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Olli-Bott-Quartett - Foto © Stefan Pieper

Die Zeit ist jetzt

Peter Baumgärtner ist erschöpft, aber zufrieden. Gerade hat der 67-Jährige den gemie­teten Klein­trans­porter zurück­ge­geben, fünf intensive Festi­valtage liegen hinter ihm. Seit 29 Jahren kuratiert der Schlag­zeuger eines der konse­quen­testen Jazz-Festivals im Lande, die Hildener Jazztage. Now‘s the Time lautet das Motto 2025 – spürbar ist, dass Charlie Parkers Bebop-Klassiker mehr als Marketing ist. In Hilden wird Jazz gespielt. Punkt. Ohne Crossover-Wischi­waschi, ohne Gedöns. Diese Konse­quenz macht das Festival einzig­artig und liegt daran, dass sich Peter Baumgärtner als aktiver Musiker nicht als Event­ma­nager, sondern als Kollege sieht.

Peter Baumgärtner – Foto © Stefan Pieper

Das QQTec, eine umfunk­tio­nierte Garage im Gewer­bepark, erzählt die Geschichte des Festivals: Hier wird nicht insze­niert, sondern gespielt. Curry­wurstduft vermischt sich mit Steinway-Klängen, Garten­party-Atmosphäre trifft auf höchste musika­lische Qualität.

Den Auftakt macht hier der Pianist Jermaine Lands­berger, ein musika­li­scher Weltbürger aus der Pariser Jazz-Szene. Der Pianist schöpft mit aufge­klärtem Geist aus der europäi­schen Gypsy-Szene und bricht aus der Tradition aus, ohne deren Essenz preis­zu­geben. Mit Bassist William Brunard und Schlag­zeuger Raphael Pannier – beide Weltklasse – entsteht kraft­voller, melodi­scher Jazz mit enormer Intensität.

Das Duo Magnolia verkörpert das positive „Festival-Paradox“ von Hilden perfekt: Anne Hartkamp und Philipp van Endert sind schon lange in der inter­na­tio­nalen Liga unterwegs, ohne dabei ihre NRW-Verwur­zelung zu verleugnen. Schon beim Einspielen vor dem eigent­lichen Gig offenbart sich die Chemie: ein paar Harmonien aus der Gitarre, Anne Hartkamp legt Scat-Figuren drüber – fertig ist die DNA für eine überir­dische Vocal-Kammerjazz-Stern­stunde. Hartkamps geschmeidig präzise Stimme und van Enderts orches­trale Gitar­ren­klänge schaffen magische Momente zuhauf, auf einer stilis­ti­schen Reise, die ausgiebig Brasilien durch­kämmt und sich in einem wohl noch nie so intim daher­ge­kom­menen Jimi-Hendrix-Stück noch lange nicht erschöpft.

Vibra­fonist Oli Bott setzt dann noch eins drauf – der Musiker ist eine echte Entde­ckung mit seinem Charisma und letztlich auch seinem ganzen Körper­einsatz, mit dem er über das Vibrafon herrscht. Eine zehnteilige Suite steckt das Koordi­na­ten­system auf für gelebte Impro­vi­sa­ti­onslust, ganz viel Lyrik und aufre­gende Reibungen mit dem Trompe­ten­spiel von John-Dennis Renken – von einer ebenso zündenden Rhyth­mus­gruppe ganz zu schweigen. Latin-Rhythmen treffen auf Monte­verdi-Elemente – solche Grenz­über­schrei­tungen gehören zum Jazz und haben mit Crossover kaum etwas zu tun. „Wir haben richtig gut was zusam­men­ge­kocht“, erläutert Bott sein Rezept – und ja, vor diesem begeis­terten Publikum darf es auch mal überkochen.

Tradition und Aufbruch

Duo Magnolia – Foto © Stefan Pieper

Simon Oslender, der frisch­ge­ba­ckene WDR-Jazzpreis­träger, zeigt im Trio und an allen drei im Jazz üblichen Tasten­in­stru­menten-Gattungen seine Stärken, aber auch Grenzen. Die Hammond wabert und schwelgt und singt in allen nur erdenk­lichen Klang­fa­cetten wie eine geöffnete Zauber­kiste – aber alles, was er spielt, bleibt konse­quent der Tradition verhaftet und wirkt bei aller Virtuo­sität oft vorher­sehbar. Wenn dann ein langsamer Blues auch mal so etwas wie Leere erzeugt, möchte man dem jungen Musiker nur zurufen: Junge, brich doch endlich mal kreativ auf und werde frei, denn Jazz ist auch mehr als Tradition! Vor allem, da so energe­tische Bandmit­glieder wie Bassist und Schlag­zeuger so viel drauf­haben, dass sie ihren Frontmann in der Stadt­halle oft fast an die Wand spielten.

Das Xaver-Fischer-Trio schöpft zeitlose Frische aus einem seit den späten 1990-er Jahren bewährten Konzept – die drei haben ihre Sache weiter­ent­wi­ckelt, perfek­tio­niert und vertieft. Der Virus TI-Synth karzt und wabert, Rave-Texturen mischten sich mit Rhodes-Impro­vi­sa­tionen. Die Snaredrum vibriert, alles zischt und pulsiert. So viel Drum and Bass wie nötig, so viel Swing wie möglich – oder umgekehrt? Das biegsame, treibende Konzept des Düssel­dorfer Trios ist in seiner Überzeu­gungs­kraft einfach alternativlos.

Ein Quali­täts­siegel beanspruchen die Wasserfuhr-Brüder immer wieder neu. Diesmal waltet Cellist Jörg Brinkmann als Special Guest und versetzt das Publikum mit Trompe­ten­stürmen und Kammer­musik in Rage. Lange, stehende Ovationen ernten zu Recht die drei polni­schen Akkor­deo­nisten des Motion-Trios. Dass vor dem Auftritt stundenlang an Software-Problemen der hochkom­plexen Sound­technik gearbeitet werden muss, bekommt das Publikum gar nicht mit.

Auch Sebastian Gahler Electric Stories im Foyer spielen fantas­tisch – ein Wunder bei dieser Besetzung. Mit Dennis Gäbel und Niko Brandenburg, alles Leute mit Gewicht, entstehen Vintage-Klang­welten. Den entspannten Einstieg bietet am Festi­val­sonntag die viel beachtete Sängerin Johanna Elsa Mohr, hinter deren Easy-going-Charme künst­le­rische Raffi­nesse steht. Inga Lühning präsen­tiert ihr neues Album Daughters and Sons auf höchstem Niveau, hochka­rätig besetzt mit Andre Nendza, Müller und Kai Brüggenhaus.

Das Landes­ju­gend­jazz­or­chester NRW bildet schließlich den krönenden Abschluss vor 450 Leuten – der bestbe­suchte Gig des Festivals. Jazz-Nachwuchs, der zeigt: Die Zukunft ist gesichert.

Kampf ums Überleben

Hinter der entspannten Festival-Atmosphäre verbirgt sich harte kultur­po­li­tische Realität. Die Stadt Hilden hat die Kultur­för­derung drastisch gekürzt. Also muss Peter Baumgärtner das ganze Jahr über networken: Sparkasse, Kultur­stiftung, Sponso­ren­ver­träge. Ein Festival nur über Eintritts­preise zu finan­zieren ist heute utopisch. Hinter dem Festival steht ein Netzwerk aus Idealisten, etwa Uwe Kuhlmann als Manager und vor allem Helmut Stein, der das QQTec kostenlos zur Verfügung stellt. Über Nachfolge denkt Baumgärtner noch nicht so akut nach, aber das wird auch bald kommen. Im nächsten Jahr werden die Hildener Jazztage 30 Jahre alt.

Stefan Pieper

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