O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © N.N.

Klassik in Uniform

Praktisch jeder profes­sio­nelle Musiker in einem Musik­korps der Bundeswehr durch­läuft die theore­tische und praktische Quali­fi­zierung in der Waldka­serne Hilden. Das Curri­culum ist in enger Koope­ration mit der Musik­hoch­schule Düsseldorf organi­siert. Die beruf­lichen Perspek­tiven sind attraktiv. Gleichwohl hat die deutsche Militär­musik aktuell ein Nachwuchsproblem.

Foto © N.N.

Die Tonfolge steigt und steigt, von der Umspielung der Natur bis zum strah­lenden C‑Dur-Gipfel. Das Motiv mit dem berühmten Crescendo, das Zarathustras Entschluss verkündet, zu den Menschen hinab­zu­steigen, erfüllt den ganzen Raum. Wird die Eröffnung zur Sinfo­ni­schen Dichtung Also sprach Zarathustra von Richard Strauss im Konzert­be­trieb zumeist von einem kompletten Orchester mit Orgel gegen Ende des Klang­vulkans gespielt, intoniert hier eine klassisch besetzte Bigband den musika­li­schen Sonnen­aufgang. Ein mächtiger Auftakt zu einem Konzert, dessen Programm von der Klassik über Jazz, Blues bis hin zum Swing reicht. Klanglich ein Ausru­fungs­zeichen, künst­le­risch eine Ambition und curri­cular ein selbst­be­wusster Kompetenznachweis.

Gegeben wird es von der Bigband des Ausbil­dungs­mu­sik­korps der Bundeswehr. „Regel­mäßig“, berichtet Michael Euler, Oberst­leutnant und Leiter des Korps, „präsen­tieren Neigungs­gruppen unserer angehenden Musiker in Uniform ihr Leistungs­niveau in öffent­lichen Konzerten.“ Das Profil dieser Kammer­kon­zerte der Bundeswehr reicht vom Duo bis zur Kammeroper und eben dem großen Format, der Bigband.

An die 100 Besucher haben sich im modern ausge­stat­teten Großen Probenraum der Kaserne an der Elber­felder Straße in Hilden einge­funden. Hier ist seit 1969 mit einer kurzen Unter­bre­chung der Standort jener Insti­tution, in der das Gros der Militär­mu­siker in Deutschland ausge­bildet wird. Viele begrüßen sich herzlich. Man kennt sich, trifft sich regel­mäßig bei den öffent­lichen Konzerten, die in der Stadt nahe Düsseldorf einen Markenkern entwi­ckeln. „Ich bin schon lange neugierig zu erfahren, wie mich diese Art von Musik heute wohl erreichen kann“, erzählt eine sommerlich gekleidete Hilde­nerin. Sie hat erstmals den Weg zur Waldka­serne gefunden, singt selbst in Chören.

Kein Arten­schutz

Zu erleben ist ein Ensemble von jungen Männern und Frauen in Uniform, die ihr Faible für Jazzor­chester teilen. Ihre Passion für große Jazzbands mit mehrfach besetzten Blasin­stru­menten und einer Rhyth­mus­gruppe. In den 1920-er Jahren sind sie in der Ära des Swing in den USA entstanden und nach Europa gelangt. Die Neigungs­gruppe Bigband des Ausbil­dungs­mu­sik­korps reprä­sen­tiert eine Stil- und Forma­ti­ons­richtung, die in den letzten Jahrzehnten immer rarer wird. Es geht aber um sehr viel mehr als Arten­schutz. „Für mich“, berichtet die 24-jährige Feldwe­belin Stephanie Dänekas, Haupt­aus­bil­dungs­in­strument Saxofon, „ist der Wunsch­traum meines Lebens in Erfüllung gegangen.“

Die Bigband schaltet von Strauss um auf Walter Murphy. Sein Theme from Family Guy, die Erken­nungs­me­lodie der US-Fernseh­serie, sieht speziell die drei Sections der Bläser – je vier Trompeter, Posau­nisten, Saxofo­nisten – im besten Swing-Modus. Michael Gilcher, Oberstabs­feld­webel und Leiter des Ensembles, stellt im Verlauf des Programms alle betei­ligten Musiker vor. In dem Funk-Stück Computer des US-Saxofo­nisten Bob Mintzer hat auch die Rhyth­mus­gruppe – Gitarre, Keyboard, Schlagzeug – groovige Momente. Das Publikum gibt sich sachver­ständig, honoriert die jewei­ligen Solo-Einsätze mit Extrabeifall.

Studium parallel an der Robert-Schumann-Musikhochschule

Foto © N.N.

Die Quali­fi­zierung zum profes­sio­nellen Orches­ter­mu­siker ist in einem dualen Modell organi­siert und mündet in eine Laufbahn als Feldwebel. Die auf Theorie und Praxis ausge­richtete Ausbildung dauert vier Jahre. Voraus­ge­setzt werden musik­fach­liche Eignungen sowie die erfolg­reiche Teilnahme an einer militä­ri­schen Grund­aus­bildung mit Fokus auf sanitäts­dienst­liche Anfor­de­rungen. Die talen­tierten Trompeter, Keyboarder und Schlag­zeuger, die verpflichtend im Nebenfach Klavier, Orches­ter­spiel und Kammer­musik unter­richtet werden, studieren parallel zu ihrem prakti­schen Alltag im Ausbil­dungs­be­trieb der Kaserne an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. So ist auch die Nähe zur klassi­schen Musik gewährleistet.

Um die Hürde der Eignungs­prüfung zum Studium zu nehmen, werden sie von Profes­soren und Lehrbe­auf­tragten darauf vorbe­reitet. „Die Koope­ration mit der Hochschule“, erläutert Euler, „ist ein einma­liges Modell. Jeder Soldat, der in Deutschland profes­sionell musiziert, hat an ihr ein Studium absol­viert.“ Nach Abschluss der Ausbildung können sich die Absol­venten für eine Position in einem der vierzehn Musik­korps entscheiden, über die die Bundeswehr verfügt. Je zwei davon unter­halten Marine und Luftwaffe, eines die Gebirgsjäger.

Besondere Aufgaben nehmen das Stabs­mu­sik­korps, das bei proto­kol­la­ri­schen Anlässen wie Staats­be­suchen einge­setzt wird, das Musik­korps der Bundeswehr, das auf die Pflege sinfo­ni­scher Blasmusik geeicht ist, und die Bigband der Bundeswehr wahr. Die Musiker in Uniform gehen eine Verpflich­tungszeit von zwölf Jahren ein, acht Jahre Dienst nach der vierjäh­rigen Ausbildung. Und danach der Absprung in das zivile Konzert­leben? „Das kommt praktisch nur selten vor“, wehrt Euler ab, „95 Prozent bleiben.“

In Pink Panther von Henry Mancini, der Titel­me­lodie aus dem Film Der rosarote Panther von 1964, hat vor allem das Tenor­sa­xofon einen starken Part. Carmen Lücke, Stabs­un­ter­of­fi­zierin, genießt ihr Solo förmlich. Eine junge Frau in Uniform im profes­sio­nellen Umgang mit einem Saxofon zu erleben, ist schon lange keine Beson­derheit mehr. Seit 1991 nehmen Solda­tinnen in Hilden ihre Ausbildung auf. Junge Frauen wie Stephanie Dänekas, die sich 2016 entscheidet, Musikerin in Uniform zu werden.

Die aus dem Kreis Cloppenburg stammende Saxofo­nistin entscheidet sich früh für die Uniform: „Es war immer mein Ziel, zur Bundeswehr zu gehen. Nirgends sonst hätte ich eine so quali­fi­zierte Ausbildung erwartet, in der Praxis wie in der Theorie.“ Vom Korps in Hilden wird Dänekas alsbald zum Stabs­mu­sik­korps der Bundeswehr nach Berlin wechseln. Bei öffent­lichen Gelöb­nissen oder dem Großen Zapfen­streich spielen, wenn etwa Spitzen­po­li­tiker der Regierung verab­schiedet werden. Ihre favori­sierte Station später ist der klingende Dienst bei einem Heeres­mu­sik­korps, am liebsten in Hannover. „Dann kann ich mich auf öffent­liche Konzerte und Tourneen freuen.“

Binde­glied zwischen Truppe und Bevölkerung

Öffent­lich­keits­arbeit ist heute ein wesent­licher Auftrag der Militär­musik in modernen Gesell­schaften. Euler sieht in ihr ein „wichtiges Binde­glied zwischen Truppe und Bevöl­kerung“. Konzerte mit Wohltä­tig­keits­cha­rakter etwa zugunsten des Deutschen Roten Kreuzes seien geeignet, als Integra­ti­ons­faktor zu wirken. Die Klang­körper der Bundeswehr seien gefragte Partner von Veran­staltern. Die Musiker in Uniform treten ohne Gage auf. „So kommen Jahr für Jahr Millionen Euro zusammen“, berichtet Euler.

Quint­essence ist ein Titel von Quincy Jones von 1961, eine Hommage an den Sound der modernen Bigband. Im Probensaal liefert Feldwebel Eduard Lasch mit dem Altsa­xofon eine brillante Kostprobe seines Könnens ab. Auch bei den weiteren Stücken des Programms bleibt das Niveau hoch.

„Militär­musik bei der Bundeswehr“, erläutert Euler, „ist sehr viel mehr als Marsch­musik. Das Reper­toire reicht vom Jazz bis zur Klassik. Von Beethoven bis eben Jones. Das ist aber in weiten Bereichen der Bevöl­kerung nicht bewusst.“ Militär­musik leide noch immer unter der Nazi-Zeit, weiß Euler. Sie werde in histo­ri­scher Verkennung mit natio­na­lis­ti­schen und milita­ris­ti­schen Bestre­bungen gleichgesetzt.

Gewiss, die Marsch­musik des Militärs war dazu bestimmt, Krieger geordnet, diszi­pli­niert und motiviert in ein Gefecht zu führen. Häufig als Begleit­erscheinung eines Hurra-Patrio­tismus. Wenn heute Musik­korps der Bundeswehr Highlights aus Opern, Stücke aus Operetten und Passagen aus Sinfonien spielen, ist das im Übrigen keineswegs neu. Schließt sie an Vorläufer an, beispiels­weise im Preußen Fried­richs des Großen. Werden die Soldaten nicht in militä­ri­schen Einsätzen benötigt, verwandeln sie sich in eine Hofka­pelle. In Prome­na­den­kon­zerten machen sie die Berliner Bevöl­kerung mit Stücken aus Oper und Operette vertraut. Beispiels­weise aus Puccinis Tosca in den Jahren nach der Urauf­führung 1900.

Exempla­risch: Carl Nielsen

Immer wieder wird die Militär­musik als Sprung­brett für das Leben erachtet. Beispiel Carl Nielsen. Der dänische Komponist, das siebte von zwölf Kindern eines armen Anstrei­chers, lernt Trompete, um eine Stelle in einem Militär­or­chester zu bekommen. Die ergattert der Vierzehn­jährige auch 1879 in Odense. Für Nielsen, mit seinen sechs Sinfonien und der Komischen Oper Maskerade der wohl bekann­teste Komponist seines Landes, ist die Militär­musik ein Eingangstor in die Zukunft. Wahrscheinlich wäre ihm ansonsten der Einstieg in eine Musiker­laufbahn verwehrt geblieben. Beispiel Franz Lehár. Der Komponist der Operette Der Graf von Luxemburg beginnt seinen Weg als jüngster Kapell­meister der k. u. k. Armee. Er spielt in der Kapelle eines Infan­te­rie­re­gi­ments, die sein Vater leitet, folgt ihm in der Leitung nach.

Aktuell erfährt die Bundeswehr in der Folge des russi­schen Überfalls auf die Ukraine mehr öffent­liche Aufmerk­samkeit. Der Krieg habe dafür gesorgt, unter­streicht die Wehrbe­auf­tragte Eva Högl, dass sich viel mehr Menschen mit der Bundeswehr und ihrem Auftrag beschäf­tigen. Ob sich künftig mehr junge Menschen für die Berufs­per­spektive Musiker in Uniform inter­es­sieren, ist aller­dings offen. „Tatsache ist“, betont Euler, „wir haben ein Nachwuchsproblem.“

Im Konzert lasst die Bigband des Ausbil­dungs­korps Glen Millers Chatta­nooga Choo Choo durch den Saal dampfen. Die Stimmung unter den Besuchern ist gelöst, geradezu heiter. „Auftrag“ erfüllt? Offen­kundig ja.

Ralf Siepmann

Teilen Sie sich mit: