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Goyo Montero und das Ballett des Staatstheaters Nürnberg - Foto © Ursula Kaufmann

Feier im Halbdunkel

Zum ersten Mal richtet der Dachverband Tanz Deutschland die Verleihung des Deutschen Tanzpreises im Rahmen einer Gala aus. Es soll eine Art Neustart werden, und da scheint kein Aufwand groß genug. Nach einer opulenten, überlangen Feier im Halbdunkel fällt der Kater hoffentlich nicht allzu schlimm aus.

Ulrich Roehm und Thomas Kufen – Foto © Ursula Kaufmann

Der Sommer scheint sich erbar­mungslos schnell zu verab­schieden. Die Tempe­ra­turen sind von heute auf morgen unter 20 Grad Celsius gefallen, dunkle Regen­wolken hängen über dem Aalto-Theater in Essen und schicken tristes Nass auf den Vorplatz, über den die Besucher eilen. Es sind überra­schend viele Gäste, und sie sind erstaunlich alt. Denn an diesem Abend, der bereits um 18 Uhr beginnt, soll der Deutsche Tanzpreis 2018 verliehen werden. Und da würde man doch junge, begeis­terte, aufge­regte Tänzer erwarten. Schließlich steht eine Art Neuanfang des 1983 zum ersten Mal verlie­henen Preises auf dem Programm. Der Dachverband Tanz Deutschland richtet ihn aus, eine Inter­es­sen­ver­ei­nigung mit Sitz in Berlin, die ausdrücklich alle am Tanz Betei­ligten erreichen – und vertreten – will. Das Aalto-Theater in Essen bietet da einen anspre­chenden Rahmen. „Alter Ort, neue Akzente“, freut sich Isabelle Pfeiffer-Poensgen, Minis­terin für Kultur und Wissen­schaft des Landes Nordrhein-Westfalen, in ihrem Grußwort – nachdem Chris­tiane Theobald, Stell­ver­tre­tende Inten­dantin des Staats­bal­letts Berlin und Vorsit­zende des Dachver­bands Tanz Deutschland, die Ehren­gäste in aller Ausführ­lichkeit begrüßt hat. Und da gilt es in der Tat jede Menge Menschen zu benennen. Der wichtigste, je nach Sicht der Dinge, ist vielleicht Ulrich Roehm, der den Tanzpreis ins Leben gerufen hat und in der vergan­genen Woche seinen 85. Geburtstag feiern durfte. Fröhlich nimmt er den Applaus entgegen, mit dem ihn das Auditorium nachträglich beglück­wünscht. Und mit einem launigen und heimat­be­tonten Grußwort des Oberbür­ger­meisters Thomas Kufen, der mit dem optimis­ti­schen und tradi­tio­nellen „Glückauf!“ endet, können die Feier­lich­keiten beginnen.

Den Auftakt macht ein Ausschnitt der Choreo­grafie von Daniel Goldin mit dem Titel Stimmen, Hände, brüchige Stille zur Musik von Philip Glass und Ravi Shankar, den Absol­venten der Folkwang-Univer­sität präsen­tieren. Eine schlicht großartige Wahl. In den langen Mänteln, die Gaby Sogl ausge­wählt hat, vertanzen die jungen Leute eine Bewegungs­sprache aus dem Jahr 2001, die heute noch innovativ wie eben erfunden wirkt. Zwischen den Grußworten gibt es einen Ausschnitt aus der Choreo­grafie Tuplet von Alexander Ekman aus dem Jahr 2012, den Alexsandro Akapohi vom Ballett des Nürnberger Staats­theaters aufwändig vorträgt. In Black Swan von Marco Goecke zeigen Amélie Demont und Duccio Tariello vom NRW-Junior­ballett, auf welch hohem Niveau Tanz in Deutschland stattfindet.

Gala für gestern

Die Laudatio auf Nele Hertling, die den Deutschen Tanzpreis 2018 erhält, trägt die Choreo­grafin und Regis­seurin Reinhild Hoffmann vor. Und sie versteht es, in persön­lichen Worten zu vermitteln, warum Hertling eine zu ehrende Preis­trä­gerin ist. Hat die Drama­turgin, ehemalige Inten­dantin, Festival-Gründerin und heutige Vizeprä­si­dentin der Berliner Akademie der Künste sich doch stets für die Belange des Tanzes einge­setzt. Und da ist es aus Verbands­sicht nur recht und billig, wenn die Tanz-Enthu­si­astin mit 84 Jahren für ihr Lebenswerk ausge­zeichnet wird.

Nele Hertling, Preis­trä­gerin des Jahres 2018 – Foto © Ursula Kaufmann

Und selbst­ver­ständlich wird dem rückwärts­ge­wandten Wunsch der Preis­trä­gerin entsprochen, auch ein Stück von Gerhard Bohner zu zeigen. Cesc Gelabert trägt einen Ausschnitt aus Im (Goldenen) Schnitt I – Durch den Raum, durch den Körper vor zum Wohltem­pe­rierten Klavier von Johann Sebastian Bach vor. Der Solist darf wohl die hellsten Momente des Abends für sich beanspruchen, wenn er in Spotlights herum­tanzt. Unmit­telbar daran schließt sich Renate Graziadei an, die aus den Afectos Humanos von Dore Hoyer aus dem Jahr 1962 die Affekte „Begierde“ und „Angst“ nach einer ersten Dekon­struktion von Susanne Linke aus dem Jahr 1987 vorträgt. Vor der Pause zeigt die Michael Clark Company mit Sheroes nach der Musik von David Bowie einen weiteren Wunsch der Preis­trä­gerin vor. Dabei handelt es sich um eine Adaption aus Clarks neuestem Werk to a simple, rock’n’roll … song.

Mehr als zwei Stunden sind seither vergangen. Und so groß die Begeis­terung für Tanz ist, wird es allmählich ermüdend. Zumal der Blick auf die durch­gängig halbdunkle Bühne die Augen über Gebühr anstrengt. Anstatt die Aufführung von Mask einfach zu streichen, weil einer der Tänzer erkrankt ist, zeigen Einspringer aus Stuttgart noch Arcadia von Douglas Lee. Das ist entspre­chend unsauber getanzt. Nach der Ehrung für Meg Stuart und ihre Compagnie Damaged Goods, durchaus mit Pathos vorge­tragen von Stefan Hilterhaus, Künst­le­ri­scher Leiter beim PACT Zollverein Essen, tanzt die Geehrte selbst. Ihr Stück All songs have been exhausted, in dem wenig von dem zu sehen ist, was Hilterhaus gerade noch lobte, sowohl was das Licht als auch die Choreo­grafie angeht, kann das Publikum nicht mehr so richtig fesseln. Da werden gerne wichtige Dinge besprochen. Wichtiges hat dann auch noch mal Julia Lehner, Kultur­re­fe­rentin der Stadt Nürnberg, vorzu­tragen, wenn sie über die großartige Entwicklung des Balletts vom Staats­theater Nürnberg unter Goyo Montero berichtet. Und mit Impon­derable zeigt die Compagnie anschließend, warum sie zu hellem Glanz aufge­stiegen ist. Und vollkommen zu Recht die zweite Ehrung des Abends erfährt.

Bewäh­rungs­probe folgt im nächsten Jahr

Nach annähernd vier Stunden geht der offizielle Teil zu Ende, ehe dann endlich „richtig“ gefeiert werden darf. Der „Big Bang“ ist vollbracht, und insgesamt können die Veran­stalter damit zufrieden sein. Dass der Start etwas überam­bi­tio­niert geriet, geht in Ordnung. Dass die Veran­staltung im Dämmer­licht stattfand, wird man in den kommenden Jahren in den Griff bekommen. Und die Zahl der Gäste war durchaus beein­dru­ckend. Inter­es­santer ist aller­dings, wer nicht da war. Und der Blick auf die Abwesenden zeigt, dass viel Arbeit vor dem Dachverband Tanz Deutschland liegt. Bei allzu vielen Inten­danten und Ballett­di­rek­toren scheint die Bedeutung des Tanzpreises noch nicht ins Bewusstsein gerückt zu sein. Das ist gerade im „Tanzland Nordrhein-Westfalen“, so der erklärte Wille der Landes­re­gierung, durchaus bedau­erlich. Hier ist noch eine Menge Überzeu­gungs­arbeit zu leisten. Und das geht vermutlich kaum mit einer retro­spek­tiven Haltung. Der Nachwuchs fehlte nahezu vollständig im Publikum. Es ist, wie es ist, auch ohne die Verdienste der Altvor­deren zu schmälern: Ohne Nachwuchs keine Zukunft. Die Verant­wort­lichen warten mit allerlei Visionen auf, die auf eine Verdichtung des Tanzge­schehens in Nordrhein-Westfalen hinaus­laufen sollen. Zu sehen war bei diesem ersten Durchlauf nichts davon. Und so wird der Deutsche Tanzpreis im kommenden Jahr beweisen müssen, ob ihm tatsächlich an einer Neuerung und Weiter­ent­wicklung gelegen ist oder er das bleibt, was die meisten Preise sind: Vergan­gen­heits­be­wäl­tigung mit Glanz und Gloria.

Michael S. Zerban

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