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Vom 12. bis 15. April 2024 dreht sich in Köln alles um die Bühnenkunst, die Musik mit Performance, Experiment, Tanz und Theater verbindet. Orbit ist die zweite Ausgabe des Kölner Festivals für aktuelles Musiktheater, erstmals in Kooperation mit der Oper Köln und veranstaltet von ON – Neue Musik Köln. Unter der künstlerischen Leitung von Christina C. Messner und Sandra Reitmayer zeigt sich Musiktheater an verschiedenen Orten der Domstadt in schillernden Farben und Formen.

Köln, im April – Immer noch ist Zeitenwende. Seit zwei Jahren verbluten Russen und Ukrainer auf einem Schlachtfeld, das es ohne globale Interessenten wohl nicht mehr gäbe. Also wird uns weiter beharrlich beigebracht, dass Bellizismus die richtige Antwort auf den versagenden Pazifismus ist, womit so ziemlich alles auf den Kopf gestellt ist, was uns zur zweiten, postheroischen Natur geworden war. Und seitdem nach dem grauenhaftesten Pogrom seit der Shoah ein ganz neuer Kriegsschauplatz und in der Folge eine unsägliche Tragödie dazugekommen ist, deren Eskalationspotenzial gewaltig ist, mit, wie jüngst geschehen, immer neuen Angriffen, ist die Resignation total. – Beim Festival für aktuelles Musiktheater in Köln, das vor zwei Jahren als Spark gestartet war und jetzt Orbit heißt, wird darüber schon gar nicht mehr geredet.
Was einerseits damit zu tun hat, dass niemand weiß, wie so etwas überhaupt gehen sollte: Reden über etwas, das einen sprachlos macht? Die Wörter dafür haben wir nicht. Und auch nicht – mehr – die Formate. Allerdings, und das ist der Festivalleitung einigermaßen hochanzurechnen, gibt es einen Versuch in diese Richtung, insofern man den norwegischen Performanceartisten Trond Reinholdsen um einen Wort-Beitrag gebeten hat. Herausgekommen ist ein abenteuerliches Gebilde, schwankend zwischen politisierendem Lamento-Ton und einer rabenschwarz-hoffnungsvollen Grußadresse an die Kunst. Reinholdsen springt glatte einhundert Jahre zurück in den Umkreis des Senior Marinetti, zitiert Dostojewski, zitiert Malewitsch, um zu einem Schluss zu kommen, der für jedes Theater heute kaum weniger relevant ist: „Und deshalb ja, Kunst (und Musiktheater in der Zeit der Revolution) ist letztlich eine Frage des Todes.“ Kunst, so darf man das wohl übersetzen, stellt die Existenzfrage, womit diesem Festival für aktuelles Musiktheater dann doch Maßstab und Fallhöhe gesetzt ist: Wie steht es mit der condition humaine, der menschlichen Bedingtheit unter der permanenten Drohung ihrer Aufhebung?
In den Produktionen muss man sie suchen, jedenfalls in den vom Rezensenten besuchten. Was auch daran liegen mag, dass das Leitungsduo, dass Komponistin Christina C. Messner und Theaterregisseurin Sandra Reitmayer der aktuellen Festival-Ausgabe einen nicht-tagesaktuellen Schwerpunkt verordnet haben. Eingedenk der ja nicht verkehrten Beobachtung, dass die Uraufführung in der Mehrheit der Fälle mit dem Begräbnis der Novität zusammenfällt, hat man sich entschieden, ausschließlich „spannende, wertvolle Produktionen der letzten Jahre“ in die Umlaufbahn zu schicken. Auf Neuproduktionen wolle man dieses Mal „im Sinne der Nachhaltigkeit“ verzichten. Allerdings, soviel zum Stichwort Kontinuitäten, weitergeführt hat man die vor zwei Jahren begonnene Zusammenarbeit mit der Hamburger Szene: Kooperationsprogramm HKX Vol. 2. Neuhinzugekommen, der Stolz darauf ist spürbar, ist eine Kooperation mit der Oper Köln. Das Ganze, wie gehabt, unter dem Dach von ON – Neue Musik Köln. Und das Programm schließlich auch jetzt wieder vielfach auf- und ausgefächert mit „Workshop“ und „Masterclass“, mit einem „Symposium Hoch – Sub – Indie“, mit „Speakers‘ Corner“ und acht Produktionen an vier Festivaltagen.
Körper formen

Womit wir bei der Frage angelangt sind, wie das auf den Orbit-Bühnen umgesetzt wird? – Angetreten ist eine erfahrene, aber auch eine teilweise ganz junge Künstlergeneration, die ihre Sicht auf die Dinge ausbreitet. Teils mit nicht geringem Überraschungspotenzial, etwa wenn es in dem mit Sitzkissen ausgelegten Orangerie-Theater zum Versuch kommt, die Faszination für den barocken Ensemblegesang in ein Theaterformat zu gießen. Vier junge Musiker treten auf. Luísa Saraiva, Senem Gökçe Oğultekin, Nathan Bontrager, Peter Rubel. Zwei Damen, zwei Herren. Sie singen, tanzen, spielen auf einer Tenor‑, einer Bassgambe, bedienen ein fahrbares Örgelchen, bilden verschiedene Quartettformationen. Plötzlich steht Henry Purcells Ode for St. Cecilia’s day aus dem Jahr 1692 im Raum. Hark, wie sich die Produktion nennt – von Englisch to hark to sth., einer Sache aufmerksam zuhören, lauschen – gibt sich als neue Art, alte Musik zu performen, ohne sich an deren Verabredungen gebunden zu fühlen. Man musiziert nicht nur auswendig, sondern man musiziert, indem man sich zu Körperformen zusammenfindet. Das Quartett verknäult sich, am Boden liegend, zu einem singenden Seestern. Oder, eine ganz unglaubliche Leistung, die beiden Sängerinnen führen kunstvolle polyphone Linien aus, während sie sich auf den Kopf stellen. Das führt zwangsweise zu Einbußen an der Intonation, an der Präzision, was die vier aber in Kauf nehmen. Es ist die pure Lust, die Ungezwungenheit, die ihr Spiel befeuert. Problemlos können sie die Aura der Bühne brechen und im Plauderton von ihrer Vergangenheit erzählen, womit sie plötzlich in ein Werkstatt-Format überwechseln, in dem die Dozenten ja auch mal gern aus dem Nähkästchen plaudern, dies und jenes zum Besten geben. Zu einem Musik-Theaterformat findet dieses changierende Schweben nicht. Es sind theatrale Szenen, die sich bilden, die wieder verlassen werden. Eine formelle Regie ist nicht vorgesehen in der Produktion von Luisa Saraiva und K3Tanzplan Hamburg mit dem Koproduzenten Teatro Municipal de Porto. Dabei hätte eine szenische Hand dem Ganzen gutgetan. Dass in der Schlusskurve vorbereitungslos aus dem Off ein nicht genanntes Alte-Musik-Ensemble zugespielt wird, hat kontraproduktive Wirkung. Da ist sie denn nämlich zu hören, die Differenz. – Am Ende hängen sich die sympathischen Purcell-Fans Smartphones um, die vor sich hinplärren. Da fällt es doch schwer, aufmerksam zu lauschen.
Überzeugender gerät Voice Lab, das Stimm-Laboratorium von Frauke Aulbert, die eine „One-Woman-Show“ von entschieden kurzweiliger Art auf die große Bühne der Alten Feuerwache bringt. Aulbert ist alles in einer Person, ist Komponistin, Elektronikerin, Konstümbildnerin, Videokünstlerin, vor allem aber ist sie Sängerin, Stimmakrobatin. Die Extrembereiche, wo Singen und Sprechen ununterscheidbar werden, wo Maulwerkgeräusche aller Art aufgerufen und ausgeführt werden – das ist ihr eigentliches Metier. Sie fühlt sich zu Hause darin. Und, das ist mal das Wichtigste, Aulbert hat Witz. Tiefere Bedeutung hat ihre mitreißende Soloperformance kaum, soll sie auch nicht. Aber sie hat Scherz, Ironie, Satire. Und zwar jede Menge davon. Davon lebt sie. Die Formate des Showbiz sind ihr geläufig; die TV-Shows mit den überkandidelten Feldbusch-Quäkstimmchen, all dem Getue um Nichts. Aulbert greift das auf, stellt sich rein, dreht alles ins Absurde, wenn sie erst im Papier‑, dann im Plastiktüten-Röckchen erscheint, in die hohen Hacken steigt, wenn sie ihre Nase direkt an die aufnehmende Kamera drückt. Eine Wiederaufnahme, die das Kölner Festival-Publikum mit großer Begeisterung aufnimmt, womit wir ins Orbit-Logbuch eintragen dürfen: Ja, es stimmt schon. Da draußen schwebt so Einiges, das für seltsam schöne Begegnungen, die wir nur zu gern Kunst nennen, gut ist. Der Orbit, er ist belebt.
Georg Beck