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Eine kleine Gemeinde in der Sächsischen Schweiz macht alljährlich von sich reden. Einmal im Jahr finden in Gohrisch die Schostakowitsch-Tage statt. Drei Jahre brauchten sie, um sich zu etablieren, jetzt müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob es die richtige Zeit ist, einen russischen Komponisten zu feiern. Und wenn die Antwort „Gerade jetzt!“ lautet, ist das sicher richtig. Wer war eigentlich dieser Dmitri Schostakowitsch, was hat er mit Gohrisch zu tun und warum sollte er uns heute besonders wichtig sein?

Wenn eine Gemeinde nach touristischen Ertragsquellen sucht, lautet sicher eine der wichtigsten Fragen, welche Berühmtheit etwas ihr zu tun hatte. In Gohrisch war das 2010 sicher nicht so einfach zu beantworten. Ja, da gab es den Turner und Zoologen Karl Jordan, der im Gemeindeteil Papstdorf 1888 geboren wurde, und dann war da noch Heinz Kretzschmar, ein Jazzmusiker und Arrangeur, der 1926 das Licht der Welt in Kurort Gohrisch erblickte. Aber reicht das, um Scharen in die Sächsische Schweiz zu ziehen? 2009 kam Friederike Kübler die Idee. War es nicht so, dass Dmitri Schostakowitsch, der russische Komponist, gleich zwei Mal zu Gast in Gohrisch war? Schnell war herausgefunden, dass er dort nicht nur zu Gast war, sondern nachweislich auch sein achtes Streichquartett komponierte. Damit lässt sich doch etwas anfangen! „Das Festival im ersten Jahr war Ablehnung. Im zweiten Jahr war Staunen, und im dritten Jahr war Begeisterung“, erinnert sich Kübler rückblickend, die auch im 15. Jahr des Bestehens noch als Ehrenvorsitzende dabei ist. „Es geht in die Welt, dass wir hier das einzige Schostakowitsch-Festival der Welt machen. Und das ist schon was ganz Besonderes. Und das soll auch genau an diesem Ort hier bleiben“, ist sie überzeugt.
Dmitri Schostakowitsch wurde 1906 in Sankt Petersburg geboren. Mitja, wie der Junge mit dem absoluten Gehör genannt wurde, der sich zunächst überhaupt nicht für Musik interessierte, wurde von der Mutter, selbst Pianistin, an das Klavier gesetzt. Mit elf Jahren komponierte er unter dem Eindruck, selbst Augenzeuge davon geworden zu sein, wie ein Arbeiter bei einer Demonstration von der Polizei erschossen wurde, eine Hymne an die Freiheit und einen Trauermarsch für die Opfer der Revolution. Es sollte die Initialzündung für die lebenslange kritische Auseinandersetzung mit den russischen Machthabern werden. Es ist vielleicht eine der friedlichsten Phasen seines Lebens, als er 1960 in die Deutsche Demokratische Republik ausreisen darf, um die Filmmusik zu Fünf Tage – fünf Nächte von Lew Arnstam zu schreiben, ein Propagandafilm, der die Evakuierung der Dresdner Kunstschätze durch die Rote Armee 1945 nach Moskau behandelt. Zu diesem Zweck wird Schostakowitsch im feudalen Gästehaus des Ministerrates der DDR, das heutige Hotel Albrechtshof, in Kurort Gohrisch untergebracht. Statt der Filmmusik komponiert er „unter der Buche am kleinen nierenförmigen Teich im Innenhof des Gebäudekomplexes“, wie Augenzeugen berichteten, eines seiner bedeutendsten Werke, das achte Streichquartett, das zudem das einzige Werk ist, das Schostakowitsch außerhalb der Sowjetunion schuf. 1972 besuchte der Komponist mit seiner dritten Ehefrau Irina Antonowna nach der Ostberliner Erstaufführung seiner fünfzehnten Symphonie den Ort erneut für einige Wochen.
Nur knapp 40 Kilometer von Dresden entfernt, mitten im Elbsandsteingebirge gelegen, gehört Gohrisch in der Sächsischen Schweiz seit alters her zu den touristischen Attraktionen Deutschlands. Die Gemeinde mit ihren noch nicht einmal 2.000 Einwohnern teilt sich auf in die Orte Cunnersdorf, Kleinhennersdorf, Papstdorf und Kurort Gohrisch. Geprägt sind die Ortschaften einerseits durch landwirtschaftliche Betriebe, andererseits durch mondäne Villen im Kurbadstil, die davon künden, dass bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts betuchte Städter im ersten Luftkurort Sachsens die Sommerfrische suchten.
Musik ist der beste Widerstand

Bei aller Idylle: Ist es noch die richtige Zeit, einen russischen Komponisten zu feiern, während in der Ukraine täglich Menschen durch einen russischen Machthaber zu Tode kommen? Die Antwort ist einfach: Ja. Davon zeugen auch die Besuche des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov in den vergangenen Jahren in Gohrisch. Denn Schostakowitsch steht mehr als mancher andere für den Widerstand einer Mehrheit des russischen Volkes gegen einen durchgeknallten Machthaber, der hoffentlich noch lange genug leben wird, um einer irdischen Gerichtsbarkeit vorgeführt zu werden. „Der erneute Besuch von Irina Antonowna Schostakowitsch, die noch in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag feiern wird, ist für uns eine besondere Ehre. Mit ihr gemeinsam wollen wir in diesem Jahr vor allem auf das humanistische Erbe ihres Mannes blicken, das unter den gegenwärtigen politischen Umständen aktueller erscheint denn je“, sagt Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch. Und so wird auch in diesem Jahr in der Konzertscheune vom 27. bis zum 30. Juni wieder ein Fest der musikalischen Völkerverständigung mit einem außergewöhnlich reichhaltigen Programm stattfinden.
„Im 15. Jahr unseres Bestehens feiern wir den Komponisten Dmitri Schostakowitsch in Gohrisch mit einem prall gefüllten Programm. Die Tatsache, dass viele der Mitwirkenden zum ersten Mal bei uns zu Gast sind, zeigt zudem, dass das Festival immer mehr an Attraktivität gewinnt“, freut sich Niederschlag. Die Werke gleich dreier russischer Komponisten werden erklingen. Neben der Arbeit Schostakowitschs wird die Musik von Modest Mussorgsky, aber vor allem auch Alexander Raskatov zu hören sein. Geboren 1953 in Moskau, lebt der Komponist seit vielen Jahren in Frankreich. Vor Kurzem feierte er mit seiner Oper Animal Farm nach George Orwell an der Niederländischen Nationaloper in Amsterdam und an der Wiener Staatsoper große Erfolge. „Schon lange sind mir die Schostakowitsch-Tage in Gohrisch ein Begriff. Jetzt werde ich diesen geschichtsträchtigen Ort endlich einmal besuchen. Es bedeutet mir sehr viel, dass meine Musik in diesem einzigartigen Kontext erklingen wird“, sagt Raskatov.
Sein Gebet (Kaddish) steht im Zentrum des Eröffnungskonzerts. 1998 wurde es vom Quatuor Danel mit der Sopranistin Elena Vassilieva zur Uraufführung gebracht. Jetzt erklingt es in gleicher Formation in Gohrisch. Das Streichquartett Danel mit Sitz in Brüssel gilt als das führende Schostakowitsch-Quartett weltweit. Die Musiker werden außerdem die Streichquartette Nr. 6 und 14 von Schostakowitsch vortragen – letzteres ist das einzige der 15 Quartette, das bislang noch nicht beim Festival gespielt wurde. Eröffnet wird das Programm mit Schostakowitschs Stücken für Streichoktett opus 11, bei denen das Quatuor Danel um die Musiker des Fritz-Busch-Quartetts erweitert wird, einer Formation aus den Reihen der Sächsischen Staatskapelle Dresden, mit der das Festival zusammenarbeitet.
Nur vom Feinsten in der Konzertscheune
Der zweite Festivaltag ist geprägt von Debüts. Die Cellistin Marie-Elisabeth Hecker und der Pianist Martin Helmchen spielen die Sonaten für Violoncello und Klavier von Schostakowitsch und Sergej Prokofjew. Außerdem werden die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky in der Originalfassung zu hören sein. Einen Liederabend gestalten Bariton Matthias Goerne und sein Klavierbegleiter Alexander Schmalcz. Auf dem Programm stehen Klavierlieder von Gustav Mahler, die späte Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti opus 145, die Schostakowitsch seiner Frau Irina Antonowna widmete, und eine nachgelassene Romanze Schostakowitschs für Bass und Klavier auf ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko. Die entstand um 1971, ist nur als Fragment überliefert und wird derzeit von Raskatov vervollständigt. Goerne und Schmalcz bringen das Spätwerk in Gohrisch posthum zur Uraufführung.
Bereits zum vierten Mal ist Gidon Kremer zu Gast beim Festival. Mit Mitgliedern seines Kammerorchesters Kremerata Baltica weitet er den Blick auf osteuropäische Komponisten wie Erkki-Sven Tüür, Grażyna Bacewicz, Tālivaldis Ķeniņš und Alfred Schnittke. Außerdem stehen Werke von Silvestrov und Raskatov auf dem Programm. Wie immer seit Bestehen des Festivals spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden eine große Rolle. In einer Matinee unter Leitung ihres Dirigenten Dmitri Jurowski präsentiert sie gleich vier Erstaufführungen. Auch beim Abschlusskonzert werden ihre Musiker aktiv.
Ein weiterer Teil des Programms ist dem Ehrengast gewidmet. Irina Antonowna Schostakowitsch wird mit ihren fast 90 Jahren zum vierten Mal nach Gohrisch reisen. Sie unterstützt das Festival seit Anbeginn. Nun wird ihr eine ausführliche Ehrung zuteilwerden. Wenn Niederschlag von einem „prall gefüllten“ Programm spricht, klingt das eher noch nach Understatement. Wem das aber immer noch nicht reicht, der reist einen Tag eher an. Denn dann wird es noch ein Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden geben. Die Leningrader Symphonie wird unter Leitung von Tugan Sokhiev aufgeführt. Das ist das Werk, mit dem der russische Dirigent 2022 nach Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine seine Chefpositionen in Moskau beim Bolschoi-Theater und beim Orchestre National du Capitol de Toulouse gleichzeitig niederlegte. Es sind solche Menschen, über die man viel mehr sprechen sollte, weil sie es sind, die das russische Volk repräsentieren.
Michael S. Zerban