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Foto © Claudia Heysel

Moderner Komponist und Aufklärer

Unter dem Motto „Was sind Grenzen?“ findet in diesem Jahr zum 28. Mal das Kurt-Weill-Fest in Dessau-Roßlau statt. Unter Leitung des neuen Inten­danten Jan Henric Bogen soll in Sachsen-Anhalt eine Reflektion über Grenzen und ihre Folgen statt­finden. Vorerst stehen intel­li­gente Unter­hal­tungs­formate im Vordergrund.

Martina Gedeck – Foto © Sebastian Gündel

Einige der Zahlen, die Thomas Markworth, Präsident der Kurt-Weill-Gesell­schaft, auf der Presse­kon­ferenz zur Eröffnung des 28. Kurt-Weill-Festes in Dessau den Journa­listen präsen­tiert, machen schon deutlich, dass es kaum möglich ist, alle über 60 Auffüh­rungen, Präsen­ta­tionen, Ausstel­lungen und Perfor­mances an den über 20 Veran­stal­tungs­orten zu besuchen und darüber im Detail zu berichten. Von zahlreichen kleinen Formaten über Kopro­duk­tionen bis zu eigenen Festival-Auffüh­rungen bieten die diesjäh­rigen Festspiele einen bunten, vielfäl­tigen, mal unter­hal­tenden, mal histo­ri­schen , mal aufklä­re­ri­schen Schwer­punkt zur Kurt-Weill-Biografie, seinem musika­li­schen Schaffen und seinen Einflüssen auf die Musik­ent­wicklung der 1920-er und 30-er Jahre in Europa. Die Vielfalt seines Schaffens und die Einflüsse auf die Musik­kultur vieler Nachbar­kul­turen dürften einige der Merkmale des diesjäh­rigen Programms unter der Leitung des neuen Inten­danten Jan Henric Bogen sein, mit denen eine junge Generation die Kurt-Weill-Tradition übernimmt. Rund 650 Künstler aus vielen Ländern, darunter bekannte Namen wie Rolando Villazón, Thomas Quasthoff, Tim Fischer, Barrie Kosky, Martina Gedeck, The Airport Society, und das MDR-Sinfo­nie­or­chester garan­tieren ein unter­halt­sames, qualifizierte,s inter­na­tio­nales Programm.

Nach dem unver­meid­lichen, eher förmlichen Festakt der Eröffnung am 28. Februar gelingt schon am zweiten Tag dem Bühnen-Allrounder Barrie Kosky und den beiden Sänge­rinnen Helene Schnei­derman, Mezzo­sopran, und Alma Sadé, Sopran, ein brillanter, unter­halt­samer und infor­ma­ti­ons­reicher Nachmittag mit dem jiddi­schen Titel Farges mikh nit, also:  Vergiss mich nicht. Kosky, inter­na­tional gefragter Bühnen­vir­tuose und seit 2019 Intendant und Chefre­gisseur der Komischen Oper Berlin, ist mit Weills Musik bestens vertraut. Ihm ist es offen­sichtlich ein auch biogra­fisch bedingtes Bedürfnis, seine Zuhörer auf die vielfäl­tigen Wurzeln und Einflüsse der Weill­schen Musik aufmerksam zu machen und besonders ihre jüdischen Elemente in Erinnerung zu rufen. Ob die vergessene jiddische Operette mit ihrer mitrei­ßenden Komik und berüh­renden Melan­cholie oder die bissig-urkomi­schen Witze über die jüdische „Mame“ aus dem Schtetl und deren doppel­deu­tiges Verhältnis zu ihren über alles geliebten Kindern oder den oft verfluchten Rotznasen: Kosky gibt in lockerem Confé­rence-Ton spannende Infor­ma­tionen weiter und begleitet als Pianist – beinahe beiläufig – die oft jiddi­schen Lieder, die Schnei­derman  und Sadé mal emotional-weich und wehmütig, mal frech und rhyth­misch als akzen­tu­iertes  Couplet oder Lied der Volks­musik präsentieren.

Die zahlreichen Verbin­dungen der Weill­schen Musik zu Nachbar­kul­turen, besonders aber ihre Verbindung zur jiddi­schen Musik sind ein Grund für Festspiel-Beiträge aus Nachbar­ländern wie Polen, Ungarn, Öster­reich und Tsche­chien. So klingen in Leoš Janáčeks Oper Die Sache Makro­pulos manche Töne Weill-vertraut, auch wenn das von Janáček selbst geschriebene Libretto den Anspruch an eine Oper nicht zu erfüllen vermag. Dazu fehlen der Geschichte um das für den König gedachte Lebens­elixier, das dem Monarchen endlich das ersehnte und verspro­chene Ewige Leben bringen soll, doch die überzeu­genden drama­ti­schen Elemente. Das wird bei der Aufführung selbst deutlich, wenn Jakob Peters-Messers Insze­nierung endlich nach der Pause ein wenig Fahrt aufnimmt und die insgesamt überzeu­genden  Stimmen, vor allem die von Iordanka Derilova, etwas Opern­stimmung aufkommen lassen. Die Anhal­tiner Philhar­mo­niker unter der bewährten Leitung von Markus L. Frank tragen dazu bei, dass Weills musika­lische Klänge durchaus ein modernes Gewand erhalten, wofür sich das in der Pause noch sehr zurück­hal­tende Publikum begeistert bedankt.

Am 2. März richten die Festspiele die Aufmerk­samkeit der Besucher auf einen musika­li­schen Zeitge­nossen Weills, auf George Gershwin und seine Musik. Auch hier bilden die gemeinsame Vergan­genheit aus jüdischen Familien und der Kultur das Binde­glied, das den hoch begabten jungen Jacob Gershovitz, Sohn einer russisch-jüdischen Immigran­ten­fa­milie, mit dem Musiker Weill verbindet. Schnell machen die Ameri­kaner aus diesem Namen die ameri­ka­ni­sierte Form George Gershwin, unter der er seine ersten Lieder und Songs für Musical schreibt und schließlich mit seiner eigenen Oper Porgy and Bess und seinem Welthit Rhapsody in Blue  Bühnen und Clubs erobert. Dieses an Anekdoten und verrückten Ereig­nissen prall gefüllte Künst­ler­leben in den wilden 20-ern und 30-ern New Yorks stellt Martina Gedeck erzählend und in knappen Gesten vor. In eher kühlem Ton, ohne scharfe Akzente, aber konzen­triert und bewegend berichtet sie aus dem Leben dieses Empor­kömm­lings,  der schließlich  mit musika­li­schen Größen seiner Zeit, unter anderem mit Irving Berlin,  Jerome Kern und auf einer Europa­reise auch mit Igor Strawinsky engen Kontakt pflegt. Zahlreiche Weltstars des neuen Mediums Film wie Barbara Streisand, Ella Fitzgerald und Frank Sinatra werden unter anderem mit Gershwin-Songs populär. Sebastian Knauer am Piano gelingt es, mit viel Feingefühl den neuen Gershwin-Sound in Dessau zum Klingen zu bringen, er zeigt sich als Meister der Inter­pre­tation Gershwins. Da klingen nicht mehr die 20-Jahre-Schlager von Charleston, Shimmy, Black Bottom oder Lindy Hop im Hinter­grund, da machen sich Rhythmen und Akkorde der neuen „Schwarzen Musik“ breit und führen die Zuhörer in eine neue, ebenso berüh­rende Romantik anderer Art mit Klängen wie  It´s wonderful, Lady be Good, Swanee river oder Summertime.  Dass die begeis­terten Zuhörer nach dem inter­na­tio­nalen Hit Rhapsody in Blue mit seinen unver­kenn­baren Eröff­nungs­ak­korden den Pianisten Sebastian Knauer und Martina Gedeck noch nicht gehen lassen, versteht sich von selbst. Die Zuhörer erfahren ein sehr dichtes, musika­lisch einfühlsam beglei­tetes und illus­triertes Bild eines Erneuerers der Musik, das sie in lockerer Stimmung, noch ein wenig träumend aus der Illusion entlässt – ein sehr gelun­gener Abend.

Natürlich erwarten die Besucher eines Kurt-Weill-Festes neben der eher leichten Kost, die Weill für Cabarets und Clubs kompo­niert, wenigstens eine Produktion der größeren Werke, mit denen Weill bekannt geworden ist, etwa die Dreigro­schenoper, den Aufstieg und Untergang der Stadt Mahagonny oder auch die erste „schwarze Oper“ Porgy and Bess. Doch die hier bespro­chenen „kleineren Formate“ zeigen, dass Qualität und Ausdrucks­kraft nicht nur von der Größe, dem Aufwand einer Produktion oder der Anzahl der betei­ligten Personen abhängen. Farges mikh nit ebenso wie American Dream bestä­tigen ein weiteres Mal, dass auch kleinere Formate als bunte Mosaik­steine die Gesamt­farbe, den Gesamt­ein­druck eines Festspiel­pro­gramms wesentlich mitbe­stimmen – zur Freude der begeis­terten Zuschauer.

Horst Dichanz

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