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Bei einem Festival, das sich vorwiegend mit dem Nachwuchs beschäftigt, ist in erster Linie interessant, ob Trends erkennbar sind, wie sich die Jugend von den Altvorderen abgrenzt und möglicherweise neue Wege findet. Das SoloDuo-Festival NRW and friends, das vom 18. bis zum 20. Mai in Köln stattfindet, ist eine gute Gelegenheit, danach zu fragen.

Die ehemalige Wachsfabrik im Kölner Stadtteil Rodenkirchen wirkt wie ein idyllischer Rückzugsort von der Hektik des modernen Lebens. Allüberall wuchert das Grün zwischen den alten Gemäuern. Dazwischen versteckt Räume für Kunstgewerbe, ein Café. Und hier gibt es die Räume des Künstlervereins Barnes Crossing. Das sind derzeit 16 Menschen, die dem Tanz verbunden sind. Der Verein vermietet zwei Studios zu niedrigsten Preisen, wird so zur Produktions- und Aufführungsstätte. Und mittlerweile vergibt Barnes Crossing auch Residenzen. Damit wird die Wachsfabrik weitab des städtischen Geschehens zum wichtigen Standort des zeitgenössischen Tanzes für Köln.
Einmal im Jahr richtet Barnes Crossing ein Tanzfest mit dem wenig attraktiven Namen SoloDuo-Festival NRW and friends aus, das gleichzeitig einen Wettbewerb darstellt. 2008 gründete der Verein den Ableger von SzólóDuó in Budapest, nachdem man sich auf der Tanzmesse NRW kennengelernt hatte. Seither dürfen die Kölner Gewinner an der Endrunde des Wettbewerbs in Ungarn teilnehmen. Um die Gewinner zu ermitteln, hat die Künstlerische Leitung von Barnes Crossing aus 80 Choreografien 20 ausgewählt, die dieser Tage antreten, um den besten Solisten, das beste Duo und dasselbe auf Nachwuchs-Ebene untereinander auszumachen. Eine rein weiblich besetzte, gerade mal dreiköpfige Jury entscheidet darüber, wer es bis nach Budapest schafft. Transparenz in der Entscheidungsfindung ist hier genauso wenig vorhanden wie die Geschlechterneutralität. Damit ist dieser Wettbewerb einer von vielen, die sich selbst ad absurdum führen und über die es deshalb nicht zu berichten lohnt.
Gleichwohl wird mit dem Festival eine Leistungsschau geboten, die andere Fragen beantwortet. Und die mögen durchaus weiterführen als die nach einem Wettbewerbsgewinner. Viel interessanter ist doch, wie die Jugend sich entwickelt. Und da gibt es hier, obwohl rigide Bedingungen natürlich nur für eine eingeschränkte Übersicht sorgen – die Teilnehmer haben nur sechs Minuten als Solisten und neun Minuten als Duo zur Verfügung – Antworten. Die vielleicht interessanteste Erkenntnis ist die der fehlenden nationalen Unterschiede. So divers die an zwei Abenden gezeigten 20 Aufführungen ausgeprägt sind, so wenig könnte man bei auch nur einer Produktion sagen, sie sei typisch deutsch, spanisch oder kongolesisch. In Zeiten, in denen der Rechtspopulismus um sich greift, ist das ein erfreulicher Befund. Mindestens ebenso beglückend zeigt sich bei dem Festival die kulturelle Vielfalt, die die Menschen über alle Grenzen hinweg verbindet. Und wo Ilona Pászthy, Künstlerische Leiterin des Festivals, nicht müde wird zu betonen, aus welchem Land eine Choreografie stammt, sind doch diese Herkunftsbezeichnungen längst überflüssig wie ein Kropf.
Altbewährtes auch bei den Jungen
Und es gibt ihn noch: Den „herkömmlichen“ zeitgenössischen Tanz, der versucht, Recherche in Bewegungsmaterial umzusetzen. Ann Sofie B. Cleveland legt mit X2 eine eher durchschnittliche Choreografie vor und lässt Vincent Johnsson und Lukas Rachy zur Eröffnung des Festivals zum Thema der Zahl acht tanzen. Das sieht zwischenzeitlich schon mal eher wie eine Kampfsport-Einlage aus, aber die acht bleibt erkennbar. Deutlich stärker kommt da schon Adrián Castellós Imne daher, das er selbst mit Erik Constantin tanzt. Sehr viel tänzerischer, handwerklich vor allem in den synchronen Phasen gut gemacht und ins rechte Licht gesetzt. Etwas dünn erscheint dagegen Elisabeth Kindler-Abalis Wunden jucken, wenn sie heilen. Um die Schönheit von Lügen und die Brutalität von Wahrheiten dreht sich die Choreografie von Suhaee Abro, die sie mit Lucia Moretti vertanzt. Das will so recht nicht zusammenpassen, und so wird es ein Tanz der Gegensätzlichkeiten mit orientalischen Verzierungen, den die beiden Künstlerinnen publikumswirksam umsetzen. In Love in times of uncertainty two of two zeigt Isabel Cuesta mit ihrem Partner Simone Salvaggio, einen Beziehungskampf, der das Publikum eher etwas ratlos zurücklässt. Nicht viel anders verhält es sich mit dem Stück Brut‑e, französisch für roh oder unbearbeitet, in dem sich Maxim Campistron und Angélique Verger mit einer Beziehung auseinandersetzen. Trotz guter Einfälle in den Figuren wirkt die Körpersprache ganz so, wie das Werk benannt ist. Ebenfalls um eine Beziehung geht es in Je viens du deux, in dem sich Choreografin Dorine Aguilar und ihr Partner Guillaume Chan Ton in einen leichtfüßigen Dialog begeben, der durch zeitgenössische Musik, Jazz und Hip-Hop zaghaft beflügelt wird. Wenig Erhellendes bietet Bärbel Stenzenberger, wenn sie augenHÖHE von Erik Constantin und Olaf Reinecke vertanzen lässt.
Dass der zeitgenössische Tanz auch immer dazu dient, Geschichten zu erzählen, setzen die einen in der Abstraktion der Körpersprache um, andere werden da viel konkreter, vielleicht sogar zu konkret. Ein Beispiel dafür liefern Minju Kim und Birte Lüderitz mit ihrer Choreografie Salon, die mit Frisierumhängen und Scheren auch den letzten verstehen lassen, dass es sich hier um einen Frisiersalon mit all seinen kommunikativen Schwierigkeiten handelt. Da wird fleißig getratscht, dem Haar und seiner Länge die nötige Bedeutung beigemessen, nur im Tanz Zurückhaltung geübt. Noch besser kann das Kenji Shinohe, der sich Gedanken um das R macht. Zu Evergreens gibt es eine kurze, dafür wilde Tanzeinlage, Schattenspiele und bei Singing in the Rain dürfen dann die Finger auf der Tischplatte die grandiose Choreografie von Gene Kelly nachahmen. Das hat Witz und Charme, ebenso wie die beiden Friseurinnen, vermittelt aber nicht mehr eine tiefergehende Auseinandersetzung, sondern gerät gefährlich nah an die komödiantische Unterhaltung. Sehr plakativ gerät auch die Botschaft von Baidy Ba, der mit Illegal Immigration partout seine Botschaft übermitteln will, dass Flüchtlinge aufhören sollen, sich in Lebensgefahr zu bringen, und lieber im eigenen Land am Wiederaufbau arbeiten sollen. Vor lauter Radio- und Videoeinspielungen gerät der Tänzer nahezu vollständig in den Hintergrund. Er ist einer der beiden Teilnehmer, die eigens aus Afrika zum Festival angereist sind. Der andere ist Nicolas Moumbounou, der sehr kraftvoll leidend zu Heimatklängen in Asche versinkt, ehe die reinigende Kraft des Wassers zu einem guten Ausgang des Stückes Shading führt. Yotam Peled gelingt mit seinem Selbstporträt Boys don’t cry im Fußballdress und starken athletischen Einlagen ebenfalls, den Tanz im Mittelpunkt seiner Erzählung zu halten.
Erotische Ausstrahlung bleibt Mangelware

Zeitgenössischer Tanz beschäftigt sich seit alters her immer auch mit erotischer Ausstrahlung und Nacktheit. Während man nach dieser besonderen Ausstrahlung bei sehr vielen Teilnehmern des Festivals vergeblich sucht – Männer, die durch die Bank weg in Jeans und T‑Shirt auftreten, Ausnahmen bestätigen die Regel – setzen einige Tänzerinnen bewusst das Mittel der Nacktheit in ihren Choreografien ein. Wie schwierig es ist, abseits des Voyeuristischen einen passenden Effekt zu erzielen, zeigen auch die Teilnehmerinnen des Festivals. Sehr offensiv geht Sophie Killer in der Choreografie Der Weg zum Ziel, die sie gemeinsam mit Thalia Killer entwickelt hat, an die Sache heran, indem sie im Overall auftritt und schließlich ihr T‑Shirt zerreißt, um mit entblößten Brüsten zum Ziel zu kommen. Das wirkt in den Bewegungsabläufen noch nicht ausreichend verinnerlicht, so dass ein Teil des Effekts verpufft, funktioniert aber gut in der Idee. Zieht euch was an und macht Licht, damit wir euch sehen können, möchte man hingegen Djamila Polo und Antonia Bischof zurufen, die nur mit Slips bekleidet auf die Bühne kommen und so etwas wie bewegliche Installationen zeigen, in denen zwei Körper zu einem Himmelskörper verschmelzen wollen. Schamerfüllt dümpelt dabei Schwarzlicht vor sich hin. Da überzeugen Sooyeon Kim und Rosa Maria Masiá Ricart schon eher, die es originell bei Andeutungen mit entblößten Oberkörpern in hinreichender Beleuchtung belassen. Während Kim bei More than a flesh in der Hocke bleibt und ihr langes Haupthaar vor dem Körper ausbreitet, zeigt Ricart in Invisible diva ein raffiniertes Spiel mit einem knöchellangen Kleid. Einen ganz anderen Weg geht Carmen Larraz, die zu einer Dia-Show mit Fotos einer Tänzerin, die nur mit einem Rock bekleidet ist, ihren Auftritt Transoceanica zelebriert. Hier überzeugt aber letztlich mehr die schon poetische Qualität der Schwarzweiß-Fotos.
Nackte Haut hin oder her. Am eindrucksvollsten in diesem Festival präsentieren sich weniger die „Nackttänzer“ als die, bei denen die besten Einfälle in der Bewegungssprache zu erkennen sind, die Witz und Fantasie ausstrahlen und die auch handwerklich voll und ganz überzeugen. Da sind Martin Shultz und Seth Buckley, die in dem Stück Let’s duet von Shultz die Bewegungen von Figuren eines antiquierten Computerspiels den Posen von Jägern gegenüberstellen. Mit der passenden Musik und einfachen, aber eindrucksvollen Lichtwechseln begeistern sie zu Recht das Publikum. Ebenso wie Leila Ka, die in ihrer kleinen Zauberei Pode ser mit großartiger „Handarbeit“ zeigt, dass es immer noch neue Bewegungsmuster zu entdecken gilt.
Am Sonntagmittag erfolgt die Bekanntgabe der Gewinner des so genannten Wettbewerbs. Danach hat die Jury augenHÖHE als bestes Duo, Pode ser als bestes Solo auserkoren. Der beste Nachwuchs-Solist wird Kenji Shinohe, das beste Nachwuchs-Duo Brut‑e. Als beste Tänzerinnen werden Djamila Polo und Antonia Bischof mit Himmelskörper geehrt. Die Publikumspreise gehen an Pode ser, Himmelskörper, Invisible diva und augenHÖHE. Alle Preisträger, die die Jury ausgewählt hat, sind zum Budapester SzólóDuó Táncfesztivál im Januar kommenden Jahres eingeladen.
Insgesamt präsentiert sich das Festival in seinem zehnten Jahrgang frisch, immer wieder abwechslungsreich und mit künstlerischen Weiterentwicklungen, die über den Tag hinausreichen. Das ist erfreulich auch dann, wenn vor allem in organisatorischer Hinsicht noch eine Menge Wünsche offenbleiben. Dass beide Veranstaltungen mit über 20-minütiger Verspätung beginnen, in der die Besucher vor verschlossenen Türen in einem stickigen Vorraum warten müssen, spricht ebenso wenig für die Organisation wie der lapidare Hinweis, dass das Café nebenan noch geöffnet habe. Hier wäre ein wenig mehr Einfallsreichtum, was Gastfreundlichkeit und Dialogförderung angeht, angebracht. Und so schön eine Moderation auch sein kann: Was Ilona Pászthy und für die englische Übersetzung Emily Welther mit schlecht vorbereiteten und abgelesenen Standardtexten, die stotternd, aber lustlos dahingehaucht werden, abliefern, kann man am Ende des zweiten Abends kaum mehr ertragen. Bedauerlich, weil es einer inhaltlich überzeugenden Veranstaltung mehr schadet als nutzt.
Michael S. Zerban