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Mask von Douglas Lee - Foto © N.N.

Den Tanz bewegen

Über Preis­ver­lei­hungen zu berichten, heißt in der Regel, Wasser auf die Mühlen irgend­welcher PR-Aktivi­täten zu gießen. Ermüdend, über die Mausche­leien zu berichten, die mit Lobhu­de­leien auf einer Bühne enden. Beim Deutschen Tanzpreis keimt Hoffnung auf. Und da möchte man dann auch die Gala genießen, die zu seinen Ehren am 22. September im Aalto-Theater Essen ausge­richtet wird.

Ulrich Roehm – Foto © O‑Ton

Ulrich Roehm ist am 14. September 85 Jahre alt geworden. Er hat gerade eine neue Wohnung im schönen Essener Vorort Stadtwald bezogen. Die Bilder, die teilweise schon wieder an den Wänden des neuen Refugiums hängen, erzählen die Geschichte eines erfolg­reichen Tänzers, der 1933 in Essen geboren wurde und dort an der Folkwang-Schule unter Kurt Jooss bis zur Meister­klasse Tanz studierte. Zu seinem Lehrer baute Roehm eine ganz besonders enge Bindung auf. Aber bis er sich darum kümmern konnte, stand erst mal die Weltkar­riere an. In Belgien bekam er sein erstes Engagement und nach einem erneuten Zwischen­auf­enthalt im Ruhrgebiet zog es ihn nach Kanada, wo er gleich drei Ballett­studios aufbaute. Nach seiner Rückkehr nach Essen 1973 gründete er sein eigenes Studio im Haus der Technik in unmit­tel­barer Nähe zum Haupt­bahnhof, das er 30 Jahre lang leitete.

Während seiner Laufbahn hatte Roehm viele Gelegen­heiten, an Preis­ver­lei­hungen und ähnlichen Ehrungen teilzu­nehmen. Solche Preis­ver­lei­hungen sind ja von der Idee her eine schöne Sache. Jemand, der sich in irgend­einer Form um die Gesell­schaft verdient gemacht hat, wird im Rahmen einer möglichst großar­tigen Feier dafür geehrt. Und natürlich wird darüber gern in den Medien berichtet. Ein Umstand, den die Öffent­lich­keits­ar­beiter für sich nutzen. Inzwi­schen finden solche Feier­lich­keiten infla­tionär statt, oder um es flapsig auszu­drücken: Jeder Pups ist eine Medaille wert. Dass die Geehrten oftmals schon nicht mehr selbst wissen, wofür ihnen eine Plakette an die Brust geheftet wird, kann in der strate­gi­schen Gemengelage schon mal passieren. Die Medien füllen derweil ganze Nachrich­ten­spalten mit Meldungen über solche „Ehrungen“, ja, schrecken inzwi­schen nicht mehr davor zurück, selbst solche Auszeich­nungen vorzu­nehmen, unter welchen – obskuren – Umständen sie auch immer zustande kommen. Gerade im Bereich des Tanzes entstehen mittler­weile die verrück­testen und anscheinend willfäh­rigsten Entschei­dungen. Man denke nur an die „Tanzcom­pagnie des Jahres“. In den 1980-er Jahren war sicher nicht alles besser. Vielleicht ein wenig naiver. Aber Preis­ver­lei­hungen gab es. Zumindest in anderen Ländern.

Eine einfache Idee

1982 im Frühjahr. Mailand. Roehm sitzt im Saal des Ristorante Savini in der berühmten Einkaufs­passage Galleria Vittorio Emanuele II, einem Jugendstil-Bau zwischen dem Mailänder Dom und der Scala. Längst ist er da mit Maurice Béjart befreundet. In Italien gibt es bereits einen Tanzpreis, der von einem Privat­un­ter­nehmen ausge­richtet wird: Una vita per la danza. In Deutschland nicht, obwohl es hier durchaus Koryphäen zu ehren gäbe. Zu diesem Zeitpunkt ist Roehm Vorsit­zender des Deutschen Berufs­ver­bandes für Tanzpäd­agogik und wird in dieser Funktion als Ehrengast zu den Preis­ver­lei­hungen einge­laden. Er beschließt, einen Deutschen Tanzpreis ins Leben zu rufen. Und schon 1983 wird er zum ersten Mal verliehen. „Der Unter­schied zu den anderen Tanzpreisen, besonders jetzt zu Italien, war: Es kam nicht darauf an, woher die Person kam für den Deutschen Tanzpreis. Aber für Verdienste um den Tanz in Deutschland, nicht für den deutschen Tanz, den gibt es ja sowieso nicht, sondern wer hat beson­deren Einfluss auf den Tanz in Deutschland“, stellt Roehm die damalige Prämisse klar. Begonnen wurde der Deutsche Tanzpreis als kleine Feier­stunde im Saalbau, der heutigen Philhar­monie. Ein Streich­quartett, eine Laudatio und von der Stadt Essen gab es Sekt, „wohlge­merkt, Sekt, keinen Champagner“, wirft Roehm schmun­zelnd ein. Es folgte das besondere Engagement der Stadt Essen, das bis heute anhält.

Die Liste der Preis­träger ist lang und exklusiv. Es gibt wohl kaum jemanden von Bedeutung in der Tanzszene, den der Deutsche Tanzpreis übersehen hätte. In diesem Jahr wird ihn Nele Hertling erhalten. Hertling studierte Germa­nistik und Theater­wis­sen­schaft in Berlin, ehe sie in zahlreichen Gremien wirkte. Seit 2006 ist sie Vizeprä­si­dentin der Akademie der Künste in Berlin. Neben Namen wie Maurice Béjart, Pina Bausch oder John Neumeier fällt Hertling etwas aus der Reihe, aber schließlich will der Deutsche Tanzpreis ausdrücklich nicht nur berühmte Choreo­grafen, sondern auch ansonsten bedeu­tende Personen ehren, die Einfluss auf die deutsche Tanzge­schichte haben oder hatten. Insofern passt die Drama­turgin und Tanz-Netzwer­kerin gut in die Reihe der Preisempfänger.

Michael Freundt – Foto © Eva Raduenzel

Anders als in der Theaterwelt, in der einzelne Preise wie der Faust-Preis der Stadt­theater, der George-Tabori-Preis der so genannten Freien Szene und andere neben­ein­an­der­stehen, verbindet der Deutsche Tanzpreis ideell die gesamte Tanzszene, vom klassi­schen Ballett bis zum zeitge­nös­si­schen Tanz. „Im Idealfall wird sichtbar, dass künst­le­rische Spitze auf der Bühne in vielfäl­tigster Form in die Gesell­schaft ausstrahlt. Der Deutsche Tanzpreis, der im kultu­rellen Leben dieses Landes für den Tanz wirbt, hat zugleich eine europäische Perspektive – Tanz verbindet, gibt aber auch Raum für Differenz und Zwischentöne“, sagt Michael Freundt zur überge­ord­neten Bedeutung des Tanzpreises. Er ist Geschäfts­führer des Dachver­bandes Tanz Deutschland, der den Preis in diesem Jahr erstmalig austrägt.

Zwar hat der Dachverband seinen Sitz in Berlin, Speku­la­tionen, der Tanzpreis könne deshalb in die Haupt­stadt abwandern, weist Freundt aber weit von sich. Seine Pläne gehen eher in die entge­gen­ge­setzte Richtung. „Für die Zukunft wünschen wir uns eine feste Adresse in Essen, wollen eine Anlauf­stelle für die Tanzszene vor Ort aufbauen, auch Förderung des Bundes nach Essen holen. Dazu beginnen wir gerade die Gespräche.“

Neue Perspek­tiven

Gespräche nicht nur mit den Mitgliedern des Dachver­bandes vor Ort wie dem Tanzhaus NRW, dem Landesbüro Tanz NRW oder auch PACT Zollverein, sondern auch mit der Folkwang-Univer­sität oder dem Kulturbüro Essen. Und wieder rückt der Tanzpreis in den Mittel­punkt. Er wird begleitet von einer Tagung mit dem wenig aussa­ge­kräf­tigen Titel Die Zukunft des Tanzes. Die aber hat es in sich. Soll sie doch nicht weniger als das Brain­storming für die künftige Arbeit des Verbandes werden. Obwohl die Tänzer in der Gesell­schaft so fest verankert sind wie nie zuvor, gibt es keinen Grund, sich zurück­zu­lehnen. „Denn noch immer sind Tanzensembles an den Stadt- und Staats­theatern gefährdet. Arbeiten unter enormem Produk­ti­ons­druck. Freie Ensembles können kaum konti­nu­ierlich mit Tänzern produ­zieren. Gerade mal fünf Prozent der gesamten Förderung für die darstel­lenden Künste kommen dem Tanz zu“, gibt Freundt Beispiele. Und bleibt Realist. „Das können wir nicht mit einer Tagung ändern, aber das muss in Zukunft für den Tanz anders werden.“

Und der Geschäfts­führer ist sich auch im Klaren darüber, dass die Preis­ver­lei­hungen an die „Altvor­deren“ zwar wichtig sind, aber ein junges Publikum kaum ansprechen. „Mit denen, die mit ihren Leistungen auch inter­na­tional Anerkennung und Beachtung finden, mit den Künstlern, die ihnen wichtig sind, verbindet sich ein Großteil des Programms der Tanz-Gala. Und damit wollen wir natürlich auch ein großes Publikum und die Tanzwelt ansprechen. Da ist die Tanz-Gala im Opernhaus der Stadt ein ganz bewusst gesetztes Format“, sagt Freundt. Damit aller­dings ist die Preis­ver­leihung nicht in Stein gemeißelt. „Für das jüngere Publikum braucht es den Blick auf andere künst­le­rische Bereiche und andere Formate. Da sind wir auf der Suche, wollen in den nächsten Jahren gern mit PACT Zollverein und der Folkwang-Univer­sität koope­rieren“, verspricht der Verbandsmanager.

Ulrich Roehm darf stolz auf sich sein. So viele Jahre hat er für eine solide Finan­zierung des Deutschen Tanzpreises gekämpft, ihn in Essen fest etabliert. Und immer noch nicht ist die Verleihung zu einer PR-Farce verkommen, sondern entwi­ckelt sich zu einer Veran­staltung, die den politi­schen Aspekten nicht aus dem Weg geht. Auch die diesjährige Preis­trä­gerin ist nicht von PR-Strategen auser­koren worden, sondern ist aus einem breit aufge­stellten Auswahl­ver­fahren hervor­ge­gangen, ehe eine Experten-Jury die Vorschläge der Basis disku­tierte. Und so freut sich Michael Freundt auf eine verdiente Preis­trä­gerin. „Dieser Preis geht an die sehr heutige, wache, mit Blick nach vorn denkende, redende, sich einmi­schende Nele Hertling.“ Und verkörpert damit die Philo­sophie des Deutschen Tanzpreises.

Am 22. September wird er erneut im Aalto-Theater in Verbindung mit einer großen Tanz-Gala verliehen. Mit Blick auf die Zukunft, ohne die Tradition aus den Augen zu verlieren. Es wird vor allem deshalb eine richtig großartige Feier werden, weil sie Ausgangs­punkt wichtiger Entwick­lungen werden wird. Am meisten wird das Ulrich Roehm freuen, der selbst­ver­ständlich auch mit dabei sein wird.

Michael S. Zerban

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