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Vom 4. bis 6. Oktober fand bei den Tiroler Festspielen in Erl das Erntedankfest statt. Es sind die ersten Festspiele unter der Ägide des Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe. Ein neues Format und selten gespielte Konzerte sollen die Festspiele bereichern. Man wird sehen, ob die neuen Besen wirklich gut – und nachhaltig – kehren oder ob lediglich Rosenwasser über den Mief des vorangegangenen Imageverlustes versprüht wird.

Bernd Loebe soll es nun in Erl richten. Nachdem die Tiroler Festspiele durch Anklagen und Untersuchungen in die Schlagzeilen gerieten und der langjährige geradezu absolutistisch regierende Leiter Gustav Kuhn zurückgetreten ist, wurde er, der Intendant der Oper Frankfurt, ausgewählt. An diesem Wochenende trat er seine Position als neuer Künstlerischer Geschäftsführer der Tiroler Festspiele in Erl an. Die Bestellung wurde bewusst gewählt, um internationale Beachtung sicherzustellen und den Ruf nicht weiter zu ramponieren. Seit vielen Jahren leitet Loebe erfolgreich das Frankfurter Opernhaus. Seine guten Kontakte, langjährige Erfahrung auch in der Führung eines großen Betriebes und sein Gespür für das Publikumsinteresse sollen einen harmonischen Neubeginn in Erl gewährleisten.
Die Tiroler Festspiele versuchen bereits seit längerem, die Spielzeiten im Winter und Sommer mit weiteren Aufführungszyklen anzureichern. So findet ein musikalisches Erntedankfest Anfang Oktober statt. Die diesjährige Ausgabe trägt nun als Erstes die gestalterische Handschrift Loebes mit einem spannenden, vielseitigen und neuartigen Programmkonzept. An der Schwelle zur Moderne titulieren sich zwei Symphoniekonzerte des bestens vorbereiteten und überzeugend aufspielenden Tiroler Festspielorchesters. Junge Musiker vornehmlich aus Weißrussland bilden den Kern, verstärkt mit preisgekrönten, jungen Musikern aus verschiedenen Ländern. Seit 1999 konnten die Musiker produktionsabhängig in unterschiedlichen Besetzungen über Jahre hinweg miteinander wachsen. Die stilistische Bandbreite des Orchesters umfasst bedeutende, aber auch weniger bekannte Werke der Opern- und sinfonischen Literatur vom Barock über die Romantik bis hin zu zeitgenössischem Repertoire. Unter dem neuen Künstlerischen Leiter spielt das Orchester jetzt mit renommierten, aber auch jungen, aufstrebenden Dirigenten zusammen. Symphonische Werke und Solistenkonzerte gehören nunmehr wesentlich neben Opern wie bisher zum Programm in Erl.
Unter der Leitung von Valentin Uryupin geht es am Eröffnungsabend nach Finnland und Russland mit melancholisch gefühlvollen Werken von Jean Sibelius und Anatoli Konstantinowitsch Ljadlow. Der junge kanadische Geiger chinesischer Abstammung Timothy Chooi gewann bereits mehrere internationale Wettbewerbe und präsentiert technisch ausgereift das Violinkonzert von Jean Sibelius.
Unter Lothar Koenigs führt das Orchester anspruchsvoll nach Österreich und Deutschland. Die Münchner Sopranistin Anna Gabler bietet in der Schlussszene von Richard Strauss Spätwerk Capriccio herrschaftlichen Glanz und Eleganz als Gräfin Madeleine und philosophiert charmant über das Leben und die Kunst mit ihrem dunklen prägnant gefärbten Sopran, der sich für Liedgesang besonders eignet. Die vier Orchesterlieder des wenig bekannten Grazer Komponisten Joseph Marx, der von 1882 bis 1964 lebte, sind noch ganz von der Harmonie der Spätromantik geprägt und baden in ausdrucksstarken Gefühlswallungen. Die junge Münchnerin wird samtweich vom Orchester begleitet und spiegelt schwelgend klar und wortverständlich die unterlegten Stimmungen wider. Arnold Schönberg kämpft spürbar in seinem Werk Pelléas und Mélisande mit den Grenzen der klassischen Harmonielehre und bricht immer wieder expressiv und in Dissonanz aus. Impressionistische Klangfärbungen nutzt er, um musikalische Bilder zu malen. Auch hier wiederum zeigt das Orchester seine Reife und Flexibilität.
Spannend ist der Vergleich von vier jungen Pianisten in ihrer Interpretation von Werken des polnischen Klaviervirtuosen Frédéric Chopin. Vier einstündige Solistenkonzerte in Folge bieten die Möglichkeit, Unterschiede in Technik, Ausdruck oder Anschlag gegenüberzustellen. Dabei gelingt es dem Zuhörer, die Nuancen und Farbenpracht des Instrumentes im Spiel von Dramatik und Lyrik zu erfühlen. Flexibilität und Lebendigkeit, Kraft und Gefühl sind Komponenten, die in der Darstellung der romantischen und technisch anspruchsvollen Werke Chopins Gestaltungskraft vermitteln. Das Publikum zeigte sich begeistert von diesem neuen Programmformat.
Ansprechend und vielversprechend auch das Programm der kommenden Winterfestspiele. Der Leitungswechsel eröffnet eine neue Programmvielfalt mit herausragenden Künstlern und läutet eine neue Ära ein.
Helmut Pitsch