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Foto © O-Ton

Hauptsache frische Waffeln

In den letzten Jahren hatte sich das Zentrum für Alte Musik in Köln fest in der Wahrnehmung der Bürger verankern können. Insbe­sondere das Fest für Alte Musik, das das Zamus alljährlich ausrichtete, sorgte zuletzt für überre­gionale Bekanntheit. Nach einigen Perso­nal­wechseln ist weitgehend Ruhe einge­kehrt. Da könnte ein Sommerfest für einen kommu­ni­ka­tiven Aufschwung sorgen. Am 18. August war es so weit.

Anna Herbst und Johannes Rake – Foto © O‑Ton

Vor acht Jahren wurde die Kölner Gesell­schaft für Alte Musik (KGAM) gegründet. Eine gute Idee, gehört doch die Kölner Alte-Musik-Szene zu den rührigsten überhaupt, und da kann ein Netzwerk wahrhaftig nicht schaden. Mittler­weile verfügt der einge­tragene Verein nach eigenen Angaben über 150 Mitglieder. Das sind Einzel­per­sonen oder Ensembles. Die Idee war im Grunde ein Lobby-Verein für Menschen, die sich der so genannten Alten Musik verschrieben haben. Also Sänger, Instru­men­ta­listen oder auch einfach Menschen, die Klängen vom Mittel­alter bis zur Spätro­mantik Beson­deres abgewinnen können.

Als äußeres Zeichen ihrer Existenz betreibt die KGAM das Zentrum für Alte Musik, kurz Zamus, im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Das Gebäude in der Helios­straße dient keinen reprä­sen­ta­tiven Zwecken, sondern ist ein Arbeitsort mit Proben- und Büroräumen. Zweck­mäßig, wenn man will: alter­nativ, aber weit von jeder Gentri­fi­zierung entfernt. Die Graffiti-Dichte in der Straße spricht Bände. Egal, wenn nicht löblich. Preis­werte Proben­räume in exklu­siven Villen­vierteln sind seit jeher eher selten.

Wird ein solcher Verein gegründet, hat er in erster Linie eine Aufgabe: Öffent­lich­keits­arbeit. Und so wurde vom Zamus das Fest für Alte Musik in Köln ausge­rufen. Eine grandiose Idee. Thomas Höft entwi­ckelte das Festival ab 2012 zu einem überre­gio­nalen Erfolgsfall, dass der Vorstand des KGAM offenbar Angst vor der eigenen Courage bekam. 2017 wurde Höft in die Wüste geschickt – und seitdem ruckelt es bei KGAM und Zamus. Inzwi­schen ist Mélanie Froehly als Geschäfts­füh­rerin von einem komplett neuen Vorstand berufen, und das Fest für Alte Musik soll der Musiker Ira Givol im nächsten Frühjahr stemmen.

Eine weitere Idee der Öffent­lich­keits­arbeit war die Einführung eines Sommer­festes, also eines Tages der offenen Tür. Das ist ein großar­tiges PR-Instrument, wenn man es richtig zu nutzen weiß. Verschiedene Zielgruppen werden angesprochen, Vertrauen wird in persön­lichen Gesprächen aufgebaut und die feier­liche Situation sorgt für die Erinnerung über den Tag hinaus. Es gibt keinen seriösen PR-Berater, der einer Insti­tution von einer solchen Veran­staltung abriete. Und tatsächlich ist das Sommerfest des Zamus vor zwei Jahren noch in guter Erinnerung. Aufre­gende Auffüh­rungen, visionäre Ideen und großartige Musik aus allen Ecken und Kanten. Als Bonus gab es noch den Grill­abend auf der Dachterrasse.

Dass der Grill­abend in diesem Jahr ausfällt, ist wirklich nicht von den Veran­staltern verschuldet. Denn trotz allen Klima­terrors gibt es auch in Köln einen ganz normalen Sommer – und da sind die Tempe­ra­turen eher niedrig, und der Sonntag ist ganz einfach verregnet. Deswegen aller­dings fällt der Tag der offenen Tür nicht ins Wasser. Statt Grill­geruch auf der Dachter­rasse gibt es den Duft frisch gebackener Waffeln schon beim Betreten des Zamus. Und die Dame am Waffel­au­to­maten begrüßt einen auch gleich freundlich, wenngleich ein wenig ungelenk. Schließlich ist sie für das Backen der Waffeln verant­wortlich und nicht für das Sommerfest der Alten Musik. Das reduziert sich auf einen Seiten­flügel des Zamus. Im Flur sorgt eine Mitar­bei­terin dafür, dass Besucher sich nicht verlaufen. Und das war dann auch der letzte Kontakt zum Zamus.

Kulina­ri­scher Spaß mit Offenbach

Eglantine Latil – Foto © O‑Ton

Es gibt kein Gesamt­pro­gramm, beispiels­weise als Aufsteller am Eingang. Es gibt keine Programm­punkte, zum Beispiel auf Zetteln, die an den Eingangs­türen der Säle kleben. Es gibt auch keine Namens­kärtchen, die Mitar­beiter des Zamus kenntlich machen könnten. Zwischen kleinem und großem Probenraum gibt es eine Salatbar ohne jeden Hinweis auf das Angebot oder die Preise. Natürlich hat sich der Besucher im Vorfeld auf der Website des Zamus infor­miert. Das Problem: Außer einigen rudimen­tären Programm­punkten ist auch dort nicht viel zu erfahren. Entschärft wird die Null-Kommu­ni­kation durch die räumliche Enge. Es ist praktisch kaum möglich, einen der zahlreichen Kurzauf­tritte zu verpassen.

So versammeln sich die wenigen Besucher pünktlich und vollständig, um einen der Höhepunkte des Tages zu erleben. Gemeinsam mit Johannes Rake am Cembalo präsen­tiert Sopra­nistin Anna Herbst im nachemp­fun­denen Barock-Kleid eine kulina­rische Rundreise in Form von Liedern Jacques Offen­bachs. Mit viel Witz und Charme moderiert sie Schoko­laden-Strophen, Crêpes-Reigen, die Strophen vom Tee wie auch das deftige Lied von der verbo­tenen Frucht. Lieder, die sie selbst­ver­ständlich auch mit leichter Duftigkeit und Humor vorträgt. Rake hat sich für diesen Tag gar noch etwas ganz Beson­deres einfallen lassen und sein Cembalo mitge­bracht, wie er erzählt. Ein überdi­men­sio­nales Instrument mit 16-Fuß-Register, das beim Publikum einiges techni­sches Interesse weckt. Zum Abschluss trägt Herbst noch Moralità amorosa – die Liebes­moral – von Barbara Strozzi vor. Damit weist sie auf die Veran­staltung Battling Barbara hin, ein barocker Poetry-Slam, der am 6. November in der Kölner Südstadt aufge­führt wird. Der Werbe­block verpufft vor halbleeren Stuhl­reihen im großen Saal. Bei dieser Gelegenheit fragt man sich, wo eigentlich die 150 Mitglieder der KGAM an diesem Tag sind.

Ebenfalls mit einem Augen­zwinkern hält François Thomas einen Vortrag über die histo­rische Auffüh­rungs­praxis, der mit Zitaten von Brecht, Harnon­court und Nietzsche gespickt ist, ehe er mit einem Goethe-Gedicht schließt. Dass sich der Vortrag eher an ein Fachpu­blikum richtet, spielt bei der Zahl der anwesenden Gäste dann auch keine Rolle mehr. Einge­flochten in den Vortrag spielt Eglantine Latil die Erste Suite für Solo-Cello von Johann Sebastian Bach. Da ist er also wieder, der Gottvater der Alten Musik.

Aber ehe es zu getragen wird, sorgt die Tochter von Cécile Dorchêne, Vorstands­mit­glied der KGAM, für einen Riesenspaß. Während ihre Mutter mit einer Kollegin Geigen-Duette von Charles-Auguste de Bériot, einem Kompo­nisten des 19. Jahrhun­derts, intoniert, entscheidet sich das Töchterchen nicht nur, auf der Bühne zwischen den beiden Geige­rinnen zu tanzen, sondern auch andere Leute einzu­laden, ihr zu folgen. Herrlich! So muss ein Famili­enfest aussehen.

„Klassische Konzerte können sehr langweilig sein“

Für den Abend ist Ungewöhn­liches vorge­sehen. Eine Jam-Session der Alten Musik. Zuvor stellt Norbert Roden­kirchen, Vorstands­mit­glied der KGAM, den Menschen vor, der das Fest für Alte Musik im kommenden Jahr künst­le­risch leiten soll – nicht ohne den Hinweis, dass das Festival nur eine von vielen Aktivi­täten des Zamus sei. Der präsen­tiert sich erst mal mit einer Probe seines eigent­lichen Berufes. Es ist der Cellist Ira Givol, der mit selbst­kom­po­nierten Bach-Varia­tionen antritt. Und damit auch gleich eine seiner Ideen für das kommende Alte-Musik-Fest ankündigt. „Klassische Konzerte können sehr langweilig sein“, sagt er und denkt über alter­native Formen nach. Was, wenn in einem Konzert Alte Musik und zeitge­nös­sische Kompo­si­tionen gemischt würden, ohne es dem Publikum im Vorfeld mitzu­teilen, fragt Givol sinngemäß. Nun, es entspräche in etwa der Kommu­ni­kation des heutigen Nachmittags, möchte man meinen. Auch das Versprechen von Überra­schungen wird vom Publikum eher missmutig hinge­nommen. Wenn ein gutes halbes Jahr vor einem Festival nicht mehr feststeht, als dass es „überra­schend“ wird, ist das kein Quali­täts­ver­sprechen, sondern besten­falls falsch­ver­standene Kommunikation.

Während sich auf der Bühne die Musiker versammeln, die tagsüber in Einzel­auf­füh­rungen zu erleben waren, um gemeinsam zu spielen und über einem Grund­rhythmus zu impro­vi­sieren, bleibt als Gesamt­ein­druck fehlende Profes­sio­na­lität in der Arbeit von Zamus und KGAM zurück. Im kommenden Halbjahr werden beide beweisen müssen, ob sie, wie in der Vergan­genheit gezeigt, in der Lage sind, neue Impulse in der Alten Musik zu setzen, oder das Zamus als Vermiet­station für Seminar- und Proben­räume in der Bedeu­tungs­lo­sigkeit verschwindet.

Michael S. Zerban

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