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Zwischen Himmel und Erde

Stéphanie Müther hat hart für ihre Karriere als Opern­sän­gerin gearbeitet. Studium mit Master-Abschluss in Genf, Opern­studio, Stadt­theater, dann ab auf die inter­na­tionale Bühne. Entwicklung zum drama­ti­schen Sopran. Und jetzt kann sie ernten. Fehlan­zeige. Der Lockdown bringt auch sie in Bedrängnis.

Foto © Kirsten Nijhof

Im Rahmen der Reihe Opern­ma­gazin Spezial gab es beim Radio­sender MDR Klassik zum Thema „Wege aus Corona“ eine Sendung mit der Sopra­nistin Stéphanie Müther, die sich im Gespräch mit der Modera­torin Bettina Volksdorf darüber unter­hielt, wie sie als freischaf­fende Künst­lerin mit der Pandemie umgeht und welche Heraus­for­de­rungen sie im hochdra­ma­ti­schen Fach zu meistern hat. Stéphanie Müther war von 2008 an für zehn Jahre festes Ensem­ble­mit­glied am Theater Erfurt und sang dort Partien im Mezzo­sopran-Fach wie die Herodias in Strauss‘ Salome. 2016 erfolgte ihr Fachwechsel ins drama­tische Fach mit der Partie der Lady Macbeth in Verdis Macbeth. Seit drei Jahren nun ist Stéphanie Müther freischaffend und auf direktem Wege, den Wagner-Olymp zu erklimmen. Mit einem furiosen Rollen­debüt als Brünn­hilde in der Chemnitzer Premiere der Götter­däm­merung begann der steile Siegeszug. Es folgten im späteren Chemnitzer Ring alle Brünn­hilden-Partien, die dann auch im japani­schen Kyoto. In Dortmund gab sie ihre Rollen­debüts als Turandot in Puccinis gleich­na­miger Oper und als Ortrud in Wagners Lohengrin. In Dortmund war sie für den Ring als Brünn­hilde engagiert, und Bayreuth hatte auch schon im vergan­genen Jahr gerufen. Als Cover für alle Brünn­hilden und für die Ortrud sowie als Waltraute in der Walküre. So hatte einst auch eine Gabriele Schnaut in Bayreuth debütiert und anschließend eine Weltkar­riere im Wagner-Gesang gemacht.

Daneben bereitet sie sich mit ihrem Gesangs­lehrer Ion Buzea auf weitere Rollen vor. Vor allem die Isolde liegt ihr da am Herzen, was auch eine logische Weiter­ent­wicklung nach der Brünn­hilde ist. Aber auch die Färberin in Richard Strauss‘ Frau ohne Schatten und die Tosca in Giacomo Puccinis gleich­na­miger Oper stehen auf ihrer Agenda. Neben dem hochdra­ma­ti­schen deutschen Fach also auch das italie­nische, das für Müther genauso wichtig ist, um die Flexi­bi­lität der Stimme zu erhalten. Es war also alles gerichtet für die junge Sängerin, bis die Corona-Pandemie alle Pläne vorerst zunichte gemacht hat.

Stéphanie Müther spricht sehr offen über die Schwie­rig­keiten und Heraus­for­de­rungen in der aktuellen Situation. Sie hat das große Glück gehabt, dass die Verant­wort­lichen an den Theatern Chemnitz und Dortmund trotz aller Absagen und Schlie­ßungen an den bestehenden Verträgen festge­halten haben und diese entweder ausbe­zahlt oder geschoben haben. Auch in Bayreuth wird sie im nächsten Jahr im Ring wieder die Brünn­hilde covern und mit der Waltraute-Schwester in der Walküre dann endlich auch den Grünen Hügel musika­lisch betreten.

Die finan­zielle Belastung steigt

Das ist besonders hervor­zu­heben, weil es in der deutschen Kultur­land­schaft andere Erfah­rungen gibt und nicht alle Häuser ein derart vorbild­liches Verhalten ihren Künstlern gegenüber gezeigt haben. Dadurch konnte sie, weil in den Gast-Verträgen auch immer die Sozial­ab­gaben enthalten sind, wenn man als Sänger an einem Haus als Gast engagiert ist, Arbeits­lo­sengeld beantragen, dass ihr bis Ende Juni dieses Jahres bewilligt wurde. Danach verlischt der Anspruch, und auch eine Stéphanie Müther muss dann schauen, wie sie ihre wirtschaft­liche Existenz sichern kann. Aber sie konnte der ungewollten Freizeit auch etwas Positives abgewinnen. Der häusliche Garten wurde umgestaltet, und bei der Einschulung ihres kleinen Sohnes konnte sie dabei sein.

Foto © Kirsten Nijhof

Ihren letzten Auftritt auf der Bühne hatte sie bei der Premiere Lohengrin am 1. November 2020 an der Oper Leipzig, und zwar als kurzfristige Einsprin­gerin für die Partie der Ortrud. Die Aufführung stand unter keinem guten Stern. An die Insze­nierung von Katharina Wagner, wie ursprünglich vorge­sehen, war aufgrund der schweren Erkrankung der Bayreuther Festspiel­chefin nicht zu denken. Aufgrund der beson­deren Auflagen hatte Leipzigs Intendant und GMD Ulf Schirmer für diesen Lohengrin nun eine adaptierte Fassung entwi­ckelt, die die großen musika­li­schen Szenen – etwa die Szene zwischen Ortrud und Telramund, das sogenannte Braut­gemach mit dem einlei­tenden Brautchor oder die Grals­er­zählung – unange­tastet lässt, sodass große Strecken des Werks trotz der erfor­der­lichen Kürzungen zu erleben sind. Nachdem klar war, dass durch den bevor­ste­henden Lockdown und der Schließung der Theater die Premiere am eigent­lichen Termin nicht mehr möglich war, wurde dieser kurzerhand auf den 1. November vorge­zogen, einen Tag vor Schließung der Theater. Und dann erkrankte auch noch Katrin Göring, die mit der Partie der Ortrud ihr Rollen­debüt hätte geben sollen, zwei Tage vor der Premiere. Das waren die Rahmen­be­din­gungen, als Müther den Anruf erhielt, ob sie die Partie der Ortrud, die sie zuvor schon in Dortmund gesungen hatte, übernehmen könnte. Natürlich überwiegen in so einem Moment, insbe­sondere unter den derzei­tigen Rahmen­be­din­gungen, Freude und Glück über das unver­hoffte Rollen­an­gebot, aber es bedeutet auch gleich­zeitig sehr viel Stress. Freitags erhielt sie den Anruf, bekam eine Video­auf­zeichnung der Probe zugesandt, und hatte bis Samstag Zeit, sich die Partie noch einmal anzuschauen und vor allem ihre Wege auf der Bühne zu studieren, da sie aufgrund der Hygie­ne­auf­lagen einen Mindest­ab­stand von sechs Metern zum Publikum einhalten musste und darauf zu achten hatte, nicht in die „Gesangs­schneise“ der Sänger­kol­legen zu geraten. Am nächsten Tag die Anreise und eine kurze szenische Einweisung, das war‘s. Die Premiere gelang ihr dann spiele­risch und sänge­risch überzeugend, trotz der Kurzfristigkeit.

Für Müther ist der Opern­gesang eine Berufung, der sie sich früh verschrieben hat, auch wenn sie mit einem Augen­zwinkern und einem anste­ckenden Lachen erzählt, das sie natürlich überhaupt keine Ahnung gehabt hätte, was da alles so auf sie zukommt. „Ich bin stolz, als Sprachrohr zwischen Himmel und Erde agieren zu können.“ Dieser Satz von ihr kommt ehrlich und von ganzem Herzen. Und natürlich ist Müther nicht ohne Wagner gekommen. Im Probensaal des MDR gibt sie zunächst Isoldes Liebestod, begleitet am Klavier von Dan Ratiu. Die Isolde steht auf ihrer Agenda, gesungen auf der Bühne hat sie die Partie noch nicht. Eins hört man sofort, diese Isolde ist hochdra­ma­tisch bis zur letzten Note. Und man darf sich schon sehr auf das Rollen­debüt freuen, wenn denn irgendwann wieder große Oper mit Publikum möglich sein wird.

Zum Schluss der Sendung steht Brünn­hildes Schluss­gesang Starke Scheite schichtet aus der Götter­däm­merung auf dem Programm. Und dass sie diese Rolle schon komplett verin­ner­licht hat, wird auch bei dieser Inter­pre­tation mit Klavier­be­gleitung wieder hörbar. Mit strah­lenden Höhen, drama­ti­schen Ausbrüchen, aber auch mit viel Wärme und Weiblichkeit füllt sie den Probensaal aus. Es war ein kurzer, aber höchst aufschluss­reicher Einblick in das Leben einer Sängerin in diesen schwie­rigen Zeiten. Wie Müther wünschen sich wohl alle Kunst- und Opern­freunde nichts sehnlicher, als dass die Kultur bald wieder unein­ge­schränkt statt­finden kann, und dann auch wieder mit ihr als „Sprachrohr zwischen Himmel und Erde“.

Andreas H. Hölscher

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