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Foto © Ela Schu

Annäherung an das Unbegreifliche

Sie mussten vor den Natio­nal­so­zia­listen fliehen, wenn ihnen ihr Leben lieb war. Nach 1933 setzte in Deutschland ein bislang nie erlebter Exodus von Künstlern ein. Die Diktatur ging, aber die Künstler blieben im deutschen Bewusstsein Verfemte. Erst allmählich setzt ein Umdenken ein. Einen Beitrag dazu will die Künst­ler­initiative Dafne mit ihrer neuen Produktion Exil – Kammer­szenen leisten, die in Kürze ihre Urauf­führung feiert.

Foto © Ela Schu

Maria Bing wurde am 19. August 1878 als jüngstes von drei Geschwistern in eine bekannte jüdische Kölner Textil­händ­ler­fa­milie geboren. Nach einer musika­li­schen Ausbildung in Köln heiratete sie mit 22 Jahren Albert Herz und folgte ihm in die englische Grafschaft Yorkshire. Dort wurde sie Mutter von vier Kindern, was sie von ihrer Leiden­schaft für die Musik nicht abhielt. Sie organi­sierte Konzerte, trat selbst als Pianistin auf und stellte erste eigene Kompo­si­tionen vor. Als die Familie zur Hochzeit ihres Schwagers nach Köln reiste, verhin­derte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Rückkehr. Das war zunächst einmal gar nicht so schlecht, denn Herz konnte ihr Musik­studium fortsetzen und leitete damit ihre frucht­barste Schaf­fens­phase ein. Die begann 1920 nach dem Tod ihres Mannes und dauerte bis 1935 an. Nachdem jüdische Kompo­nisten nach der Macht­über­nahme der Natio­nal­so­zia­listen Auffüh­rungs­verbote erhielten, wurde die Familie Herz gezwungen, Deutschland zu verlassen. Herz lebte noch für zehn Jahre mit ihrem jüngeren Sohn Robert in England, ehe sie nach dem Krieg zu ihren Töchtern in die USA auswan­derte. 1950 verstarb sie nach kurzer, schwerer Krankheit in New York. Ihre Rehabi­li­tation in Deutschland erlebte sie nicht mehr. Denn die erfolgte wie bei so vielen anderen Künstlern, die Deutschland während der Diktatur verlassen mussten, auch in den nachfol­genden Jahrzehnten nicht. „Als ich 1951 nach Deutschland kam, dachte ich, dass ein bedeu­tender Teil der Deutschen froh sein würde, nicht mehr unter der nazis­ti­schen Diktatur zu leben. Das Gegenteil aber war der Fall, sie trauerten über den verlo­renen Krieg und über den Führer. Diese Stimmung hatte ein langes Leben, bis die geschenkte Demokratie als eine Selbst­ver­ständ­lichkeit empfunden wurde“, schreibt Juan Allende-Blin.

Die Künst­ler­initiative Dafne hat sich dieses Themas angenommen. Mit Exil – Kammer­szenen stellt sie am 23. Februar in der Alten Feuer­wache in Köln ihre neueste Produktion vor. Für den Journa­listen und Drama­tiker Georg Beck, der für den Theatertext verant­wortlich ist, ist Exil keine spontane Idee, sondern das Ergebnis eines langen Entwick­lungs­pro­zesses. „Das Ganze beginnt früh. Mit Nachfragen an die Eltern, an den Vater vor allem. Und der Erfahrung des Auswei­chens, des Verschweigens. Dann die Entde­ckung eines Ungeheu­er­lichen. Sie haben mitge­macht. Waren Täter. – Und was ist mit den Opfern?“ erinnert sich Beck, den das Thema bis heute nicht losge­lassen hat. Zahlreiche Hörfunk­bei­träge beim Westdeut­schen Rundfunk und später beim Deutsch­landfunk erzählen davon. Als die Wieder­ent­de­ckung des kompo­si­to­ri­schen Werks von Maria Herz „bundes­deutsche Podien erreicht hat, war ich dabei und habe das aktiv verfolgt, mitbe­trieben, weiter­ge­trieben. So sind die ersten großen Porträt-Sendungen über und zu Maria Herz im deutsch­spra­chigen Rundfunk entstanden“, erzählt der Journalist, dessen Beiträge zum Beispiel hier und hier nach wie vor abrufbar sind. Inzwi­schen gibt es sogar ein Album, auf dem die Musik von Herz zu hören ist. Das Asasello-Quartett und das E‑Mex-Ensemble haben sie gemeinsam einge­spielt – und dafür den Schall­plat­ten­preis bekommen.

Exil begreifen

Foto © Ela Schu

Nun also wird es Musik­theater geben. Violetta von der Heydt ist für die Insze­nierung, Bühne und die Kostüme zuständig. Ihr liegt vor allem daran, „das Bewegtsein, das Berührtsein vom Schicksal und der Kunst der Maria Herz, aber auch der Charlotte Salomon, des Günther Anders, der Hannah Arendt und so vieler anderer“ auf die Bühne zu bringen, sagt Beck. Salomon war eine Malerin, die am 16. April 1917 in Berlin geboren und am 10. Oktober 1943 im Konzen­tra­ti­ons­lager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Im Mittel­punkt der Aufführung wird die Schau­spie­lerin, Tänzerin, Sängerin und Choreo­grafin Anna Beetz stehen, vielen als Ensemble-Mitglied von Pierre.Vers bekannt. Sie ist einer der Köpfe der Künst­ler­initiative Dafne und spielte bereits in der ersten Produktion Das Schweigen der Dafne eine der beiden Haupt­rollen. Ging es da noch darum, mehr oder minder konkrete Personen darzu­stellen, wird das bei einem abstrakten Begriff wie Exil schwierig. „Man kann Exil nicht spielen“, sagt Beetz folge­richtig. Aber: „Es gibt die Möglichkeit, Exil zu perso­na­li­sieren und somit in einer Rolle darzu­stellen. In diesem Stück spiele ich Maria Herz, und ich versuche, ihr mit all meiner Empathie, Recherche und Hingabe gerecht zu werden“, erklärt die Darstel­lerin, die auch über Regie-Erfahrung und damit den Blick über den Tellerrand verfügt. Trotzdem will sie ein Stück weit persön­liche Betrof­fenheit zulassen. „Es macht mich wütend und traurig zu wissen, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil andere Menschen ihnen das Leben erschweren bis unmöglich machen“, sagt sie und meint damit längst nicht nur die Exilanten der Vergan­genheit. Denn so bewegend die Schicksale der Vergan­genheit und das begangene Unrecht sind – es geht in der Gegenwart so weiter, als habe niemand aus der Geschichte gelernt. Beetz hat für sich die Konse­quenzen gezogen, wenn es um den Umgang mit Menschen geht, die ihre Heimat verlassen müssen. „Ich bin sehr froh, dass sie hier sicher sind. Und freue mich, mit ihnen zu arbeiten und befreundet zu sein. Sie sind Teil meines Lebens“, sagt sie.

Es entspräche nicht dem künst­le­ri­schen Verständnis der Künst­ler­initiative Dafne, die Biografie der Kompo­nistin Herz auf der Bühne nachzu­er­zählen. Das wäre zu wenig. „Durch genre­über­grei­fende Erzähl­weise, denke ich, kann man die Geschichte vielschich­tiger erzählen. Der Tanz hat ein anderes Tempo, eine andere Art des Ausdrucks als zum Beispiel das Wort, das direkt verständlich ist. Jeder Ausdruck hat seine eigene Kraft, die zur Vielfalt der Aufführung beiträgt. Die Musik wiederum ist in unserer Darstellung unabdingbar, Maria Herz war Musikerin. Die Verei­nigung der Ausdrucks­weisen ist Basis unseres Schaffens“, erklärt Beetz.

Foto © Ela Schu

Natürlich muss die Musik eine besondere Rolle spielen, wenn es um das Exil von Musikern und dessen Folgen geht. In Exil – Kammer­szenen steht dafür ein Streich­quartett bereit. Katharina Wimmer und Gudrun Höbold an den Geigen, Frederik Koos an der Bratsche und Elio Herrera am Cello inter­pre­tieren nicht nur Franz Schubert, sondern selbst­ver­ständlich auch Maria Herz. Den Bogen zur Gegenwart schlägt niemand Gerin­geres als Jörg Ritzenhoff. Der in Düsseldorf geborene und heute in Köln lebende Komponist studierte klassische Kompo­sition unter anderem an der Hochschule für Musik Wuppertal/​Köln und hat sich längst einen überre­gio­nalen Namen als Spezialist für Bühnen- und Tanzmusik erarbeitet. Nach seiner Auffassung kreieren Darstellung, Licht und Klang den Raum. „Kein Element ist verzichtbar. Jedes ist substan­ziell. Theater ist Synäs­thesie“, sagt er und meint damit noch lange nicht, dass alles inein­an­der­greifen muss. „Schubert und Herz sind gesetzt. Damit verbinde ich nichts. Inhalte werden geschaffen durch Kontext. Meine Musik ist Ritzenhoff“, beschreibt der Tonsetzer seinen Anteil an der neuen Produktion. Da wird es inter­essant sein zu erfahren, wie man Kontext und Synäs­thesie durch das Neben­ein­an­der­stellen von Teilen erreicht. Zumal der Begriff des Exils an sich schon schwierig zu erfassen ist. Aus Sicht Ritzen­hoffs ist er musika­lisch „nicht übersetzbar, Musik ist da eher limitiert“ und wenn man ihn nach den Farben der Musik fragt, sieht er sie „wahrscheinlich eher schlicht, eher dunkel“.

Sehr viel konkreter wird Georg Beck, wenn er erzählt, was mit dem Publikum passieren muss, damit er anschließend von einer erfolg­reichen Urauf­führung sprechen kann. „Wenn das Publikum dieses Berührtsein spürt und sich im Herzen bewahrt, wären wir glücklich. Ehrlich“, sagt er.

Am 23. Februar ist die Urauf­führung, weitere Vorstel­lungen gibt es am 24. und 25. Am 2. und 3. März wird die Produktion dann im Kultur­bahnhof Eller in Düsseldorf zu erleben sein.

Michael S. Zerban

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