O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Regina Brocke

Glanzvolle Verbindung

Am 14. März tritt Gauthier Dance mit Nijinski von Marco Goecke im Forum Lever­kusen auf. Seit zehn Jahren kommt Eric Gauthier immer wieder gern in die rheinische Kreis­stadt. Ausge­rechnet zum Jubiläum ist der Tänzer und Choreograf nicht selbst dabei. Denn er feiert in Stuttgart mit The Gift seinen Abschied vom aktiven Tanz. Ein Solo. Da will man bei den Endproben nicht fehlen. 

Eric Gauthier – Foto © Maks Richter

Gleich beim ersten Auftritt als Gauthier Dance Company in Lever­kusen wurde es richtig aufregend. Kaum war die neue Formation im Forum einge­troffen, erfuhr Tänzer Armando Braswell, dass bei seiner Frau die Wehen einge­setzt hatten. Das erste Kind. Kurze Rücksprache mit dem Team, und schon machte er sich auf den Weg nach Hause. An Ersatz war in der Kürze der Zeit nicht zu denken. Und so sprang Eric Gauthier zum ersten und einzigen Mal bei allen vier an dem Abend gezeigten Stücken ein. Blut und Wasser hat er damals geschwitzt, aber es ging alles gut. „Das erste Gauthier-Dance-Baby ist geboren“, konnte er vor der Aufführung verkünden und erntete stürmi­schen Applaus vom Publikum.

Eine Empfehlung führte Claudia Scherb 2007 an das Theaterhaus Stuttgart. Sie müsse sich unbedingt Don Q. – Eine nicht immer getanzte Revue über den Verlust der Wirklichkeit von Christian Spuck, getanzt von Eric Gauthier und Egon Madsen, ansehen. „Ich fuhr nach Stuttgart, sah die Vorstellung und war begeistert“, erinnert sich die Drama­turgin und Programm­pla­nerin bei Kultur­stadtLev. Vor Ort erfuhr sie von der Gründung der Gauthier Dance Company und beschloss, die Truppe im Auge zu behalten.

„Man fühlt sich wie in einem UFO“

Mittler­weile tourt Gauthier Dance weltweit. Erst neulich debütierte die Compagnie in Berlin mit Nijinski von Marco Goecke. „Manchmal ertappe ich mich dabei, dass sich die Erinne­rungen an die vielen verschie­denen Spiel­stätten vermi­schen“, gibt Gauthier zu. „Bei Lever­kusen besteht in der Hinsicht aller­dings nicht die geringste Gefahr. Ich habe kaum je so einen markanten Zuschau­erraum gesehen. Man fühlt sich wie in einem UFO. Das ist und bleibt ein ganz beson­deres Gefühl.“ Sehr viel mehr beein­druckt ist der Choreograf aller­dings von seinen Fans. „Das Lever­ku­sener Publikum ist ganz ähnlich wie in Stuttgart. Die Leute lieben den Tanz und sind sehr großzügig beim Applaus. Da rauscht jedesmal ein richtig­ge­hender Wärme­strom über uns hinweg. Ein Auftritt im Forum ist deshalb immer ein echtes Highlight für uns.“

Es war ein Glücksfall, dass die Chemie zwischen dem Lever­ku­sener Publikum und Gauthier Dance von Beginn an so stimmte und sich vor allem in den letzten Jahren zu einer solchen Verbun­denheit entwi­ckelte. „Ein reines Gastspielhaus hat ja im Gegensatz zu einem produ­zie­renden Theater kaum die Möglichkeit, eine Verbindung zwischen Publikum und einem Ensemble aufzu­bauen“, erläutert Scherb die Beson­derheit dieser Beziehung. Selbst wieder­holte Einla­dungen werden von den Besuchern misstrauisch beäugt, und es muss schon besondere Gründe geben, warum die Drama­turgin die Stutt­garter in den vergan­genen zehn Jahren sieben Mal einlud. Kritik seitens des Publikums gab es nie. „Die Arbeiten waren so unter­schiedlich, wie man sie sich nur wünschen kann, denn Gauthier Dance wies jedes Mal große inter­na­tionale Choreo­grafen auf, die mit der Compagnie arbei­teten“, sagt Scherb. Mauro Bigon­zetti, Itzik Galili, Paul Lightfoot und Sol León, Jirí Kylián, Hans van Manen, Cayetano Soto, Johan Inger, Nanine Linning, Christian Spuck, Stephan Thoss, Marco Goecke – was für eine Werkschau! Und die Besucher, die inzwi­schen längst nicht mehr nur aus Lever­kusen, sondern gern auch mal aus dem gesamten Rheinland für diesen einen Abend ins Forum kommen, durften in diesen Jahren nicht nur die Expansion der Truppe von anfänglich sieben auf heute sechzehn Tänzer, sondern auch eine perma­nente Steigerung der Qualität erleben. „Persönlich habe ich den Eindruck, dass die Compagnie immer besser wird, sich immer größeren künst­le­ri­schen Heraus­for­de­rungen gewachsen zeigt“, erklärt Claudia Scherb ihre Vorfreude auf das diesjährige Gastspiel, von dem jetzt schon kein Geheimnis mehr ist, dass es ein Höhepunkt im Schaffen von Gauthier Dance werden wird.

Im Mittel­punkt steht der Zauber

Claudia Scherb – Foto © O‑Ton

Das neue abend­fül­lende Ballett von Marco Goecke erzählt von dem Tänzer und Choreo­grafen Waslaw Nijinski. Das Stück berührt Stationen aus seinem Leben, handelt von den Brettern, die die Welt bedeuten, und zeigt, wie nah Kunst und Wahnsinn beiein­ander liegen können.  Nijinski war einer der außer­ge­wöhn­lichsten Künstler des vorigen Jahrhun­derts. Als Tänzer verkör­perte er Rollen, die Tanzge­schichte schrieben. Seine Partien bei den Ballets Russes unter Sergej Diaghilew, allen voran der Clown in Igor Strawinskis Petruschka, der Geist der Rose in Le spectre de la rose und der goldene Sklave in Schehe­razade gingen in das kollektive Gedächtnis der Tanzwelt ein. Dennoch sind es vor allem seine Choreo­grafien, mit denen er künst­le­ri­sches Neuland betrat und Maßstäbe setzte. Der Eklat, den Nijinskis Le sacre du printemps beim Pariser Publikum 1913 auslöste, gilt als einer der größten Skandale der gesamten Theater­ge­schichte. Kaum weniger Anstoß erregte die unver­hüllte Erotik in seinem Ballett L’après-midi d’un faune nach Claude Débussy. Verwoben mit der Karriere ist sein Weg in den Wahnsinn. Er kämpfte gegen seine Schizo­phrenie und musste sich zunehmend aus dem öffent­lichen Leben zurück­ziehen. Nijinski erlebte beide Weltkriege und war als Patient einer Nerven­heil­an­stalt der Bedrohung durch das natio­nal­so­zia­lis­tische Eutha­na­sie­pro­gramm ausge­setzt, dem er – gemeinsam mit seiner Frau Romola – nur mit knapper Not entkam. Goeckes Ballett begleitet Nijinski durch die Etappen seines Lebens, zeigt Schlüs­sel­szenen aus seiner Jugend, den Jahren des Triumphs und dem unauf­halt­samen Verfall. Dennoch geht das Stück weit über eine rein biogra­fische Beschäf­tigung hinaus und zielt auf grund­le­gende Fragen. Im Mittel­punkt steht der Zauber und der Wert der Kunst – aber auch der Preis, den sie allen künst­le­risch Kreativen unnach­giebig abver­langt. Mit im Team sind Partner, mit denen Goecke eine lange Zusam­men­arbeit verbindet: die Bühnen- und Kostüm­bild­nerin Michaela Springer, der Licht­de­signer Udo Haberland und die Drama­turgin Esther Dreesen-Schaback. Besonders aufmerksame Zuschauer werden auch alte Bekannte wieder­ent­decken. Tänzerin Garazi Perez Oloriz ist ebenso von Anfang an dabei wie der Tänzer Rosario Guerra, der Nijinski tanzt.

Der Tänzer geht, der Choreograf wird wiederkommen

Nur einer wird am 14. März nicht dabei sein: Eric Gauthier. Verrückt. „Dass ich zu unserem Zehnjäh­rigen nicht in Lever­kusen sein kann, bedaure ich sehr. Aber beim nächsten Gastspiel bin ich wieder dabei. Versprochen!“, sagt der Choreograf, der nicht mehr Tänzer sein will. Dabei war die Nachricht, dass er seine Karriere als Tänzer beendet, nur die halbe Wahrheit. Denn eigentlich tanzt Gauthier schon lange nicht mehr. Irgendwann nahmen andere Aufgaben einfach überhand, und er hörte auf. Aber es gab nie einen offizi­ellen Abschied. Den will er am 21. März nachholen. Dann findet am Stutt­garter Tanzhaus seine Abschieds­vor­stellung statt – The Gift. Derzeit ist er also mit Endproben beschäftigt. Und es gibt einen plausiblen Grund, warum er darauf bestehen muss, in Stuttgart zu bleiben. „Ich kann schlecht während der Endproben fehlen. Das Stück ist ein Solo“, sagt er. Einver­standen. Und vielleicht ist es bei einem Stück wie Nijinski auch gar nicht so falsch, wenn es keine charmante Kurzein­führung des Compagnie-Chefs gibt, sondern einfach die Wucht des Stücks wirkt. Das werden die Besucher entscheiden.

Schon heute steht fest: Es wird nicht das letzte Stück sein, dass Gauthier Dance in Lever­kusen zeigen wird. Egal, ob Berlin, Moskau, Tel Aviv, Toronto oder Monaco: „Dem Lever­ku­sener Publikum bleiben wir auf jeden Fall erhalten“, verspricht Gauthier. „Es hat die Company von Anfang an begleitet und unter­stützt, auch als wir längst nicht so bekannt waren wie heute. Da fällt es nicht schwer, treu zu bleiben.“ Und der Compagnie-Chef erinnert sich noch gut, als seine Tourma­na­gerin zum ersten Mal den Namen Lever­kusen ins Spiel brachte. Schließlich ist er ein großer Fußball-Fan und „der Traum vom Stadi­on­besuch ist bislang ein Traum geblieben“. Na, wenn sich da nicht was arran­gieren lässt.

Michael S. Zerban

Teilen Sie sich mit: