Luxuriöse PR-Maßnahme

Strea­ming­dienste engen das klassische Reper­toire auf Playlisten-Angebote ein, gehört wird nur noch in Häppchen. Die öffentlich-recht­lichen Sender reduzieren ihr Angebot an klassi­scher Musik und die Bericht­erstattung dazu massiv ein. Da kommt das Gewandhaus Leipzig mit einem neuen Sende­an­gebot gerade recht. Ein Vollpro­gramm, das bewusst den Anspruch sucht.

Martin Hoffmeister – Foto © Gert Mothes

Der Leitspruch des Hauses ist bis heute gültig: Res severa verum gaudium – Wahre Freude ist eine ernste Sache. 1981 wurde der einzige Konzert­haus­neubau der Deutschen Demokra­ti­schen Republik in Betrieb genommen. Heute ist das Gewandhaus, das in Leipzig gleich gegenüber der Oper am Augus­tus­platz liegt, in der ganzen Welt bekannt. Es ist Heimstätte des Gewand­haus­or­chesters, der Gewand­haus­chöre sowie verschie­dener hausei­gener Kammer­mu­sik­ensembles, darunter des Gewandhaus-Quartetts und des Gewandhaus-Bläser­quin­tetts. Im Großen Saal, der mit einer Schuke-Orgel ausge­stattet ist, finden 1900 Besucher Platz, der Kleine oder Kammer­mu­siksaal ist für knapp 500 Zuhörer ausgelegt. Jährlich finden rund 800 Veran­stal­tungen statt, darunter sinfo­nische Konzerte, Orgel­kon­zerte und Kammermusikabende.

Da wird eine schier unend­liche Menge an klassi­scher Musik produ­ziert. Eigentlich zu schade, um es beim Live-Erlebnis zu belassen. Die Frage, wie man die klassische Musik besser nutzen kann, um auf die Marke Gewandhaus einzu­zahlen, wird jetzt beant­wortet. Am 12. Mai nimmt das Gewandhaus-Radio seinen Sende­be­trieb auf. Es wird über Digital­radio, die Netzseite und eine App zu empfangen sein. Martin Hoffmeister, der auf mehr als drei Jahrzehnte als Journalist im Kultur­ressort des Mittel­deut­schen Rundfunks zurück­blicken kann, wird den Sender leiten. Unter dem Motto „Kompro­misslos klassisch“ will er einen Gegen­trend zu den derzei­tigen Entwick­lungen setzen. Der öffentlich-recht­liche Hörfunk ist dabei, das Angebot an klassi­scher Musik massiv einzu­dampfen. Das meint sowohl die Quantität als auch die Qualität. Auf Streaming-Platt­formen wird ein vergleichs­weise kleines Reper­toire in Form von playlists angeboten. Generell geht der Trend wohl eher zum „Häppchen­hören“.

Andreas Schulz, Gewandhaus-Intendant, unter­streicht die Einzig­ar­tigkeit des neuen Senders. Es gehe nicht darum, eine weitere „Concert Hall“ im Internet zu schaffen und damit andere Konzert­häuser zu imitieren oder Label zu vermarkten, sondern eher um einen „medialen Solitär“. Mit dem Radio erwartet Schulz eine „Erwei­terung unserer Reich­weite und vielleicht auch eine Erwei­terung des Publikums“. Damit wird auch klar, dass es sich hier nicht um eine uneigen­nützige Wohltat zugunsten der klassi­schen Musik, sondern um eine ausge­sprochen luxuriöse Maßnahme der Öffent­lich­keits­arbeit des Gewand­hauses handelt.

Das muss nicht schlecht sein. Das Gewandhaus-Radio tritt mit einem Vollpro­gramm an, das heißt, es wird an sieben Tagen in der Woche jeweils 24 Stunden Programm geben. Aber eben nicht nur „Gedudel“, wie man es von Privat­sendern kennt, sondern tatsächlich wird es auch redak­tio­nelle Beiträge geben, die das Gewandhaus und seine Aktivi­täten in den Fokus rücken und auch aktuelle Themen aus der Musikwelt behandeln.

Chefre­dakteur Hoffmeister legt Wert auf die Feststellung, dass ein Programm angeboten werden wird, das begleitend, aber auch fordernd sein werde. Für Menschen, die sich nicht mehr auf längere Hörstrecken konzen­trieren können oder wollen, ist das also nichts. Ab 20 Uhr seien längere Konzert­strecken geplant, selbst­ver­ständlich aus dem Reper­toire des Gewand­haus­or­chesters. Dabei soll das Programm durchweg moderiert werden, „weil die Leute infor­miert werden wollen über das, was sie hören“, sagt Hoffmeister.

Um das zu gewähr­leisten, sind Wortsen­dungen mit Inter­views und Hinter­grund­be­richten vorge­sehen. Außerdem plant Hoffmeister eine Sendung, in der neue Alben vorge­stellt werden, seiner Auffassung nach ein Format, „das überall abgeschafft wird“. An Sonn- und Feier­tagen wird geist­liche Musik das Programm prägen, „und zwar nicht zu knapp“, wie Martin Hoffmeister betont.

„Klassische Musik ist keineswegs tot, sondern leben­diger denn je“, ist der Chefre­dakteur überzeugt. Mit einem anspruchs­vollen Programm kann es ihm nicht nur gelingen, den öffentlich-recht­lichen Sendern den Rang abzulaufen, was bei deren derzei­tiger Programm­ent­wicklung ohnehin kein Kunst­stück ist, sondern auch Klassik­lieb­haber nach Leipzig zu locken. Und damit wäre es dann für das Gewandhaus nicht nur eine luxuriöse, sondern auch eine gelungene PR-Maßnahme.

Michael S. Zerban

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