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Foto © Jonas Persson

Zehn Sieger, ein Champion, eine Seele

Zum zweiten Mal trägt die European Broad­cas­tinig Union (EBU), ein Zusam­men­schluss von heute 72 inter­na­tio­nalen Sende­an­stalten, den Eurovision Choir aus, eine TV-Show, in der Chöre aus zehn Ländern vor den Fernseh­ka­meras gegen­ein­ander antreten. Vocal Line aus Dänemark gewinnt vor Chören aus Lettland und Slowenien den Titel. Doch die Exper­tenjury sieht in allen Vokal­ensembles der Konkurrenz wahre Sieger, darunter BonnVoice, der Vertreter Deutschlands.

BonnVoice hat Deutschland beim Contest vertreten – Foto © Jonas Persson

The moment has arrived.Mit dieser Ankün­digung Petroc Trelawnys von der BBC, zusammen mit Ella Petersson vom schwe­di­schen Fernsehen SVT das Modera­to­ren­tandem der Show, erreicht die Spannung in der mit gut 3.500 Besuchern gefüllten Partille-Arena vor den Toren Göteborgs ihren Siede­punkt. Da ist es wieder, dieses Faszi­nosum für TV-Zuschauer in Europa im Bann der Eurovision. Prompt senkt sich der akustische Pegel auf ein gespanntes Murmeln. John Rutter, der britische Komponist und Vorsit­zende der Jury, lüftet das Geheimnis um den Champion in der Konkurrenz um den Eurovision Choir 2019 (EC). Vocal Line aus Dänemark sichert sich den Titel. Der lettische Chor Maska landet auf dem zweiten, die slowe­nische Formation Jazzva auf dem dritten Platz.

Das Jury-Ranking indes, so verdient es ausge­fallen sein mag, ist nicht das Einzige, was zählt. Zehn Ensembles aus zehn europäi­schen Ländern haben im Ringen um die Krone der Besten phasen­weise großartige Leistungen und Präsen­ta­tionen gezeigt. Jeweils in vier Minuten, um die zweite Runde mit einem Auftritt von maximal drei Minuten zu erreichen. „Sie alle hätten es verdient gehabt, sich für die Final­runde zu quali­fi­zieren und den Sieg zu erreichen“, sagt Rutter über die zehn Reprä­sen­tanten der Laien­chor­kultur in ihren Ländern. Mit hoher Kreati­vität und großem Können haben engagierte Laien – der Begriff gründet in der histo­ri­schen Unter­scheidung von Klerikern und Nicht-Klerikern, eben Laien, in der Kirchen­musik – ein klang- und ausdruck­mäch­tiges Panorama der regio­nalen Vielfalt Europas gezeichnet. Kultur, Chorkultur an diesem ersten Sonnabend im August, ist der verbin­dende Nenner dieses Europa. EU-Gipfel ohne Ergeb­nisse hin, Europa­mü­digkeit her.

Einladung zu den World Choir Games

Natürlich gehört die Bühne im Jubel von Publikum, Fans und Akteuren der betei­ligten Chöre erst einmal den in Blau und Schwarz gewan­deten Könnern von Vocal Line. Mit True North, arran­giert von Tina Dico, und Viola im Arran­gement von Lisa Nilsson haben sie das Publikum erobert und die Jury überzeugt. Neben Rutter werten die schwe­dische Mitbe­grün­derin des Ensembles The Real Group, Katarina Henryson, und der US-Ameri­kaner Deke Sharon, der als Pionier zeitge­nös­si­scher A‑cap­pella-Musik gilt. Vocal-Line-Dirigent Jens Johansen reckt stolz die Trophäe des EC 2019 in die Höhe. Günter Titsch überreicht den Sonder­preis des EC-Partners Inter­kultur in Gestalt einer gerahmten Urkunde. Titsch ist Begründer und Inspi­rator der in Mittel­hessen ansäs­sigen Organi­sation, die seit über 30 Jahren Chorfes­tivals und Chorwett­be­werbe veran­staltet, darunter die alle zwei Jahre ausge­tra­genen World Choir Games (WCG). Zu der elften Ausgabe dieses Wettbe­werbs im Juli 2020 in den flandri­schen Städten Antwerpen und Gent ist die Formation aus Aarhus als Sieger von Göteborg einge­laden. Titsch setzt auf die unmit­telbare Begegnung von Menschen unter­schied­licher Herkunft, Einstellung und Orien­tierung. „Unsere Veran­stal­tungen“, lautet sein Credo, „lehren die Erkenntnis, nicht zu schauen, woher der andere kommt, sondern was er für ein Mensch ist.“

BonnVoice, für Deutschland in der Konkurrenz, schlägt sich mit einem ambitio­nierten Programm äußerst achtbar. Getreu seinem Profil mit Stilele­menten aus Klassik, Jazz, Pop und einem breiten Reper­toire aus vier‑, fünf- und sechs­stim­migen Kompo­si­tionen greift das 2009 gegründete Ensemble mit den deutschen Volks­liedern O Täler weit o Höhen nach Felix Mendelssohn Bartholdy und Die Gedanken sind frei in einer Mischung aus Tradition und Moderne und einem dynami­schen Arran­gement im Swing-Stil nach den Sternen. „Wir treten mit einem Volkslied-Programm in modernem Klangar­ran­gement auf. Somit können wir ureigenes Reper­toire präsen­tieren, das zudem noch inhaltlich stark mit einer sehr gesell­schafts­re­le­vanten Thematik aufge­laden ist“, erläutert Chorleiter Tono Wissing die Auswahl.

„Wir sind absolut zufrieden“

Zum zweiten Mal nach dem Jazzchor Freiburg 2017 bei der EC-Premiere in Riga ist Deutschland mithin durch eine Formation vertreten, die für Weltof­fenheit steht und völlig konträr zu den Vorbe­halten und Stereo­typen agiert, die einer angemes­senen Wahrnehmung von Laien­chören hierzu­lande da und dort immer noch im Wege stehen. Ambitio­niert, wie gesagt, vielleicht zu ambitio­niert für ein Publikum in der Halle und vor den Bildschirmen, das überwiegend nicht in deutscher Sprache redet und denkt. Dem die Ambivalenz des Typus Volkslied im Kontext der deutschen Natio­nal­ge­schichte der vergan­genen zwei Jahrhun­derte unter dem Eindruck eines viermi­nü­tigen Vortrags spontan nicht bewusst sein kann. So gesehen, mag BonnVoice eine Idee zu sophisti­cated unterwegs gewesen sein. Den positiven Gesamt­ein­druck schmälert das freilich keineswegs. So sehen es auch die diversen Tweets und Postings in Sozialen Medien, die sich schon bald nach der Show rund um den Bonner Chor auftun. So kommen­tiert es auch die 30-jährige Hanna Boudon, Sopran bei BonnVoice, Lehrerin an einer Gesamt­schule: „Wir alle sind absolut zufrieden, überhaut in einem solchen Rahmen auftreten zu können. Das zählt, nicht irgendeine Platzierung. Ich persönlich bin richtig glücklich.“

Singen im Chor heißt für den Einzelnen Freude, Leiden­schaft, vielleicht Hingabe. Davon erzählen die TV-Kameras von SVT auf der Suche nach den Gesichtern, vielleicht auch dem Gesicht des Chores. „Chorgesang“, betont Rutter, „ist mehr als Singen, kommt vom Herzen und erzählt von der Seele und vom Charakter einer Nation.“ Die Jury lässt sich beim EC vorga­ben­getreu von den Kriterien Technik, Klang­qua­lität, Musika­lität und Inter­pre­tation sowie Kommu­ni­kation leiten. Kriterien, die Wissing als „absolut sachge­recht und angemessen“ empfindet. Kriterien, bei denen sich in der Partille-Arena die große Menge Weizen von der kleinen Menge Spreu scheidet. Doch jenseits dieses formalen Gerüsts an Standards und Regeln, die den Pfad in Richtung Profes­sio­na­lität weisen, offenbart dieser EC seine wahre Dimension, sein Inneres, wenn man es pathe­tisch benennen möchte.

Dass Singen in Gemein­schaft als eine Tradition der Bewahrung von Geschichten und Erzäh­lungen, von regio­naler Identität und unver­wech­sel­baren musika­li­schen Ausdrucks­formen verstanden wird, ist evident. All das lässt sich am EC 2019 erneut festmachen, vor allem bei den Chören aus dem Norden oder von der briti­schen Insel. Maska zum Beispiel räumt in seinem breiten Spektrum an Formen der für das Baltikum und seine politische Freiheits­be­wegung wichtigen Folklore einen gewich­tigen Platz ein. Alba aus Glasgow präsen­tiert seinen Wettbe­werbs­beitrag in Schot­tisch-Gälisch. Ysgol Gerdd Ceredigion, der Mädchenchor aus Wales, knüpft an die Jahrhun­derte alte Tradition des Wechsel­ge­sangs von Chor und Sologesang mit einer gerade 17-jährigen Solosän­gerin an, die schlicht die ganze Halle verzaubert.

Auf Experi­men­telles angelegt

Vocal Line hat den diesjäh­rigen Eurovision Choir gewonnen – Foto © Jonas Persson

Wenn es berechtigt sein kann, die Phalanx der Forma­tionen beim EC als stell­ver­tretend für aktuelle Trends in der Spitze der Laien­chor­szene Europas zu nehmen, steht das Genre vor einer disrup­tiven, aufre­genden Entwicklung. Jeder Chor für sich und jeder Chor auf seine spezi­fische Weise hat  sich auf den Weg gemacht, einen neuen Kosmos seiner selbst, eine eigene innovative Handschrift, eine singuläre Auffassung in der musika­li­schen Vermittlung und eine ernst­hafte Selbst­ver­pflichtung in den Ansprüchen an sich und die Gruppe zu entwi­ckeln. Folgt man der Semantik Rutters, mündet die neue Corporate Identity des Chorsingens im alles überra­genden Begriff der Kommu­ni­kation. Beim EC dieses Jahres gibt es keine Formation, die stock­steif auf der Stelle steht. Die Sänge­rinnen des Frauen­chores Volve Vokal aus Norwegen stürzen gar im Finale ihres Auftritts drama­tur­gisch verblüffend auf den Bühnen­boden. Almakalia aus Belgien stellt sich in Outfits vor, die so fragmen­tiert sind wie ihr Heimatland. Die erst im vergan­genen Jahr gegründete Schweizer Gruppe Cake O’Phonie inter­pre­tiert ihre vokale Reise durch die Berge des Alpen­landes in fünf Sprachen respektive dem Dialekt ihres Heimat­ortes Fribourg. Jazzva wirbelt in Arran­ge­ments über die Bühne, die schlicht atembe­raubend sind. Passa­gen­weise intoniert oder paraphra­siert jeder der sieben einzelnen Akteure just in time eine unter­schied­liche Note.

Der EC hat auch dank der hochpro­fes­sio­nellen Produktion des SVT, zieht man eine vorläufige Bilanz, seine Bewährung bestanden. Stand die Premiere in Riga 2017 noch im Zeichen einer deutlichen Zurück­haltung der damals neun betei­ligten TV-Anstalten, lässt sich zwei Jahre später ein stärkeres Engagement der Sender beobachten. So räumt beispiels­weise das WDR-Fernsehen diesmal die Primetime am Sonnabend für das Spektakel frei, das den ersten Wettbewerb 2017 noch um eine Woche zeitver­setzt in aller Herrgotts­frühe ausge­strahlt hatte. Heute spricht Fernseh­kul­turchef Matthias Kremin von einer „gern übernom­menen Verpflichtung, jetzt mit der Übertragung aus Göteborg einem deutsch­land­weiten Publikum zu zeigen, was Laien­chöre zu leisten imstande sind.“

Wie in seinen Anfängen der „große Bruder“ in der Eurovision-Event­fa­milie, der Eurovision Song Contest (ESC), ist der EC in der Pionier­phase auf Evalu­ierung, auch auf Erprobung angelegt. Das wird sich gerade dann zeigen, wenn die Reich­weiten und Einschalt­quoten aus den betei­ligten TV-Märkten noch nicht das Potential aufzeigen werden, das angesichts der nach Millionen zählenden Chorcom­munity in Europa möglich ist. Mit dem Einzug einer zweiten Runde in die Ablauf­dra­ma­turgie ist ein Stück Experiment bereits erfolgt. Weitere Neuerungen sollten gewagt werden. Ob eine Erwei­terung der Zahl der Chöre und damit der invol­vierten TV-Anstalten und Länder auf etwa 15 oder gar 18 zielführend sein kann? Zumindest dürfte das solange fraglich sein, solange an der Vorgabe eines 100 Minuten-Formats festge­halten werden soll. Ob wie beim ESC nationale Vorent­scheide das gesamte Unter­fangen europaweit beleben könnten? Würde die Einbindung des TV-Publikums in Vorent­scheide wie Final­runde den öffent­lichen Fokus auf den EC signi­fikant erhöhen? Vorent­scheide und Voting des Publikums indes würden das derzeit überschaubare TV-Budget des EC jeden­falls kräftig ausweiten.

Für all diese Fragen zeigt sich EBU-Direktor Jon Ola Sand, selbst ernannter Entwick­lungs­helfer des EC, aufge­schlossen. „Singen ist gut für die Seele“, weiß Sand. Und die EBU fördere Projekte mit dem Ziel, „möglichst viele Menschen für das Mitmachen zu begeistern“.

Ralf Siepmann

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