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Foto © Katja Illner

Quote ist zu wenig

Am 2. und 3. November veran­staltete das Frauen­kul­turbüro NRW in der Ausweich­spiel­stätte Central des Schau­spiel­hauses Düsseldorf das Symposium Wonder­lands – Führungs­po­si­tionen in den Performing arts. Im dicht­ge­drängten, aber gut organi­sierten Programm ging es vor allem um Gleich­be­rech­tigung, Bestands­auf­nahme und den Seiten­blick auf andere Gesell­schafts­be­reiche. Lösungswege blieben vorwiegend im Dunkel. Aber das Signal des Sympo­siums ist laut und deutlich: Aufbruch.

Bettina Milz – Foto © O‑Ton

Es rumort gewaltig hinter Deutsch­lands Bühnen. Die deutschen Theater­frauen sind die Ungleich­be­handlung gegenüber ihren männlichen Kollegen in Bezug auf Bezahlung und Beför­derung leid. Bereits vor acht Monaten hatten sich in Bonn Theater­ma­che­rinnen aus ganz Deutschland zum Symposium Burning Issues getroffen – damals unter Ausschluss der Männer – um ihren Unmut zu formu­lieren. Das blieb alles noch im Ungefähren, und von Konse­quenzen war nichts zu hören. Aber im Hinter­grund drehten die Räder weiter. Und diesmal nahm das Frauen­kul­turbüro NRW die Fäden auf und lud zu einem zweitä­gigen Symposium ein, dass es Wonder­lands – Führungs­po­si­tionen in den Performing arts nannte. Es ging auch nicht wieder in die Provinz.

Statt­dessen lud das Schau­spielhaus Düsseldorf in seine Ausweich­spiel­stätte Central am Haupt­bahnhof ein. Dort herrschten nahezu ideale Zustände. Die Probe­bühne wurde zum Treff­punkt für die Panels, in den Pausen ging es auf die Brücke, wo es „open mics“ gab, also eine kleine Zusatz­bühne, auf der ausge­wählte Redne­rinnen Gelegenheit bekamen, ihre Stand­punkte darzu­stellen, während die Gäste sich verkös­tigen konnten. Vorträge und Diskus­sionen waren engma­schig getaktet, so dass es schon bei längeren Redebei­trägen zu Verzö­ge­rungen kam, die aber schnell wieder aufge­fangen wurden. Dass die Besucher­zahlen nicht für den großen Saal reichten, ja, auch im Saal der Probe­bühne immer noch Plätze frei blieben, mag weniger am mangelnden Interesse denn am Termin gelegen haben. Ein solches Symposium mitten in der Spielzeit zu veran­stalten, ist mutig, und der Mut wurde nur teilweise belohnt.

Verwir­rende Zahlen

„78 Prozent Sparten­lei­tungen und Inten­danzen sind männlich geführt. 78 Prozent der Insze­nie­rungen auf der großen Bühne werden von Männern gemacht. 70 Prozent der Insze­nie­rungen aller Spiel­stätten werden von Männern gemacht. Der niedrigste Frauen­anteil inter­es­san­ter­weise – bei sozial­ver­si­che­rungs­pflich­tigen Beschäf­ti­gungen – ist in Häusern in Städten mit über einer Million Einwohner. Der Anteil weiblicher Souffleusen liegt bei 80 Prozent. 291 Opern­kom­po­si­tionen, davon 20 Frauen. Urauf­füh­rungen darunter 15. Von 1402 Autoren im Schau­spiel waren 340 weiblich“, stellte Bettina Milz, Referats­lei­terin für Theater und Tanz im Minis­terium Kultur und Wissen­schaft des Landes Nordrhein-Westfalen, scheinbar eindrucks­volle Zahlen vor, denen eine Erhebung des Frauen­kul­tur­büros NRW zugrunde liegt.

Alexander Haunschild – Foto © O‑Ton

Das Problem: Es liegen keine Vorer­he­bungen vor. Die Zahlen sagen nichts über eine Entwicklung, sondern nur etwas über einen Ist-Zustand aus. Man kann also angesichts solcher Zahlen nichts darüber aussagen, ob wir mögli­cher­weise schon auf dem Weg zu einer Geschlech­ter­ge­rech­tigkeit sind. Wenn die Zahlen zum jetzigen Zeitpunkt weniger beglü­ckend sind, dann aus Sicht von Rita Süßmuth, die Oliver Keymis, Vorsit­zender des Kultur- und Medien­aus­schusses und Vizeprä­sident des Langtages, zitiert. „Rita Süßmuth, eine von mir sehr geschätzte Vorkämp­ferin der richtigen Sache, die hat mal so schön formu­liert: Nur kleine Schritte bedeuten Trippel­schritte. Und dann warten wir weitere hundert Jahre. Und dann hat sie gesagt: Ich kann Ihnen nur sagen, es gehört immer eine bestimmte Rebellion dazu, dass etwas nicht so bleiben soll, wie es war.“ Es geht also nicht darum, eine Angele­genheit auf den Weg zu bringen, sondern sie auf diesem Weg zu beschleu­nigen. Schwierig genug in der Welt des Theaters. „Wir haben eine künst­le­rische Logik, die sich auf diesen künst­le­ri­schen Arbeits­märkten bildet. Wir haben aber auch die ökono­mische Markt­logik, die gilt. Nämlich von Angebot und Nachfrage. Und einen Preis für Arbeit, der sich heraus­bildet. Das sind keine Unter­schiede zu anderen Arbeits­märkten, die wir haben. Etwas, was aber leicht eher tabui­siert wird, oder verschleiert wird, etwas, über das man nicht so gerne spricht“, beschreibt Alexander Haunschild die Arbeits­wirk­lichkeit. Der Professor ist Direktor des Instituts für inter­dis­zi­plinäre Arbeits­wis­sen­schaft an der Leibniz-Univer­sität Hannover. Und er stellt auch klar, dass es im Theater schwierig ist, mit einer Leistungs­kurve zu glänzen. Es zählt nicht, über zehn Jahre erfolg­reich zu arbeiten, sondern ausschlag­gebend sei der letzte Job, das letzte Projekt. Eine solche Denkweise verschließt sich auch objek­tiven Leistungs­be­wer­tungen. „Wo wird eigentlich Leistung bewertet? Das findet auf Künst­ler­ar­beits­märkten in der Regel auch in der Organi­sation statt, aber viel zentraler ist das Überor­ga­ni­sa­tionale. Das heißt, es entstehen Reputa­ti­ons­systeme über die Organi­sa­ti­ons­grenzen hinweg. Soziale Netzwerke entfalten besondere Bedeutung. Also bekannt zu sein, gesehen zu werden, spielt eine zentrale Rolle. Damit die eigene Leistung auch gewürdigt werden kann.“ Damit entfällt für Frauen de facto die Möglichkeit, sich in einem Betrieb „hochzu­ar­beiten“. Ein weiterer Befund des Sozial­wis­sen­schaftlers erschwert die Karrie­re­planung zusätzlich. „Künstler, und dazu gehören auch Inten­danten, akzep­tieren keine sozialen Kriterien bei Auswahl- und Beset­zungs­ent­schei­dungen. Das ist jetzt hart formu­liert, aber in der Logik des Systems nicht vorgesehen.“

Das Erfreu­liche an solch beschwe­renden Erkennt­nissen ist, dass damit eine Multik­au­sa­lität eintritt, die die Fronten zu entschärfen hilft. Denn das arg verein­fa­chende Argument der „patri­ar­chalen Struk­turen“, das auch an diesen zwei Tagen immer wieder aufleuchtet, wird damit eines von vielen.

„Im Grunde genommen sind wir Menschen, und es ist wahnsinnig wichtig, an einer Haltung zu arbeiten. Es gibt sehr, sehr viele kleine Entschei­dungen im Alltag. Von Politik, von Verwaltung, von Theater­leuten, die letzt­endlich das Feintuning in der Gender­ge­rech­tigkeit ausmachen. Und ich bemerke, wenn man eine grund­sätz­liche Haltung zu diesem Thema entwi­ckelt, und auch genau beobachtet, auf wie viele Details sich das herun­ter­bricht – das Besetzen von Jurys oder von Struk­turen ist oft nur ein Kleines. Es ist sehr oft der tägliche Umgang mitein­ander, dass da sehr viel zu verändern ist“, unter­stützt auch Milz den offenen Horizont. Erfri­schend in der Diskussion wirkt, dass sich das Vokabular allmählich ändert. Haltung, Parität – das klingt schon anders als überholt geglaubte Floskeln. Ruth Seidl, Vorstands­vor­sit­zende des Frauen­kul­tur­büros NRW, will Brücken schlagen zwischen hartnä­ckigen Stand­punkten und neuen Wegen. „Wir erleben gerade eine Repoli­ti­sierung feminis­ti­scher Frage­stel­lungen. Und eine Neuauflage der Debatte zum Thema: Wie gestaltet sich ein faires Mitein­ander der Geschlechter in Bezug auf Leitungs­po­si­tionen?“ fragt sie etwas umständlich. Gerade die „Repoli­ti­sierung“ ist in der Frage der Parität eher nicht gemeint. Auch hier hat Milz noch ein Zitat von Süßmuth parat. „Sie hat gesagt, dass die Frage einer Quote in der Politik immer noch zu schwach sei, und sie sei für Parität. Doch Quote wird ja auch immer wieder umstritten. Ich glaube, man braucht Parität. Nun legt auch Frau Süßmuth den Finger in eine gewisse Wunde der Frauen­be­wegung, nämlich dass es auch oft Kämpfe von Frauen gegen Frauen gibt“, sagt die Referatsleiterin.

Quoten­re­gelung ist umstritten

Dass Frauen in der alltäg­lichen Karrie­re­schlacht gegen Frauen kämpfen, erledige sich, so sagen Forschungs­er­geb­nisse, wenn eine höhere Quote als 30 Prozent erreicht werde. Oberhalb dieser Grenze neigten Gruppen dazu, sich zu solida­ri­sieren, sagen die Wissen­schaftler. Ist also eine Quote hilfreich? Bei den einen taucht sie als Nonplus­ultra in ihren Forde­rungs­ka­ta­logen auf, bei den anderen sind die Zweifel groß. Das Thema durch­zieht das Symposium als roter Faden. Auch Johannes Schatz, Vorstands­vor­sit­zender von Art but fair Deutschland, sieht keine rechte Lösung. Dazu gebe es in seiner Verei­nigung zu viele verschiedene Meinungen. Wenn Quote, dann am ehesten in den Findungs­kom­mis­sionen für neu zu beset­zende Führungs­po­si­tionen. Dort seien Männer immer noch drama­tisch überre­prä­sen­tiert. Über Qualität wird an diesen beiden Tagen wenig geredet. Wer über Quote redet, meint vermeintlich eher nicht die Qualität. Die aber ist in den Theatern drama­tisch gefordert, will man die Zuschau­er­zahlen nicht nur durch statis­tische Tricks oben halten. Keymis, bei den Grünen/​Bündnis 90 seit 18 Jahren sozia­li­siert, sieht in der Quote einen guten Weg. „Wir haben das immer sehr zu schätzen gewusst, dass wir so quotiert arbeiten. Auch wenn für viele quotiert so vorkommt: Da steckt ein Zwang hinter. Aber es steckt ja hinter manchen gewissen gesell­schaft­lichen Entwick­lungen ein Zwang. Und insofern glaube ich, dass es guttut, wenn Frauen und Männer an der Stelle gemeinsam Verant­wortung tragen“. Andere Stimmen stellen das in Frage, fordern die Rückkehr zum Kollektiv, in dem die Hierarchie entfalle. Diese Vorstellung aber dürfte beim Führungs­per­sonal eines großen Opern­hauses eher für Kopfschütteln sorgen. Headhun­terin Sabine Hansen, selbst in leitender Funktion bei einem inter­na­tio­nalen Perso­nal­be­ra­tungs­un­ter­nehmen, stellt der Quote die Eigen­leistung führungs­wil­liger Frauen entgegen. Ein Fünfjahres-Karrie­replan, den jede Frau für sich erstellen müsse, sei hilfreich. Das aller­dings ruft bei den Theater­schaf­fenden eher Protest hervor, die einen solchen Vorschlag für ihre eigene Arbeitswelt als abstrus ansehen.

Besser, als man denkt

Frauke Meyer – Foto © Katja Illner

Frauke Meyer, Regis­seurin, Projekt­ent­wick­lerin und Dozentin für Musik­theater und Musik, hat als Künst­le­rische Projekt­lei­terin für die Durch­führung des Sympo­siums gesorgt. Auch ihr reicht eine Quote nicht. Sie geht die Ausgangs­si­tuation lieber grund­sätzlich an. Nach ihrer Auffassung müssen Macht­struk­turen aufge­brochen werden und die gesell­schaft­liche Realität auch in Theatern abgebildet werden. Um das zu erreichen, sieht sie in ihrem Resümee gleich einen Katalog an Forde­rungen, der sich aus dem Symposium ergeben hat. Eine Stellen­vergabe nach paritä­ti­schen Prinzipien unter Berück­sich­tigung auch sozialer Aspekte könnte mit einer Zerti­fi­zierung verbunden werden, die die Kultur­för­derung an bestimmte Kondi­tionen bindet. Einfacher ausge­drückt: Geld gibt es in Zukunft nur noch für solche Insti­tu­tionen, die sich an festzu­le­gende Spiel­regeln halten. Rahmen­struk­turen wie Steuer­ge­setz­gebung, Vertrags­werke oder auch Betreu­ungs­fragen sind an die verän­derte gesell­schaft­liche Wirklichkeit anzugleichen. In den Häusern sind Struk­tur­prü­fungen angesagt – über die Geschlech­ter­ge­rech­tigkeit hinaus, betont Meyer. So könnten auch Übergriffe vermieden werden. Und schließlich liege es auch in der Hand jeder einzelnen Frau, aktiv zu werden, indem sie sich in Netzwerke integriere, über die „Blase Theater“ hinaus ein nötiges Rüstzeug wie überge­ordnete Fortbildung nutze und – ein häufig gehörtes Wort in diesen zwei Tagen – sich sichtbar mache.

Rückbli­ckend möchte man hinzu­fügen: Am Puls der Zeit bleiben. Während des Sympo­siums wurden – auch abseits der Panels – immer wieder Vokabeln laut, die an vergangene, kämpfe­rische Zeiten erinnern. Trotz der rheto­ri­schen Peitsche, die Süßmuth in ihrem Gedan­ken­spiel von der Rebellion schwang, scheinen solche Wege nicht mehr zeitgemäß. Die schirm­stock­schwin­genden Suffra­getten wirken heute eher komisch, wenn nicht kontra­pro­duktiv. Und wenn in Neuss bereits die zweite Inten­dantin in Folge berufen wird, Intendant Peter Spuhler in Karlsruhe gleich vier Frauen in Leitungs­po­si­tionen einstellt – und hier wirkt der Zwischenruf, das sei ja ein Mann, der über die Positionen von Frauen entscheide, eher überzogen – und Nürnberg wie Erfurt General­mu­sik­di­rek­to­rinnen berufen haben, um nur ein paar Beispiele zu nennen, kann man das eher als Entwicklung denn als Alibi begreifen. Symposien wie Wonder­lands, runde Tische und ähnliche Maßnahmen seitens der Frauen werden deshalb aller­dings noch lange notwendig bleiben. Als positive Verstärkung eines Bewusst­seins­wandels, der langsam, aber sicher einsetzt.

Michael S. Zerban

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