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Auf dem ersten Inklusiven Kulturtag Köln forderten Vertreter sozialer, kultureller und Behindertenverbände „Kulturelle Vielfalt für alle“.

Das Zauberwort Inklusion sorgte in den letzten Jahren vor allem im Schulbereich für Schlagzeilen. Und nicht immer für positive. So unvorbereitet und ahnungslos, wie die nordrhein-westfälische Landesregierung die Schulen mit dem Thema überrollte und überforderte, wurde nur exemplarisch demonstriert, wie Inklusion nicht funktionieren kann. Das wollen Vereinigungen wie Inklusion & Kultur besser machen, wenn es um die Beteiligung behinderter Menschen am Kulturleben geht. Und zwar nicht nur als Konsumenten, sondern als aktive Künstler.
Etwa 150 Vertreter aus sozialen, kulturellen, und städtischen Vereinigungen, Verbänden und Institutionen schwerpunktmäßig aus dem Kölner Raum, aber auch aus der gesamten Bundesrepublik trafen sich zu diesem Zweck zum ersten Inklusiven Kulturtag Köln im Freien Werkstatt-Theater. Geboten wurden Diskussionen, eine Kulturbörse, Workshops und Kurzpräsentationen. Gleich die zweistündige Auftaktveranstaltung mit der „Präsentation der Ergebnisse des ‚Runden Tisches‘ für inklusive Kultur“ wies auf zwei wesentliche Probleme hin, die zu der geringen Beachtung des Themas im öffentlichen Kulturleben beitragen dürften. Zunächst die lückenhafte Aufklärung über die kreativen Kapazitäten behinderter Menschen und der damit verbundene unsichere Umgang mit diesen Gruppen. Und zum zweiten die Zurückhaltung der mit den Behinderten betrauten Vereinigungen, mit ihren Aktivitäten an die Öffentlichkeit zu treten. Es ist doch erstaunlich, was etwa „Der runde Tisch“ und andere Verbände im Verborgenen an Konzepten erarbeiten und erarbeitet haben, von denen man außerhalb der eigenen Klientel kaum etwas hört.
Wenn es um Gehör in der Öffentlichkeit geht, reicht halt nicht aus, wenn man einen selbstbewussten Mann wie Raul Krauthausen wie eine Ikone der Emanzipation verehrt, sich selbst aber zurückhält. Oder in Diskussionen verfällt, die wenig oder gar nichts dazu beitragen, die Berührungsängste der Öffentlichkeit mit behinderten Menschen abzubauen. Zitat aus der Auftaktdiskussion: „Das Wort ‚behindert“‘ möchte ich nicht hören.“ „Nichtbehinderten“ erleichtert das nicht den Zugang zu einem entspannten, „normalen“ Umgang mit- und untereinander.
Den anwesenden Gästen fehlte es zum Glück bei der Formulierung und Präsentation ihrer Wünsche und Ziele nicht an Selbstbewusstsein. Verblüffend, wie intensiv etwa der Verein Inklusion & Kultur in den letzten Jahren an einem „Netzwerk zur Stärkung von Teilhabe und Partizipation von Menschen mit Behinderung am kulturellen Leben“ gearbeitet hat. 60 Teilnehmer trafen sich in fünf Arbeitsgruppen bereits vier Mal, um Schwerpunkte der Inklusionsarbeit zu thematisieren und Zündstoff für ein mehrjähriges Projekt zu erarbeiten. Geduld ist gewiss angebracht, wenn man die Grenzen der „Parallelwelten“ dauerhaft einreißen will.
Arbeitskreise als Kommunikationsgrundlage
Der Arbeitskreis 1 widmet sich Formen der Mitwirkung im kulturellen Kontext. Unter Einbindung von Erfahrungsberichten behinderter Künstler regt der von Eeva Rantomi geleitete Ausschuss die Ausbildung von Beratern an, die in Vorträgen, Einführungen und Beratungsgesprächen den betroffenen Künstlern helfen, aber auch das Verständnis von Kulturschaffenden aller Art fördern sollen, um eine inklusive Zusammenarbeit mit öffentlichen Kultureinrichtungen voranzutreiben und auf stabile Füße zu stellen.
Die Öffnung von Kulturorten für Fortbildungsmaßnahmen, angepasste Programmplanungen und Barrierefreiheit ist das Ziel des Arbeitskreises 2, den Lisette Reuter leitet, die auch als künstlerische Leiterin des internationalen EU Creative Europe Projektes Un-Label aktiv ist. Hier geht es um die Schulung von Kulturpersonal. Angestrebt sind eine umfassende Datenbank, eine Netzwerkanalyse und der Aufbau eines Technik-Pools technischer Hilfsmittel, die für die inklusive Arbeit zur Verfügung gestellt werden können.
Die Choreografin Gerda König gründete 1995 mit DIN A 13 eines der wenigen Tanzensembles, deren Mitglieder sich aus Tänzern mit unterschiedlichen „Körperlichkeiten“, also behinderten und nichtbehinderten Tänzern, zusammensetzt. Ihrem Arbeitskreis geht es darum, den Zugang zu Schulen und Hochschulen zu erleichtern. Sie plädiert für diesbezügliche Begleitseminare und fordert, alle Kölner Hochschulen sollten ein deutlich erkennbares inklusives Seminar anbieten, das die Sensibilisierung und Ausbildung sowohl der Behinderten als auch der Kulturschaffenden fördern soll.
Barbara Foerster, die Leiterin des Kölner Kulturamts, setzt sich mit dem Arbeitskreis 4 für eine Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein und fordert eine Erweiterung der Inklusion auf alle Teilgruppen der Gesellschaft im Sinne von „Leitbildern kultureller Vielfalt“. Die Inklusion müsse dringend in die Kulturentwicklungspläne eingearbeitet werden und einen Finanzierungszuschlag erhalten. Sie plädiert für eine Checkliste zur Inklusion, die allen städtischen und Kulturinstitutionen an die Hand gegeben werden soll.
Inklusion als Bereicherung
Hiltrud Cordes, unter anderem Leiterin des inklusiven Sommerblut-Festivals in Köln, widmet sich der besonders interessanten Frage, inwieweit die Inklusion als Bereicherung der Kunstlandschaft gesehen werden kann, wobei die Chancen und Risiken nüchtern erörtert werden müssten. Sie geht davon aus, dass sich ungeahnte Potenziale mit neuen Perspektiven ergeben können. Der Arbeitskreis entwickelt entsprechende Handlungsempfehlungen.

Die Aspekte der Projektgruppen regten auf der anschließenden Kulturbörse zu manchem Gespräch an. Vertreter verschiedener Behindertenorganisationen stellten sich den Fragen und es kam zu mancher Annäherung zwischen behinderten und nichtbehinderten Vertretern. Und auch in einer Podiumsdiskussion wurden die Anregungen aufgriffen. Daran nahmen unter anderem der „Aktivist“ Raul Krauthausen und Vertreter der Kulturämter von Köln und München, Barbara Foerster und Maximilian Dorner, teil.
Allerdings fiel auf, dass Vertreter der großen städtischen Theater und Museen sowie Vertreter der Hochschulen weitgehend fehlten, so dass das Gespräch mit der „gesunden“ Außenwelt in engen Grenzen blieb. Auch wenn man das anvisierte „Projekt“ zunächst so genau wie möglich ausarbeiten möchte, bevor man an die Zielgruppen herantritt, hätte schon manche Weiche für mögliche Perspektiven gestellt werden können.
Und wenn man dabei mit Informationen über interessante und groß angelegte Projekte, die kaum ausgeschöpfte Potenziale behinderter kreativer Menschen erkennen lassen, zunächst nur das Bewusstsein von Intendanten und Museumsdirektoren für dieses Thema schärfen könnte. Etwa mit dem internationalen Kulturprojekt Un-Label – Neue inklusive Wege für die darstellenden Künste, bei dem sich über einem Zeitraum von zwei Jahren rund 100 Künstler mit und ohne Behinderung aus ganz Europa mit neuen inklusiven und innovativen Möglichkeiten der darstellenden Künste auseinandersetzen. Die Umsetzung erfolgt im Rahmen verschiedener Workshops, einer Künstlerresidenz und großer multidisziplinärer Produktionen. Mit dabei sind Partner aus England, Griechenland, der Türkei und Deutschland.
Oder die Internet-Plattform Amelinde, eine Künstler-Vermittlung speziell für Künstler und Künstlerinnen mit Behinderung und für Produzenten oder Kultur-Veranstalter, die inklusive Künstler suchen.
Es wird sicher nicht bei dem einen Kulturtag bleiben können, zumal die Veranstalter eine bundesweite Öffnung über Köln hinaus anstreben. Bis „Kulturelle Vielfalt für alle“ wirklich alle genießen und mitgestalten können, ist noch ein weiter Weg zu bestehen, der allen Beteiligten viel Kraft, Flexibilität und guten Willen abverlangt.
Pedro Obiera