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Seit 2018 wird alljährlich im Herbst der Deutsche Tanzpreis in Essen verliehen. Verbunden damit sind drei Ehrungen. Eine Gala-Veranstaltung im Aalto-Theater soll der Auszeichnung den nötigen Glanz verleihen und wird deshalb auch in diesem Jahr trotz verschärfter Corona-Bedingungen durchgeführt. Der diesjährige Preisträger ist Choreograf Raimund Hoghe, geehrt werden Choreograf Raphael Hillebrand, Antje Pfundtner in Gesellschaft und der Tänzer Friedemann Vogel.

Da wähnten sich die Kulturschaffenden jahrelang – zumindest auf niedrigem Niveau – in Sicherheit. Auftritte und Fördergelder sorgten für ein existenzfähiges Einkommen, und seit Jahren steigende Besucherzahlen erzeugten das Gefühl gesellschaftlicher Relevanz. Vom Intendanten mit dem fünfstelligen Monatseinkommen bis zum selbstständigen Solo-Künstler, der sich mit Honoraren und Projektmitteln über Wasser halten konnte, waren die meisten ganz zufrieden. Ja, Ende vergangenen Jahres hatte es sogar so ausgesehen, als hätten selbst die Politiker inzwischen verstanden, wie wichtig die Kultur für die Gesellschaft ist, indem Fördermittel auf breiter Front erhöht wurden. Drei Monate Shutdown reichten, um der Kulturbranche zu zeigen, dass sie im Vergleich zu einem Reiseunternehmen, das nicht einmal in der Lage ist, einen Monat ohne Umsätze zu überstehen, einen Fliegenschiss wert ist. Das ist bitter.
Umso wichtiger ist jetzt jedes Signal, das die Kulturbranche setzen kann, um auf ihre Bedeutsamkeit hinzuweisen. Der Deutsche Tanzpreis ist ein solches Zeichen. Um die nötige Aufmerksamkeit zu erzeugen, bestanden die Verantwortlichen darauf, ihn auch in diesem Jahr im Rahmen einer Gala zu verleihen, egal, welche Einschränkungen durch die Corona-Krise hervorgerufen werden würden. Damit nicht genug. Um die Teilnahme an der Feier auch außerhalb des Aalto-Theaters zu ermöglichen, wird sie zusätzlich per Live-Stream übertragen. Das hat dann zusätzlich den Vorteil, dass man nicht die ganze Zeit mit der Maske im Gesicht vor dem Computer sitzen muss. Ein weiterer Vorteil wird bei der Moderation deutlich.
Mit halbstündiger Verspätung, die damit begründet wird, dass der Einlass länger dauere als erwartet, eröffnen Marijn Rademaker und Timothy van Poucke vom Het Nationale Ballet aus Amsterdam mit Two and only den Abend, eine Choreografie von Wubkje Kuindersma zur Musik von Michael Benjamin. Bei der Begrüßung beschränkt man sich in diesem Jahr auf eine kurze Dankesrede von Michael Freundt, Geschäftsführer beim Dachverband Tanz. Der übergibt an Siham El-Maimouni, ihres Zeichens Redakteurin und Moderatorin beim Westdeutschen Rundfunk. Klassischer Fall von Fehlbesetzung. Ständig ist von Tänzerinnen und Choreografinnen die Rede, und das in einem Bereich, in dem die Gleichberechtigung nun wirklich weit fortgeschritten ist. Eigentlich sollte man von einem Angestellten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erwarten dürfen, dass er der Regeln der deutschen Sprache mächtig ist. Glücklich, wer da vor dem heimischen Computer einfach den Ton abschalten kann.
Da ist der Titel der darauffolgenden Choreografie von Raphael Hillebrand ganz passend. Auf meinen Schultern ist eine Ansprache von Hillebrand mit kurzen Tanzeinlagen zur Musik von Eurico Ferreira Mathias, der sie selbst am Cello intoniert. Dazu gibt es hübsche Videotricks. Im Anschluss daran zeigen Tänzer des Aalto-Theater-Balletts Nathalie, eine Arbeit ihres Chefchoreografen Ben van Cauwenbergh zur gleichnamigen Musik von Gilbert Bécaud. Antje Pfundtner hat eigens für den Abend eine kleine, aber flotte Choreografie zur Musik von Sven Kacirek und Niki Woernle geschaffen. Für den Anlass tanzt sie selbst. Mit dem legendären Werk von Maurice Béjart zum Bolero von Maurice Ravel schafft Friedemann Vogel mit Tänzern des Stuttgarter Balletts eine großartige Überleitung zum Ehrungsteil des Abends.
Die Richtigen benannt

Einmal im Jahr verleiht der Dachverband Tanz den Deutschen Tanzpreis. Damit verbunden sind drei Ehrungen. Alle vier Auszeichnungen sind mit Geldpreisen verbunden. Geehrt werden sollen Menschen, die herausragende Leistungen in der Welt des Tanzes erbracht haben. In diesem Jahr zum ersten Mal findet ein Vertreter der so genannten urbanen Szene Eingang in die Ehrungen. Raphael Hillebrand erhält eine Ehrung „für seine herausragenden Arbeiten im urbanen Tanz, auch im Cross-over mit anderen Ästhetiken“. Eine Ehrung „für herausragende künstlerische Entwicklungen und kollektive Impulse im zeitgenössischen Tanz“ erhält Antje Pfundtner in Gesellschaft. Nicht zuletzt geehrt wird Friedemann Vogel, Kammertänzer und Erster Solist des Stuttgarter Balletts „als herausragender Interpret“.
Vor dem eigentlichen Höhepunkt der Gala zeigen Lucia Lacarra und Matthew Golding die Choreografie Finding Light von Edwaard Liang zur Musik von Antonio Vivaldi. Eine weitere Zierde des Abends. Dann hält Katja Schneider, Professorin für Tanztheorie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, ihre Laudatio zu dem Mann, der den Deutschen Tanzpreis 2020 erhält: Raimund Hoghe. Eines seiner Lieblingszitate stammt von Pier Pasolini und lautet „Den Körper in den Kampf werfen“. Mit 16 Jahren begann Hoghe ein Volontariat, schrieb bedeutende Reportagen für Die Zeit. Von 1980 bis 1989 arbeitete er als Dramaturg für Pina Bausch, ehe er selbst begann, eigene Werke zu entwickeln. Poetisch-politische Delikatessen kann man seine Choreografien nennen, die er seit 1992 gemeinsam mit dem bildenden Künstler Luca Giacomo Schulte entwickelt und bis heute auch selbst aufführt.
Nach Dankesworten eines sichtlich gerührten Raimund Hoghe treten Misako Kato und Hector Ferrer vom Opera Ballet Vlaanderen mit der Choreografie When I am laid in Earth von Sidi Larbi Cherkaoui nach der gleichnamigen Musik von Henry Purcell an. Zum Abschluss des Abends zeigt Raimund Hoghe Ausschnitte seines wunderbaren Werks Canzone per Ornella mit Ornella Balestra und Luca Giacomo Schulte.
Die Auswahl der Preisträger weckt keinen Widerspruch, der Abend wurde dem Anlass gerecht und wenn im Livestream viele Menschen davon Kenntnis genommen haben, darf der Dachverband Tanz zu Recht von einer – wieder einmal – erfolgreichen PR-Aktion für den Tanz sprechen. Bedauerlich, dass die recht aufwändig gefertigten Festschriften durch allzu viele Sternchen unleserlich gemacht wurden. Der Deutsche Tanzpreis kommenden Jahres wird am 23. Oktober 2021 verliehen.
Michael S. Zerban