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Bislang steht noch jede Klärung aus, ob der Shutdown und die damit verbundene Anordnung der Schließung von Spielstätten rechtens ist. Umso wichtiger scheint jetzt die weitere Auseinandersetzung mit der Sicherheit von Veranstaltungsbesuchen, um im Fall einer gerichtlichen Änderung möglichst schnell wieder in den Spielbetrieb gehen zu können. Eine Studie, deren Ergebnisbekanntgabe im Trubel des Shutdowns beinahe untergegangen wäre, bietet Hilfen.

Seit 2008 betreibt Schauspieler und Komiker Dieter Hallervorden das Schlosspark-Theater in Berlin-Steglitz. Wie nahezu alle Privattheater kämpft das Schlosspark-Theater, in dem einst berühmte Schauspielgrößen auftraten, mit jeder Vorstellung um seine Existenz, aber es kämpft. Neben einer öffentlichen Förderung schießt Hallervorden nach eigenen Angaben rund 100.000 Euro jährlich aus eigenen Mitteln zu. Zumindest war das so bis zum 1. November. Seither ist auch das Theater in Steglitz zwangsgeschlossen. Der 85-jährige Hallervorden allerdings will das nicht hinnehmen und hat am 3. November einen Eilantrag bei Gericht eingereicht. Er sieht eine Verletzung des Artikels 5, Absatz 3, des Grundgesetzes, der die Kunstfreiheit ohne Vorbehalt garantiert. Noch Ende dieser Woche wird eine vorläufige Entscheidung erwartet.
Tatsächlich dürfte die Rechtslage längst nicht so eindeutig sein, wie sie von der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten der Länder behauptet wird. Evidenzbasiert jedenfalls scheinen die Beschlüsse, die Theater, Kinos und Konzertsäle zu schließen, nicht zu sein. In den Monaten zuvor haben die Kulturspielstätten eher das Gegenteil bewiesen. Zum Schluss gar bis zur Selbstaufgabe, wenn man daran denkt, dass die großen Häuser in München vor 50 Besuchern spielen sollten. Die Sicherheitskonzepte, mit denen die Spielstätten ihre Besucher ganz offenbar ausreichend schützten, sind hinlänglich bekannt. Die Aussage der Bundeskanzlerin, eine Schließung sei notwendig, weil man die „Infektionsketten“ nicht zurückverfolgen könne, klingt dabei reichlich dünn, um die Grundrechte deutscher Bürger zu verletzen. Mit dem Eilantrag Hallervordens besteht nun berechtigte Hoffnung auf eine rechtliche Klärung respektive auf eine Initialzündung, von der sich andere Kulturschaffende zum Handeln ermutigt fühlen.
Studie bestätigt Praxis
Aber egal, wie lange der Shutdown dauert, danach muss der Spielbetrieb weitergehen. Und dann müssen die Häuser begründbare und nicht nur von der Regierung abgenickte Sicherheitskonzepte zeigen, um das Vertrauen ihrer Besucher wiederherzustellen. Denn die Ministerpräsidenten der Länder haben mit ihren Schließungsbeschlüssen nicht nur nach ihrer Auffassung eine Gefahrenquelle beseitigt, sondern gleichzeitig das Signal gesendet, die Häuser könnten doch nicht so sicher sein, wie es die Zahlen der vergangenen Monate belegen.
Hilfe kommt von Wissenschaftlern der Universität Halle. Unter dem Titel Restart-19 haben sie im Sommer in Leipzig ein großes Experiment gestartet, um belastbare Daten über die Durchführbarkeit von Großveranstaltungen zu erhalten. Der Musiker Tim Bendzko trat vor rund 1.400 Freiwilligen auf, die sich in verschiedenen Konstellationen vor der Bühne versammelten. Drei Szenarien galt es zu untersuchen, bei denen sich jeweils die Abstände der Besucher zueinander vergrößerten. Parallel dazu gab es eine Computersimulation, in der die Verteilung von Aerosolen bei verschiedenen Lüftungskonzepten aufgezeigt wurden. „Veranstaltungen haben das Potenzial, die Pandemie anzufeuern. Aber wenn Hygienekonzepte eingehalten werden, ist das Risiko sehr gering“, nimmt Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie in Halle, das Ergebnis vorweg. Die Zahlen sind eindrucksvoll. Bei Beachtung eines Mindestabstands von anderthalb Metern nimmt die Zahl der engen Langzeitkontakte von über 15 Minuten im Vergleich zum Konzert ohne Mindestabstand um bis zu 96 Prozent ab. Allerdings sind dann auch erheblich weniger Menschen im Saal.
„Aerosole können bei einer schlechten Belüftung ein erhebliches Ansteckungsrisiko darstellen“, sagt Stefan Moritz, Leiter der Infektiologie der Uniklinik Halle. Aber auch der Umkehrschluss trifft zu, wie die Studie zeigt. Bei Einhaltung des Mindestabstandes und einer guten Lüftung ist das Ansteckungsrisiko um 70 Mal geringer als ohne Hygienekonzept. Ein zusätzlicher positiver Effekt kann durch die Reduktion der Besucherzahlen erreicht werden. Soweit die Ergebnisse der Studie. Man kann also resümieren und nun auch belegen, dass die Spielstätten in den vergangenen Monaten nichts falsch gemacht haben. Dass die Kulturinstitutionen dabei im positiven Sinne über das Ziel hinausgeschossen sind, drücken die Wissenschaftler in ihren Handlungsempfehlungen aus: Eine Maskenpflicht und Aufführungen, bei denen die Besucher sitzen, könnten das Ansteckungsrisiko weiter minimieren. Trotzdem bleiben Fragen offen, etwa über die Sinnhaftigkeit des Masken-Einsatzes bei unsachgemäßem Gebrauch. Letztlich zeigt die Studie auch nur einen Ausschnitt einer Aufführung. Da sind die Spielstätten längst viel weiter in ihrem Schutzangebot. Händedesinfektion, Einwegsysteme und keine Menschenansammlungen nach der Aufführung sind, nein, waren obligat. Darüber hinaus bleibt in der Studie auch das Mehrpersonal unberücksichtigt. Auch hier waren die Theater und Opernhäuser viel weiter. Sie hatten das Betreuungspersonal nahezu verdoppelt, um sicherzustellen, dass die Sicherheitskonzepte eingehalten wurden.
Wissenschaft und Praxis finden sich also in seltener Einmütigkeit. Die Ansteckungsraten in den Spielstätten belegen die Ergebnisse der Studie. Sie sind null. Und das ist verständlich. „Sie glauben doch nicht, dass ich irgendwann lesen will, wir seien ein Hotspot gewesen“, bringt Markus Maczewski, Kantor in Düsseldorf, die Gedanken eines jeden Intendanten in Deutschland auf den Punkt. Michael Becker, Intendant der Tonhalle Düsseldorf, zog schon mal die Reißleine. Nachdem am Mittwoch vergangener Woche seine Infektion bestätigt wurde, wurde der Betrieb sofort heruntergefahren. Sämtliche Konzerte vor dem Shutdown wurden abgesagt. So viel Pflichtbewusstsein ist schon beängstigend. Da könnten sich gewisse Regierungskreise möglicherweise eine Scheibe abschneiden.
Michael S. Zerban