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Praktisch jeder professionelle Musiker in einem Musikkorps der Bundeswehr durchläuft die theoretische und praktische Qualifizierung in der Waldkaserne Hilden. Das Curriculum ist in enger Kooperation mit der Musikhochschule Düsseldorf organisiert. Die beruflichen Perspektiven sind attraktiv. Gleichwohl hat die deutsche Militärmusik aktuell ein Nachwuchsproblem.

Die Tonfolge steigt und steigt, von der Umspielung der Natur bis zum strahlenden C‑Dur-Gipfel. Das Motiv mit dem berühmten Crescendo, das Zarathustras Entschluss verkündet, zu den Menschen hinabzusteigen, erfüllt den ganzen Raum. Wird die Eröffnung zur Sinfonischen Dichtung Also sprach Zarathustra von Richard Strauss im Konzertbetrieb zumeist von einem kompletten Orchester mit Orgel gegen Ende des Klangvulkans gespielt, intoniert hier eine klassisch besetzte Bigband den musikalischen Sonnenaufgang. Ein mächtiger Auftakt zu einem Konzert, dessen Programm von der Klassik über Jazz, Blues bis hin zum Swing reicht. Klanglich ein Ausrufungszeichen, künstlerisch eine Ambition und curricular ein selbstbewusster Kompetenznachweis.
Gegeben wird es von der Bigband des Ausbildungsmusikkorps der Bundeswehr. „Regelmäßig“, berichtet Michael Euler, Oberstleutnant und Leiter des Korps, „präsentieren Neigungsgruppen unserer angehenden Musiker in Uniform ihr Leistungsniveau in öffentlichen Konzerten.“ Das Profil dieser Kammerkonzerte der Bundeswehr reicht vom Duo bis zur Kammeroper und eben dem großen Format, der Bigband.
An die 100 Besucher haben sich im modern ausgestatteten Großen Probenraum der Kaserne an der Elberfelder Straße in Hilden eingefunden. Hier ist seit 1969 mit einer kurzen Unterbrechung der Standort jener Institution, in der das Gros der Militärmusiker in Deutschland ausgebildet wird. Viele begrüßen sich herzlich. Man kennt sich, trifft sich regelmäßig bei den öffentlichen Konzerten, die in der Stadt nahe Düsseldorf einen Markenkern entwickeln. „Ich bin schon lange neugierig zu erfahren, wie mich diese Art von Musik heute wohl erreichen kann“, erzählt eine sommerlich gekleidete Hildenerin. Sie hat erstmals den Weg zur Waldkaserne gefunden, singt selbst in Chören.
Kein Artenschutz
Zu erleben ist ein Ensemble von jungen Männern und Frauen in Uniform, die ihr Faible für Jazzorchester teilen. Ihre Passion für große Jazzbands mit mehrfach besetzten Blasinstrumenten und einer Rhythmusgruppe. In den 1920-er Jahren sind sie in der Ära des Swing in den USA entstanden und nach Europa gelangt. Die Neigungsgruppe Bigband des Ausbildungsmusikkorps repräsentiert eine Stil- und Formationsrichtung, die in den letzten Jahrzehnten immer rarer wird. Es geht aber um sehr viel mehr als Artenschutz. „Für mich“, berichtet die 24-jährige Feldwebelin Stephanie Dänekas, Hauptausbildungsinstrument Saxofon, „ist der Wunschtraum meines Lebens in Erfüllung gegangen.“
Die Bigband schaltet von Strauss um auf Walter Murphy. Sein Theme from Family Guy, die Erkennungsmelodie der US-Fernsehserie, sieht speziell die drei Sections der Bläser – je vier Trompeter, Posaunisten, Saxofonisten – im besten Swing-Modus. Michael Gilcher, Oberstabsfeldwebel und Leiter des Ensembles, stellt im Verlauf des Programms alle beteiligten Musiker vor. In dem Funk-Stück Computer des US-Saxofonisten Bob Mintzer hat auch die Rhythmusgruppe – Gitarre, Keyboard, Schlagzeug – groovige Momente. Das Publikum gibt sich sachverständig, honoriert die jeweiligen Solo-Einsätze mit Extrabeifall.
Studium parallel an der Robert-Schumann-Musikhochschule

Die Qualifizierung zum professionellen Orchestermusiker ist in einem dualen Modell organisiert und mündet in eine Laufbahn als Feldwebel. Die auf Theorie und Praxis ausgerichtete Ausbildung dauert vier Jahre. Vorausgesetzt werden musikfachliche Eignungen sowie die erfolgreiche Teilnahme an einer militärischen Grundausbildung mit Fokus auf sanitätsdienstliche Anforderungen. Die talentierten Trompeter, Keyboarder und Schlagzeuger, die verpflichtend im Nebenfach Klavier, Orchesterspiel und Kammermusik unterrichtet werden, studieren parallel zu ihrem praktischen Alltag im Ausbildungsbetrieb der Kaserne an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. So ist auch die Nähe zur klassischen Musik gewährleistet.
Um die Hürde der Eignungsprüfung zum Studium zu nehmen, werden sie von Professoren und Lehrbeauftragten darauf vorbereitet. „Die Kooperation mit der Hochschule“, erläutert Euler, „ist ein einmaliges Modell. Jeder Soldat, der in Deutschland professionell musiziert, hat an ihr ein Studium absolviert.“ Nach Abschluss der Ausbildung können sich die Absolventen für eine Position in einem der vierzehn Musikkorps entscheiden, über die die Bundeswehr verfügt. Je zwei davon unterhalten Marine und Luftwaffe, eines die Gebirgsjäger.
Besondere Aufgaben nehmen das Stabsmusikkorps, das bei protokollarischen Anlässen wie Staatsbesuchen eingesetzt wird, das Musikkorps der Bundeswehr, das auf die Pflege sinfonischer Blasmusik geeicht ist, und die Bigband der Bundeswehr wahr. Die Musiker in Uniform gehen eine Verpflichtungszeit von zwölf Jahren ein, acht Jahre Dienst nach der vierjährigen Ausbildung. Und danach der Absprung in das zivile Konzertleben? „Das kommt praktisch nur selten vor“, wehrt Euler ab, „95 Prozent bleiben.“
In Pink Panther von Henry Mancini, der Titelmelodie aus dem Film Der rosarote Panther von 1964, hat vor allem das Tenorsaxofon einen starken Part. Carmen Lücke, Stabsunteroffizierin, genießt ihr Solo förmlich. Eine junge Frau in Uniform im professionellen Umgang mit einem Saxofon zu erleben, ist schon lange keine Besonderheit mehr. Seit 1991 nehmen Soldatinnen in Hilden ihre Ausbildung auf. Junge Frauen wie Stephanie Dänekas, die sich 2016 entscheidet, Musikerin in Uniform zu werden.
Die aus dem Kreis Cloppenburg stammende Saxofonistin entscheidet sich früh für die Uniform: „Es war immer mein Ziel, zur Bundeswehr zu gehen. Nirgends sonst hätte ich eine so qualifizierte Ausbildung erwartet, in der Praxis wie in der Theorie.“ Vom Korps in Hilden wird Dänekas alsbald zum Stabsmusikkorps der Bundeswehr nach Berlin wechseln. Bei öffentlichen Gelöbnissen oder dem Großen Zapfenstreich spielen, wenn etwa Spitzenpolitiker der Regierung verabschiedet werden. Ihre favorisierte Station später ist der klingende Dienst bei einem Heeresmusikkorps, am liebsten in Hannover. „Dann kann ich mich auf öffentliche Konzerte und Tourneen freuen.“
Bindeglied zwischen Truppe und Bevölkerung
Öffentlichkeitsarbeit ist heute ein wesentlicher Auftrag der Militärmusik in modernen Gesellschaften. Euler sieht in ihr ein „wichtiges Bindeglied zwischen Truppe und Bevölkerung“. Konzerte mit Wohltätigkeitscharakter etwa zugunsten des Deutschen Roten Kreuzes seien geeignet, als Integrationsfaktor zu wirken. Die Klangkörper der Bundeswehr seien gefragte Partner von Veranstaltern. Die Musiker in Uniform treten ohne Gage auf. „So kommen Jahr für Jahr Millionen Euro zusammen“, berichtet Euler.
Quintessence ist ein Titel von Quincy Jones von 1961, eine Hommage an den Sound der modernen Bigband. Im Probensaal liefert Feldwebel Eduard Lasch mit dem Altsaxofon eine brillante Kostprobe seines Könnens ab. Auch bei den weiteren Stücken des Programms bleibt das Niveau hoch.
„Militärmusik bei der Bundeswehr“, erläutert Euler, „ist sehr viel mehr als Marschmusik. Das Repertoire reicht vom Jazz bis zur Klassik. Von Beethoven bis eben Jones. Das ist aber in weiten Bereichen der Bevölkerung nicht bewusst.“ Militärmusik leide noch immer unter der Nazi-Zeit, weiß Euler. Sie werde in historischer Verkennung mit nationalistischen und militaristischen Bestrebungen gleichgesetzt.
Gewiss, die Marschmusik des Militärs war dazu bestimmt, Krieger geordnet, diszipliniert und motiviert in ein Gefecht zu führen. Häufig als Begleiterscheinung eines Hurra-Patriotismus. Wenn heute Musikkorps der Bundeswehr Highlights aus Opern, Stücke aus Operetten und Passagen aus Sinfonien spielen, ist das im Übrigen keineswegs neu. Schließt sie an Vorläufer an, beispielsweise im Preußen Friedrichs des Großen. Werden die Soldaten nicht in militärischen Einsätzen benötigt, verwandeln sie sich in eine Hofkapelle. In Promenadenkonzerten machen sie die Berliner Bevölkerung mit Stücken aus Oper und Operette vertraut. Beispielsweise aus Puccinis Tosca in den Jahren nach der Uraufführung 1900.
Exemplarisch: Carl Nielsen
Immer wieder wird die Militärmusik als Sprungbrett für das Leben erachtet. Beispiel Carl Nielsen. Der dänische Komponist, das siebte von zwölf Kindern eines armen Anstreichers, lernt Trompete, um eine Stelle in einem Militärorchester zu bekommen. Die ergattert der Vierzehnjährige auch 1879 in Odense. Für Nielsen, mit seinen sechs Sinfonien und der Komischen Oper Maskerade der wohl bekannteste Komponist seines Landes, ist die Militärmusik ein Eingangstor in die Zukunft. Wahrscheinlich wäre ihm ansonsten der Einstieg in eine Musikerlaufbahn verwehrt geblieben. Beispiel Franz Lehár. Der Komponist der Operette Der Graf von Luxemburg beginnt seinen Weg als jüngster Kapellmeister der k. u. k. Armee. Er spielt in der Kapelle eines Infanterieregiments, die sein Vater leitet, folgt ihm in der Leitung nach.
Aktuell erfährt die Bundeswehr in der Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Der Krieg habe dafür gesorgt, unterstreicht die Wehrbeauftragte Eva Högl, dass sich viel mehr Menschen mit der Bundeswehr und ihrem Auftrag beschäftigen. Ob sich künftig mehr junge Menschen für die Berufsperspektive Musiker in Uniform interessieren, ist allerdings offen. „Tatsache ist“, betont Euler, „wir haben ein Nachwuchsproblem.“
Im Konzert lasst die Bigband des Ausbildungskorps Glen Millers Chattanooga Choo Choo durch den Saal dampfen. Die Stimmung unter den Besuchern ist gelöst, geradezu heiter. „Auftrag“ erfüllt? Offenkundig ja.
Ralf Siepmann