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Zum zweiten Mal trägt die European Broadcastinig Union (EBU), ein Zusammenschluss von heute 72 internationalen Sendeanstalten, den Eurovision Choir aus, eine TV-Show, in der Chöre aus zehn Ländern vor den Fernsehkameras gegeneinander antreten. Vocal Line aus Dänemark gewinnt vor Chören aus Lettland und Slowenien den Titel. Doch die Expertenjury sieht in allen Vokalensembles der Konkurrenz wahre Sieger, darunter BonnVoice, der Vertreter Deutschlands.

The moment has arrived.“ Mit dieser Ankündigung Petroc Trelawnys von der BBC, zusammen mit Ella Petersson vom schwedischen Fernsehen SVT das Moderatorentandem der Show, erreicht die Spannung in der mit gut 3.500 Besuchern gefüllten Partille-Arena vor den Toren Göteborgs ihren Siedepunkt. Da ist es wieder, dieses Faszinosum für TV-Zuschauer in Europa im Bann der Eurovision. Prompt senkt sich der akustische Pegel auf ein gespanntes Murmeln. John Rutter, der britische Komponist und Vorsitzende der Jury, lüftet das Geheimnis um den Champion in der Konkurrenz um den Eurovision Choir 2019 (EC). Vocal Line aus Dänemark sichert sich den Titel. Der lettische Chor Maska landet auf dem zweiten, die slowenische Formation Jazzva auf dem dritten Platz.
Das Jury-Ranking indes, so verdient es ausgefallen sein mag, ist nicht das Einzige, was zählt. Zehn Ensembles aus zehn europäischen Ländern haben im Ringen um die Krone der Besten phasenweise großartige Leistungen und Präsentationen gezeigt. Jeweils in vier Minuten, um die zweite Runde mit einem Auftritt von maximal drei Minuten zu erreichen. „Sie alle hätten es verdient gehabt, sich für die Finalrunde zu qualifizieren und den Sieg zu erreichen“, sagt Rutter über die zehn Repräsentanten der Laienchorkultur in ihren Ländern. Mit hoher Kreativität und großem Können haben engagierte Laien – der Begriff gründet in der historischen Unterscheidung von Klerikern und Nicht-Klerikern, eben Laien, in der Kirchenmusik – ein klang- und ausdruckmächtiges Panorama der regionalen Vielfalt Europas gezeichnet. Kultur, Chorkultur an diesem ersten Sonnabend im August, ist der verbindende Nenner dieses Europa. EU-Gipfel ohne Ergebnisse hin, Europamüdigkeit her.
Einladung zu den World Choir Games
Natürlich gehört die Bühne im Jubel von Publikum, Fans und Akteuren der beteiligten Chöre erst einmal den in Blau und Schwarz gewandeten Könnern von Vocal Line. Mit True North, arrangiert von Tina Dico, und Viola im Arrangement von Lisa Nilsson haben sie das Publikum erobert und die Jury überzeugt. Neben Rutter werten die schwedische Mitbegründerin des Ensembles The Real Group, Katarina Henryson, und der US-Amerikaner Deke Sharon, der als Pionier zeitgenössischer A‑cappella-Musik gilt. Vocal-Line-Dirigent Jens Johansen reckt stolz die Trophäe des EC 2019 in die Höhe. Günter Titsch überreicht den Sonderpreis des EC-Partners Interkultur in Gestalt einer gerahmten Urkunde. Titsch ist Begründer und Inspirator der in Mittelhessen ansässigen Organisation, die seit über 30 Jahren Chorfestivals und Chorwettbewerbe veranstaltet, darunter die alle zwei Jahre ausgetragenen World Choir Games (WCG). Zu der elften Ausgabe dieses Wettbewerbs im Juli 2020 in den flandrischen Städten Antwerpen und Gent ist die Formation aus Aarhus als Sieger von Göteborg eingeladen. Titsch setzt auf die unmittelbare Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Einstellung und Orientierung. „Unsere Veranstaltungen“, lautet sein Credo, „lehren die Erkenntnis, nicht zu schauen, woher der andere kommt, sondern was er für ein Mensch ist.“
BonnVoice, für Deutschland in der Konkurrenz, schlägt sich mit einem ambitionierten Programm äußerst achtbar. Getreu seinem Profil mit Stilelementen aus Klassik, Jazz, Pop und einem breiten Repertoire aus vier‑, fünf- und sechsstimmigen Kompositionen greift das 2009 gegründete Ensemble mit den deutschen Volksliedern O Täler weit o Höhen nach Felix Mendelssohn Bartholdy und Die Gedanken sind frei in einer Mischung aus Tradition und Moderne und einem dynamischen Arrangement im Swing-Stil nach den Sternen. „Wir treten mit einem Volkslied-Programm in modernem Klangarrangement auf. Somit können wir ureigenes Repertoire präsentieren, das zudem noch inhaltlich stark mit einer sehr gesellschaftsrelevanten Thematik aufgeladen ist“, erläutert Chorleiter Tono Wissing die Auswahl.
„Wir sind absolut zufrieden“
Zum zweiten Mal nach dem Jazzchor Freiburg 2017 bei der EC-Premiere in Riga ist Deutschland mithin durch eine Formation vertreten, die für Weltoffenheit steht und völlig konträr zu den Vorbehalten und Stereotypen agiert, die einer angemessenen Wahrnehmung von Laienchören hierzulande da und dort immer noch im Wege stehen. Ambitioniert, wie gesagt, vielleicht zu ambitioniert für ein Publikum in der Halle und vor den Bildschirmen, das überwiegend nicht in deutscher Sprache redet und denkt. Dem die Ambivalenz des Typus Volkslied im Kontext der deutschen Nationalgeschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte unter dem Eindruck eines vierminütigen Vortrags spontan nicht bewusst sein kann. So gesehen, mag BonnVoice eine Idee zu sophisticated unterwegs gewesen sein. Den positiven Gesamteindruck schmälert das freilich keineswegs. So sehen es auch die diversen Tweets und Postings in Sozialen Medien, die sich schon bald nach der Show rund um den Bonner Chor auftun. So kommentiert es auch die 30-jährige Hanna Boudon, Sopran bei BonnVoice, Lehrerin an einer Gesamtschule: „Wir alle sind absolut zufrieden, überhaut in einem solchen Rahmen auftreten zu können. Das zählt, nicht irgendeine Platzierung. Ich persönlich bin richtig glücklich.“
Singen im Chor heißt für den Einzelnen Freude, Leidenschaft, vielleicht Hingabe. Davon erzählen die TV-Kameras von SVT auf der Suche nach den Gesichtern, vielleicht auch dem Gesicht des Chores. „Chorgesang“, betont Rutter, „ist mehr als Singen, kommt vom Herzen und erzählt von der Seele und vom Charakter einer Nation.“ Die Jury lässt sich beim EC vorgabengetreu von den Kriterien Technik, Klangqualität, Musikalität und Interpretation sowie Kommunikation leiten. Kriterien, die Wissing als „absolut sachgerecht und angemessen“ empfindet. Kriterien, bei denen sich in der Partille-Arena die große Menge Weizen von der kleinen Menge Spreu scheidet. Doch jenseits dieses formalen Gerüsts an Standards und Regeln, die den Pfad in Richtung Professionalität weisen, offenbart dieser EC seine wahre Dimension, sein Inneres, wenn man es pathetisch benennen möchte.
Dass Singen in Gemeinschaft als eine Tradition der Bewahrung von Geschichten und Erzählungen, von regionaler Identität und unverwechselbaren musikalischen Ausdrucksformen verstanden wird, ist evident. All das lässt sich am EC 2019 erneut festmachen, vor allem bei den Chören aus dem Norden oder von der britischen Insel. Maska zum Beispiel räumt in seinem breiten Spektrum an Formen der für das Baltikum und seine politische Freiheitsbewegung wichtigen Folklore einen gewichtigen Platz ein. Alba aus Glasgow präsentiert seinen Wettbewerbsbeitrag in Schottisch-Gälisch. Ysgol Gerdd Ceredigion, der Mädchenchor aus Wales, knüpft an die Jahrhunderte alte Tradition des Wechselgesangs von Chor und Sologesang mit einer gerade 17-jährigen Solosängerin an, die schlicht die ganze Halle verzaubert.
Auf Experimentelles angelegt

Wenn es berechtigt sein kann, die Phalanx der Formationen beim EC als stellvertretend für aktuelle Trends in der Spitze der Laienchorszene Europas zu nehmen, steht das Genre vor einer disruptiven, aufregenden Entwicklung. Jeder Chor für sich und jeder Chor auf seine spezifische Weise hat sich auf den Weg gemacht, einen neuen Kosmos seiner selbst, eine eigene innovative Handschrift, eine singuläre Auffassung in der musikalischen Vermittlung und eine ernsthafte Selbstverpflichtung in den Ansprüchen an sich und die Gruppe zu entwickeln. Folgt man der Semantik Rutters, mündet die neue Corporate Identity des Chorsingens im alles überragenden Begriff der Kommunikation. Beim EC dieses Jahres gibt es keine Formation, die stocksteif auf der Stelle steht. Die Sängerinnen des Frauenchores Volve Vokal aus Norwegen stürzen gar im Finale ihres Auftritts dramaturgisch verblüffend auf den Bühnenboden. Almakalia aus Belgien stellt sich in Outfits vor, die so fragmentiert sind wie ihr Heimatland. Die erst im vergangenen Jahr gegründete Schweizer Gruppe Cake O’Phonie interpretiert ihre vokale Reise durch die Berge des Alpenlandes in fünf Sprachen respektive dem Dialekt ihres Heimatortes Fribourg. Jazzva wirbelt in Arrangements über die Bühne, die schlicht atemberaubend sind. Passagenweise intoniert oder paraphrasiert jeder der sieben einzelnen Akteure just in time eine unterschiedliche Note.
Der EC hat auch dank der hochprofessionellen Produktion des SVT, zieht man eine vorläufige Bilanz, seine Bewährung bestanden. Stand die Premiere in Riga 2017 noch im Zeichen einer deutlichen Zurückhaltung der damals neun beteiligten TV-Anstalten, lässt sich zwei Jahre später ein stärkeres Engagement der Sender beobachten. So räumt beispielsweise das WDR-Fernsehen diesmal die Primetime am Sonnabend für das Spektakel frei, das den ersten Wettbewerb 2017 noch um eine Woche zeitversetzt in aller Herrgottsfrühe ausgestrahlt hatte. Heute spricht Fernsehkulturchef Matthias Kremin von einer „gern übernommenen Verpflichtung, jetzt mit der Übertragung aus Göteborg einem deutschlandweiten Publikum zu zeigen, was Laienchöre zu leisten imstande sind.“
Wie in seinen Anfängen der „große Bruder“ in der Eurovision-Eventfamilie, der Eurovision Song Contest (ESC), ist der EC in der Pionierphase auf Evaluierung, auch auf Erprobung angelegt. Das wird sich gerade dann zeigen, wenn die Reichweiten und Einschaltquoten aus den beteiligten TV-Märkten noch nicht das Potential aufzeigen werden, das angesichts der nach Millionen zählenden Chorcommunity in Europa möglich ist. Mit dem Einzug einer zweiten Runde in die Ablaufdramaturgie ist ein Stück Experiment bereits erfolgt. Weitere Neuerungen sollten gewagt werden. Ob eine Erweiterung der Zahl der Chöre und damit der involvierten TV-Anstalten und Länder auf etwa 15 oder gar 18 zielführend sein kann? Zumindest dürfte das solange fraglich sein, solange an der Vorgabe eines 100 Minuten-Formats festgehalten werden soll. Ob wie beim ESC nationale Vorentscheide das gesamte Unterfangen europaweit beleben könnten? Würde die Einbindung des TV-Publikums in Vorentscheide wie Finalrunde den öffentlichen Fokus auf den EC signifikant erhöhen? Vorentscheide und Voting des Publikums indes würden das derzeit überschaubare TV-Budget des EC jedenfalls kräftig ausweiten.
Für all diese Fragen zeigt sich EBU-Direktor Jon Ola Sand, selbst ernannter Entwicklungshelfer des EC, aufgeschlossen. „Singen ist gut für die Seele“, weiß Sand. Und die EBU fördere Projekte mit dem Ziel, „möglichst viele Menschen für das Mitmachen zu begeistern“.
Ralf Siepmann