Festival der menschlichen Grundübel

Mit gewohnt umfang­reichem Angebot wartet das Festival Tage Alter Musik in Herne auch in diesem Jahr wieder auf. Vom 8. bis zum 11. November werden musika­lische Delika­tessen bis zur Völlerei präsen­tiert. Und da liegt es nahe, sich auch mal Gedanken über die sieben Todsünden zu machen. Die stellt Richard Lorber, Künst­le­ri­scher Leiter des Festivals, in diesem Jahr in den Blick­punkt. Die wichtigste Nachricht ist aber sicherlich: Das Alte-Musik-Festival bleibt modern.

Richard Lorber ist Künst­le­ri­scher Leiter des Festivals – Foto © O‑Ton

Junge Ensembles, Künstler, die ihr Debüt in Herne geben: Das gehört zum drama­tur­gi­schen Prinzip der Tage Alter Musik in Herne. Und in diesem Jahr sind tatsächlich alle neun Konzerte mit Künstlern aus ganz Europa besetzt, die noch nicht beim Festival aufge­treten sind. Das zeigt die Leben­digkeit der Alte-Musik-Szene, verfolgt aber noch eine ganz andere Idee. „In Zeiten, in denen die europäische Idee von verschie­denen Seiten in Zweifel gezogen wird, kann auch ein solches Festival unter Beweis stellen, welchen Wert ein leben­diges Europa haben kann“, sagt Richard Lorber, Redakteur beim Westdeut­schen Rundfunk und Künst­le­ri­scher Leiter des Alte-Musik-Festivals.

Und setzt das mit seinem Team auch program­ma­tisch um. Von Donnerstag bis Sonntag können die Besucher des Festivals Musik vom Mittel­alter bis zum 19. Jahrhundert live erleben – und zwar aus ganz Europa. Der Clou dabei: Die einzelnen Programm­punkte werden den sieben Todsünden – Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit – zugeordnet. „Geiz, Hochmut, Völlerei – heute würde man vielleicht eher Sucht sagen – Faulheit, heute vielleicht eher so eine Art Egalhaltung, das sind mensch­liche Grundübel wie eh und je. Gerade in einer komplexen Welt und auf der anderen Seite einer Zeit des um sich greifenden Populismus, ist es doch erstaunlich und auch erschre­ckend, auf welche einfachen Grund­muster sich mensch­liche Verir­rungen zurück­führen lassen“, begründet Lorber die Idee. Schönes Beispiel dafür ist einer der Höhepunkte des diesjäh­rigen Festivals. Zum Stichwort Wollust wird am Freitag­abend die Oper Amare e fingere von Alessandro Stradella im Kultur­zentrum der Stadt Herne konzertant aufge­führt. Das Ensemble Mare Nostrum unter Andrea De Carlo erweckt dessen musik­dra­ma­ti­sches Liebes­feu­erwerk, wie es im Programm so schön heißt, nach 342 Jahren wieder zum Leben. Lieben und heucheln, so die deutsche Übersetzung des Titels, will die Abgründe von Macht und Leiden­schaft in der höheren Gesell­schaft des 17. Jahrhun­derts zeigen. Die zweite Oper des Festivals, die am Sonntag­abend ebenfalls im Kultur­zentrum aufge­führt wird, fällt unter das gleiche Thema. Hier wird es hoch hinaus­gehen. Gleich zwei Counter­tenöre, ein Sopran, zwei Mezzo­so­prane treten gegen einen Bass in Begleitung des Barock­or­chesters La Cetra unter der musika­li­schen Leitung von Andrea Marcon an. „Wenn wir Vivaldis Oper L’Olimpiade unter das Thema Wollust einordnen, ist damit die Selbst­über­schätzung und geradezu krimi­nelle Energie eines der Protago­nisten gemeint. Da muss man heute nicht weit schauen, um Paral­lelen im Sport – Stichwort Doping – oder im Wirtschafts­wett­bewerb zu entdecken“, stellt der Künst­le­rische Leiter den Bezug zur Gegenwart her.

Akustisch handelt es sich bei dem Kultur­zentrum sicher nicht um den Wiener Musik­ver­einssaal. Trotzdem sei das Live-Erlebnis in der Spiel­stätte immer einen Besuch wert. Außerdem, betont Lorber, „verfügt unsere andere Spiel­stätte, die Kreuz­kirche in Herne, über eine hervor­ra­gende Akustik für kleinere vokal-instru­mental gemischte Ensembles“. Und wer beides haben will, die heraus­ra­gende Tonqua­lität, die die Tonmeister des Hörfunks veredeln, und das immer noch besondere Erlebnis, die Künstler live bei der Arbeit zu erleben, kann, so Lorbers Tipp, immer noch auf den WDR-3-Konzert­player im Internet zugreifen. Die Musiker gibt es nur in Herne.

Andrea de Carlo – Foto © Lucia Adelaide Di Nicola

Ansonsten entwi­ckeln sich auch die Tage Alter Musik in Herne weiter. Einen beson­deren Tipp hat Richard Lorber schon heute für die, die es nicht nach Herne schaffen. „Wir werden in diesem Jahr zum zweiten Mal das Abschluss­konzert, also die Olimpiade am Sonntag­abend, in einem Video-Livestream auf wdr3​.de anbieten und danach ein Jahr lang vorhalten.“ In dieser Richtung denkt das Festival-Team weiter. Schließlich geht es nicht nur darum, Sende­ma­terial aufzu­zeichnen, sondern auch darum, möglichst viele Menschen mit der Alten Musik zu erreichen. Das kann man nur mit einem Kompe­tenz­zentrum, zu dem sich das Festival in Herne längst entwi­ckelt hat. „Deshalb geht es darum, die künst­le­rische Qualität und die drama­tur­gische Konsistenz des Festivals zu erhalten oder besser noch auszu­bauen, beispiels­weise durch inter­na­tionale Kopro­duk­tionen“, verweist Hörfunk-Redakteur Lorber schon mal in die Zukunft und liefert die Begründung gleich mit. „Nur so kann es seine kultur­po­li­tische Funktion als einziges überre­gional bedeu­tendes Alte-Musik-Ereignis in der Metropole Ruhr erfüllen.“

Und sei es, um die Menschen ohne erhobenen Zeige­finger noch einmal zur Ausein­an­der­setzung mit den sieben Todsünden zu veran­lassen. Das dürfte aller­dings dann doch am besten vor Ort geschehen. Denn dort präsen­tiert der Hörfunk­sender seine Künstler hautnah. Und womit? Mit Stolz.

Michael S. Zerban

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