O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Markus Feger

Gefrorene Zeit

Am 28. Mai wäre György Ligeti 100 Jahre alt geworden. Der öster­rei­chisch-ungarische Komponist zählt mit zu den wichtigsten Kompo­nisten des letzten Jahrhun­derts. Kompro­misslos schuf er Werke, die keiner Schule oder Musik­richtung zuzuordnen sind und für große Schlag­zeilen sorgten. Auf ihn legt das Klavier-Festival Ruhr mit sieben Veran­stal­tungen einen großen Schwerpunkt.

Pierre-Laurent Aimard – Foto © O‑Ton

György Sándor Ligeti wäre am 28. Mai dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. Gestorben am 12. Juni 2006 nach langer Krankheit in Wien gilt er als einer der bedeu­tendsten Kompo­nisten des letzten Jahrhun­derts. Unzählig sind die Preise, mit denen er geehrt wurde. Darunter befinden sich gleich Goldme­daillen Olympi­scher Spiele der Große Öster­rei­chische Staats­preis für Musik, der Ernst-von-Siemens-Musik­preis oder der Musik­preis der UNESCO. Stets ging er musika­lische eigene Wege. Er selbst bezeichnete sich zwar als Ex-Avant­gardist. In diesem Kontext sah er etwa das radikale Denken der Darmstädter Schule kritisch. Doch trotz dieser Einstellung war er Neuem aufge­schlossen, führte die Kompo­si­ti­ons­technik und die Musik­sprache kompro­misslos, ohne Beein­flussung von seinen damaligen Kollegen hin zu neuen Ufern.

Jede Stadt, jeder Konzert­ver­an­stalter, jedes Festival und Rundfunk­or­chester, die etwas auf sich halten, ehren in diesem Jahr den Kompo­nisten mit der einen oder anderen Veran­staltung. Ganz groß kommt Ligeti im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr heraus. Am 12. März gab es bereits einen dreitei­ligen Prolog, in dessen Verlauf Kit Armstrong als Appetit­häppchen mit Ausschnitten aus seiner Klavier­sammlung Musica ricercata und ein paar Etüden die Neugier auf das Kommende weckte (O‑Ton berichtete). Sechs weitere Termine stehen auf dem Programm. An zwei aufein­an­der­fol­genden Tagen im Anneliese-Brost-Musik­forum und tags darauf in der Folkwang-Univer­sität der Künste in Essen-Werden ist Pierre-Laurent Aimard zu Gast. Anhand von Konzerten, Werkein­füh­rungen und einer Podiums­dis­kussion bringt der ausge­wiesene Ligeti-Experte zusammen mit weiteren Musikern und Musik­wis­sen­schaftlern dem für Neues aufge­schlos­senen Publikum das Oeuvre anschaulich näher. Vielen Musik­lieb­habern ist nämlich Ligetis Schaffen noch fremd, da seine Werke nur selten auf Programmen stehen. Daran wird sich hoffentlich etwas ändern, wenn sie nun allerorts zu hören sind und man so auf den Geschmack kommen kann.

Bevor er in Fachkreisen weltweit große Aufmerk­samkeit auf sich zog, war Ligetis Werdegang holprig. Wahrlich nicht leicht hatte er es bis zu seiner Flucht aus Ungarn nach dem Ende des Volks­auf­stands im Dezember 1956 nach Wien. Der Sohn einer Familie jüdischer Herkunft, im rumäni­schen Sieben­bürgen geboren und im ungari­schen Cluj aufge­wachsen, musste es verkraften, dass sein Vater Sándor 1945 im Konzen­tra­ti­ons­lager Bergen-Belsen und sein jüngerer Bruder Gábor im Konzen­tra­ti­ons­lager Mauthausen umkamen. Seine Mutter Ilona überlebte dagegen das KZ Auschwitz-Birkenau. Die Erinne­rungen daran verfolgten ihn sein ganzes Leben, die auch in seiner Musik erkennbar sind. Nach seinem Musik­studium im Jahr 1949 nahm er für ein Jahr eine Stelle als Musik­eth­nologe über rumänische Volks­musik an. Anschließend begann er eine Lehrtä­tigkeit an der Budapester Musik­hoch­schule in den Fächern Harmo­nie­lehre, Kontra­punkt und Musik­analyse. Während der Ära Stalin gab es auch in seinem Heimatland Repres­salien, die ihn in seinem kreativen Schaffen beein­träch­tigten. Offiziell kompo­nierte er konven­tionell. Vokal­werke, mehrheitlich Gebrauchs­musik für Laien­en­sembles schrieb er in dieser Zeit, wogegen das politische System nichts einzu­wenden hatte. Sehr wenig lässt an diesem Oeuvre den späteren Protago­nisten neuer Musik erkennen. Im stillen Kämmerlein entstanden aber auch Werke, die er im Verbor­genen hielt. Der Komponist dazu in einem Begleittext zur CD-Box György Ligeti Works: „So entstand in Budapest eine Kultur des geschlos­senen Zimmers, in der sich die Mehrheit der Künstler für die innere Emigration entschied. Offiziell wurde der sozia­lis­tische Realismus oktroyiert, d.h. eine billige Massen­kunst mit vorge­schrie­bener politi­scher Propa­ganda. Moderne Kunst und Literatur wurden pauschal verboten, die reiche Sammlung franzö­si­scher und ungari­scher Impres­sio­nisten im Budapester Kunst­museum beispiels­weise hängte man einfach ab. Nicht genehme Bücher verschwanden aus Biblio­theken und Buchge­schäften (unter anderem wurden auch Don Quijote und Winnie the Pooh einge­stampft). Geschrieben, kompo­niert, gemalt wurde im Geheimen und in der kaum vorhan­denen Freizeit: Für die Schublade zu arbeiten galt als Ehre.“

Brillanter Analy­tiker und Theoretiker

Nach dieser ersten frühen Schaf­fens­phase folgte nach der Emigration eine Periode bis 1978, die 1957 mit dem Aufenthalt im Studio für elektro­nische Musik des Westdeut­schen Rundfunks in Köln begann und bis zur Vollendung seiner einzigen Oper Le Grand Macabre dauerte. Er war Teilnehmer der Darmstädter Ferien­kurse um Karlheinz Stock­hausen und Pierre Boulez, wo er als brillanter Analy­tiker und Theore­tiker auffiel. Viel größeres Aufsehen erregten die Urauf­füh­rungen seiner Orches­ter­werke Appari­tions aus dem Jahr 1959 und vor allem Atmosphères zwei Jahre später. Diese Werke brachten Ligeti den Durch­bruch als Komponist. 1973 wurde er zum Professor für Kompo­sition an die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg berufen, wo er bis zu seiner Emeri­tierung 1989 lehrte. Heute allgemein anerkannte Kompo­nisten wie Detlev Müller-Siemens, Wolfgang von Schwe­initz und Cristian Petrescu waren seine Studenten.

Nach einer fast fünfjäh­rigen Pause, in der er nichts veröf­fent­lichte, begann anno 1982 mit dem Horntrio seine späte Schaf­fens­phase, die mit seinem letzten Opus Mit Pfeifen, Trommeln, Schilf­geigen im Jahr 2000 endete. Wegwei­sende Tonschöp­fungen entstanden in dieser Zeit, wovon zwei beim Klavier-Festival Ruhr vorge­stellt werden.

Insgesamt stehen drei gewichtige Werke im Zentrum der dreitä­gigen Veran­staltung: In Bochum sind es das Konzert für Klavier und Orchester, entstanden zwischen 1985 und 1988, und die 18 Études pour piano, die in drei Bänden zwischen 1985 und 2001 entstanden. In Essen beschäftigt man sich unter anderem mit der elftei­ligen Musica ricercata für Klavier, die zwischen 1951 und 1953 während seiner Lehrtä­tigkeit an der Budapester Musik­hoch­schule entstand. Sie kann als Muster­bei­spiel für seine frühen bezie­hungs­weise späten Kompo­si­ti­ons­ver­fahren und Musik­sprache gelten.

„Musik als gefrorene Zeit, als Gegen­stand im imagi­nären, durch die Musik in unserer Vorstellung evozierten Raum, als ein Gebilde, das sich zwar real in der verflie­ßenden Zeit entfaltet, doch imaginär in der Gleich­zei­tigkeit, in allen seinen Momenten gegen­wärtig ist. Das Bannen der Zeit, das Aufheben ihres Vergehens, ihr Einschließen in den jetzigen Augen­blick ist mein haupt­säch­liches kompo­si­to­ri­sches Vorhaben“, sagte Ligeti. Diese Bemerkung des Kompo­nisten wird in einigen seiner Klavie­re­tüden ganz deutlich. Etwa wieder­holen sich musika­lische Figuren wie Ganzton­leitern andauernd, aber mit unter­schied­lichen Schwer­punkten. Sie überlagern sich immer wieder anders zeitver­setzt, verschieben sich auch in den Betonungen. So entsteht ein schwe­bender, musika­li­scher Fluss, der keinen Anfang und kein Ende zu haben scheint. Solch ein Prozess kommt bereits bei seiner Musica ricercata ein wenig zum Vorschein, wenn sich etwa im aus nur dem Ton A bestehenden ersten Stück diese Note ständig in Dauer, Dynamik, Tempo und Tonhöhe verändert und so musika­lische Akzente relati­viert werden. Der Faktor Zeit scheint neben­sächlich zu werden.

Komplexe Polyphonie

Foto © Markus Feger

Komplexe Polyphonie und Rhythmen sind weitere Kennzeichen in Ligetis Oeuvre. In diesem Zusam­menhang lehnt er es strikt ab, als Eklek­tiker bezeichnet zu werden. Waren vor seiner Flucht aus Ungarn seine Inspi­ra­ti­ons­quellen haupt­sächlich die Stilis­tiken Béla Bartóks und die rumänische Volks­musik, beschäf­tigte er sich später auch mit außer­eu­ro­päi­schen Kulturen, etwa afrika­ni­schen Rhythmen. Faszi­niert war er von Conlon Nancarrows Studien für Player-Piano. Dabei handelt es sich um Werke für elektro-mecha­nische Selbst­spiel­kla­viere, dank derer der mexika­nische Komponist US-ameri­ka­ni­scher Herkunft keine Rücksicht auf Tempo, Rhythmus und Metrum nehmen musste. So schuf er Stücke, die über die manuelle Spiel­fä­higkeit von Pianisten weit hinaus­gehen. Die Erfah­rungen, die Ligeti im Studio für elektro­nische Musik des WDR gemacht hatte, kamen hinzu. Nur zitierte oder kopierte Ligeti nicht. Vielmehr entwi­ckelte er daraus eigenes, noch nie dagewe­senes, strecken­weise als unspielbar erschei­nendes Material als Basis für seine Werke.

Diese vielfäl­tigen Verfah­rens­weisen finden sich in den Etüden und dem Klavier­konzert wieder. Die Techniken, die er im ersten Etüdenband anwendete, baute er im fünfsät­zigen Opus für Klavier und Orchester aus, band sie in eine Kontrast­dra­ma­turgie einer großen Orches­ter­kom­po­sition ein. Das Orches­terwerk hatte für ihn große Bedeutung. Es dokumen­tiert seine „Unabhän­gigkeit sowohl von den Kriterien der tradierten Avant­garde wie von jenen der modischen Post-Moder­nität“. Und die Etüden stellen Ligetis zentrales kompo­si­to­ri­sches Experi­men­tierfeld dar. Hier offenbart sich sein immer bedeu­tender werdendes Konzept einer hybriden Kunst.

Pierre-Laurent Aimard, der über Jahrzehnte mit Ligeti befreundet war und als Pianist etliche seiner Werke aus der Taufe hob, führt am ersten Abend sachkundig in das Werk ein, erklärt deutlich die den fünf Sätzen innewoh­nenden Struk­turen. Zwei Studen­ten­en­sembles, das Ensemble ColLAB Cologne und Ensemble Folkwang Modern, haben sich zusam­men­ge­schlossen, um das Klavier­konzert einzu­stu­dieren. Hinzu gesellt sich Lorenzo Soulès, ein Meister­schüler Aimards. Dabei stand ihnen bei ein paar Proben Aimard mit Rat und Tat zur Seite. Das Resultat kann sich wahrlich hören lassen. Unter dem sehr präzisen und umsich­tigen Dirigat von Susanne Blumenthal gelingen dem solis­tisch besetzten Orchester und Soulès mit seinem hochvir­tuosen Vermögen selbst in äußerst schwie­rigen Passagen eine diffe­ren­zierte, stets durch­sichtige hochmu­si­ka­lische, spannungs­volle Aufführung. Begeis­terter Applaus ist die logische Folge.

Tags darauf sorgt Aimard für stehende Ovationen nach seiner phäno­me­nalen Vortrags­kunst sämtlicher Klavie­re­tüden am Stück. Unspielbar gelten immer noch ein paar von ihnen, doch nicht für ihn. Er kennt sie aus dem Effeff. Traum­wand­le­risch sicher bewegen sich seine Finger auf den 88 Tasten. Hinzu kommt eine sensible Verwendung der drei Pedale. Abgesehen von seiner pianis­ti­schen Perfektion ist es sein tiefer Zugang zu den Stücken, die faszi­nieren. Denn den großen emotio­nalen Gehalt bringt er muster­gültig zum Ausdruck. Seine Zugabe macht deutlich, dass Ligeti der Fluxus-Bewegung nicht ablehnend gegen­über­stand. Exakt gemäß seiner Anwei­sungen sitzt Aimard bei den Trois Bagatelles aus dem Jahr 1961 am Tasten­in­strument und spielt sehr konzen­triert im Bass den Ton Cis. Dann blättert er um zum zweiten Satz, anschließend weiter zum dritten Teil. Nichts kommt aus dem Flügel. Dann steht er auf und verbeugt sich. Die humor­volle Nummer hat eine vierte Bagatelle als Zugabe, die aus einer Sechzehn­tel­pause besteht. Die erspart sich Aimard mit der Erklärung, dafür zu müde zu sein. Damals vom Publikum schlecht aufge­nommen, hat es jetzt großen Spaß daran. Auch John Cage gefiel das. Er schrieb 1952 das Stück 4‘33‘‘ mit der Anweisung an jeden Musiker in der Partitur, während der Dauer der drei Sätze nicht zu spielen.

Lorenzo Soulès – Foto © Markus Feger

Dass Musik­stu­denten offen für zeitge­nös­sische Musik sind, dürfte klar sein. In der Folkwang-Univer­sität der Künste in Essen-Werden ist es nun der Nachwuchs, der überhaupt keine Berüh­rungs­ängste mit hochkom­plexer moderner Musik hat. Es sind Schüler der Grund­schule Sander­straße und des Elly-Heuss-Knapp-Gymna­siums aus Duisburg-Marxloh, die sich im Rahmen des Musik­ver­mitt­lungs­pro­jekts des Klavier­fes­tivals Ruhr intensiv mit Ligetis Musica ricercata beschäftigt haben. Zunächst faszi­niert die Tanz-AG zu Ligetis vierter Etüde mit einer außer­or­dentlich ausdrucks­starken Tanzper­for­mance. Nach einfüh­renden Worten des Musik­wis­sen­schaftlers Tobias Bleeks zu den elf Klavier­stücken, die mit der Verwendung von nur einem Ton beginnen und zuletzt mit allen zwölf des Oktav­raums enden, demons­trieren die ganz Kleinen der Mausklasse anhand einer leicht zugäng­lichen Melodie, wie spiele­risch leicht und selbst­ver­ständlich sie unter Verwendung von Melodicas, Percus­sions und Xylofon mit Ligetis Musik umgehen können. Dann spielt Lorenzo Soulès die Musica ricercata bravourös am Stück, wobei er bei sieben Nummern aufmerksam auf die Gymna­si­asten achtet, die kongenial deren musika­li­schen Inhalt in Bewegung umsetzen.

Anschließend führt Aimard am Flügel Ciányi tánc aus dem Jahr 1947 und Grotesque aus den zwischen 1939 und 1941 entstan­denen Kleinen Klavier­stücken zum ersten Mal auf. Urauf­füh­rungen so alter Stücke? Richtig. Denn Ligetis Werkver­zeichnis ist nicht aktuell. Gerade manche seiner vor seiner Ungarn-Flucht entstan­denen Stücke wurden nie veröf­fent­licht, sind verschollen oder nur im ungari­schen Rundfunk gespielt worden. Die Musik­for­scher sind aber derzeit fleißig und bringen sie nach und nach ans Licht der Öffent­lichkeit. Des Weiteren erklärt und spielt Aimard die chroma­tische Fantasie, die den ersten Teil Ligetis schöp­fe­ri­scher Periode abschließt. Auch findet er allgemein verständ­liche Worte zum Klavier­zyklus und den Etüden, die er tags zuvor gespielt hat.

Was es sonst noch gibt

Eigens für das abschlie­ßende Podiums­ge­spräch ist Márton Kerékfy aus Budapest angereist. Der Musik­wis­sen­schaftler und Komponist erklärt detail­liert Ligetis Arbeit als Musik­for­scher, wie er nach seinem Musik­studium über die Dörfer fuhr, um die Volks­musik zu entdecken, erkunden und dokumen­tieren. Auf die Fragen von Moderator Bleek nach Ligetis Gründen für seine Suche nach Neuem und den Grund für seine hochvir­tuosen, nahezu so gut wie gar nicht reali­sier­baren Anfor­de­rungen an die Inter­preten gibt Aimard bereit­willig Antworten. Schließlich betont er zu Recht, dass das alles nur Material sei. Viel wichtiger ist für ihn, wie Ligeti damit umgeht, bewundert, wie er aus einfachem Material hochmu­si­ka­lische, emotionale „ungeahnte Klang­ar­chi­tek­turen“ kreiert.

Fazit: Die dreitägige Veran­staltung kann zwar nicht sämtliche Aspekte in Ligetis Leben und Werk beleuchten. Doch reicht sie aufgrund der hervor­ra­genden Darbie­tungen und verständ­lichen Erklä­rungen allemal, Neugier auf mehr zu wecken. Dafür gibt es bald wieder Gelegen­heiten. Denn drei weitere vielver­spre­chende Ligeti-Abende stehen auf dem Programm des Klavier-Festivals Ruhr. Am 13. Juni gastieren Sopra­nistin Sarah Maria Sun, Pianist Jan Philip Schulze und Klari­nettist Kilian Herold um 20 Uhr im Haus Fuhr in Essen-Werden. Im Zentrum des Abends stehen Ligeti-Lieder, darunter Volks­lied­be­ar­bei­tungen und ein bisher noch nicht aufge­führtes Stück. Am nächsten Tag heißt es in der Merca­tor­halle in Duisburg um 18 Uhr Ligetis Welten. Unter dieser Überschrift präsen­tieren im Rahmen der Musik­ver­mitt­lungs­arbeit des Klavier-Festivals Ruhr Schüler aus Duisburg-Marxloh ihre selbst entwi­ckelten Choreo­grafien zur Musik Ligetis. Tags darauf geht es um 20 Uhr wieder zurück ins Haus Fuhr. Dann ist Alfred Brendel anwesend, der sich zwar als Pianist zurück­ge­zogen hat, dafür als Rezitator auf Bühnen erscheint. Unter dem Titel Unsinn­s­texte hat er deutsche und russische Literatur ausge­wählt, die er zu Ligeti-Etüden vortragen wird. Pianist Fabian Müller wird die dazu passenden Stücke spielen.

Hartmut Sassen­hausen

Teilen Sie sich mit: