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Um die Kultur und ihre Institutionen zu finanzieren, werden in föderalen Systemen mitunter seltsame Konstruktionen geschaffen, um Kunst zu ermöglichen. In Linz will der Bürgermeister jetzt einen solchen Vertrag zwischen der Stadt und dem Land Oberösterreich kündigen – ohne Rücksicht auf Verluste. Die Gemengelage scheint unklar, aber bedrohlich für die Kultur.

Es ist für Außenstehende nicht ganz leicht zu verstehen, was das Bundesland Oberösterreich und die Stadt Linz vertraglich vereinbart haben, um möglichst viel Kultur in der Stadt zu ermöglichen. Da zahlt die Stadt rund vierzehn Millionen Euro jährlich an die Theater- und Orchester-Gesellschaft, zu der das Landestheater und das Bruckner-Orchester gehören. Im Gegenzug überweist das Land rund sieben Millionen im Jahr an die Stadt, die damit unter anderem das Bruckner-Haus, den Posthof und die Tips-Arena unterhält. Wohl am ehesten eine historisch gewachsene Finanzierung. Die Stadt Linz hat bereits vor einiger Zeit eine Überprüfung dieses Vertrages angekündigt und aus „Spargründen“ eine Kündigung in den Raum gestellt. Ein ungewöhnliches Gebaren, so etwas öffentlich auszutragen. Üblicherweise setzen sich die Vertragspartner im Falle aufkommender Unzufriedenheit an einen Tisch, handeln neue Konditionen aus und verkünden dem Volk, wie viele Verbesserungen das neue Ergebnis mit sich bringt. Nicht so in Linz. Ungewöhnlich auch, dass ein Haushaltsposten einer Stadt mit rund 200.000 Einwohnern in Höhe von sieben Millionen Euro überhaupt zur Disposition steht. Am 6. Dezember will Bürgermeister Klaus Luger die offizielle Kündigung, die bereits von ihm unterzeichnet sei, vom Stadtrat absegnen lassen. „In diesem Vertrag wird auch geregelt, dass sich das Land bei der LIVA und beim Brucknerfest beteiligt und dass das Bruckner-Orchester im Linzer Brucknerhaus spielt – die Auflösung sprengt alles in die Luft“, erläutert Landeshauptmann Thomas Stelzer die Konsequenzen dieses Vorgehens.

Ursprünglich war die Finanzierung von Kulturinstitutionen wie Theater und Orchestern durch Steuergelder dazu gedacht, die Freiheit der Kunst zu ermöglichen. Niemand sollte Intendanten, Orchesterleiter oder Museumsdirektoren in der Entwicklung ihrer Kunst beschränken. Eine hehre Idee. Die so lange funktioniert, so lange Volksvertreter vulgo Politiker ihre Aufgaben ernsthaft wahrnehmen. Aber die Zeiten haben sich geändert. In den vergangenen Jahren sahen Politiker sich nicht mehr in der Pflicht, für eine ausreichende finanzielle Ausstattung von Kultur zu sorgen, sondern nutzten ihre Macht eher dazu, der Kultur durch weitreichende Kürzungen einen Maulkorb zu verpassen. Eine gefährliche Entwicklung, der sich erst neuerdings einzelne Bundesländer in Deutschland wie Nordrhein-Westfalen wieder entschieden entgegenstellen.
Zuständigkeitshalber ausgegrenzt
Hermann Schneider, Intendant des Landestheaters Linz, sieht sich kaltgestellt, und das macht ihn wütend. „Dass die Stadt finanzielle Probleme hat und ihren Haushalt konsolidieren will, das verstehe ich. Aber zu sagen: Wir wollen mit dem ganzen Ding nichts mehr zu tun haben, das ist halt eine Landeseinrichtung – das will mir nicht in den Kopf. Und das von einer Stadt, die einst Kulturhauptstadt Europas war!“, schimpft er, der mit Kürzungen umzugehen gewohnt ist. Schon im Vorjahr hatte er gegen Streichungen zu kämpfen. „Da habe ich sehr wohl protestiert. Der fundamentale Unterschied ist aber: Ich war in diese Prozesse eingebunden. Das war für uns schmerzlich und schwierig. Aber immerhin war ich in den Dialog und Prozess eingebunden und bin an der Stelle so professionell, dass ich mich der Aufgabe stelle. Wenn ich hingegen in der Zeitung lesen muss, dass man einen Vertrag kündigt, ist das etwas anderes. Dabei hat die Stadt einen Vertreter in unserem Aufsichtsrat“, bringt der Intendant die entwürdigende Situation auf den Punkt.
Besonders entwürdigend ist der möglicherweise bevorstehende Entscheid des Stadtrates vor allem auch für die Angestellten der Stadt. Ob Musiker, Verwaltungsangestellte oder Busfahrer – sie alle bekommen das Signal, dass ihre Arbeitsstelle inzwischen unsicherer ist als in der freien Wirtschaft. Auch hier pervertiert Luger das System. Haben Angestellte im öffentlichen Dienst bislang ein niedrigeres Einkommen für die Sicherheit des Arbeitsplatzes in Kauf genommen, wird ihnen das Versprechen des Staates nun hinterrücks genommen. So, haben sie bislang gedacht, geht man nicht mit Menschen um. Luger ficht das genauso wenig an wie die Auswirkungen, die seine Entscheidung auf die Entwicklung der Stadt haben wird, die nicht nur in Österreich als eine der Hauptstädte der Kultur in Österreich wahrgenommen wurde.
Längst sind die Wellen der Donau über ihre Ufer getreten. Bislang haben annähernd 15.000 Menschen sich in einer so genannten Petition einer diesbezüglich bekannten Plattform geäußert und verewigt. Es geht dabei weniger um eine rechtlich legitimierte Organisation, sondern vielmehr um das Stimmungsbild, das hier offenbar wird. Auch auf allen anderen Kanälen, die den Bürgern Europas zur Verfügung stehen, wird das Missfallen deutlich. Zudem haben bedeutende Künstler aus ganz Europa gegen das Vorgehen des Bürgermeisters Stellung bezogen.
In Linz wird das Manko unserer bestehenden Demokratie noch einmal so deutlich wie in Deutschland im Fall von Horst Seehofer. Einmal durch eine Wahl legitimiert, gibt es kaum noch Chancen, Katastrophen, die durch die gewählten Vertreter heraufbeschworen werden, zu verhindern. Sollte Bürgermeister Luger sich so verhalten wie der altersstarrsinnige Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, wird es nicht ganz so schlimm werden wie für die Deutschen. Schließlich geht es in Österreich nur um das Wohlergehen einer Stadt und nicht gleich eines ganzen Landes. Dabei stehen Luger die edelsten Mechanismen der Demokratie offen. Er könnte in Gespräche mit dem Intendanten Hermann Schneider und dem Landeshauptmann Thomas Stelzer eintreten, um eine einvernehmliche Lösung zu finden. Das wäre dann zwar nicht ganz so spektakulär wie sein bisheriges Vorgehen, klänge aber weniger machtbesessen und einem demokratischen Politiker eher angemessen.
Michael S. Zerban