Wandel unter neuer Leitung

Vom 4. bis 6. Oktober fand bei den Tiroler Festspielen in Erl das Ernte­dankfest statt. Es sind die ersten Festspiele unter der Ägide des Frank­furter Opern­in­ten­danten Bernd Loebe. Ein neues Format und selten gespielte Konzerte sollen die Festspiele berei­chern. Man wird sehen, ob die neuen Besen wirklich gut – und nachhaltig – kehren oder ob lediglich Rosen­wasser über den Mief des voran­ge­gan­genen Image­ver­lustes versprüht wird.

Bernd Loebe ist neuer Künst­le­ri­scher Geschäfts­führer in Erl – Foto © Mike Scharfscheer

Bernd Loebe soll es nun in Erl richten. Nachdem die Tiroler Festspiele durch Anklagen und Unter­su­chungen in die Schlag­zeilen gerieten und der langjährige geradezu absolu­tis­tisch regie­rende Leiter Gustav Kuhn zurück­ge­treten ist, wurde er, der Intendant der Oper Frankfurt, ausge­wählt. An diesem Wochenende trat er seine Position als neuer Künst­le­ri­scher Geschäfts­führer der Tiroler Festspiele in Erl an. Die Bestellung wurde bewusst gewählt, um inter­na­tionale Beachtung sicher­zu­stellen und den Ruf nicht weiter zu rampo­nieren. Seit vielen Jahren leitet Loebe erfolg­reich das Frank­furter Opernhaus. Seine guten Kontakte, langjährige Erfahrung auch in der Führung eines großen Betriebes und sein Gespür für das Publi­kums­in­teresse sollen einen harmo­ni­schen Neubeginn in Erl gewährleisten.

Die Tiroler Festspiele versuchen bereits seit längerem, die Spiel­zeiten im Winter und Sommer mit weiteren Auffüh­rungs­zyklen anzurei­chern. So findet ein musika­li­sches Ernte­dankfest Anfang Oktober statt. Die diesjährige Ausgabe trägt nun als Erstes die gestal­te­rische Handschrift Loebes mit einem spannenden, vielsei­tigen und neuar­tigen Programm­konzept. An der Schwelle zur Moderne titulieren sich zwei Sympho­nie­kon­zerte des bestens vorbe­rei­teten und überzeugend aufspie­lenden Tiroler Festspiel­or­chesters. Junge Musiker vornehmlich aus Weißrussland bilden den Kern, verstärkt mit preis­ge­krönten, jungen Musikern aus verschie­denen Ländern. Seit 1999 konnten die Musiker produk­ti­ons­ab­hängig in unter­schied­lichen Beset­zungen über Jahre hinweg mitein­ander wachsen. Die stilis­tische Bandbreite des Orchesters umfasst bedeu­tende, aber auch weniger bekannte Werke der Opern- und sinfo­ni­schen Literatur vom Barock über die Romantik bis hin zu zeitge­nös­si­schem Reper­toire. Unter dem neuen Künst­le­ri­schen Leiter spielt das Orchester jetzt mit renom­mierten, aber auch jungen, aufstre­benden Dirigenten zusammen. Sympho­nische Werke und Solis­ten­kon­zerte gehören nunmehr wesentlich neben Opern wie bisher zum Programm in Erl.

Unter der Leitung von Valentin Uryupin geht es am Eröff­nungs­abend nach Finnland und Russland mit melan­cho­lisch gefühl­vollen Werken von Jean Sibelius und Anatoli Konstan­ti­no­witsch Ljadlow. Der junge kanadische Geiger chine­si­scher Abstammung Timothy Chooi gewann bereits mehrere inter­na­tionale Wettbe­werbe und präsen­tiert technisch ausge­reift das Violin­konzert von Jean Sibelius.

Unter Lothar Koenigs führt das Orchester anspruchsvoll nach Öster­reich und Deutschland. Die Münchner Sopra­nistin Anna Gabler bietet in der Schluss­szene von Richard Strauss Spätwerk Capriccio herrschaft­lichen Glanz und Eleganz als Gräfin Madeleine und philo­so­phiert charmant über das Leben und die Kunst mit ihrem dunklen prägnant gefärbten Sopran, der sich für Liedgesang besonders eignet. Die vier Orches­ter­lieder des wenig bekannten Grazer Kompo­nisten Joseph Marx, der von 1882 bis 1964 lebte, sind noch ganz von der Harmonie der Spätro­mantik geprägt und baden in ausdrucks­starken Gefühls­wal­lungen. Die junge Münch­nerin wird samtweich vom Orchester begleitet und spiegelt schwelgend klar und wortver­ständlich die unter­legten Stimmungen wider. Arnold Schönberg kämpft spürbar in seinem Werk Pelléas und Mélisande mit den Grenzen der klassi­schen Harmo­nie­lehre und bricht immer wieder expressiv und in Dissonanz aus. Impres­sio­nis­tische Klang­fär­bungen nutzt er, um musika­lische Bilder zu malen. Auch hier wiederum zeigt das Orchester seine Reife und Flexibilität.

Spannend ist der Vergleich von vier jungen Pianisten in ihrer Inter­pre­tation von Werken des polni­schen Klavier­vir­tuosen Frédéric Chopin. Vier einstündige Solis­ten­kon­zerte in Folge bieten die Möglichkeit, Unter­schiede in Technik, Ausdruck oder Anschlag gegen­über­zu­stellen. Dabei gelingt es dem Zuhörer, die Nuancen und Farben­pracht des Instru­mentes im Spiel von Dramatik und Lyrik zu erfühlen. Flexi­bi­lität und Leben­digkeit, Kraft und Gefühl sind Kompo­nenten, die in der Darstellung der roman­ti­schen und technisch anspruchs­vollen Werke Chopins Gestal­tungs­kraft vermitteln. Das Publikum zeigte sich begeistert von diesem neuen Programmformat.

Anspre­chend und vielver­spre­chend auch das Programm der kommenden Winter­fest­spiele. Der Leitungs­wechsel eröffnet eine neue Programm­vielfalt mit heraus­ra­genden Künstlern und läutet eine neue Ära ein.

Helmut Pitsch

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