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Die Stadt Köln beschäftigt hochdotierte Marketingmanager. Da verwundert es sehr, dass sich die Tanzszene bis heute nicht so recht entwickelt hat. Denn die Zutaten gibt es längst, aus einem Dilemma ein Fortschrittsmodell zu schaffen. Jüngstes Beispiel sind die Ehrenfeldstudios, die mehr Potenzial haben, als sich offenbar mancher Kulturfördernde in Köln vorstellen mag.

In Düsseldorf gibt es das Tanzhaus NRW, die erste Adresse für zeitgenössischen Tanz in Europa. Ein Ruf, den sich das Tanzhaus hart erarbeitet hat. Ein paar Kilometer rheinaufwärts sieht das schon ganz anders aus. Da gibt es Choreografen, die im Schatten tanzen, sofern sie nicht gute Verbindungen nach Düsseldorf haben. Und die werden bei der zunehmend internationaler ausgerichteten Programmpolitik auch immer knapper. In Köln gibt es keine zentrale Tanzbühne. Die Oper zeigt ein paar Gastspiele internationaler Compagnien, die jeweils eingekauft werden. Tänzer der so genannten Freien Szene finden – bislang – keinen Platz auf der Bühne im Staatenhaus. Im Theater ist vom Tanz bis auf ein paar zaghafte Versuche bislang nichts zu sehen. Fast könnte man glauben, die Kölner Tanzszene sei von Funkemariechen beherrscht. Doch der Eindruck täuscht gewaltig.
Fast schon im Geheimen arbeitet da eine ganze Reihe vielversprechender oder bereits bekannter Choreografen und Tänzer, die oft im Ausland mehr Ansehen genießen als in Köln. Spricht man mit Kulturpolitikern der Stadt, ist sehr viel Bedauern und Unverständnis darüber zu hören, dass es in Köln keine eigene, starke Tanzszene gibt. Bei Choreografen, Tänzern und Performern hört man nichts anderes. Die Gründe sind vielfältig. Neben Egoismen und Konkurrenzdenken steht wohl vor allem die Förderpolitik einer starken Szene entgegen. Denn gefördert werden in erster Linie Einzelprojekte. Da frisst die Bürokratie die Kreativität. Bildeten sich allerdings größere Gruppen, um solche Einzelförderungen zu bekommen, überstiege der Organisationsaufwand den Bürokratismus. Ein Teufelskreis. Denn einzelne Choreografen sind irgendwann mit ihrem Zeitkontingent am Ende. Und da fallen schon mal wichtige Arbeiten wie die Aktualisierung des Internetauftritts, Plakatekleben oder Netzwerken schlicht und einfach aus. Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es unabhängig von solchen Förderpraktiken eben doch nur solidarisch geht.
Blick nach vorn
Und so hat sich in Köln so etwas wie eine Künstlerselbstverwaltung entwickelt. Ein Beispiel der jüngeren Zeit sind die Ehrenfeldstudios. Viele Jahre hat Choreografin Silke Z. zusammen mit Caroline Simon das Studio 11 im Kölner Stadtteil Ehrenfeld betrieben. Ein kleines Studio, vollkommen ungeeignet für personell größere Projekte. An Weiterentwicklung war da kaum zu denken. Die Compagnie Resistdance wurde da schnell auf ihre eigenen Grenzen zurückgeworfen. Also schlossen sie sich vor etwas mehr als zwei Jahren mit anderen Künstlern zu einem ordentlichen Verein zusammen, als der Kölner Spielezirkus aus seiner bisherigen Wirkungsstätte in der Wissmannstraße auszog. Seit November 2015 arbeiten Özlem Alkis, Tim Behren, Florian Patschovsky, Marion Dieterle, Silke Z. und Caroline Simon daran, die Ehrenfeldstudios zum Erfolg zu führen. „Hier wird produziert und präsentiert. Und es gibt auch Kurse und Workshops. Und wir wollen an diesem Ort hier auch sehr gern interdisziplinär arbeiten“, erzählt Simon.
Und vor allem wollen sie hier sehr, sehr lange bleiben. Das mussten sie dem privaten Vermieter erst mal in einem längeren Prozess erklären. Bei dem Gedanken, dass hier Tänzer einziehen, kam zunächst Skepsis auf. Was durchaus verständlich ist. Das Geschäftsmodell überzeugt so recht nicht, betrachtet man es unter wirtschaftlichen Aspekten. Eine institutionelle Förderung gibt es nicht, wenn man von der „Residenz-Förderung“ der Stadt Köln absieht, die versucht, auf diese Weise wenigstens zu einem geringen Teil die Miete zu sichern. Dafür müssen die Ehrenfeldstudios die Studios als Probenräume zu einem geringen Preis anderen Compagnien zur Verfügung stellen. Ein durchaus intelligenter Gedanke, der seine Grenzen darin findet, dass Raum dadurch blockiert wird, ohne dass er tatsächlich zur Kostendeckung beiträgt. Kurz und gut: Es ist und bleibt eng. Und die Gefahr ist groß, dass so viele Angebote geschaffen werden müssen, dass die eigene Kreativität auf der Strecke bleibt.
Immer noch zu wenig Kommunikation
Aber Caroline Simon bleibt optimistisch. Schließlich gibt es inzwischen fünf solcher Zentren der so genannten Freien Tanz-Szene in Köln. „Wir denken, es ist extrem sinnvoll, alle Orte zu erhalten. Nicht der eine macht auf, dafür schließt der andere. Es gibt viele gute Künstler, und alle Orte sind gut belegt und besucht und haben alle einen anderen Schwerpunkt. Ja, eine Millionenstadt. Da sind fünf Studios jetzt nicht die Welt. Wenn man in andere Städte guckt wie Brüssel beispielsweise, da ist an jeder Ecke was.“ In der Welt kennt sie sich aus. In Brüssel geboren, hat sie dort und in Rotterdam studiert, ist inzwischen Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin, lebt heute in Köln und spannt ihre Fäden zwischen Köln, Düsseldorf und Berlin auf. Aber an den Studios in der Wissmannstraße hängt ihr Herz.
Und das kann man gut verstehen. Der halb überdachte Vorhof verströmt den Charme eines kommunikativen Zentrums mit hohem Freizeitwert. In die gemütlich eingerichtete Bar kann man sich bei schlechtem Wetter zurückziehen. Die zwei Studios bieten ausreichend Platz, um den Ansprüchen der so genannten Freien Szene zu genügen. Gemütlich ist es hier. Da kann man sich einlassen auf Neues, ohne auf die Umgebung achten zu müssen. „Und wir merken auch, dass die Leute das echt gerne mögen. Deswegen ist es auch ganz toll, dass wir so zentral sind. Da laufen hier die Leute vorbei, fragen, was das ist, gucken und lassen sich auch gern mal darauf ein.“ Natürlich ist alles ausbaufähig. Nach gerade mal zwei Jahren ist man im Stadtteil noch nicht so angekommen, wie die Künstler sich das wünschen. Ein Sommerfest soll Abhilfe schaffen.
Vor allem aber sieht Simon, dass man in anderer Hinsicht viel Potenzial verschenkt. Denn nicht das Fehlen einer zentralen Tanzbühne sei das Besondere in Köln. Über Tanzzentren, die über die Stadt verteilt sind, verfügt nicht jeder. „Das ist ein Reichtum. Aber das muss man dann natürlich auch publik machen“, sagt die Tänzerin, und da leuchten ihre Augen. Allein, mit der Kommunikation hapert es noch deutlich. Und da fragt man sich, warum Silke Z. mit ihrem neuesten Projekt You are Safe in die Alte Feuerwache in Köln umzieht, anstatt sie in den Ehrenfeldstudios aufzuführen. Obwohl noch vieles im Argen zu liegen scheint in der Kölner Tanz-Szene, die einst einen Namen hatte in der Bundesrepublik, schaut Simon nach vorn. „Soweit ich weiß, hat die Kölner Szene noch nie so eng zusammengearbeitet. Wir versuchen alle, uns gegenseitig zu unterstützen.“
Michael S. Zerban