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Unter dem Motto „Was sind Grenzen?“ findet in diesem Jahr zum 28. Mal das Kurt-Weill-Fest in Dessau-Roßlau statt. Unter Leitung des neuen Intendanten Jan Henric Bogen soll in Sachsen-Anhalt eine Reflektion über Grenzen und ihre Folgen stattfinden. Vorerst stehen intelligente Unterhaltungsformate im Vordergrund.

Einige der Zahlen, die Thomas Markworth, Präsident der Kurt-Weill-Gesellschaft, auf der Pressekonferenz zur Eröffnung des 28. Kurt-Weill-Festes in Dessau den Journalisten präsentiert, machen schon deutlich, dass es kaum möglich ist, alle über 60 Aufführungen, Präsentationen, Ausstellungen und Performances an den über 20 Veranstaltungsorten zu besuchen und darüber im Detail zu berichten. Von zahlreichen kleinen Formaten über Koproduktionen bis zu eigenen Festival-Aufführungen bieten die diesjährigen Festspiele einen bunten, vielfältigen, mal unterhaltenden, mal historischen , mal aufklärerischen Schwerpunkt zur Kurt-Weill-Biografie, seinem musikalischen Schaffen und seinen Einflüssen auf die Musikentwicklung der 1920-er und 30-er Jahre in Europa. Die Vielfalt seines Schaffens und die Einflüsse auf die Musikkultur vieler Nachbarkulturen dürften einige der Merkmale des diesjährigen Programms unter der Leitung des neuen Intendanten Jan Henric Bogen sein, mit denen eine junge Generation die Kurt-Weill-Tradition übernimmt. Rund 650 Künstler aus vielen Ländern, darunter bekannte Namen wie Rolando Villazón, Thomas Quasthoff, Tim Fischer, Barrie Kosky, Martina Gedeck, The Airport Society, und das MDR-Sinfonieorchester garantieren ein unterhaltsames, qualifizierte,s internationales Programm.
Nach dem unvermeidlichen, eher förmlichen Festakt der Eröffnung am 28. Februar gelingt schon am zweiten Tag dem Bühnen-Allrounder Barrie Kosky und den beiden Sängerinnen Helene Schneiderman, Mezzosopran, und Alma Sadé, Sopran, ein brillanter, unterhaltsamer und informationsreicher Nachmittag mit dem jiddischen Titel Farges mikh nit, also: Vergiss mich nicht. Kosky, international gefragter Bühnenvirtuose und seit 2019 Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, ist mit Weills Musik bestens vertraut. Ihm ist es offensichtlich ein auch biografisch bedingtes Bedürfnis, seine Zuhörer auf die vielfältigen Wurzeln und Einflüsse der Weillschen Musik aufmerksam zu machen und besonders ihre jüdischen Elemente in Erinnerung zu rufen. Ob die vergessene jiddische Operette mit ihrer mitreißenden Komik und berührenden Melancholie oder die bissig-urkomischen Witze über die jüdische „Mame“ aus dem Schtetl und deren doppeldeutiges Verhältnis zu ihren über alles geliebten Kindern oder den oft verfluchten Rotznasen: Kosky gibt in lockerem Conférence-Ton spannende Informationen weiter und begleitet als Pianist – beinahe beiläufig – die oft jiddischen Lieder, die Schneiderman und Sadé mal emotional-weich und wehmütig, mal frech und rhythmisch als akzentuiertes Couplet oder Lied der Volksmusik präsentieren.
Die zahlreichen Verbindungen der Weillschen Musik zu Nachbarkulturen, besonders aber ihre Verbindung zur jiddischen Musik sind ein Grund für Festspiel-Beiträge aus Nachbarländern wie Polen, Ungarn, Österreich und Tschechien. So klingen in Leoš Janáčeks Oper Die Sache Makropulos manche Töne Weill-vertraut, auch wenn das von Janáček selbst geschriebene Libretto den Anspruch an eine Oper nicht zu erfüllen vermag. Dazu fehlen der Geschichte um das für den König gedachte Lebenselixier, das dem Monarchen endlich das ersehnte und versprochene Ewige Leben bringen soll, doch die überzeugenden dramatischen Elemente. Das wird bei der Aufführung selbst deutlich, wenn Jakob Peters-Messers Inszenierung endlich nach der Pause ein wenig Fahrt aufnimmt und die insgesamt überzeugenden Stimmen, vor allem die von Iordanka Derilova, etwas Opernstimmung aufkommen lassen. Die Anhaltiner Philharmoniker unter der bewährten Leitung von Markus L. Frank tragen dazu bei, dass Weills musikalische Klänge durchaus ein modernes Gewand erhalten, wofür sich das in der Pause noch sehr zurückhaltende Publikum begeistert bedankt.
Am 2. März richten die Festspiele die Aufmerksamkeit der Besucher auf einen musikalischen Zeitgenossen Weills, auf George Gershwin und seine Musik. Auch hier bilden die gemeinsame Vergangenheit aus jüdischen Familien und der Kultur das Bindeglied, das den hoch begabten jungen Jacob Gershovitz, Sohn einer russisch-jüdischen Immigrantenfamilie, mit dem Musiker Weill verbindet. Schnell machen die Amerikaner aus diesem Namen die amerikanisierte Form George Gershwin, unter der er seine ersten Lieder und Songs für Musical schreibt und schließlich mit seiner eigenen Oper Porgy and Bess und seinem Welthit Rhapsody in Blue Bühnen und Clubs erobert. Dieses an Anekdoten und verrückten Ereignissen prall gefüllte Künstlerleben in den wilden 20-ern und 30-ern New Yorks stellt Martina Gedeck erzählend und in knappen Gesten vor. In eher kühlem Ton, ohne scharfe Akzente, aber konzentriert und bewegend berichtet sie aus dem Leben dieses Emporkömmlings, der schließlich mit musikalischen Größen seiner Zeit, unter anderem mit Irving Berlin, Jerome Kern und auf einer Europareise auch mit Igor Strawinsky engen Kontakt pflegt. Zahlreiche Weltstars des neuen Mediums Film wie Barbara Streisand, Ella Fitzgerald und Frank Sinatra werden unter anderem mit Gershwin-Songs populär. Sebastian Knauer am Piano gelingt es, mit viel Feingefühl den neuen Gershwin-Sound in Dessau zum Klingen zu bringen, er zeigt sich als Meister der Interpretation Gershwins. Da klingen nicht mehr die 20-Jahre-Schlager von Charleston, Shimmy, Black Bottom oder Lindy Hop im Hintergrund, da machen sich Rhythmen und Akkorde der neuen „Schwarzen Musik“ breit und führen die Zuhörer in eine neue, ebenso berührende Romantik anderer Art mit Klängen wie It´s wonderful, Lady be Good, Swanee river oder Summertime. Dass die begeisterten Zuhörer nach dem internationalen Hit Rhapsody in Blue mit seinen unverkennbaren Eröffnungsakkorden den Pianisten Sebastian Knauer und Martina Gedeck noch nicht gehen lassen, versteht sich von selbst. Die Zuhörer erfahren ein sehr dichtes, musikalisch einfühlsam begleitetes und illustriertes Bild eines Erneuerers der Musik, das sie in lockerer Stimmung, noch ein wenig träumend aus der Illusion entlässt – ein sehr gelungener Abend.
Natürlich erwarten die Besucher eines Kurt-Weill-Festes neben der eher leichten Kost, die Weill für Cabarets und Clubs komponiert, wenigstens eine Produktion der größeren Werke, mit denen Weill bekannt geworden ist, etwa die Dreigroschenoper, den Aufstieg und Untergang der Stadt Mahagonny oder auch die erste „schwarze Oper“ Porgy and Bess. Doch die hier besprochenen „kleineren Formate“ zeigen, dass Qualität und Ausdruckskraft nicht nur von der Größe, dem Aufwand einer Produktion oder der Anzahl der beteiligten Personen abhängen. Farges mikh nit ebenso wie American Dream bestätigen ein weiteres Mal, dass auch kleinere Formate als bunte Mosaiksteine die Gesamtfarbe, den Gesamteindruck eines Festspielprogramms wesentlich mitbestimmen – zur Freude der begeisterten Zuschauer.
Horst Dichanz