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Ekaterina Porizko, Dagmar Jerusalem und Ekaterina Belowa - Foto © Michael Zerban

Der Anfang ist gemacht

In Mönchen­gladbach hat die private Musik­schule Klassik aber frisch ihre Pforten geöffnet. Das scheint an sich keine sonder­liche Nachricht wert. Betrachtet man aller­dings die Gesamt­si­tuation, ist jede Keimzelle der musika­li­schen Nachwuchs­för­derung derzeit ein Hoffnungs­schimmer der Zukunft. Eine Feier­stunde bleibt ohne politische Vertreter, für die Anwesenden aber sicher ein erinnerns­wertes Ereignis. 

Ekaterina Belowa – Foto © Michael Zerban

Die städtische Musik­schule der Landes­haupt­stadt Düsseldorf bildet derzeit etwa 8000 bis 9000 Nachwuchs­mu­siker aus – und schiebt eine Warte­liste von rund 2000 Inter­es­sierten vor sich her. Der Bedarf ist riesig, auch, weil an allge­mein­bil­denden Schulen kaum noch Musik­un­ter­richt erteilt wird, aber massive Kürzungen der Stunden­zahlen vorge­sehen sind. Das „Herrenberg-Urteil“, nach dem Musik­schul­lehrer keine Selbst­stän­digen sind, die Honorar­ver­träge abschließen dürfen, sondern sozial­ver­si­che­rungs­pflichtig beschäftigt werden müssen, bringt zudem private Musik­schulen in massive finan­zielle Schwie­rig­keiten. Ob kommunale oder private Träger: Es läuft derzeit alles darauf hinaus, dass die Teilnah­me­ge­bühren massiv erhöht werden. Damit aber wird das System der Musik­schule ad absurdum geführt, das gerade Familien mit geringem Einkommen ermög­licht, den Zöglingen eine musika­lische Ausbildung zu bieten.

Vor diesem Hinter­grund scheint es mutig, wenn in Mönchen­gladbach jetzt die private Musik­schule Klassik aber frisch ihre Pforten öffnet. Ekaterina Porizko, künst­le­rische Leiterin des gemein­nüt­zigen Unter­nehmens Klassik aber frisch, das sich zum Ziel gesetzt hat, den musika­li­schen Nachwuchs zu fördern, erfüllt sich damit einen Traum, der sie seit 20 Jahren beseelt. Ihr zur Seite steht Ekaterina Belowa, Geschäfts­füh­rerin des Unter­nehmens und tuttofare, also eine Alles­kön­nerin, wie sie sich selbst gern auf Italie­nisch bezeichnet. Die beiden haben die Zeit „zwischen den Jahren“ genutzt, um die neuen Räumlich­keiten auf der Bismarck­straße, nur wenige Meter vom Busbahnhof entfernt, für ihre Bedürf­nisse herzurichten.

Ein großer Unter­richtsraum, der später auch als Spiel­stätte für Konzerte dienen soll, ein großzü­giger Empfang, in dem jetzt Speisen und Getränke angeboten werden, und ein kleiner Raum, der die Noten­bi­bliothek und den Computer aufweist, der später noch eine besondere Rolle spielen soll, werden am Samstag­nach­mittag von den Gästen nahezu gestürmt. Dagmar Jerusalem, die, wie so oft bei Veran­stal­tungen von Klassik aber frisch, dafür sorgt, dass die Gäste sich von Anfang an wohlfühlen, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Die Physio­the­ra­peutin stellt ihre Freizeit gern für die „gute Sache“ zur Verfügung, wenn sie nicht gerade selbst im Chor singt. Nach herzlicher und persön­licher Begrüßung durch die Gastge­be­rinnen hat bald jeder einen Platz gefunden, und das Eröff­nungs­pro­gramm kann beginnen.

Die Jugend braucht musika­lische Angebote

Die Stadt hat keinen Vertreter entsandt, so dass auf förmliche Ansprachen verzichtet werden kann. Statt­dessen stehen von Anfang an die im Mittel­punkt, um die es auch später gehen soll. Denn die Kreis­mu­sik­schule aus Viersen begrüßt die neuen Mitstreiter gleich mit zwei Ensembles unter der Leitung von Querflö­ten­leh­rerin Christina Adamczyk mit einem ausge­fal­lenen Programm. Den Anfang macht ein Quartett, das Anfang Februar auch bei Jugend musiziert auftreten wird: Die 15-jährige Livia Peters an der Querflöte sowie ihre 16-jährigen Mitschü­le­rinnen Jacqueline Du-Quoc an der Geige, die angehende Cellistin Stella Peters und am Klavier Kylie Minh-Thy Dang. Von Dick Kattenburg, einem Kompo­nisten, der von 1919 bis 1944 lebte, erklingt das Quartett 1940, ehe der Tango – in memoriam Astor des anwesenden Kompo­nisten Theodor Pauß aufge­führt wird. Mit dem Tango La muerte del angel schließt der erste Teil. Eine gelungene Darbietung, die zeigt, mit welchem Eifer die Jugend­lichen bei der Sache sind, wenn sie denn erst mal vom Virus des Selbst-Musizierens angesteckt sind.

Theodor Pauß – Foto © Michael Zerban

Das gilt nicht minder für das zweite Ensemble. Im Trio spielen die neun- und zehnjäh­rigen Janna Kloeters an der Querflöte, Lena Wippich am Cello und Helena Frantz am Klavier recht kurze Stücke der jüngeren Musik­ge­schichte. Die 1983 geborene Dorothea Mader hat das Klaviertrio Black Cat & Aije verfasst. Aus der Rolle fällt der franzö­sische Komponist Joseph Bodin de Boismortier, der von 1689 bis 1755 lebte. Hier haben die Schüle­rinnen den zweiten Satz der Triosonate in a‑Moll mitge­bracht, ein fröhlicher Tanz, der sich als solcher schön in die jüngere Musik einfügt. Vom 1945 geborenen Max Maxelon erklingt anschließend The Lonely Snake, ehe Hajdu Mihalys Kolomeika den Abschluss bildet. Das Publikum bedankt sich enthu­si­as­tisch bei den Nachwuchs­mu­si­ke­rinnen. Bei aller Ernst­haf­tigkeit, mit der die jungen Leute neben ihren schuli­schen und privaten Aktivi­täten ihre Instru­mente erlernen, erwächst daraus ja keinerlei Verpflichtung, sich nun lebenslang damit zu beschäf­tigen. Aber was sie in ihrer Jugend im Umgang mit den Noten, Instru­menten und Mitspielern an sozialen Eigen­schaften und Persön­lich­keits­bildung erlangen, wird ihnen niemand mehr nehmen.

Da ist Porizko und Belowa nur reger Zulauf zu wünschen, dem sie jetzt auch formal den Weg freimachen, indem sie das rote Band durch­schneiden, sehr zum Vergnügen der Gäste, die sich anschließend noch auf einen beson­deren musika­li­schen Auftritt freuen dürfen. Bevor aber Porizko ihre Meister­schaft in der Impro­vi­sation am Klavier zu Gehör bringt, erfahren die Gäste in launigen Erzäh­lungen noch so einiges über die Zukunft der Musik­schule. Bereits mit anderthalb Jahren sollen Kinder in die musika­lische Früherziehung einge­bunden werden, nach oben gibt es keine Alters­be­schränkung. Auch in der Sprache zeigen sich die beiden Kosmo­po­li­tinnen bewusst offen. Belowa erzählt, dass die Musik­lehrer der Schule alle wenigstens zweisprachig kommu­ni­zieren können. Und, aus der Not der Pandemie geboren, haben inzwi­schen viele Musik­lehrer gelernt, ihre Fähig­keiten in Inter­net­sit­zungen weiter­zu­geben. Das wollen Porizko und Belowa zum Programm machen und einen „hybriden“ Unter­richt, also eine gekonnte Mischung aus Anwesenheit und digitaler Präsenz, anbieten.

Als Pauß sich verab­schieden will, bittet Porizko ihn noch, ihr ein Thema aus seinem eigenen Werk vorzu­geben. Überrascht greift der Komponist kurz in die Tasten – und staunt nicht schlecht, als Porizko einen Marsch als Impro­vi­sation anbietet. Sehr gelungen. Die Gäste wollen sich nicht verab­schieden, ohne den beiden frisch­ge­ba­ckenen Musik­schul­in­ha­be­rinnen noch persön­liche Glück­wünsche mit auf den Weg zu geben, und so werden aus der für anderthalb Stunden geplanten Veran­staltung kurzweilige zweieinhalb Stunden. Auch wenn die neue Musik­schule sich in ihrer Bedeutung eher regional auf den Großraum Mönchen­gladbach erstreckt: Das Signal, das Porizko und Belowa aussenden, sollte in ganz Deutschland Gehör finden. Wenn der Staat die Bedeutung und Notwen­digkeit der Kultur nicht erkennt, ist der Bürger auch in stürmi­schen Zeiten dazu aufge­rufen, selbst die Initiative zu ergreifen. Um auch unseren Kindern eine kulturell gehalt­volle Zukunft zu ermöglichen.

Michael S. Zerban

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