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Viele Deutsche verbinden mit Füssen Schloss Neuschwanstein. Die Stadt zwischen Alpengipfeln und Seenparadies liegt am südlichen Ende der Romantischen Straße. In der beeindruckenden Urlaubsregion erwartet Besucher neben Touren zu Fuß oder mit dem Rad auch Hochkultur in der romantischen Altstadt. Wie zum Beispiel die Füssener Festtage Alter Musik.

Was ist Alte Musik? Musikwissenschaftler beschränken sich nicht auf eine Epoche und rechnen den Zeitraum vom frühen Mittelalter über Renaissance bis zum Spätbarock oder der frühen Romantik dazu. Meist verbindet man Alte Musik, Musica Antiqua oder Early Music, wie man es je nach Sprachraum benennt, mit der historischen Aufführungspraxis. Im Gegensatz zur Klassik, die oft nur wenig Spielraum für Experimente lässt und bei der von den Veranstaltern gerne auf alte oder neue berühmte Namen gesetzt wird, haben die Musiker hier mehr „Spielraum“.
Mit der „Alten Musik“ gibt es schon seit rund einem Jahrhundert eine Gegenbewegung, bei der statt der bekannten Namen die Musik und deren Erforschung im Vordergrund stehen. Pionier waren die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen, die seit 1920 als ältestes Festival Alter Musik weltweit alljährlich stattfinden.
Aufführungen Alter Musik benötigen spezialisierte Musiker und Ensembles mit einigen im heutigen Konzertgeschäft eher unüblichen Instrumenten, deren Nachbau und Spiel viel Fach- und Praxiswissen in Sachen Musikgeschichte, Instrumentenkunde, Spielweisen oder Stimmungssysteme erfordert. Die Musiker versuchen herauszufinden, wie die Musik früherer Epochen geklungen haben könnte. Diese Suche hat inzwischen immer mehr Freunde und Förderer gefunden, denen es bei den Konzerten weniger um einen hochpreisigen „Kessel Buntes“ geht, sondern um Musik in ihrer ursprünglichen Form.
Schon seit einigen Jahrzehnten blühen im Land verschiedene meist kleinere Festivals auf, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, der oft in Vergessenheit geratenen „Alten Musik“ mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, denn auch Alte Musik braucht eine Avantgarde, die sie vorwärtstreibt. Vor allem das Zeitalter des Barocks rückt so wieder verstärkt in den Fokus der Betrachtung. Manche Werke auch großer Komponisten ihrer Zeit blieben über Jahrhunderte fast unbekannt und waren deshalb aus dem öffentlichen Konzertbetrieb verbannt. Festivals unterschiedlicher Ausrichtung sorgen dafür, dass sich das ändert und Übertragungen der regionalen Rundfunksender helfen dabei, dass es nicht nur ein Vergnügen für die Festspielbesucher bleibt.
Es ist ein eigenes Völkchen, dass sich als Alte-Musik-Szene versteht. Die Musiker verstehen sich nicht als altbacken-traditionell, sondern als innovative Strömung innerhalb der Klassischen Musik. Über die intensive Auseinandersetzung mit der historischen Aufführungspraxis haben sie bei ihren Auftritten eine neue, recht lebendige Ästhetik entwickelt. Zum Glück haben Musikhistoriker schon seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Kompositionen der Alten Musik gewissenhaft editiert und sie damit der Musizierpraxis zugänglich gemacht.
Man spürt die Entwicklung der Musik seit dem Gregorianischen Gesang und der Monophonie über den weltlichen Minnesang, der französischen Ars Nova bis zur Renaissance mit ihren diversen Ausrichtungen in den wichtigsten Musikzentren wie Flandern, Florenz, Rom, Venedig und London bis zum Barock, wo sich eine Entwicklung von Italien nach Norden zeigt.
Die Füssener Festtage Alter Musik
Inzwischen gibt es mehrere Festivals, die sich nicht auf einen Komponisten, sondern auf „Alte Musik“ per se ausrichten. Neu dazugekommen sind seit 2023 die Füssener Festtage Alter Musik, die in diesem Jahr zum zweiten Mal vom 5. bis 9. Juni stattfanden. Füssen ist dafür quasi prädestiniert. Der Ort ist für die europäische Musikgeschichte von großer Bedeutung, da hier 1562 die erste Lautenmacherzunft Europas gegründet wurde und Füssen als Wiege des gewerbsmäßigen Lautenbaus in Europa gilt. Damals arbeiteten in der rund 2000 Einwohner zählenden Stadt am Lech um die 20 Lautenmachermeister. In der Zeit des Barocks entwickelte sich der Ort zudem zum wichtigsten Zentrum des deutschen Geigenbaus. Im 18. Jahrhundert arbeiteten hier 80 Geigenmacher, deren Instrumente in ganz Europa begehrt waren. Es war auch eine Geschichte der Arbeitsmigration, denn hunderte der Füssener Lauten- und Geigenbauer mussten an die Fürstenhöfe und in große europäische Kulturmetropolen wie Prag, Wien, Lyon und Oberitalien auswandern, um dort mit neuen Werkstätten näher am Kunden zu sein. Vor allen in Wien dominierten die Geigenbauer aus Füssen und hatten fast ein Monopol. Der aus Füssen stammende Franz Geißenhof galt in seiner Zeit als „Wiener Stradivari“ und setzte mit seinem großen Talent hohe Maßstäbe, die Wien neben Paris und London zum führenden Geigenbau-Zentrum Europas machten.
Verdankt hat Füssen die Entwicklung auch der Nähe zu den für den Instrumentenbau notwendigen Rohstoffen, denn in den Bergwäldern des angrenzenden Nordtirols und des Ammergebirges standen große Bestände an Fichte, Ahorn und Eibe. Die Römerstraße Via Claudia Augusta verband bis in die Neuzeit die Handelszentren Augsburg und Venedig. Über Flöße auf dem Lech gelangten Waren schnell zur Donau und damit nach Wien und Budapest.
Wichtiger war allerdings das kulturelle Umfeld. Schon im 13. Jahrhundert pflegte man auf den Adelssitzen der Umgebung höfische Musikkultur, wobei man auf den Minnesänger Hiltepold von Schwangau verweisen kann, der in der berühmten Manessischen Liederhandschrift dargestellt ist. In der Stadt war das Benediktinerstift St. Mang ein wichtiger Auftraggeber für Musikinstrumente und das darüber liegende Hohe Schloss diente den Augsburger Fürstbischöfen als Residenz, die großzügig Wissenschaften und Künste förderten. Als ihr Gast weilte Kaiser Maximilian I. fast 40-mal in der Stadt. Mit dabei war meist auch die Hofkapelle und bekannte Komponisten ihrer Zeit, da der große Musikfreund darauf bei seinen oft wochenlangen Aufenthalten nicht verzichten wollte.
Auch heute erinnert man in Füssen an die lange Tradition als Musikstadt. Neben den hochklassigen Konzertreihen im Kaisersaal von St. Mang findet vom 28. August bis 4. September das Saiteninstrumentenfestival Vielsaitig statt. Über den Lauten- und Geigenbau kann man sich erstklassig im ebenfalls im Kloster befindlichen Museum der Stadt Füssen informieren. Es dokumentiert den Saiteninstrumentenbau in Füssen durch eine der umfangreichsten Sammlungen historischer Lauten, kostbarer alter Geigen und verwandter Streichinstrumente. Oliver Radke ist einer der drei heute in der Altstadt ansässigen Geigenbauer, der in seiner Werkstatt hochwertige Instrumente für den internationalen Markt herstellt. Auch Lauten werden am Ort hergestellt.
Die neuen Füssener Festtage Alter Musik standen unter dem Motto „Füssen Ba-rockt!“ Bei 19 Konzerten und Veranstaltungen zeigten international renommierte Künstler die erstaunliche Vielfalt Alter Musik. Am 6. Juni steht Claudio Monteverdis großes Oeuvre, die Marienvesper, auf dem Programm der Festtage, bei der Experten der Alten Musik wie die Capella Cracoviensis unter der Leitung des belgischen Posaunisten und Dirigenten Wim Becu, einem Fachmann für historische Aufführungspraxis, mit renommierten Gesangssolisten wie Jan Kobow und Andrew Tortise das Schiff der Stadtkirche St. Mang mit der Musik des aus Füssens Partnerstadt Cremona stammenden Komponisten erfüllten. Monteverdi steht wie kaum ein anderer für den Wechsel von Renaissance zu Barock und gilt mit L’Orfeo als Pionier der Oper. Die Marienvesper schrieb er drei Jahre nach dem richtungweisenden L’Orfeo. Nach seinem Dienst im Haus Gonzaga hatte er sie Papst Paul V. gewidmet und so wurde sie beim Umzug nach Rom fast zu einer Bewerbung, mit der er seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen wollte. Wie andere Vespern besteht sie aus einem Invitatorium, fünf Psalmen, einem Hymnus und einem Magnificat, doch fügte Monteverdi mit den Concerti in seiner Zeit sehr moderne Elemente zwischen den Psalmen ein. Bei den Sängern wechselt es zwischen Sechs- und doppelchöriger Zehnstimmigkeit mit Instrumentaleinsatz, was teilweise auch den Einsatz der Solisten im Chor erforderlich macht. Wahrscheinlich hat sie Monteverdi für Mariä Verkündigung komponiert.
Erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird die Marienvesper eingehend von Musikwissenschaftlern betrachtet. Aufgrund ihres damals neuartigen Charakters stellen manche Experten die Reihenfolge der einzelnen Teile in Frage und sehen in ihr eine lose Sammlung von Kompositionen. Dafür sprächen die starken Wechsel in der Besetzung und die nicht durchgängige instrumentale Begleitung. Andere widersprechen mit Hinweis auf Monteverdis bahnbrechende Einführung einer neuen Musikgattung. Solche Widersprüche erlauben ein breites Spektrum an Interpretationen und ermöglichen eine recht unterschiedliche Auslegung der historischen Aufführungspraxis.
Sie ist einer der Glanzpunkte des kleinen Festivals, bei dem Becu Monteverdis Meisterwerk souverän leitet. Neben den beiden Tenören Kobow und Torise können auch die Sopranistinnen Antonina Ruda und Anna Zawisza überzeugen. Den Auftakt macht Monteverdis gesungene und von den Bläsern vorgetragene Fanfare, die den Reigen von Psalmen und Concerti einleitet. Dirigent Becu, der vor Beginn der Marienvesper im Mönchschor in das Werk einleitet, betrachtet die Marienverehrung als verbindende Klammer der einzelnen Stücke.
Mit der grandiosen barocken Stadtpfarrkirche St. Mang und der normalerweise geschlossenen Friedhofskirche St. Sebastian bietet Füssen den glanzvollen Rahmen für die Konzerte. In letzterer findet am 7. Juni der prominent besetzte Totentanz und Himmelsreigen statt, bei dem mit Adam Bregman, Katharina Haun, Marc Lewon, Sabine Lutzenberger, Robert Schlegel und Elizabeth Sommers einige der „Granden“ der Alten Musik als Capella Helvetica aufspielen. Das Thema des Konzerts widmet sich dem im Kloster St. Mang befindlichen Füssener Totentanz, dem ältesten Gemäldezyklus seiner Art in Bayern. Darin führen die neun Musen die Seelen derer, die erlöst wurden, in den Himmel, wo sie durch Christus und die Jungfrau Maria Fürsprecher fanden.
Schon seit dem 14. Jahrhundert ist der Totentanz ein fester Begriff für einen Bilderzyklus, der die Macht des Todes über das Leben aller Menschen darstellt. Darin lädt der Tod Menschen jeden Standes – „Jedermann“ – zum letzten Tanz. Jakob Hiebler schuf in der St.-Anna-Kapelle des Klosters St. Mang mit dem Füssener Totentanz die älteste erhaltene Darstellung ihrer Gattung in Bayern. 1746 griff es in der Friedhofskirche St. Sebastian der Maler Bartholomäus Stapf auf. Bei ihm tanzt der Tod nicht mit den Menschen den Danse Macabre, sondern er schaut den Betrachter direkt an. Im Konzert hören die wenigen Gäste eindrucksvoll gespielte irdische und himmlische Werke aus Spätmittelalter und Frührenaissance, unter anderem von Binchois, Agricola, des Prez und Ockeghem. Requiem- und Miserere-Texte stehen für die Trauer, Tänze und Motetten für die Hoffnung.

Ein preiswerter Genuss der Festtage sind die mittäglichen Orgelkonzerte in St. Mang. Nach dem aus Cremona stammenden international tätigen Stefano Molardi und Christoph Hauser von der Basilika Ottobeuren spielt am 8. Juni die Füssener Kirchenmusikerin Helene von Rechenberg, die Intendantin der Festtage, auf beiden Orgeln der heutigen Stadtpfarrkirche. Zuerst führt sie einige Werke auf der sogenannten „liegenden“ oder „Sarkophag-Orgel“ im Mönchschor auf, die der örtliche Orgelbauer Andreas Jäger um das Jahr 1750 baute. Sie ist in ihrer Art ziemlich einzigartig und steht als kleines Klangwunder inmitten des halbrunden Chorgestühls, um den Blick der Mönche aufeinander nicht zu stören. Die großen Holzpfeifen des Subbass brachte Jäger liegend unter, andere Pfeifen stehen gekröpft an der Rückwand des Gehäuses. Der Blasebalg ist ins Untergeschoss verbannt. Nur die kleineren Metallpfeifen befinden sich unmittelbar hinter der Spielanlage. Früher diente die Orgel als Begleitinstrument zum Choral, aber auch mit Orchester ist das Spiel möglich, wenn man die Gehäusedeckel aufklappt, die dann den Musikern als Notenpulte dienen. Durch Umbauten im 19. Jahrhundert sind nur wenige Originalteile erhalten, aber der Klang und auch die schönen Intarsien sind Hinhörer und Hingucker. Von Rechenberg wählt für ihr Konzert Werke aus dem süddeutschen Orgelbarock von Gottfried und Georg Muffat aus, die mit feinem silbrigem Klang von italienischen und französischen Vorbildern beeinflusst sind.
Der zweite Zeil des kurzen Orgelkonzerts erklingt von der mächtigen Hauptorgel der Kirche, einer der schönsten Barockorgeln Süddeutschlands. Auch hier war Andreas Jäger zusammen mit dem Bildhauer Peter Heel tätig. Statt optisch zu dominieren, schmiegt sie sich wie ein Ornament in die barocken Rundungen und Wölbungen der Orgelempore. Im Laufe der Jahrhunderte gab es einige grundlegende Umbauten. Bei der letzten Überarbeitung 2012 entschied man sich gegen einen Neubau, um klangliche Umbauten der Vergangenheit als Zeitdokument zu erhalten, passte aber jede einzelne der 2.800 Pfeifen klanglich an die Klangfarben der Orgel an und installierte als Spielhilfe einen Setzer für Registrierungen. Manche nennen das Instrument Arthur-Piechler-Orgel, da der bedeutende bayerische Komponist des letzten Jahrhunderts ihr bei der Renovierung 1956 die sonst unübliche spätromantische Klangfarbe verlieh. Nur folgerichtig, dass von Rechenberg darauf in filigranem Spiel neben dem Hymnus Ave Maria Stella von Nicolas de Grigny Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge in D‑Dur BWV 532 auch das dazu passende Andante maestroso des Pariser Romantikers Alexandre-Pierre-François Boëly präsentiert, was die große Kirche mit eindrucksvollem Klangvolumen füllte.
Der polyglotte Füssener Richard Hartmann, der sich als Eventmanager seit Jahrzehnten für klassische Musik einsetzt, unter anderem als Marketingchef der Bayerischen Staatsoper, hatte die Förderung der Festspiele in die Wege geleitet, deren Vorstand er als Erster Vorsitzender angehört. Mit Charme versteht es der Schöngeist auch Menschen zu begeistern, die noch nicht so sehr mit Alter Musik vertraut sind. Der Einsatz lohnt, die Bilanz bei Publikum und Künstlern ist positiv. Knapp 1.300 Gäste besuchten die neunzehn Konzerte, Vorträge und Führungen, deutlich mehr als im Vorjahr. Die Planung für das kommende Jahr hat schon begonnen. Dann finden die Festtage vom 25. bis 29. Juni statt. „Kultur ist ein starker Pull-Faktor für die Region“, sagt Hartmann und freut sich schon auf das reichhaltige kulturelle Programm Füssens im kommenden Jahr. Vielleicht ein guter Grund für einen Füssen-Besuch 2025?
Michael Ritter