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Wenn vom 28. Juli bis zum 5. August zum 73. Mal die Sommerlichen Musiktage Hitzacker stattfinden, soll sich alles um den Lieblingskomponisten des Intendanten drehen. Ludwig van Beethoven wäre in zwei Jahren 250 Jahre alt geworden. So lange wollte Oliver Wille nicht warten und hat von bekannten Künstlern bis zum Nachwuchs alles aufgeboten, um ein abwechslungsreiches Programm des Kammermusikfestivals zu präsentieren.

Die Begeisterung, mit der Oliver Wille, Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker, sein Festivalprogramm dieses Jahres unter dem Titel Beethoven! vorstellt, ist ansteckend. Schon zwei Jahre vor dem 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens widmet sich das Festival dem Komponisten in aller Ausführlichkeit. Das Programm umfasst die Aufführung aller Streichquartette und ermöglicht so, nicht nur die Evolution des Quartettformats in Beethovens Schaffen zu verfolgen, sondern diese in unterschiedlicher, aktueller Beleuchtung von unterschiedlichen Ensembles zu erleben. Das Programm wird außerdem von einer Hörerakademie begleitet, in der ausführende Künstler und Musikwissenschaftler eine Positionsbestimmung verschiedener Streichquartette Beethovens im Schaffensprozess des Komponisten und seiner Zeit vornehmen.
Daneben gastieren Instrumentalsolisten in Kammermusikabenden, darunter Christian Tetzlaff, Nicolas Altstaedt, Lars Vogt, Rudolf Buchbinder und andere namhafte Künstler. Das Berliner Stegreif-Orchester wird in einem Konzert „aus dem Stegreif“ mitten im Publikum einen Entwurf präsentieren, in dem alle neun Symphonien Beethovens aufscheinen. Nike Wagner eröffnet ein Salonprogramm mit dem Vortag Wagners Beethoven.
Wem das nicht genug ist, der kann am Labor Beethoven teilnehmen, das in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste Berlin neuen jungen Komponisten die Möglichkeit gibt, Visionen und Neue Musik zu schaffen. Das Festival bildet die Plattform zur Aufführung von Solo- und Kammermusikstücken dieser jungen Künstler. Vielleicht kommt es also bis zum Geburtstag des Komponisten in zwei Jahren schon zu Wiederholungen dieser Uraufführungen. Das Programm wird abgerundet durch das bei diesem Festival traditionelle allmorgendliche Chorsingen für alle.
Streichquartett mit Tanz
Den Auftakt der Aufführungen der Streichquartette macht das Kuss-Quartett im Eröffnungskonzert des Festivals mit dem Frühwerk op.18 Nr. 1 und dem letzten Quartett Beethovens Es muss sein op. 135. Das Quartettensemble hat sich durch vielerlei alternative Aufführungsformate und Versuche, auch junge Leute für die klassische Musik und ihre Arbeit zu interessieren, einen Namen gemacht. Das wird insbesondere im Spätwerk und hier beim letzten Streichquartett Beethovens zusammen mit der Tänzerin Yui Kawaguchi deutlich. Unter der künstlerischen Leitung von Nicola Hümpel und zusammen mit dem Lichtdesigner Fabian Bleisch ist das Dreierteam unter dem Namen Nico and the Navigators weltweit erfolgreich unterwegs. In „angeleiteten Improvisationen“ von Hümpel, die diese Methode unter anderem auch an der Bayerischen Theaterakademie sowie am Opernstudie Stuttgart unterrichtet, bewegt sich die Tänzerin und Choreografin Yui Kawaguchi in teilweise akrobatischen Streetdance-Figuren oder einfach das Quartett betrachtender Begleitung zum Spiel der Musiker. Die sind während der Aufführung, im langsamen dritten Satz, auf einem blauen, hölzernen Halbrund wie auf einer Mondsichel platziert und müssen während des Spiels die Balance auf dem beweglichen Element halten. Wen die scheinbar spontane Assoziationskunst des Tanzes nicht von der verinnerlichten Form eines abstrakten Streichquartetts ablenkt, mag in diesem Format einen Brückenschlag zum Heute erleben können. Das Kuss-Quartett spielt die Werke in diesem speziellen Format erstaunlich traditionell und zurückhaltend oder vielleicht auch einfach nur unprätentiös und ungezwungen. Man merkt dem Ensemble die jahrelange gemeinsame Erfahrung an, das Zusammenspiel ist perfekt. Rhythmische oder andere Besonderheiten in Artikulation oder Phrasierung hat man von anderen Ensembles schon ungewöhnlicher erlebt.

Als Kontrast spielt das Quartett vor der Pause ein Auftragswerk des Ensembles, das seine Uraufführung bereits 2016 erlebt hat: Enno Poppes Freizeit für Streichquartett. In diesem kurzen Stück werden ausgehend von einer kurzen musikalischen Phrase vierzehn Variationen gespielt, die jeweils durch kunstvolles Umblättern der Musiker begleitet werden. Das zunächst für ein solches Quartett typisch klingende Motiv wird zunehmend zerlegt oder zerschmilzt in alle Himmelsrichtungen. Das Umblättern erscheint so wichtig wie das Spiel selbst. Eine kunstvolle wie komische Auseinandersetzung mit dem Quartettspiel. Die Musiker vermitteln die notwendige hohe Spieltechnik wie Komik wirkungsvoll. Viel Beifall für das Quartett, vor allem aber die Tanzbegleitung von Nico and the Navigators kommt beim Publikum großartig an, obwohl sich noch nicht zu viele junge Leute in das Auditorium gemischt haben.
Spätromantische Zauberwelt
Das zweite Konzert des Eröffnungstages ist ein klassischer Liederabend mit der Sopranistin Camilla Tilling. Die erfahrene Opern- und Konzertsängerin gestaltet den Abend mit Liedern des 20. Jahrhunderts, unter anderem von Erich Wolfgang Korngold, Arnold Schönberg und Gustav Mahler. Insbesondere die Sechs einfachen Lieder op. 9 von Korngold sind selten zu hören. Mit außerordentlichem Einfühlungsvermögen in die Vorlagen gelingt der Künstlerin, nachdem sich Stimme in einer kurzen Anfangsphase freigesungen hat, eine überzeugende und durchweg bewegende Interpretation der Kompositionen. Die spätromantischen Stücke werden mit weitem, aber kontrolliertem Bogen gesungen, Textverständlichkeit und die Artikulation sind perfekt auf das Liedformat eingestellt.
Den Höhepunkt erreicht das Konzert mit den Liedern der schwedischen Komponisten Anders Bo Leif Linde und Wilhelm Stenhammar, die in Originalsprache vorgetragen werden. In einer außerordentlichen Spannweite aus spätromantischer Zauberwelt und fröhlich-unbekümmertem Sommererlebens vermag die Sängerin wirkungsvoll die Welt ihres Heimatlandes in den Konzertsaal an die Elbe zu bringen. Welche Farbvielfalt, welches innere Erleben, welche Naturverbundenheit, die in diesem wunderbaren Vortrag zum Ausdruck kommen!
In Verbeugung vor dem großen Komponisten des Festivals folgt eine kleine Auswahl von Beethovenliedern, unter anderem Die Trommel gerühret aus Egmont, Mignon aus Sechs Gesänge op. 75 und An die Hoffnung op. 94. Mit ebenso feiner und sensibler Einfühlung vermag die Künstlerin die spezifisch Beethovensche Musiksprache in Gesang und Text zu präsentieren. Maßgeblich beteiligt am Gelingen dieses Abends ist der sensibel mitatmende Pianist Paul Rivinius. Starker und langer Beifall.
Achim Dombrowski