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Große Opern erfordern große Vorbereitung. Nicht nur für das Haus, in dem sie stattfinden, hat sich jetzt die Deutsche Oper am Rhein gesagt und zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen. Drei Wochen sind es noch bis zur Premiere der Walküre im Rahmen der Gesamtinszenierung des Rings des Nibelungen. Zeit, die Multiplikatoren über das bevorstehende Ereignis zu informieren. Zum Beispiel mit einem perfekten Abend in den Produktionsstätten.

Dienstagabend, 18 Uhr. Zwei gut gefüllte Reisebusse stehen vor dem Düsseldorfer Opernhaus der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Letzte Gäste hasten herbei und steigen zu. Zuletzt entert auch noch ein Kamera-Team des hiesigen öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders das voranstehende, luxuriöse Gefährt. Die Organisatoren haben Glück. Mit etwa sieben Grad ist die Temperatur milde, und weit und breit ist kein Regen in Sicht. Eine halbe Stunde wird die Fahrt von der Düsseldorfer Altstadt zum Produktions- und Probenzentrum Duisburg-Wanheimerort dauern. Es wird eine kurzweilige halbe Stunde, denn mit an Bord sind jeweils Regisseur Dietrich W. Hilsdorf, Dramaturg Bernhard F. Loges und Intendant Christoph Meyer, die auf den bevorstehenden Abend mit Erzählungen einstimmen. Ebenso wie sie gerade, erfahren die Gäste, starten auch die Künstler in den Probenalltag, nur eben nicht entspannt am frühen Abend, sondern morgens um zehn. Sehr persönlich erzählt Hilsdorf, wie er die Fahrtzeit nutzt. Gern schläft er noch ein Ründchen, schreibt SMS oder E‑Mails an die Familie. Und während er noch von den Sehenswürdigkeiten in der Nähe des Produktionszentrums, ehemaliger Standort einer britischen Kaserne, schwärmt – links der Rhein, rechts die Sechs-Seen-Platte – gleitet der Bus sanft durch die Dunkelheit.
Der Ring des Nibelungen gehört zu den teuersten Opernproduktionen. Er stellt, ob gerechtfertigt oder nicht, oft genug die Krönung der Arbeit eines Opernhauses dar und wird – im Falle seines Erfolges – gern nach dem Regisseur oder dem Dirigenten bezeichnet. Christoph Meyer, Intendant der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, der in den vergangenen Jahren viel Zeit in die künstlerische Nachwuchsarbeit investiert hat, ist diesen Höhenflug der Opernkultur bislang schuldig geblieben. An einem Haus mit traditionsreicher Wagner-Kultur, in einer Landeshauptstadt noch dazu, eigentlich ein Unding, wurde da schon gemurrt. Meyer hat seinen Kritikern den Wind aus den Segeln genommen und Dietrich W. Hilsdorf mit seinem bewährten Team die Inszenierung der Tetralogie in die Hände gelegt. Der Vorabend des Rheingoldes hat Fragen aufgeworfen. In knapp drei Wochen geht es ans Eingemachte. Dann findet die Premiere der Walküre statt.
Meyer weiß, dass die „Magie“ einer Wagner-Oper im heutigen Unterhaltungsmarathon nicht ausreicht, die Bürger einer Stadt zu begeistern. Auch ein paar Plakate helfen da kaum weiter. Warum also nicht Multiplikatoren am Entstehungsprozess teilhaben lassen, einen Blick hinter die Kulissen erlauben, die sympathischen Mitstreiter der Öffentlichkeit aus nächster Nähe vorstellen? Längst bewährte Mittel, die eigentlich kumuliert gehören, um die Wirkung zu potenzieren.
Mitglieder des Vereins der Freunde und Förderer der Oper in der Überzahl, Opernscouts, Journalisten und ausgewählte Zeitungsleser steigen am Produktions- und Probenzentrum im Ruhrgebiet aus den Bussen und betreten das Gebäude. „Echte“ Kritiker sind hartgesotten, die bleiben einer solchen Veranstaltung fern. Für die zählt das, was auf der Bühne stattfindet. Alles andere zählt nicht. Ob das den heutigen Mediennutzungsgewohnheiten noch gerecht wird, bleibe ebenso dahingestellt wie die Frage, ob mit einer solchen puristisch „künstlerischen“ Kritik die Gesamtwirkung eines Opernabends überhaupt erfasst werden kann.
Der Eingang ist eindrucksvoll flankiert von zwei Feuersäulen. Die Montagehalle, zentraler Punkt für die Hochzeit des Bühnenbildes, also der Platz, an dem alle Gewerke zusammenfinden, ist ein nüchterner, überdimensionaler Arbeitsort. Nicht so an diesem Abend. An der linken Wand laufen Bilder von Rheingold, Musik dröhnt durch den Saal, in dessen Mitte Stuhlreihen aus dem Fundus aufgebaut sind. Dahinter gibt es eine Bar. Davor ist eine „Bühne“ aufgebaut. Links Entwurfsbilder von der Bühne, mittig eine Tafel, auf der alles für eine Party vorbereitet ist, rechts davon das Skelett eines Hubschraubers, davor zwei Flügel. Alles professionell ausgeleuchtet. Willkommen im großen Musiktheater.
Premiere für die Kostüme
Nach kurzer Ansprache des Intendanten übernimmt Loges, designierter Intendant des Landestheaters Coburg, aber bis dahin offenkundig enthusiastischer Dramaturg an der Rheinoper, die Moderation. Nach spektakulärer Präsentation der Solisten und vor allem der Walküren – schließlich lautet das Motto des Abends Walkürenritt – folgen Gespräche mit Dietrich W. Hilsdorf, dem Bühnenbildner Dieter Richter und der Kostümbildnerin Renate Schmitzer. Ein eingespieltes Team, das durch Professionalität und nicht das große „Wir-sind-eine-Familie-Spiel“ auffällt. Gründliche Recherche und Assoziation stehen für Richter im Vordergrund, Schmitzer kümmert sich darum, was sich unter den Kostümen abspielt, denn ein Kostüm muss von unten her aufgebaut werden, und Hilsdorf erläutert, dass er unter einem Konzept etwas Erdachtes versteht, das für die Bühne nicht gelte, wo es sich gehöre, das Werk zu verstehen und umzusetzen. Eine schwer nachvollziehbare Abgrenzung, die sich im Auftritt der Walküren auflöst. Die zeigen sich in schwarzroten Kostümen mit viel Dekolleté, zunächst mit patinierten Mänteln geschützt, ehe sie die leichenhaft geschminkten Statisten unter ihre Fittiche nehmen. So ganz nach einer Feier sieht das noch nicht aus, aber das kann sich ja noch ändern.
Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein, dirigiert den szenischen Auftritt. Und hier wird der Stab nicht für das Publikum geschwungen, sondern als echte Hilfe zuvörderst für die Sängerinnen. Die Korrepetitoren Cécile Tallec und Jesse Wong spielen souverän und gerade so, als könnten sie die Oper auch am Klavier bestreiten. Wenn es ernst wird, muss Kober zwei Orchester im Griff haben. In Düsseldorf sitzen die Düsseldorfer Symphoniker im Graben, in Düsseldorf steht er den Duisburger Philharmonikern vor. Für das kommende Jahr ist die Aufführung des gesamten Zyklus an beiden Häusern vorgesehen.
Nach der trotz aller akustischen Unzulänglichkeiten eindrucksvollen Aufführung des Walkürenrittes haben die Zuschauer die Gelegenheit, mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen, sich mit Suppe und Getränken zu stärken, ehe sie einen Blick in die Säle der Gewerke werfen können. Allüberall ist Begeisterung in entspannter Atmosphäre zu bemerken.
Und während die Besucher noch über die improvisierte Bühne wandeln und fotografieren, beginnen Jesse Wong und Wolfgang Wiechert, die Improvisationen Max Regers zu Wotans Abschied und Feuerzauber zu spielen. Großartige Klaviermusik, die auch im allgemeinen Gesprächsbedürfnis nicht untergeht. Danach rascher Abschied, um einen Platz in den Bussen zu ergattern. Und der Service endet nicht. Der Busfahrer hält noch an Zwischenstationen, um den Besuchern einen möglichst angenehmen Heimweg zu garantieren.
Eine rundherum gelungene Veranstaltung, die keine Wünsche offenlässt. Ein Beispiel, das gerne Schule machen darf. Der Aufwand ist angesichts der bevorstehenden Ereignisse sicher gerechtfertigt. Die Spannung, wie die tatsächliche Umsetzung auf den Bühnen von Düsseldorf und Duisburg erfolgt, ist spürbar gestiegen. Die Walküre kann kommen.
Michael S. Zerban