O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Yardbird Sax Ensemble - Foto © O-Ton

Ganz große Sause

Es werde Licht: So lautete das Motto des ersten gesamt­städ­ti­schen Festivals MeerMusik in Meerbusch. Nach zwei Jahren erzwun­gener Abstinenz wollte die Stadt ihren Musikern viele Bühnen bieten, um zu zeigen, dass sie immer noch da sind. Die Idee hatte Ekaterina Porizko, Kantorin der Evange­li­schen Kirchen­ge­meinde Büderich, die auch die Künst­le­rische Leitung übernahm. So fand am 11. Juni ein rauschendes Fest statt, das als Höhepunkt in einem abend­lichen Konzert mündete.

Großartige Kulisse im Park von Haus Meer – Foto © O‑Ton

Festival-Wetter! Bereits am Morgen zeigt das Themo­meter 22 Grad, die sich bei nahezu wolken­losem Himmel im Laufe des Tages noch auf 26 Grad steigern werden. Meerbusch, Nachbar­stadt von Neuss und Düsseldorf, hat sich heraus­ge­putzt. Überall ist das große Ereignis des heutigen Tages plaka­tiert. MeerMusik wird das erste gesamt­städ­tische Festival werden. Davon werden viele Geschichten erzählt werden, und alle werden ein klein wenig anders lauten. Denn die Idee, die Ekaterina Porizko, Kantorin der Evange­li­schen Kirchen­ge­meinde Büderich, hatte, war, in jedem Stadtteil Musik erklingen zu lassen. Der Andrang der Bewer­bungen war riesig, und so wird es an diesem Tag 50 Konzerte mit rund 500 Mitwir­kenden an neun Stand­orten geben. Auch wenn die Wege vergleichs­weise kurz sind, schafft kein Mensch, alle Konzerte zu besuchen. Und so musste sich jeder im Vorfeld intensiv mit dem Programm ausein­an­der­setzen und seine eigene Route für diesen Tag finden. Gemein­samer Start­punkt aller­dings ist der Park von Haus Meer, der heute für die Öffent­lichkeit zugänglich ist. Es werde Licht: So lautet nicht nur das Motto des Festivals, sondern das ist auch Thema der Andacht, mit der das Festival beginnt. Zwei Jahre lang waren viele Künstler gezwun­ge­ner­maßen so gut wie unsichtbar. Auch deshalb gefiel der Stadt die Idee Porizkos so gut, den Meerbu­scher Künstlern viele Bühnen zu bieten, auf denen sie zeigen können, dass es sie noch gibt. Seit dem 24. Februar hat das Motto noch eine ganz andere Bedeutung. Denn der Angriff Russlands auf die Ukraine bereitet auch in Deutschland vielen Menschen Sorge um das Leid der Mitmen­schen in der Ukraine. Und so wird dieses schreck­liche Ereignis auch Thema vieler Auffüh­rungen, wenn in den Programmen immer wieder Musik erklingt, die Hoffnung verbreiten soll. Erstes Großereignis nach der Eröffnung ist der Auftritt der Chöre aus dem Mataré-Gymnasium auf der Piazza der Bethlehem-Kirche. Fast 150 Sänger versammelt Lehrerin und Chorlei­terin Stella Antwerpen um sich, nach Klassen respektive Jahrgangs­stufen geordnet. Auch ein Lehrer- und Eltern-Chor ist mit dabei. Die Chöre der Klassen 5 bis 7 eröffnen mit The Rhythm of Life von Cy Coleman, ehe es dann mit jung nach alt weitergeht. Komm, sing ein Lied von Thomas Sproll intonieren die Fünft­klässler, bevor die Choristen der Klasse 6 mit Get Lucky von Daft Punk weiter­machen. Und mitten im Safe and Sound von Ryan Takacas Merchant wird Antwerpen, die die Sänger auf einem elektri­schen Piano begleitet, auf eine harte Bewäh­rungs­probe gestellt. Ihr Computer zeigt plötzlich keine Noten mehr, sondern ein Thermo­meter, das rot leuchtet. Das Gerät ist überhitzt. Elegant überspielt sie ihr Entsetzen, dann springen die Schüler mit ihren Noten ein, bis das Gerät wieder einsatz­bereit ist. Das Publikum auf der Piazza – Eltern, Großeltern zuvör­derst – bemerken außer einer kurzen Unruhe so gut wie nichts. Nach Talking to the Moon von Bruno Mars und Stand up von J. Campbell und C. Echeumuna-Erivo schließt der Lehrer- und Eltern-Chor die erste Runde mit Mr Blue Sky vom Electric Light Orchestra in einem Arran­gement von Roger Emerson. In einem zweiten Auftritt werden dann unter anderem noch Lieder wie Imagine von John Lennon oder 99 Luftballons von Nena erklingen. Eine großartige Leistung der Schüler und der Technik, denn Antwerpen ist bei dem Open-Air-Auftritt auf Nummer sicher gegangen und hat die Auftritte mikro­fo­nieren lassen, um nicht auf die Akustik vor Ort angewiesen zu sein. Eine gute Entscheidung vor allem deshalb, weil die Technik hier perfekte Arbeit leistet.

Es ist auch ein Zeichen gegen den Krieg

Während das Publikum vor Ort bleibt, bleibt die Russische Kammer­phil­har­monie St. Petersburg vorläufig unter sich. 1990 wurde das Orchester von Absol­venten des St. Peters­burger Staats­kon­ser­va­to­riums gegründet und hat seinen Sitz in Köln. Heute soll es das Abschluss­konzert gestalten und probt deshalb in der Büdericher Chris­tus­kirche unter Leitung von Porizko. Die begleitet nämlich nicht nur als Kantorin Gottes­dienste an der Orgel, sondern arbeitet außerdem als Pianistin, Chorlei­terin und immer häufiger als Dirigentin – wenn sie nicht gerade selbst kompo­niert oder ein Festival leitet. Am Flügel hat Severin von Eckard­stein Platz genommen. Und was die Musiker da von Edvard Griegs Klavier­konzert a‑moll op. 16 hören lassen, ist mehr als vielver­spre­chend. Während der nachfol­genden Mittags­pause im Gemein­desaal findet in der Kirche eine Trauung statt. Es geht hier zu wie im Tauben­schlag. Da würde manch ein Küster in deutschen Kirchen verwundert die Augen reiben, was in der kleinen Stadt­teil­kirche so alles los ist. Denn gleich nach der Pause steht das Orchester wieder bereit, um mit den Sängern den zweiten Teil des Abschluss­kon­zertes zu probieren. Vorher gibt es noch ein nettes Gespräch mit einer Musikerin, die auf eine lange Erfahrung im Orches­ter­be­trieb zurück­blicken kann. „Eigentlich mag ich Dirigen­tinnen nicht. Ich habe viele Dirigenten erlebt, aber mit Dirigen­tinnen komme ich gewöhnlich nicht zurecht“, erzählt sie in der Mittags­sonne. „Bei ihr“, bedeu­tungsvoll geht ihr Bick in Richtung Porizko, „war das total anders.“ Beim zweiten Anlauf habe sie bereits Vertrauen fassen können, und seitdem liefe es wie geschmiert. Na, wenn das so ist, darf man ja für den Abend Großes erwarten.

Inga Bachmann – Foto © O‑Ton

Vorerst aller­dings geht es musika­lisch in eine völlig andere Richtung. Denn auch das gehört zum Konzept des Festivals. Es soll keine vorge­schrie­benen Musik­stile oder ‑genres geben. Und so hat direkt am Eingang des Camping­platzes am Rheinufer im Stadtteil Langst-Kierst – gleich gegenüber der Postkar­ten­an­sicht des Düssel­dorfer Stadt­teils Kaisers­werth – das Yardbird Sax Ensemble Aufstellung genommen. 2014 hatte das 16-köpfige Ensemble unter Leitung von Nikolay Kazakov seinen ersten Auftritt in Meerbusch. Dreizehn von ihnen haben sich heute vor der Rhein­ku­lisse versammelt und versorgen so nicht nur das Publikum, das eigens zum Auftritt gekommen ist, sondern auch die Menschen in der vollbe­setzten „Strandbar“ des Camping­platzes. Dabei kommen die Grund­klänge von der Festplatte, über die die Saxofo­nisten ihren Sound legen. Vom Bar Blues, Rocking Soul Revue, Big Spender, No Time to Die bis zu, ja, Imagine gibt es zehn Titel zuzüglich einer Zugabe, die das Publikum begeistern. Natürlich schafft man das nicht in der vorge­se­henen halben Stunde, also heißt es sich sputen, um zum nächsten Konzert zu kommen. Ilverich ist der vielleicht kurio­seste Stadtteil. Er besteht aus einer Straße, und man muss schon aufpassen, dass man die Ortsschilder bemerkt. Dort gibt es einen hübschen, kleinen Platz mit einem Helden­denkmal, neben dem ein Bücher­schrank aufgebaut ist. Auch hier gibt es Verspätung. Aber auch Wasser. Dazu wird man hier herzlich einge­laden. Kleiner Ort, kleiner Auftritt. Der aber wird ganz groß. Inga Bachmann ist Lieder­ma­cherin, Poetin, Sängerin und Gitar­ristin. Der technische Aufwand, der bei diesem Festival betrieben wird, ist eindrucksvoll. In Ilverich empfängt ein Tontech­niker mit seinem Equipment die Künstler, und „natürlich“ gibt es erst einen Sound­check, ehe Bachmann mit elektrisch verstärkter Gitarre und Ukulele Stücke aus ihrem Album Das Aber der Dinge präsen­tieren kann. Hier tritt ein Mensch auf, der noch Spaß an Sprache und Wortwitz hat. In Stücken wie Eigentlich oder Plusquam­perfekt geht es um Wortbe­deutung, aber auch schöne Poesie wie in Tag am See gibt es. Wer an diesem idylli­schen Ort nicht verweilen kann, weil das nächste Konzert in Osterath wartet, kann dem Auftritt nicht bis zum Schluss folgen. Aber es gibt schon einen Konzert­termin, bei dem dann auch das ganze Album vorge­stellt wird. Am 14. Oktober wird Bachmann in der Büdericher Bethle­hem­kirche auftreten. Unbedingt empfehlenswert.

Das Festi­val­fieber erfasst die Stadt

Unter dem Titel Überra­schend anders ist das Konzert von Giuliano Betta unter Wert angekündigt. Betta ist von Hause aus Dirigent und hat unter anderem am Theater Krefeld Mönchen­gladbach mit den Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­nikern und am Musik­theater im Revier in Gelsen­kirchen gearbeitet. Dass er im Rathauspark von Osterath kein Orchester durch Opern führen wird, ist schon klar, aber dass er Gäste und ein Bühnen­pro­gramm mitbringt, dass sich höchst anspruchsvoll gestaltet, hätte schon deutlicher Worte in der Ankün­digung bedurft. Trotzdem sind die steinernen Sitzbänke vor der Rotunde vollbe­setzt. Auch Spazier­gänger und Hunde­aus­führer bleiben spontan stehen, um dem zu lauschen, was Betta auf dem Programm­zettel stehen hat.

Auch hier steht ein Klavier. Der junge Klavier­bauer und ‑stimmer Marten Overath hat sich zum Ziel gesetzt, alle Spiel­stätten mit Bedarf mit frisch gestimmten Instru­menten zu versorgen. Das ist mehr als ambitio­niert. Wir werden ihm später noch begegnen. Vorläufig beginnt Betta mit seinem Programm, das eigentlich auch gut einen Flügel vertragen hätte. Aber das Klavier, das Overath hier platziert hat, begeistert mit seinem Klang und so taugt es auch für die Begleitung von Arien unter freiem Himmel. Den Auftakt macht die Orches­ter­gei­gerin Sayaka Nakajima, die zur Klavier­be­gleitung von Betta zwei Lieder aus ihrer Heimat Japan vorträgt. Eine Wohltat in dem maleri­schen – nebenbei bemerkt auch sehr kinder­freund­lichen – Park in lauer Sommerluft. Dann treten die lyrische Koloratur-Sopra­nistin Nicole Dubinsky und die drama­tische Sopra­nistin Stephanie DeCiantis auf, um mit anspruchs­vollen Werken zu glänzen. Nach Come scoglio, der Fiordiligi-Arie aus Mozarts Così fan tutte, ertönt allen Ernstes Der Hölle Rache, das ist die Arie der Königin der Nacht in der Zauber­flöte, ehe Sull’aria, das Duettino aus der Hochzeit des Figaro, den Mozart-Reigen schließt. Mit My Yiddish Momme, ein jüdisches Volkslied, beschließt Dubinsky den ersten Teil.

Giuliano Betta mit Gästen – Foto © O‑Ton

Nach einer kurzen Pause geht das etwas überdi­men­sio­nierte Programm weiter. Nakajima spielt eine Chaconne von J. Fery Rebel in histo­ri­scher Auffüh­rungs­praxis, nicht ohne dem Publikum auch noch die Beson­der­heiten eines histo­ri­schen Geigen­bogens zu erläutern. Neben weiteren Arien kommt auch der Spaß nicht zu kurz, wenn Mein Herr Marquis aus der Fledermaus erklingt. Ein wenig Sehnsucht schleicht sich ins Herz, als DeCiantis das neapo­li­ta­nische Volkslied Sul mare luccica von Teodoro Cottrau intoniert, für dessen Berühmtheit unter anderem Enrico Caruso gesorgt hat. Nach einer ebenfalls wunderbar vorge­tra­genen Elegie von Nakajima geht der Vortrag mit dem berühmten Katzen­duett von Gioachino Rossini zu Ende. Es ist ein bisschen wie der Besuch des Märchen­waldes in der Kindheit. An immer wieder überra­schenden Stellen gab es diese Häuschen, in denen die Fantasie-Gestalten der Märchen plötzlich Wirklichkeit wurden. Und diese kleine Traurigkeit, dass der Märchenwald zu groß ist, um alle Häuschen an einem Tag zu besuchen. Ganz im Gegenteil ist jetzt Eile angesagt, um zurück in den Park von Haus Meer zu kommen.

Geplant ist hier auf den eigens frisch gemähten Wiesen, die von histo­ri­schem, halb verfal­lenem Gemäuer umgeben sind, einen glänzenden Abschluss eines wunder­baren Tages zu veran­stalten, der den Besuchern nachhaltig im Gedächtnis bleiben soll. Und es wird gelingen.

Griegs Klavier­konzert ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Eine Schande, wie Severin von Eckard­stein in Begleitung der Russi­schen Kammer­phil­har­monie St. Petersburg unter Leitung von Ekaterina Porizko unter Beweis stellt. Ein einma­liges Erlebnis, an das man in Meerbusch noch lange denken wird. Ein kleiner Wermuts­tropfen ist, dass man hier sehr auf Sicherheit organi­siert hat und die Musiker deshalb alle in ein Zelt verbracht wurden. Das wäre unter freiem Himmel natürlich noch einmal ein ganz anderer Anblick gewesen. Aber so kann der Klang sich trich­ter­förmig auf dem Platz verbreiten und seine volle Pracht entfalten. Nachdem von Eckard­stein aus den lyrischen Stücken Griegs noch den Schmet­terling in vollendeter Inter­pre­tation zu Gehör gebracht hat, gibt es mit der Pause auch einen letzten stilis­ti­schen Wechsel. Sehr schön ist, dass sehr viele der Musiker, die man tagsüber kennen­ge­lernt hat, auch zum Abschluss­konzert gekommen sind. Und auch Overath taucht wieder auf. Er stimmt tatsächlich den Flügel in der Pause neu. Wie so viele andere Helfer ist er ebenfalls von Porizkos Idee so begeistert, dass sein Engagement keine Grenzen kennt, auch wenn ihm die Erschöpfung mittler­weile im Gesicht geschrieben steht. Nach dem grandiosen Vortrag des Klavier­kon­zerts ist so etwas wie Euphorie auf dem Platz einge­kehrt, und so schlägt der zweite Teil des Abends in die richtige Kerbe.

Gregor Prächt, Ekaterina Somicheva, Ekaterina Porizko, Tiina-Maria Enckelmann und Stella Antwerpen – Foto © O‑Ton

Jetzt ist die Zeit für champa­gner­be­schwipste Evergreens. Porizko läutet sie mit der Ouvertüre der Fledermaus ein. Herrlich akzen­tuiert verleitet sie das Orchester zu jener Walzer­se­ligkeit, die bis heute beglückt. Gleich darauf betritt Graf Orlofsky die Bühne. Stella Antwerpen hat sich in eine schwarze „Uniform“ geworfen, um in selten gehörter Leich­tigkeit, ganz ohne alberne Allüren, Ich lade gern mir Gäste ein zu erzählen. Ihr „Chacun à son goût“ – jeder nach seinem Geschmack – lässt das Herz höher schlagen. Anschließend erscheint Ekaterina Somicheva in einem atembe­rau­benden, silber­far­benen Paillet­ten­kleid als Rosalinda, um die Klänge der Heimat zu zelebrieren. Begann Antwerpen mit der jugend­lichen Verspieltheit des Grafen, hält mit Somicheva die Dramatik Einzug. Die große Geste wird vom Publikum mit gleicher Bewun­derung genossen wie der Schalk der Hosen­rolle. Der große Auftritt von Tenor Gregor Prächt, der eigens aus Zürich angereist ist, ist jeder Oper würdig. Seine Souve­rä­nität beein­druckt auch die jüngsten Gäste. Als es Rückkopp­lungen beim Mikrofon gibt, beschließt er kurzerhand, darauf zu verzichten und begibt sich in das Publikum, um dort seine Arie Non t’amo più – ich liebe dich nicht mehr – vorzu­tragen. Da lässt sich trotz kleiner stimm­licher Schwie­rig­keiten, die Prächt mit Heuschnupfen erklärt, was gerade jeder Aller­giker sehr gut versteht, der Zauber großer Oper im Abend­himmel hören. Tiina-Maria Enckelmann darf anschließend in champa­gner­far­bener Abendrobe mit dem Vilja-Lied aus der Lustigen Witwe von Franz Lehár verzaubern, ehe die Damen zum Finale der Fledermaus im zweiten Akt einladen. Da wird noch einmal angestoßen, ehe tosender Applaus die Gäste von den Stühlen reißt. Und Porizko trifft die richtige Entscheidung, wenn sie sich als Zugabe nur noch für ein kleines Mussorgsky-Stück entscheidet, um die Euphorie aufrecht­zu­er­halten, die sich über dem Park wie leichtes Parfüm ausge­breitet hat.

Da kann man zum Ausklang noch von den Geschichten hören, die andere Menschen an diesem Tag erlebt haben. Allesamt beglü­ckend, aber eigentlich war die selbst­ge­wählte Route doch die schönste. Chöre in perfekter Akustik, Saxofon­klänge am Rhein, eine Lieder­ma­cherin mit wunder­barem Humor und sprach­licher Begabung, die man heute nur noch selten findet, ein Team, das sich mit einem üppigen Programm in die Herzen des Publikums einge­graben hat. Damit kann man zufrieden sein. Die Organi­sation, gerade für eine Erstausgabe eines Festivals, erstaunlich gut. Und Ekaterina Porizko? Die hat sich – dank ihrer vielen Helfer, wie sie selbst immer wieder betont – heute in das Geschichtsbuch der Stadt Meerbusch einge­tragen, indem sie eine Vision verwirk­licht hat. Gratu­lation. Auf das nächste Festival müssen die Meerbu­scher Bürger jetzt zwei Jahre warten. Wer es nicht aushalten kann: Porizko und Somicheva geben ihr nächstes Konzert am kommenden Samstag im Alten Küsterhaus in Büderich. Und auch dann werden sie wieder daran arbeiten, Hoffnung und Zuver­sicht gegen das Kriegs­ge­schehen zu verbreiten.

Michael S. Zerban

Mehr Bilder zum Festival gibt es hier.

Teilen Sie sich mit: