O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Ensemble 20/21 - Foto © Thomas Kujawinski

Diskursive Veranstaltungsform

Ein anscheinend rückwärts­ge­wandtes Festival, das die Neue Musik im Namen trägt: Das klingt reichlich seltsam. Funktio­niert aber beim Deutsch­landfunk seit 18 Jahren schon. In diesem Jahr dreht sich das Forum neue Musik um die 1968-er Jahre. Die Vergan­genheit kennen­lernen, um für die Zukunft gewappnet zu sein? Die Antwort steht schon fest. Ein klares Vielleicht.

Frank Kämpfer ist DLF-Redakteur und Künst­le­ri­scher Leiter des Forums neue Musik – Foto © Thomas Kujawinski

Heute, wo wir an einer erneuten Moder­ni­sie­rungs­schwelle stehen, überlegen wir, welche Fragen von damals sind immer noch oder wieder neu für uns relevant?“ sagt Frank Kämpfer im Interview mit der Neuen Musik­zeitung über seine Beweg­gründe, das diesjährige Forum neue Musik zu veran­stalten. Er ist Redakteur beim Deutsch­landfunk und seit 2002 Künst­le­ri­scher Leiter des Festivals, das alljährlich in Köln statt­findet. Zwei Jahre zuvor hatte das Festival die Konzert­wo­chen­enden unter dem Namen Novan­tiqua abgelöst. Inzwi­schen sieht Kämpfer es als „Festival in der Stadt mit inter­na­tio­naler Ausstrahlung“, was mögli­cher­weise den lockeren Umgang mit Fremd­sprachen erklärt. Auch program­ma­tisch hat sich die erwei­terte Wochen­end­ver­an­staltung über die Jahre stark verändert. Heute steht im Zentrum des Forums eine „gesell­schaftlich, politisch oder ethisch zentrale Frage­stellung, und Konzert­bei­träge, Perfor­mances, Lectures, Gesprächs­ver­an­stal­tungen, Vitrinen und Programmbuch sind Antwort­ver­suche dazu“, sagt Kämpfer.

1945 herrschte das Elend in der Welt. Die zweite große Katastrophe der Weltge­schichte schien überwunden, das Elend nicht. Da wurden kaum Fragen gestellt. Sondern jeder versuchte, auf seine Weise die Not zu lindern und die Zustände vor dem Krieg wieder­her­zu­stellen. Häuser wurden aus den Ziegel­steinen zerbombter Häuser wieder­auf­gebaut, weil es kein anderes Material gab. Die „Trümmer­frauen“ erlangten Weltruhm, die Schwarz­märkte blühten, aber das „normale“ Leben begann wieder, seinen Lauf zu nehmen. Und es machte Spaß. Es ging aufwärts. Das Wirtschafts­wunder der 1950-er Jahre wurde gefeiert. Ja, es gab wieder etwas zu feiern, und die Menschen konnten die Vergan­genheit vergessen, verdrängen, brauchten jeden­falls nicht mehr davon zu sprechen. Eine großartige Zeit. Auch eine Zeit der Legenden, mit denen das persön­liche Schicksal in erträg­lichem Licht aufglänzte. „Der Onkel Rudi ist in Stalingrad geblieben“, hieß es mit wohligem Schaudern und ein wenig Trauer an der sonntäg­lichen Kaffee­tafel im Eigenheim, das mit viel Fleiß wieder aufgebaut worden war. Das erste eigene Auto, die erste Reise nach Italien. So hätte es weiter­gehen können in einem Museum der Verlo­genheit und des Selbst­be­trugs. Aber so funktio­niert die Welt nicht.

Enikoe Ginzery spielt am 14. April in der Kunst­station St. Peter – Foto © Jan Varcovala

Die Söhne und Töchter wurden groß, und es ging ihnen so gut, dass sie endlich die Fragen stellen konnten, die ihre Eltern nicht beant­worten wollten. 1968 war Schluss mit dem Museum, nicht nur in Deutschland. Ein halbes Jahrhundert später will das Forum neue Musik Fragen nach den Echoes of ´68 stellen. Redakteur Kämpfer sieht das Jahr der Umwäl­zungen als Beginn einer Moder­ni­sie­rungs­welle. „Mich inter­es­sieren Beschleu­ni­gungen, die dem Entwick­lungs­bedarf in den westlichen Nachkriegs­ge­sell­schaften dienten – und deren Folgen“, sagt er und rekur­riert damit auf die Gegenwart, die er als Beginn einer weiteren Moder­ni­sie­rungs­welle versteht. Straßen­schlachten, Kommunen und erschossene Intel­lek­tuelle inter­es­sieren ihn mithin nicht, also all das, was die Alt-68-er bis heute mit einem kaum nachvoll­zieh­baren Stolz erfüllt, dabei gewesen zu sein. Und enthebt sich damit gleich­zeitig nicht nur dem Vorwurf der Nabel­schau, sondern will vor allem auch junge Menschen für die Ausein­an­der­setzung mit den zurück­lie­genden Jahrzehnten begeistern.

Die Frage, inwieweit man sich mit dem Wissen der Gegenwart auf die Zukunft vorbe­reiten kann, also Visionen entwi­ckelt, wird dabei nur ansatz­weise in Betracht gezogen, indem etwa Aufträge an Kompo­nis­tinnen vergeben werden. Und hier kommt beim Forum neue Musik tatsächlich Neue Musik, also Musik, die heute entsteht, zum Tragen. Schaut man auf den Programm­zettel des Festivals und übersieht dabei die Musik, die heute immer noch als „Neue Musik“ bezeichnet wird, also die von Kompo­nisten wie Mauricio Kagel, Louis Andriessen oder Nicolaus A. Huber stammt, dann findet man eine erstaun­liche Entwicklung. Im Mittel­punkt stehen weniger die Akzente moderner Musik – was macht sie aus, wo ist das Neue in der Musik – sondern vielmehr die Multi­me­dia­lität und der Aufbruch tradi­tio­neller Konzert­formen. „Durch­kom­po­nierte Abende sind an der Tages­ordnung“, hält Kämpfer – nicht ohne Stolz – fest.

Damit schließen sich die Kreise. Stehen doch auch in der Alten und der Klassi­schen Musik genau diese Fragen an erster Stelle. Wie brechen wir alther­ge­brachte Konzert­formate – die gerne ja auch in insti­tu­tio­nellen Häusern statt­finden – auf? Und was wollen und können wir damit eigentlich erreichen? Fragen, die übrigens 1968 bereits brand­ak­tuell waren. Und insoweit wird es spannend, welche Antworten das Forum neue Musik darauf findet, wenn es in diesem Jahr im Foyer und Kammer­mu­siksaal des Deutsch­land­funks in Köln sowie in der Kunst­station Sankt Peter und im Alten Pfandhaus ausge­tragen wird. Die Eintritts­preise sind so moderat, dass auch Menschen, die Berüh­rungs­ängste mit der so genannten Neuen Musik haben, sich auf Neues einlassen können, um einen Diskurs zu verfolgen, der die Vergan­genheit – vielleicht – neu beleuchtet.

Michael S. Zerban

Teilen Sie sich mit: