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Mit fast 70 Konzerten in der Zeit vom 13. Juli bis zum 1. September hat sich das Gstaad-Menuhin-Festival zu einem der größten Kulturereignisse der Schweiz entwickelt. Das Angebot reicht von interessierten Laien bis zu großen Namen der internationalen klassischen Musik-Szene. Mittlerweile besuchen mehr als 30.000 Gäste das Festival. Intendant Christoph Müller arbeitet derweil daran, den Prozentsatz der ausländischen Gäste zu erhöhen.

Im Berner Oberland in der 1000 Meter gelegenen Umgebung von Gstaad und Saanen präsentiert sich die Schweiz so malerisch wie aus einem romantischen Bilderbuch. Eindrucksvolle Gebirgszüge umhüllen sanfte Täler mit blankgeputzten Wiesen und grasenden Kühen. Die Häuser und Kirchen erinnern an Landschaften, wie man sie von Modelleisenbahnen aus der Kindheit kennt. Ein Kleinod, das bereits den jungen Mendelssohn, der die Region durchwanderte, begeisterte. Kein Wunder, dass Yehudi Menuhin ausgerechnet in Saanen eine Villa erworben hat und die Gstaadter Region ihn auch musikalisch befruchtete. Nach einem Gastauftritt kam der berühmte Geiger der Bitte des Kurdirektors entgegen, den Sommer mit einigen Konzerten zu bereichern. 1957 wurde zum Geburtsjahr des Gstaad Menuhin Festivals, auch wenn damals von einem aufwändigen Festival noch nicht die Rede sein konnte. Man begann mit einem einzigen Programm an drei Tagen bescheiden, aber mit Koryphäen wie Benjamin Britten am Klavier und Cembalo, dem Tenor Peter Pears und dem Cellisten Maurice Gendron. Austragungsort war die bereits 1228 urkundlich bezeugte Dorfkirche von Saanen in der Nachbarschaft Gstaads, eine spätgotische, 1604 reformierte Kapelle mit wunderschönen Holzmalereien und einem holzverkleideten Innenraum, der eine fantastische Akustik bietet, so dass selbst Aufführungen größer besetzter Werke eine klangliche Transparenz und Natürlichkeit entfalten können, von denen mancher hochspezialisierte Konzertsaal nur träumen kann.
Mittlerweile ist das Festival mit fast 70 Konzerten zu einem der größten Kulturereignisse der Schweiz angewachsen. Das Herzstück bildet nach wie vor die Kammermusik, aber seitdem Menuhin in seinen letzten Jahren mit Vorliebe zum Taktstock griff, hat auch Orchestermusik einen festen Platz gefunden, so in diesem Jahr etwa mit einem Brahms-Programm, Richard Strauss‘ Alpen-Sinfonie und sogar mit dem ersten Akt aus der Walküre mit Jonas Kaufmann als Gast.
Auch die Zahl der Spielstätten hat sich erweitert. Neben den zentralen Austragungsorten der Saanener Kirche und des Festival-Zelts in Gstaad werden von Jahr zu Jahr mehr Kirchen der Nachbargemeinden eingebunden. So etwa die zwar kleinen, akustisch jedoch allesamt hervorragenden Gotteshäuser in Zweisimmern und Boltigen. Auch wenn Menuhins Herz vor allem für die Streichinstrumente schlug und sich auch in diesem Jahr die Streicherelite von Sol Gabetta bis Frank Peter Zimmermann hier versammelt, präsentieren sich die Besetzungen in immer bunterer Vielfalt: von beeindruckenden Klavierabenden mit Daniil Trifonov und Hélène Grimaud bis zu kuriosen Cross-Over-Ensembles um den Klarinettisten Andreas Ottensamer, der Mitstreiter auf dem Akkordeon, der Geige und dem Klavier um sich versammelt.
Nicht nur gute Musiker, sondern vor allem gute Menschen
Und der pädagogische Impuls Menuhins, der nicht nur gute Musiker, sondern vor allem gute Menschen hervorbringen wollte, schlägt sich in einer beeindruckenden Phalanx von Akademien nieder, in denen interessierte Laien und vor allem begabte angehende Profis durch ein großzügiges Netz von Sponsoren nachhaltig gefördert werden. Mittlerweile ist die Zahl der Akademien auf sechs angewachsen: Dazu gehören ein Treffen von Schweizer Amateurorchestern, ein Dirigenten-Workshop, Förderprogramme für junge Vokalisten, Pianisten-Kurse unter Leitung von András Schiff, Streichern und eine Akademie für Barockmusik. Wichtig ist, dass den angehenden Jung-Profis sämtliche Kosten erstattet werden, also die Teilnehmergebühren ebenso wie die Auslagen für Reise und Unterkunft.
Mittlerweile besuchen mehr als 30.000 Musikfreunde die Angebote, darunter zu 60 Prozent Deutsch-Schweizer. Der Anteil ausländischer Gäste, vor allem aus Frankreich und Deutschland, beläuft sich seit Jahren auf etwa 15 bis 20 Prozent und ließe sich nach Ansicht von Intendant Christoph Müller noch ausbauen.

Das diesjährige Festival steht unter dem Motto Les Alpes. Ein Thema mit starkem Bezug zur Natur, an der es in der Region nicht mangelt. Zu hören ist unter diesem Aspekt nicht nur die Alpen-Sinfonie, sondern im Abschlusskonzert des Treffens der Amateurorchester sogar ein leibhaftiges Alphorn. Zugleich ein Thema, von dem sich eine naturverbundene Pianistin wie Hélène Grimaud besonders angezogen fühlt. Die Französin gastiert zum fünften Mal in Gstaad und genießt immer wieder die besondere Aura der idyllischen Orte. Ihr letztes großes CD-Projekt, Water, passt sich nahtlos dem aktuellen Motto an. Und die Kirche in Saanen ist trotz der extrem heißen Temperaturen bis auf den letzten Platz gefüllt, als die „Wolfs-Mutter“ den ersten Teil ihres Konzerts mit der anspruchsvollen und minutiös zusammengestellten Sammlung an „Wassermusiken“ von Berio und Takemitsu über Liszt und Ravel bis zu Janáček und Debussy hochkonzentriert zelebriert. Mit ihrem differenzierten Anschlag, der freilich so viel Energie ausstrahlt, dass die zweite Klaviersonate von Johannes Brahms nach der Pause deutlich erkennen lässt, dass sich der junge Brahms, ganz anders als der reifere Meister, viel stärker an Liszt orientiert hat als man wahrhaben möchte. Schließlich hat Brahms vor seinem nachhaltigen Besuch bei den Schumanns in Düsseldorf zunächst Liszt in Weimar aufgesucht und um Protektion gebeten.
Eine Fortführung naturorientierter musikalischer Projekte zu Themen wie Wind, Wald oder den von Grimaud besonders geliebten und geförderten Wölfen ist vorerst nicht vorgesehen. Aber Grimaud ist so flexibel und aufgeschlossen, dass sie in weiterer Zukunft ähnliche Programmzusammenstellungen nicht ausschließen will.
Die Angebote werden vielfältiger
Zu den prominenten Geigern dieses Jahres zählt Isabelle Faust, die in Gstaad bereits mit einer Gesamtaufführung aller Violinsonaten von Ludwig van Beethoven hervorgetreten ist. Diesmal trifft sie sich mit Freunden in der Kirche Zweisimmen und zwar mit so vielen, dass man das Konzert mit Franz Schuberts Oktett krönen kann. Ein nicht oft zu hörendes Juwel, das die Geigerin mit ihren Mitstreitern so spielfreudig zu Gehör bringt, dass der Titel des Abends, Von Volksliedern und Ländlern bei Schubert punktgenau getroffen wird.
Der volkstümliche Tonfall des Werks findet in der malerischen Kulisse der schmucken Kirche ein optisches Echo. Und auch die in diesem Jahr zum ersten Mal genutzte Kirche in Boltigen trägt wesentlich zur Stimmung eines Konzerts mit dem Klarinettisten Andreas Ottensamer bei. Der junge Musiker gehört zu den „Menuhin’s Heritage Artists“, also zu jenem auserlesenen Kreis hochbegabter Nachwuchskräfte, die über Jahre dem Festival eng verbunden sind und entsprechend gefördert werden. Cross the Borders nennt Ottensamer sein flottes und populäres Programm, das er mit so charismatischen Musikern wie dem Geiger Nemanja Radulović, der Pianistin Laure Favre-Kahn und Ksenija Sidorova auf dem Akkordeon gestaltet. Ob die Rumänischen Volkstänze von Béla Bartók oder das Café 1960 von Astor Piazzolla, ob Schostakowitschs berühmter Valse triste oder Montis Csárdás: Bekannte Stücke in reizvollen Arrangements werden mit hinreißendem Elan serviert.
Die zentrale Kirche von Saanen ist auch Schauplatz eines Konzerts der russischen Sopransitin Julia Lezhneva, die vor zwei Jahren in Gstaad für ihre erkrankte Kollegin Diana Damrau eingesprungen ist und nach diesem erfolgreichen Debüt gleich wieder nach Gstaad eingeladen wurde. Die Sängerin ist auf dem Weg, sich in die oberste Liga der Koloratursoprane vom Format Simone Kermes‘ zu schlagen. In Saanen begeistert sie gleich zum Auftakt des Abends mit einer halsbrecherischen Arie aus Nicola Porporas Oper Siface, die alles an Gesangskünsten und technischen Gemeinheiten enthält, was die barocke Oper zu bieten hat. Der Gesang Lezhnevas gewinnt vor allem in den elegischen Gesängen von Graun und Vivaldi erheblich an Ausdrucksintensität und differenzierter Farbigkeit. Die Künstlerin ist auf dem richtigen Weg. Zum Erfolg des außergewöhnlichen Abends trägt auch das traditionsreiche Basler Kammerorchester bei, das sich neben dem Festival-Orchester als ein bewährtes und erstklassiges zweites orchestrales Standbein des Festivals etabliert hat. Mit welcher Frische und Delikatesse die Streicher drei kurze Concerti Grossi von Giuseppe Torelli gestalten, das hat internationales Format.
Im Februar wird das Programm der nächsten Sommersaison bekanntgegeben. Dann beginnt auch der Vorverkauf.
Pedro Obiera