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Gibt es irgendeine Großstadt in der Welt, in der die Gegend um den Bahnhof nicht zu den Problemvierteln gehört? Wohl kaum. Das ist auch in der Landeshauptstadt Düsseldorf nicht anders. Die Anwohner des Worringer Platzes wollen die Probleme nicht hinnehmen und kämpfen um ein liebenswertes Umfeld. Zum zweiten Mal fand deshalb vom 30. Mai bis zum 1. Juni der Worringer Weekender statt, ein Festival mit freiem Eintritt und viel Engagement der Anwohner.

1906 erhielt der Platz seinen Namen nach der Schlacht von Worringen, in deren Folge Düsseldorf 1288 zur Stadt erhoben wurde. Unter den Nationalsozialisten wurde er in Horst-Wessel-Platz umbenannt, am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Luftangriffe völlig zerstört. In der Nachkriegszeit begann der Wiederaufbau der Bebauung am nunmehr wieder Worringer benannten Platz. 1962 wurde für Fußgänger eine mit Rolltreppen ausgestattete Unterführung angelegt, die sich jedoch in den Folgejahren zunehmend zu einem Angstraum entwickelte und deshalb 1994 geschlossen wurde. Während es historisch eine Vielzahl von Gaststätten für die Arbeiterschaft gab, verwandelte sich das Umfeld des knapp 500 Meter vom Haupteingang des Hauptbahnhofs entfernten Platzes zunehmend in einen Schmuddelort. Dönerbuden, Wettbüros und Spielhallen beherrschten zunehmend das Bild. Der Platz selbst entwickelte sich zu einem beliebten Treffpunkt für Drogensüchtige.
Unglückselig erwies sich der Beschluss des Stadtrates 2002, den Worringer Platz neu zu gestalten, um ihn zu einem Ort der Kommunikation werden zu lassen. Schon der Blick auf die Pläne der Architektin hätte jeden vernünftig denkenden Menschen erkennen lassen müssen, dass daraus nichts werden konnte. Die Umsetzung erwies sich als noch viel schlimmer. Bänke aus Glasbausteinen verwehrten zukünftig den Einblick in den dreieckigen Platz neben der Straßenbahnhaltestelle. In der Folge wurde der Platz selbst zum Angstraum. Vor einigen Wochen setzte die Stadt einen vorläufigen Schlussstrich unter die Drogenhöhle. Die Gebäude und Bänke auf dem Platz wurden abgeräumt, der Platz neu gepflastert und mit asozialen Bänken ausgestattet, also solchen Sitzmöbeln, die mit Zwischenelementen verhindern, dass man sich darauf hinlegen kann. Aber immerhin schaut man jetzt auf einen leeren, von Bäumen überschatteten Platz, der nach Angaben der Stadt drei Mal täglich gereinigt wird und unter besonderer Aufsicht der Ordnungskräfte steht. Ja, das Argument stimmt: Die Drogensüchtigen und Obdachlosen, die den Platz bislang eingenommen haben, werden nur verdrängt, ihre Probleme werden damit nicht behoben. Aber ein Blick auf das Umfeld des Platzes zeigt, warum das trotzdem – erst mal – eine gute und notwendige Lösung ist. Der Leerstand hat massiv zugenommen, außer Fressbuden wird man kaum ein anderes Ladenlokal finden. Selbst Friseure haben hier Seltenheitswert. Es gibt keinen Grund mehr, sich am Worringer Platz aufzuhalten. Das reicht bis in die angrenzenden Straßen hinein. Das kann nicht die Zukunft eines Stadtviertels sein, das sich zudem im Stadtteil Stadtmitte befindet. Die Stadt möchte aus dem Viertel ein „Kulturquartier“ machen.
2023 fand zum ersten Mal das Festival Worringer Weekender statt. Zahlreiche Bilder davon auf der Netzseite versprühen Vielfalt und gute Laune. Nun das zweite Festival, das am Freitagabend beginnt und bis Sonntagabend dauert. Warum also nicht am Sonntagmittag einen Spaziergang wagen und das umfangreiche Programm erkunden? Mit 22 °C ist es trotz eines kühlen Windes und weitestgehend wolkenverhangenem Himmel angenehm. Mit 16 angegebenen Spielstätten ergibt sich ein umfangreiches Angebot. Auf der Netzseite kann man sich über die auftretenden Künstler informieren, und ein Zeitplan ermöglicht Orientierung. Der Eintritt zu allen Aufführungen ist frei. Also los. Einen Parkplatz kann man sich abschminken, der ÖPNV ist seit der neuen Tarifgestaltung so teuer, dass man ihn sich nicht mehr leisten mag. Für mehr als sieben Euro vom Stadtrand und zurückfahren, ist nicht nur eine Frechheit, sondern für viele Menschen mal gerade zum Vergnügen ein Ding der Unmöglichkeit. Also geht es mit dem Fahrrad zum Worringer Platz.
Freier Eintritt sorgt für Zulauf

Leider fällt gleich der Einstand unglücklich aus. Vor einer Garageneinfahrt steht eine „Ordnungskraft“, die bestätigt, dass hier um 14 Uhr eine Aufführung stattfinde. Mit Blick auf die zahlreichen Fahrräder in der Hofeinfahrt ist die Frage erlaubt, ob man sein Fahrrad hier ebenfalls abstellen dürfe. Nein, lautet die klare Antwort, die Einfahrt müsse frei bleiben. Man könne ja sein Fahrrad auf der gegenüberliegenden Straßenseite abstellen. Was so beginnt, geht erfahrungsgemäß ärgerlich weiter. Das Fahrrad findet seinen Platz etwas weiter entfernt. Nun aber ins Konzert. Nein, so schnell geht es nicht. Den Besuchern wird der Zutritt verwehrt, stattdessen sorgt die Ansammlung vor dem ehemaligen Ladenlokal dafür, dass ein Durchkommen für Passanten nahezu unmöglich wird. Anschließend geht es in einen kleinen Raum, in dem nur wenige Sitzmöglichkeiten vorhanden sind, die schnell von Oma und Enkel belegt werden. Da hat man die Zielgruppe falsch eingeschätzt, denn junge Leute, denen es nichts ausmacht, mal eine Stunde zu stehen, sind hier in der Minderheit. Aber wer wird sich denn bei freiem Eintritt beschweren? Konzentration will so recht keine aufkommen im dicht gefüllten Raum, denn beständig schiebt die „Ordnungskraft“ neue Gäste nach. Die Geschichte mit dem geschenkten Gaul …
„Ich bin Cosima, 22 Jahre alt und Singer-Songwriterin aus Deutschland. Ich erzähle gern Geschichten in meinen Songs durch Texte, die Bilder malen“, beschreibt Cosima sich selbst. Mit entwaffnender Freundlichkeit und hübscher Stimme demonstriert Cosima, dass ihre Gitarrenfähigkeiten sich, positiv ausgedrückt, auf Hobby-Niveau bewegen. Drei Mal bricht sie wegen Fehlern ab. Die Texte sind unverständlich – warum muss man Englisch singen, wenn man es nicht kann? – und das Gleichmaß der Musik ist auf Dauer ermüdend. Dass eine Freundin auch noch mit klickendem und blitzendem Fotoapparat die Stimmung stört, rundet das Bild ab. Getragen von der Begeisterung vieler Freunde und Bekannter darf die Sängerin sich über Applaus freuen, und ihre Nachfolgerin sorgt denn auch noch dafür, dass eine Zugabe fällig wird. Angekündigt ist Kyanne, die mit „melancholischem Eco-Pop und bewusstseinsschärfender Poesie“ in Begleitung des Pianisten Kai Yantiri überzeugen will. Die Vorstellung, den Rücken eine weitere Stunde im Stehen zu belasten, sorgt allerdings dafür, sich anderen Programmpunkten zuzuwenden.
Für das Eiscafé Stefan erweist sich das Festival als absoluter Gewinn. Ohnehin durchweg gut besucht, ist die Terrasse überdurchschnittlich gefüllt. Hier treten Steve Savage an der Gitarre und Eric Koslosky am Bass auf. Gefällige Musik, professionell vorgetragen, während Besuchergruppen vorüberziehen, darunter geführte Gruppen, die erfahren, wann welche Läden geschlossen wurden, im nebenan liegenden House of Friends, das ehemalige Hotel, das seine verrückt eingerichteten Zimmer längst nicht mehr vermietet, ein ständiges Kommen und Gehen, im Fenster die Ausstellung zweiter Fotos: Das bunte Umfeld sorgt für so etwas wie Urlaubsgefühl in der eigenen Stadt. Das erlebt man nicht so oft in Düsseldorf. Wunderbar. Da bleibt man gern noch ein wenig sitzen, um sich wenigstens die ersten Takte von Ruka anzuhören. Laura Rukavina beendet gerade ihr Studium an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf und versucht sich nun im Auftritt mit einer Band. Die „akustische Besetzung“ erweist sich als E‑Gitarre und Keyboard. Die Texte sind nicht verständlich, also geht es weiter. Das Privileg des Festivals. Du gehst einfach weiter. Vorbei am Balkan World, wo einige Lesungen am Wochenende stattgefunden haben, die allerdings in der Vorankündigung so klangen, als sollte hier mehr belehrt als unterhalten werden. Im WP8, dem Künstlerverein, erklingen Kinderlieder. Im Freibad, der neuen Spielstätte am Worringer Platz 8, toben sich Kinder mit aus Schaumstoff geschnitzten Skulpturen aus.
Dass am Sonntag zeitgleich ein Straßenfest stattfindet, das sich auf dem Worringer Platz abspielen soll, lockt dann abschließend auf den Platz, wo ein Artist mit einem Kind und Ringen die Zuschauer in seinen Bann zieht. Ein letzter Blick auf das Postämtchen und den Aktionsraum D, wo in den letzten beiden Tagen ebenfalls Aufführungen stattfanden, dann geht es mit dem Fahrrad wieder nach Hause.
Ein kleiner Ausschnitt nur aus einem überbordenden Festival, das einem die Berührungsängste vor einem Platz und seiner Umgebung nimmt, die endlich eine bessere Zukunft verdient haben. Damit steht der Platz wohl stellvertretend für viele Gegenden im Umfeld von Großstadt-Bahnhöfen. Und der Worringer Weekender zeigt, dass es Perspektiven gibt, wenn sich Stadt und Anwohner zusammenschließen.
Michael S. Zerban