werden deshalb allerdings noch lange notwendig bleiben. Als positive Verstärkung eines Bewusstseinswandels, der langsam, aber sicher einsetzt.
Michael S. Zerban