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In den Orchestern dieses Landes bewegt sich was. Während an den Musikhochschulen die Zahlen der weiblichen Studenten bereits über 50 Prozent liegen, schreiten auch immer häufiger Frauen zum Dirigentenpult. Und wer im Orchester die erste Flöte spielt, trägt ohnehin höchst selten einen männlichen Vornamen. Eine erfreuliche und unaufgeregte Entwicklung.

Simone Young, von 2005 bis 2015 Intendantin der Hamburgischen Staatsoper sowie Hamburgische Generalmusikdirektorin hätte gern „das Thema endlich mal vom Tisch!“. Für sie ist die Interpretation der Position des Dirigenten respektive der Dirigentin als Machtposition Schnee von gestern, einfach überholt. Wer wie sie nach einem Start am Pult in der Oper von Sydney und einer Assistentenzeit unter anderem bei Daniel Barenboim die meisten der großen Orchester von Wien und Paris über die Metropolitan Opera New York und die Berliner Philharmoniker bis zur Opera Australia geleitet hat, für den stellt sich die Frage nach einer „Gleichberechtigung“ nicht mehr.
Wurden Ende 2017 gerade mal drei von über 130 Orchestern in Deutschland von Frauen geleitet, wächst die Liste heute aktiver, selbstbewusster Dirigentinnen mit Namen wie Oksana Lyniv von der Oper Graz, Mirga Gražinytė-Tyla beim City of Birmingham Symphony Orchestra oder Joana Mallwitz als neue Generalmusikdirektorin in Nürnberg inzwischen von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Bald wird sich das Dirigentinnen-Förderprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen erübrigt haben.
Diese erfreuliche Entwicklung liegt in einem Trend, den eine neue Statistik der Versorgungsanstalt der deutschen Kulturorchester (VddKO) widerspiegelt. Danach liegt „der Anteil von Frauen zwischen 25 und 45 Jahren in Berufsorchestern“ im Schnitt über 50 Prozent, Tendenz zunehmend. Nach früheren Zahlen spielten 1987 in deutschen Orchestern 12 Prozent Frauen, aktuell knapp 40 Prozent. Interessant ist die Feststellung: „Je berühmter ein Orchester, desto geringer die Frauenquote“. Weil in den kommenden Jahren viele Männer in den Ruhestand gehen, dürfte sich die Frauenquote vor allem in den jüngeren Jahrgängen weiter erhöhen. Bemerkenswert ist auch die Geschlechterverteilung in den einzelnen Instrumentengruppen. Der Geschäftsbericht des VddKO nennt folgende Verteilung: „Insgesamt sind Streichinstrumente frauendominiert. Violine spielen doppelt so viele Frauen wie Männer. Bei den Bratschen ist das Verhältnis mit 50 : 50 ausgeglichen. Flöte spielen deutlich mehr Frauen. Die Harfe ist eindeutig frauenspezifisch. Beim Schlagwerk, also Pauke und Schlagzeug, sowie bei Blechblasinstrumenten wie Trompete sind Männer nach wie vor dominierend.“ Das gilt auch für die Führungspositionen vor allem bei den Streichern.
Die Zahl der Studentinnen an den Musikhochschulen hat seit 2001 auf über 50 Prozent zugenommen – und schließlich: Nach den geltenden Tarifverträgen erhalten Frauen gleiches Geld für gleiche Arbeit.
Dies sind alles erfreuliche Entwicklungen, auch wenn noch genug nachzubessern ist. Die Zeiten, in denen heftig darüber diskutiert wurde, ob es eine „männliche“ und eine „weibliche“ Musik gibt, scheinen weitgehend überwunden. Die Dispute darüber, ob eine Orchesterleitung „eine Machtposition sei, in der das sensible Geschlecht nichts verloren hätte“, wirken heute veraltet und überholt.
Simone Youngs Statement dürfte heute weitgehend Zustimmung finden. „Ich glaube, wir machen grundsätzlich einen Fehler, indem wir Männlichkeit mit Stärke verbinden und Weiblichkeit mit Sensibilität. Jeder Künstler braucht Stärke und Sensibilität, egal ob es Mann oder Frau ist“.
Horst Dichanz