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Peter Baumgärtner ist erschöpft, aber zufrieden. Gerade hat der 67-Jährige den gemieteten Kleintransporter zurückgegeben, fünf intensive Festivaltage liegen hinter ihm. Seit 29 Jahren kuratiert der Schlagzeuger eines der konsequentesten Jazz-Festivals im Lande, die Hildener Jazztage. Now‘s the Time lautet das Motto 2025 – spürbar ist, dass Charlie Parkers Bebop-Klassiker mehr als Marketing ist. In Hilden wird Jazz gespielt. Punkt. Ohne Crossover-Wischiwaschi, ohne Gedöns. Diese Konsequenz macht das Festival einzigartig und liegt daran, dass sich Peter Baumgärtner als aktiver Musiker nicht als Eventmanager, sondern als Kollege sieht.

Das QQTec, eine umfunktionierte Garage im Gewerbepark, erzählt die Geschichte des Festivals: Hier wird nicht inszeniert, sondern gespielt. Currywurstduft vermischt sich mit Steinway-Klängen, Gartenparty-Atmosphäre trifft auf höchste musikalische Qualität.
Den Auftakt macht hier der Pianist Jermaine Landsberger, ein musikalischer Weltbürger aus der Pariser Jazz-Szene. Der Pianist schöpft mit aufgeklärtem Geist aus der europäischen Gypsy-Szene und bricht aus der Tradition aus, ohne deren Essenz preiszugeben. Mit Bassist William Brunard und Schlagzeuger Raphael Pannier – beide Weltklasse – entsteht kraftvoller, melodischer Jazz mit enormer Intensität.
Das Duo Magnolia verkörpert das positive „Festival-Paradox“ von Hilden perfekt: Anne Hartkamp und Philipp van Endert sind schon lange in der internationalen Liga unterwegs, ohne dabei ihre NRW-Verwurzelung zu verleugnen. Schon beim Einspielen vor dem eigentlichen Gig offenbart sich die Chemie: ein paar Harmonien aus der Gitarre, Anne Hartkamp legt Scat-Figuren drüber – fertig ist die DNA für eine überirdische Vocal-Kammerjazz-Sternstunde. Hartkamps geschmeidig präzise Stimme und van Enderts orchestrale Gitarrenklänge schaffen magische Momente zuhauf, auf einer stilistischen Reise, die ausgiebig Brasilien durchkämmt und sich in einem wohl noch nie so intim dahergekommenen Jimi-Hendrix-Stück noch lange nicht erschöpft.
Vibrafonist Oli Bott setzt dann noch eins drauf – der Musiker ist eine echte Entdeckung mit seinem Charisma und letztlich auch seinem ganzen Körpereinsatz, mit dem er über das Vibrafon herrscht. Eine zehnteilige Suite steckt das Koordinatensystem auf für gelebte Improvisationslust, ganz viel Lyrik und aufregende Reibungen mit dem Trompetenspiel von John-Dennis Renken – von einer ebenso zündenden Rhythmusgruppe ganz zu schweigen. Latin-Rhythmen treffen auf Monteverdi-Elemente – solche Grenzüberschreitungen gehören zum Jazz und haben mit Crossover kaum etwas zu tun. „Wir haben richtig gut was zusammengekocht“, erläutert Bott sein Rezept – und ja, vor diesem begeisterten Publikum darf es auch mal überkochen.

Simon Oslender, der frischgebackene WDR-Jazzpreisträger, zeigt im Trio und an allen drei im Jazz üblichen Tasteninstrumenten-Gattungen seine Stärken, aber auch Grenzen. Die Hammond wabert und schwelgt und singt in allen nur erdenklichen Klangfacetten wie eine geöffnete Zauberkiste – aber alles, was er spielt, bleibt konsequent der Tradition verhaftet und wirkt bei aller Virtuosität oft vorhersehbar. Wenn dann ein langsamer Blues auch mal so etwas wie Leere erzeugt, möchte man dem jungen Musiker nur zurufen: Junge, brich doch endlich mal kreativ auf und werde frei, denn Jazz ist auch mehr als Tradition! Vor allem, da so energetische Bandmitglieder wie Bassist und Schlagzeuger so viel draufhaben, dass sie ihren Frontmann in der Stadthalle oft fast an die Wand spielten.
Das Xaver-Fischer-Trio schöpft zeitlose Frische aus einem seit den späten 1990-er Jahren bewährten Konzept – die drei haben ihre Sache weiterentwickelt, perfektioniert und vertieft. Der Virus TI-Synth karzt und wabert, Rave-Texturen mischten sich mit Rhodes-Improvisationen. Die Snaredrum vibriert, alles zischt und pulsiert. So viel Drum and Bass wie nötig, so viel Swing wie möglich – oder umgekehrt? Das biegsame, treibende Konzept des Düsseldorfer Trios ist in seiner Überzeugungskraft einfach alternativlos.
Ein Qualitätssiegel beanspruchen die Wasserfuhr-Brüder immer wieder neu. Diesmal waltet Cellist Jörg Brinkmann als Special Guest und versetzt das Publikum mit Trompetenstürmen und Kammermusik in Rage. Lange, stehende Ovationen ernten zu Recht die drei polnischen Akkordeonisten des Motion-Trios. Dass vor dem Auftritt stundenlang an Software-Problemen der hochkomplexen Soundtechnik gearbeitet werden muss, bekommt das Publikum gar nicht mit.
Auch Sebastian Gahler Electric Stories im Foyer spielen fantastisch – ein Wunder bei dieser Besetzung. Mit Dennis Gäbel und Niko Brandenburg, alles Leute mit Gewicht, entstehen Vintage-Klangwelten. Den entspannten Einstieg bietet am Festivalsonntag die viel beachtete Sängerin Johanna Elsa Mohr, hinter deren Easy-going-Charme künstlerische Raffinesse steht. Inga Lühning präsentiert ihr neues Album Daughters and Sons auf höchstem Niveau, hochkarätig besetzt mit Andre Nendza, Müller und Kai Brüggenhaus.
Das Landesjugendjazzorchester NRW bildet schließlich den krönenden Abschluss vor 450 Leuten – der bestbesuchte Gig des Festivals. Jazz-Nachwuchs, der zeigt: Die Zukunft ist gesichert.
Hinter der entspannten Festival-Atmosphäre verbirgt sich harte kulturpolitische Realität. Die Stadt Hilden hat die Kulturförderung drastisch gekürzt. Also muss Peter Baumgärtner das ganze Jahr über networken: Sparkasse, Kulturstiftung, Sponsorenverträge. Ein Festival nur über Eintrittspreise zu finanzieren ist heute utopisch. Hinter dem Festival steht ein Netzwerk aus Idealisten, etwa Uwe Kuhlmann als Manager und vor allem Helmut Stein, der das QQTec kostenlos zur Verfügung stellt. Über Nachfolge denkt Baumgärtner noch nicht so akut nach, aber das wird auch bald kommen. Im nächsten Jahr werden die Hildener Jazztage 30 Jahre alt.
Stefan Pieper