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Straßenfest auf dem Worringer Platz - Foto © Michael Zerban

Urlaub am Hauptbahnhof

Gibt es irgendeine Großstadt in der Welt, in der die Gegend um den Bahnhof nicht zu den Problem­vierteln gehört? Wohl kaum. Das ist auch in der Landes­haupt­stadt Düsseldorf nicht anders. Die Anwohner des Worringer Platzes wollen die Probleme nicht hinnehmen und kämpfen um ein liebens­wertes Umfeld. Zum zweiten Mal fand deshalb vom 30. Mai bis zum 1. Juni der Worringer Weekender statt, ein Festival mit freiem Eintritt und viel Engagement der Anwohner.

Ruka – Foto © Michael Zerban

1906 erhielt der Platz seinen Namen nach der Schlacht von Worringen, in deren Folge Düsseldorf 1288 zur Stadt erhoben wurde. Unter den Natio­nal­so­zia­listen wurde er in Horst-Wessel-Platz umbenannt, am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Luftan­griffe völlig zerstört. In der Nachkriegszeit begann der Wieder­aufbau der Bebauung am nunmehr wieder Worringer benannten Platz. 1962 wurde für Fußgänger eine mit Rolltreppen ausge­stattete Unter­führung angelegt, die sich jedoch in den Folge­jahren zunehmend zu einem Angstraum entwi­ckelte und deshalb 1994 geschlossen wurde. Während es histo­risch eine Vielzahl von Gaststätten für die Arbei­ter­schaft gab, verwan­delte sich das Umfeld des knapp 500 Meter vom Haupt­eingang des Haupt­bahnhofs entfernten Platzes zunehmend in einen Schmud­delort. Döner­buden, Wettbüros und Spiel­hallen beherrschten zunehmend das Bild. Der Platz selbst entwi­ckelte sich zu einem beliebten Treff­punkt für Drogensüchtige.

Unglück­selig erwies sich der Beschluss des Stadt­rates 2002, den Worringer Platz neu zu gestalten, um ihn zu einem Ort der Kommu­ni­kation werden zu lassen. Schon der Blick auf die Pläne der Archi­tektin hätte jeden vernünftig denkenden Menschen erkennen lassen müssen, dass daraus nichts werden konnte. Die Umsetzung erwies sich als noch viel schlimmer. Bänke aus Glasbau­steinen verwehrten zukünftig den Einblick in den dreieckigen Platz neben der Straßen­bahn­hal­te­stelle. In der Folge wurde der Platz selbst zum Angstraum. Vor einigen Wochen setzte die Stadt einen vorläu­figen Schluss­strich unter die Drogen­höhle. Die Gebäude und Bänke auf dem Platz wurden abgeräumt, der Platz neu gepflastert und mit asozialen Bänken ausge­stattet, also solchen Sitzmöbeln, die mit Zwischen­ele­menten verhindern, dass man sich darauf hinlegen kann. Aber immerhin schaut man jetzt auf einen leeren, von Bäumen überschat­teten Platz, der nach Angaben der Stadt drei Mal täglich gereinigt wird und unter beson­derer Aufsicht der Ordnungs­kräfte steht. Ja, das Argument stimmt: Die Drogen­süch­tigen und Obdach­losen, die den Platz bislang einge­nommen haben, werden nur verdrängt, ihre Probleme werden damit nicht behoben. Aber ein Blick auf das Umfeld des Platzes zeigt, warum das trotzdem – erst mal – eine gute und notwendige Lösung ist. Der Leerstand hat massiv zugenommen, außer Fress­buden wird man kaum ein anderes Laden­lokal finden. Selbst Friseure haben hier Selten­heitswert. Es gibt keinen Grund mehr, sich am Worringer Platz aufzu­halten. Das reicht bis in die angren­zenden Straßen hinein. Das kann nicht die Zukunft eines Stadt­viertels sein, das sich zudem im Stadtteil Stadt­mitte befindet. Die Stadt möchte aus dem Viertel ein „Kultur­quartier“ machen.

2023 fand zum ersten Mal das Festival Worringer Weekender statt. Zahlreiche Bilder davon auf der Netzseite versprühen Vielfalt und gute Laune. Nun das zweite Festival, das am Freitag­abend beginnt und bis Sonntag­abend dauert. Warum also nicht am Sonntag­mittag einen Spaziergang wagen und das umfang­reiche Programm erkunden? Mit 22 °C ist es trotz eines kühlen Windes und weitest­gehend wolken­ver­han­genem Himmel angenehm. Mit 16 angege­benen Spiel­stätten ergibt sich ein umfang­reiches Angebot. Auf der Netzseite kann man sich über die auftre­tenden Künstler infor­mieren, und ein Zeitplan ermög­licht Orien­tierung. Der Eintritt zu allen Auffüh­rungen ist frei. Also los. Einen Parkplatz kann man sich abschminken, der ÖPNV ist seit der neuen Tarif­ge­staltung so teuer, dass man ihn sich nicht mehr leisten mag. Für mehr als sieben Euro vom Stadtrand und zurück­fahren, ist nicht nur eine Frechheit, sondern für viele Menschen mal gerade zum Vergnügen ein Ding der Unmög­lichkeit. Also geht es mit dem Fahrrad zum Worringer Platz.

Freier Eintritt sorgt für Zulauf

Cosima – Foto © Michael Zerban

Leider fällt gleich der Einstand unglücklich aus. Vor einer Garagen­ein­fahrt steht eine „Ordnungs­kraft“, die bestätigt, dass hier um 14 Uhr eine Aufführung statt­finde. Mit Blick auf die zahlreichen Fahrräder in der Hofein­fahrt ist die Frage erlaubt, ob man sein Fahrrad hier ebenfalls abstellen dürfe. Nein, lautet die klare Antwort, die Einfahrt müsse frei bleiben. Man könne ja sein Fahrrad auf der gegen­über­lie­genden Straßen­seite abstellen. Was so beginnt, geht erfah­rungs­gemäß ärgerlich weiter. Das Fahrrad findet seinen Platz etwas weiter entfernt. Nun aber ins Konzert. Nein, so schnell geht es nicht. Den Besuchern wird der Zutritt verwehrt, statt­dessen sorgt die Ansammlung vor dem ehema­ligen Laden­lokal dafür, dass ein Durch­kommen für Passanten nahezu unmöglich wird. Anschließend geht es in einen kleinen Raum, in dem nur wenige Sitzmög­lich­keiten vorhanden sind, die schnell von Oma und Enkel belegt werden. Da hat man die Zielgruppe falsch einge­schätzt, denn junge Leute, denen es nichts ausmacht, mal eine Stunde zu stehen, sind hier in der Minderheit. Aber wer wird sich denn bei freiem Eintritt beschweren? Konzen­tration will so recht keine aufkommen im dicht gefüllten Raum, denn beständig schiebt die „Ordnungs­kraft“ neue Gäste nach. Die Geschichte mit dem geschenkten Gaul …

„Ich bin Cosima, 22 Jahre alt und Singer-Songwri­terin aus Deutschland. Ich erzähle gern Geschichten in meinen Songs durch Texte, die Bilder malen“, beschreibt Cosima sich selbst. Mit entwaff­nender Freund­lichkeit und hübscher Stimme demons­triert Cosima, dass ihre Gitar­ren­fä­hig­keiten sich, positiv ausge­drückt, auf Hobby-Niveau bewegen. Drei Mal bricht sie wegen Fehlern ab. Die Texte sind unver­ständlich – warum muss man Englisch singen, wenn man es nicht kann? – und das Gleichmaß der Musik ist auf Dauer ermüdend. Dass eine Freundin auch noch mit klickendem und blitzendem Fotoap­parat die Stimmung stört, rundet das Bild ab. Getragen von der Begeis­terung vieler Freunde und Bekannter darf die Sängerin sich über Applaus freuen, und ihre Nachfol­gerin sorgt denn auch noch dafür, dass eine Zugabe fällig wird. Angekündigt ist Kyanne, die mit „melan­cho­li­schem Eco-Pop und bewusst­seins­schär­fender Poesie“ in Begleitung des Pianisten Kai Yantiri überzeugen will. Die Vorstellung, den Rücken eine weitere Stunde im Stehen zu belasten, sorgt aller­dings dafür, sich anderen Programm­punkten zuzuwenden.

Für das Eiscafé Stefan erweist sich das Festival als absoluter Gewinn. Ohnehin durchweg gut besucht, ist die Terrasse überdurch­schnittlich gefüllt. Hier treten Steve Savage an der Gitarre und Eric Koslosky am Bass auf. Gefällige Musik, profes­sionell vorge­tragen, während Besucher­gruppen vorüber­ziehen, darunter geführte Gruppen, die erfahren, wann welche Läden geschlossen wurden, im nebenan liegenden House of Friends, das ehemalige Hotel, das seine verrückt einge­rich­teten Zimmer längst nicht mehr vermietet, ein ständiges Kommen und Gehen, im Fenster die Ausstellung zweiter Fotos: Das bunte Umfeld sorgt für so etwas wie Urlaubs­gefühl in der eigenen Stadt. Das erlebt man nicht so oft in Düsseldorf. Wunderbar. Da bleibt man gern noch ein wenig sitzen, um sich wenigstens die ersten Takte von Ruka anzuhören. Laura Rukavina beendet gerade ihr Studium an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf und versucht sich nun im Auftritt mit einer Band. Die „akustische Besetzung“ erweist sich als E‑Gitarre und Keyboard. Die Texte sind nicht verständlich, also geht es weiter. Das Privileg des Festivals.  Du gehst einfach weiter. Vorbei am Balkan World, wo einige Lesungen am Wochenende statt­ge­funden haben, die aller­dings in der Vorankün­digung so klangen, als sollte hier mehr belehrt als unter­halten werden. Im WP8, dem Künst­ler­verein, erklingen Kinder­lieder. Im Freibad, der neuen Spiel­stätte am Worringer Platz 8, toben sich Kinder mit aus Schaum­stoff geschnitzten Skulp­turen aus.

Dass am Sonntag zeitgleich ein Straßenfest statt­findet, das sich auf dem Worringer Platz abspielen soll, lockt dann abschließend auf den Platz, wo ein Artist mit einem Kind und Ringen die Zuschauer in seinen Bann zieht. Ein letzter Blick auf das Postämtchen und den Aktionsraum D, wo in den letzten beiden Tagen ebenfalls Auffüh­rungen statt­fanden, dann geht es mit dem Fahrrad wieder nach Hause.

Ein kleiner Ausschnitt nur aus einem überbor­denden Festival, das einem die Berüh­rungs­ängste vor einem Platz und seiner Umgebung nimmt, die endlich eine bessere Zukunft verdient haben. Damit steht der Platz wohl stell­ver­tretend für viele Gegenden im Umfeld von Großstadt-Bahnhöfen. Und der Worringer Weekender zeigt, dass es Perspek­tiven gibt, wenn sich Stadt und Anwohner zusammenschließen.

Michael S. Zerban

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