O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Am Ende sorgt er noch für viel überflüssiges Leid bei den ohnehin schon Geschädigten. Gustav Kuhn, beurlaubter Gründungsintendant der Tiroler Festspiele Erl und Künstlerischer Leiter des Gesangswettbewerbs Neue Stimmen, bleibt bis heute bei seiner Unschuldsbehauptung und spricht gar von einer „Menschenhatz“ gegen sich. Jetzt verdichten sich die Hinweise, dass die Vorwürfe gegen den 72-Jährigen zutreffen.

Es war ein Paukenschlag, der wohl die letzte Phase in der Causa Kuhn einleitet. Die österreichische Zeitung Profil veröffentlichte am 29. September die tags zuvor datierte Solidaritätserklärung von acht ehemaligen männlichen Mitarbeitern der Tiroler Festspiele Erl, in der es heißt: „Auch wir Männer, die wir als Künstler und Mitarbeiter unter Gustav Kuhn in Erl tätig waren, haben dort übergriffiges Verhalten in vielerlei Hinsicht und strukturelle Gewalt gegenüber Frauen und Männern erlebt.“ Gleichzeitig unterstützen die Männer „die Forderung nach definitiver Entlassung Gustav Kuhns aus allen Funktionen des Festspielbetriebes von Erl“.
Im Februar dieses Jahres hatte der Aktivist Markus Wilhelm auf seinem Blog heftige, anonyme Vorwürfe gegen den Gründungsintendanten der Tiroler Festspiele Erl und Künstlerischen Leiter des Gesangswettbewerbs Neue Stimmen, Gustav Kuhn, erhoben. Der hätte mit einem Rückzug zu diesem Zeitpunkt für ein zügiges Ende des Schreckens sorgen können, zog es aber vor, Wilhelm mit Klagen zu überziehen. Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe wurden ihm vorgehalten. Noch im März schloss er in einem Interview der Zeitschrift Profil sexuelle Übergriffe „hundertprozentig“ aus. Am 25. Juli dieses Jahres kam das, was kommen musste. Fünf Künstlerinnen traten mit einem offenen Brief aus ihrer Anonymität heraus und bekräftigten die Vorhaltungen aus eigenem Erleben.
Spätestens seit diesem Tag hätte der Bertelsmann-Stiftung klar sein müssen, dass der Künstlerische Leiter ihres Gesangswettbewerbs Neue Stimmen sehr wohl auf das ihm dargebotene „Material“ zugriff. Denn eine der Künstlerinnen, die den offenen Brief unterschrieben haben, ist Julia Oesch, Finalistin im Jahr 1996. Dennoch sah die Stiftung keinen Grund zum Handeln. Vielmehr schrieb sie in einer Stellungnahme: „Solange es keine abschließende juristische Klärung gibt, besteht die Zusammenarbeit mit Gustav Kuhn.“ Erst am 25. September erklärten die Gütersloher lapidar: „Gustav Kuhn lässt auf eigenen Wunsch seine Aufgaben als Künstlerischer Leiter des internationalen Opernwettbewerbs Neue Stimmen ruhen. Er wird daher beim diesjährigen Meisterkurs nicht teilnehmen.“ Dass die Stiftung so lange mit einer solchen Erklärung auf sich warten ließ, könnte man auch als weitere Respektlosigkeit gegenüber den Opfern werten. Für Kuhn selbst wird es eine bittere Entscheidung sein. Gerade bei Meisterkursen kommt man sich doch gern mal etwas näher.
Und dass dem Dirigenten jedes Unrechtsbewusstsein fehlt, wurde ja bereits deutlich, als er die Öffentlichkeit mit einer Finte zu täuschen versuchte, als er sich in seiner Funktion als Intendant der Festspiele beurlauben ließ. Kurze Zeit später verkündete der von ihm übergangsweise eingesetzte Andreas Leisner, dass die Beurlaubung keinesfalls die Dirigate Kuhns umfasse. Dieser Winkelzug ist zwischenzeitlich behoben. Kuhn ist auch von den Dirigaten der Festspiele beurlaubt.
Den „Maestro“, wie er sich selbst gern bezeichnen lässt, ficht das nicht an. Am 23. September stand er erneut am Erler Dirigentenpult. Diesmal, um ein Benefizkonzert der Concordia Gemeinnützige Privatstiftung für bedürftige Kinder zu leiten. Vorstandsvorsitzender der Concordia ist Hans Peter Haselsteiner, Präsident der Tiroler Festspiele Erl. Nach seiner Aussage sei dieses Engagement „unproblematisch“, da es sich um eine reine Privatveranstaltung gehandelt habe. Wo und auf wessen Kosten das Konzert geprobt worden ist, sagt er nicht. Und dass das Konzert im regulären Programmplan der Tiroler Festspiele auftaucht, ist sicher nur ein Irrtum, der Haselsteiner nicht bekannt war. Völlig unverständlich ist nach bisherigem Wissensstand, dass es für ein solches Konzert offenbar noch ein Publikum gibt.
Inzwischen, berichtet Markus Wilhelm, gehen die Versuche der Kuhn-Adepten unvermindert weiter, die Opfer zu verunglimpfen und Einfluss auf die Gleichbehandlungskommission beim Bundeskanzleramt zu nehmen. Chefbühnenbildner Jan Hax Halama sagt derweil gegenüber der Zeitung Der Standard, er sehe es als eine „Pflichtübung“, die Solidaritätserklärung zu unterschreiben, „wenn durch hastig beauftragte PR-Agenturen und durch Aussagen der Verantwortlichen selbst ein öffentliches Bild generiert werden soll, das neben dem unwürdigen Herabspielen der Geschehnisse die Täter-Opfer-Umkehr zum Ziel hat“. Auch Christoph Ziermann, von 2011 bis 2015 Leiter Marketing und Kammermusik, ist einer der Unterzeichner. Irgendwann habe ihn die Wut gepackt, erzählt er dem Profil. „Ausgerechnet die Mutigsten, die Frauen, die als erste vor den Vorhang treten, werden von Opfern zu Tätern gestempelt“, sagt er. Dem dürfte mit der Solidaritätserklärung jetzt ein Riegel vorgeschoben sein.
Michael S. Zerban