O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
In den letzten Jahren hatte sich das Zentrum für Alte Musik in Köln fest in der Wahrnehmung der Bürger verankern können. Insbesondere das Fest für Alte Musik, das das Zamus alljährlich ausrichtete, sorgte zuletzt für überregionale Bekanntheit. Nach einigen Personalwechseln ist weitgehend Ruhe eingekehrt. Da könnte ein Sommerfest für einen kommunikativen Aufschwung sorgen. Am 18. August war es so weit.

Vor acht Jahren wurde die Kölner Gesellschaft für Alte Musik (KGAM) gegründet. Eine gute Idee, gehört doch die Kölner Alte-Musik-Szene zu den rührigsten überhaupt, und da kann ein Netzwerk wahrhaftig nicht schaden. Mittlerweile verfügt der eingetragene Verein nach eigenen Angaben über 150 Mitglieder. Das sind Einzelpersonen oder Ensembles. Die Idee war im Grunde ein Lobby-Verein für Menschen, die sich der so genannten Alten Musik verschrieben haben. Also Sänger, Instrumentalisten oder auch einfach Menschen, die Klängen vom Mittelalter bis zur Spätromantik Besonderes abgewinnen können.
Als äußeres Zeichen ihrer Existenz betreibt die KGAM das Zentrum für Alte Musik, kurz Zamus, im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Das Gebäude in der Heliosstraße dient keinen repräsentativen Zwecken, sondern ist ein Arbeitsort mit Proben- und Büroräumen. Zweckmäßig, wenn man will: alternativ, aber weit von jeder Gentrifizierung entfernt. Die Graffiti-Dichte in der Straße spricht Bände. Egal, wenn nicht löblich. Preiswerte Probenräume in exklusiven Villenvierteln sind seit jeher eher selten.
Wird ein solcher Verein gegründet, hat er in erster Linie eine Aufgabe: Öffentlichkeitsarbeit. Und so wurde vom Zamus das Fest für Alte Musik in Köln ausgerufen. Eine grandiose Idee. Thomas Höft entwickelte das Festival ab 2012 zu einem überregionalen Erfolgsfall, dass der Vorstand des KGAM offenbar Angst vor der eigenen Courage bekam. 2017 wurde Höft in die Wüste geschickt – und seitdem ruckelt es bei KGAM und Zamus. Inzwischen ist Mélanie Froehly als Geschäftsführerin von einem komplett neuen Vorstand berufen, und das Fest für Alte Musik soll der Musiker Ira Givol im nächsten Frühjahr stemmen.
Eine weitere Idee der Öffentlichkeitsarbeit war die Einführung eines Sommerfestes, also eines Tages der offenen Tür. Das ist ein großartiges PR-Instrument, wenn man es richtig zu nutzen weiß. Verschiedene Zielgruppen werden angesprochen, Vertrauen wird in persönlichen Gesprächen aufgebaut und die feierliche Situation sorgt für die Erinnerung über den Tag hinaus. Es gibt keinen seriösen PR-Berater, der einer Institution von einer solchen Veranstaltung abriete. Und tatsächlich ist das Sommerfest des Zamus vor zwei Jahren noch in guter Erinnerung. Aufregende Aufführungen, visionäre Ideen und großartige Musik aus allen Ecken und Kanten. Als Bonus gab es noch den Grillabend auf der Dachterrasse.
Dass der Grillabend in diesem Jahr ausfällt, ist wirklich nicht von den Veranstaltern verschuldet. Denn trotz allen Klimaterrors gibt es auch in Köln einen ganz normalen Sommer – und da sind die Temperaturen eher niedrig, und der Sonntag ist ganz einfach verregnet. Deswegen allerdings fällt der Tag der offenen Tür nicht ins Wasser. Statt Grillgeruch auf der Dachterrasse gibt es den Duft frisch gebackener Waffeln schon beim Betreten des Zamus. Und die Dame am Waffelautomaten begrüßt einen auch gleich freundlich, wenngleich ein wenig ungelenk. Schließlich ist sie für das Backen der Waffeln verantwortlich und nicht für das Sommerfest der Alten Musik. Das reduziert sich auf einen Seitenflügel des Zamus. Im Flur sorgt eine Mitarbeiterin dafür, dass Besucher sich nicht verlaufen. Und das war dann auch der letzte Kontakt zum Zamus.
Kulinarischer Spaß mit Offenbach

Es gibt kein Gesamtprogramm, beispielsweise als Aufsteller am Eingang. Es gibt keine Programmpunkte, zum Beispiel auf Zetteln, die an den Eingangstüren der Säle kleben. Es gibt auch keine Namenskärtchen, die Mitarbeiter des Zamus kenntlich machen könnten. Zwischen kleinem und großem Probenraum gibt es eine Salatbar ohne jeden Hinweis auf das Angebot oder die Preise. Natürlich hat sich der Besucher im Vorfeld auf der Website des Zamus informiert. Das Problem: Außer einigen rudimentären Programmpunkten ist auch dort nicht viel zu erfahren. Entschärft wird die Null-Kommunikation durch die räumliche Enge. Es ist praktisch kaum möglich, einen der zahlreichen Kurzauftritte zu verpassen.
So versammeln sich die wenigen Besucher pünktlich und vollständig, um einen der Höhepunkte des Tages zu erleben. Gemeinsam mit Johannes Rake am Cembalo präsentiert Sopranistin Anna Herbst im nachempfundenen Barock-Kleid eine kulinarische Rundreise in Form von Liedern Jacques Offenbachs. Mit viel Witz und Charme moderiert sie Schokoladen-Strophen, Crêpes-Reigen, die Strophen vom Tee wie auch das deftige Lied von der verbotenen Frucht. Lieder, die sie selbstverständlich auch mit leichter Duftigkeit und Humor vorträgt. Rake hat sich für diesen Tag gar noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen und sein Cembalo mitgebracht, wie er erzählt. Ein überdimensionales Instrument mit 16-Fuß-Register, das beim Publikum einiges technisches Interesse weckt. Zum Abschluss trägt Herbst noch Moralità amorosa – die Liebesmoral – von Barbara Strozzi vor. Damit weist sie auf die Veranstaltung Battling Barbara hin, ein barocker Poetry-Slam, der am 6. November in der Kölner Südstadt aufgeführt wird. Der Werbeblock verpufft vor halbleeren Stuhlreihen im großen Saal. Bei dieser Gelegenheit fragt man sich, wo eigentlich die 150 Mitglieder der KGAM an diesem Tag sind.
Ebenfalls mit einem Augenzwinkern hält François Thomas einen Vortrag über die historische Aufführungspraxis, der mit Zitaten von Brecht, Harnoncourt und Nietzsche gespickt ist, ehe er mit einem Goethe-Gedicht schließt. Dass sich der Vortrag eher an ein Fachpublikum richtet, spielt bei der Zahl der anwesenden Gäste dann auch keine Rolle mehr. Eingeflochten in den Vortrag spielt Eglantine Latil die Erste Suite für Solo-Cello von Johann Sebastian Bach. Da ist er also wieder, der Gottvater der Alten Musik.
Aber ehe es zu getragen wird, sorgt die Tochter von Cécile Dorchêne, Vorstandsmitglied der KGAM, für einen Riesenspaß. Während ihre Mutter mit einer Kollegin Geigen-Duette von Charles-Auguste de Bériot, einem Komponisten des 19. Jahrhunderts, intoniert, entscheidet sich das Töchterchen nicht nur, auf der Bühne zwischen den beiden Geigerinnen zu tanzen, sondern auch andere Leute einzuladen, ihr zu folgen. Herrlich! So muss ein Familienfest aussehen.
„Klassische Konzerte können sehr langweilig sein“
Für den Abend ist Ungewöhnliches vorgesehen. Eine Jam-Session der Alten Musik. Zuvor stellt Norbert Rodenkirchen, Vorstandsmitglied der KGAM, den Menschen vor, der das Fest für Alte Musik im kommenden Jahr künstlerisch leiten soll – nicht ohne den Hinweis, dass das Festival nur eine von vielen Aktivitäten des Zamus sei. Der präsentiert sich erst mal mit einer Probe seines eigentlichen Berufes. Es ist der Cellist Ira Givol, der mit selbstkomponierten Bach-Variationen antritt. Und damit auch gleich eine seiner Ideen für das kommende Alte-Musik-Fest ankündigt. „Klassische Konzerte können sehr langweilig sein“, sagt er und denkt über alternative Formen nach. Was, wenn in einem Konzert Alte Musik und zeitgenössische Kompositionen gemischt würden, ohne es dem Publikum im Vorfeld mitzuteilen, fragt Givol sinngemäß. Nun, es entspräche in etwa der Kommunikation des heutigen Nachmittags, möchte man meinen. Auch das Versprechen von Überraschungen wird vom Publikum eher missmutig hingenommen. Wenn ein gutes halbes Jahr vor einem Festival nicht mehr feststeht, als dass es „überraschend“ wird, ist das kein Qualitätsversprechen, sondern bestenfalls falschverstandene Kommunikation.
Während sich auf der Bühne die Musiker versammeln, die tagsüber in Einzelaufführungen zu erleben waren, um gemeinsam zu spielen und über einem Grundrhythmus zu improvisieren, bleibt als Gesamteindruck fehlende Professionalität in der Arbeit von Zamus und KGAM zurück. Im kommenden Halbjahr werden beide beweisen müssen, ob sie, wie in der Vergangenheit gezeigt, in der Lage sind, neue Impulse in der Alten Musik zu setzen, oder das Zamus als Vermietstation für Seminar- und Probenräume in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Michael S. Zerban