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Spontaneität gewinnt

Kultur ist inzwi­schen zum kostbaren und vor allem seltenen Gut geworden. Da lohnt es sich, mit offenen Augen und Ohren durch die Straßen zu gehen. Denn hier und da kann man kostbare Entde­ckungen machen, wie neulich am Eigel­stein in Köln. Nein, große Auffüh­rungen wird man nicht finden – darauf werden wir vermutlich noch lange warten müssen, wenn man auf die Ersatz-Spiel­pläne der Theater und Opern­häuser für die nächste Spielzeit schaut. Aber hin und wieder gibt es die Juwelen am Straßenrand. Oder wie in diesem Fall: im Teehaus.

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Safak Pedük studierte an der Folkwang-Univer­sität der Künste Essen Musical. Bis zum vergan­genen Jahr war sie erfolg­reich als selbst­ständige Künst­lerin unterwegs. Ob Schau­spiel, Tanz, Choreo­grafie oder Gesang: Pedük war auf vielen Bühnen zuhause. Dann traf auch sie der Shutdown mit voller Wucht. Engpässe gab es vorher schon mal. Dann ging sie in die Türkei, weil dort Projekte auf sie warteten. Aber in den letzten vier Monaten ging gar nichts mehr. Allmählich entspannt sich die Lage wieder insofern, als Projekte nach der Sommer­pause und im kommenden Jahr im Raum stehen. Denn zwei Dinge hat Pedük in den Jahren des Künstler-Daseins gelernt: Sponta­neität und sich mit anderen Künstlern zu vernetzen.

Und so ist sie gleich Feuer und Flamme, als Esin Özbanasi anruft. Özbanasi betreibt mit ihrem Mann Ozan eine Firma für audio­vi­suelle Produk­tionen. Jetzt wolle sie, sagt sie der Freundin, ein Video mit zwei Musikern drehen – und da könnte eine Tänzerin gut passen, die ein Gespür für die türkische Musik hat. Pedük sagt zu, und so trifft sich das Team am 2. Juli im Tee- und Kaffeehaus am Eigel­stein in Köln, um ein Konzert mit Tanz aufzu­führen, das live gestreamt wird. Während die Filmer Özbanasi, die beide Medien­ge­staltung an der Kunst­hoch­schule für Medien Köln studiert haben, Kamera und Ton einrichten, nehmen die beiden Musiker in Sesseln vor dem großen Schau­fenster des Teehauses Platz.

Sedar Bozarslan ist vermutlich derjenige in der Runde, dem es gerade am besten geht. Aber das auch nur, weil sein Leben nicht wie geplant verlief. In Diyar­bakir in eine Musiker­fa­milie geboren, begann er mit zwölf Jahren, Block­flöte und Rhyth­mus­in­stru­mente zu spielen, lernte später von seiner Cousine die Geheim­nisse der Querflöte und begeis­terte sich für das Saxofon. Aber ehe er die Hochschule beenden konnte, fehlten die finan­zi­ellen Mittel. Was tragisch klingt, wird ihm jetzt zum Glücksfall. Er absol­vierte eine Ausbildung zum Zahntech­niker, kam der Liebe wegen nach Deutschland und arbeitet heute in seinem erlernten Beruf. Das rettet ihn in der Corona-Krise. Dass er seine musika­li­schen Aktivi­täten, die er weiterhin betreibt, selbst als Hobby bezeichnet, ist so tiefge­stapelt wie ein Opel Manta, unter den kein Blatt Papier mehr passt.

Dass sein Instrument in Deutschland so gut wie unbekannt ist, stört ihn nicht. Auch Umut Yilmaz ist, wie er so schön sagt, in ein Haus voller Musik hinein­ge­boren. Das Haus stand in Ankara und war voll von den Klängen der Bağlama, die sein Vater beruflich spielte. Die Bağlama gehört zur Gruppe der Saz. Das sind Langhals­lauten, die vom Balkan bis Afgha­nistan verbreitet sind. Yilmaz wuchs in Deutschland auf und brachte hier seine Fähig­keiten auf dem Instrument, das am ehesten an eine minima­lis­tische Gitarre erinnert, aber typisch orien­ta­lische Klänge produ­ziert, zur Perfektion. Heute arbeitet er als Musik­päd­agoge in Köln und freut sich am meisten, wenn sich die verschie­denen Musik­kul­turen gekonnt vermi­schen. Für ihn wird es also ein richtig großer Abend.

Beide Musiker haben sich auf drei Stücke geeinigt, die in der Türkei bestens bekannt sind. Al Yazmalım ist die Musik zu dem Film Das Mädchen mit dem roten Kopftuch aus dem Jahr 1978. Ein Dorfmädchen verliebt sich in einen Lastwa­gen­fahrer aus Istanbul. Daraus entspinnt sich eine Dreiecks­ge­schichte, die inzwi­schen zu den zehn besten türki­schen Filmen zählt. In Sarı Gelin geht es um einen „türki­schen Muslim“, der sich in eine armenische Christin verliebt, ein berühmtes Volkslied in vielen orien­ta­li­schen Ländern. Die traurige Ballade Yiğidim Aslanım gehört ebenfalls zu den bekann­testen Liedern in der Türkei. Eine beein­dru­ckende Inter­pre­tation hat Pianist Fazil Say mit Chor abgeliefert. Bis dahin also könnte man türkische Folklore vermuten. Was ja nicht verwerflich ist. Aber Yilmaz und Borzaslan beschränken sich nicht auf die Wiedergabe von Altbe­kanntem, sondern nehmen die drei Stücke als Ausgangs­ma­terial für ausführ­liche und virtuose Impro­vi­sa­tionen. Das ist ein musika­li­scher Genuss, der vor allem durch den wechselnden Einsatz von Querflöte und Saxofon gern bis in den Jazz-Bereich geht, ohne die orien­ta­lische Anmutung zu verlieren.

Eine Dreivier­tel­stunde lang gelingt es den Musikern, das Publikum zu fesseln. Ihren Teil dazu trägt Pedük bei, die sich ganz in Schwarz und einem goldfar­benen Hüfttuch elegant und vollkommen im Einklang mit der Musik bewegt, obwohl sie die beiden Musiker an diesem Abend zum ersten Mal trifft. Man sollte diesen Film unbedingt auf einem großen Monitor im Vollbild­modus sehen, um die Atmosphäre zu genießen und die Bewegungen im Außen­be­reich mitzu­be­kommen. Und dann wird man schnell begreifen, wie viele Menschen an den Juwelen am Straßenrand vorbei­gehen, ohne sie zu bemerken. Macht ja nichts, wenn der Film nachträglich noch bei YouTube zu sehen ist.

Michael S. Zerban

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