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In Mönchengladbach hat die private Musikschule Klassik aber frisch ihre Pforten geöffnet. Das scheint an sich keine sonderliche Nachricht wert. Betrachtet man allerdings die Gesamtsituation, ist jede Keimzelle der musikalischen Nachwuchsförderung derzeit ein Hoffnungsschimmer der Zukunft. Eine Feierstunde bleibt ohne politische Vertreter, für die Anwesenden aber sicher ein erinnernswertes Ereignis.

Die städtische Musikschule der Landeshauptstadt Düsseldorf bildet derzeit etwa 8000 bis 9000 Nachwuchsmusiker aus – und schiebt eine Warteliste von rund 2000 Interessierten vor sich her. Der Bedarf ist riesig, auch, weil an allgemeinbildenden Schulen kaum noch Musikunterricht erteilt wird, aber massive Kürzungen der Stundenzahlen vorgesehen sind. Das „Herrenberg-Urteil“, nach dem Musikschullehrer keine Selbstständigen sind, die Honorarverträge abschließen dürfen, sondern sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden müssen, bringt zudem private Musikschulen in massive finanzielle Schwierigkeiten. Ob kommunale oder private Träger: Es läuft derzeit alles darauf hinaus, dass die Teilnahmegebühren massiv erhöht werden. Damit aber wird das System der Musikschule ad absurdum geführt, das gerade Familien mit geringem Einkommen ermöglicht, den Zöglingen eine musikalische Ausbildung zu bieten.
Vor diesem Hintergrund scheint es mutig, wenn in Mönchengladbach jetzt die private Musikschule Klassik aber frisch ihre Pforten öffnet. Ekaterina Porizko, künstlerische Leiterin des gemeinnützigen Unternehmens Klassik aber frisch, das sich zum Ziel gesetzt hat, den musikalischen Nachwuchs zu fördern, erfüllt sich damit einen Traum, der sie seit 20 Jahren beseelt. Ihr zur Seite steht Ekaterina Belowa, Geschäftsführerin des Unternehmens und tuttofare, also eine Alleskönnerin, wie sie sich selbst gern auf Italienisch bezeichnet. Die beiden haben die Zeit „zwischen den Jahren“ genutzt, um die neuen Räumlichkeiten auf der Bismarckstraße, nur wenige Meter vom Busbahnhof entfernt, für ihre Bedürfnisse herzurichten.
Ein großer Unterrichtsraum, der später auch als Spielstätte für Konzerte dienen soll, ein großzügiger Empfang, in dem jetzt Speisen und Getränke angeboten werden, und ein kleiner Raum, der die Notenbibliothek und den Computer aufweist, der später noch eine besondere Rolle spielen soll, werden am Samstagnachmittag von den Gästen nahezu gestürmt. Dagmar Jerusalem, die, wie so oft bei Veranstaltungen von Klassik aber frisch, dafür sorgt, dass die Gäste sich von Anfang an wohlfühlen, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Die Physiotherapeutin stellt ihre Freizeit gern für die „gute Sache“ zur Verfügung, wenn sie nicht gerade selbst im Chor singt. Nach herzlicher und persönlicher Begrüßung durch die Gastgeberinnen hat bald jeder einen Platz gefunden, und das Eröffnungsprogramm kann beginnen.
Die Jugend braucht musikalische Angebote
Die Stadt hat keinen Vertreter entsandt, so dass auf förmliche Ansprachen verzichtet werden kann. Stattdessen stehen von Anfang an die im Mittelpunkt, um die es auch später gehen soll. Denn die Kreismusikschule aus Viersen begrüßt die neuen Mitstreiter gleich mit zwei Ensembles unter der Leitung von Querflötenlehrerin Christina Adamczyk mit einem ausgefallenen Programm. Den Anfang macht ein Quartett, das Anfang Februar auch bei Jugend musiziert auftreten wird: Die 15-jährige Livia Peters an der Querflöte sowie ihre 16-jährigen Mitschülerinnen Jacqueline Du-Quoc an der Geige, die angehende Cellistin Stella Peters und am Klavier Kylie Minh-Thy Dang. Von Dick Kattenburg, einem Komponisten, der von 1919 bis 1944 lebte, erklingt das Quartett 1940, ehe der Tango – in memoriam Astor des anwesenden Komponisten Theodor Pauß aufgeführt wird. Mit dem Tango La muerte del angel schließt der erste Teil. Eine gelungene Darbietung, die zeigt, mit welchem Eifer die Jugendlichen bei der Sache sind, wenn sie denn erst mal vom Virus des Selbst-Musizierens angesteckt sind.

Das gilt nicht minder für das zweite Ensemble. Im Trio spielen die neun- und zehnjährigen Janna Kloeters an der Querflöte, Lena Wippich am Cello und Helena Frantz am Klavier recht kurze Stücke der jüngeren Musikgeschichte. Die 1983 geborene Dorothea Mader hat das Klaviertrio Black Cat & Aije verfasst. Aus der Rolle fällt der französische Komponist Joseph Bodin de Boismortier, der von 1689 bis 1755 lebte. Hier haben die Schülerinnen den zweiten Satz der Triosonate in a‑Moll mitgebracht, ein fröhlicher Tanz, der sich als solcher schön in die jüngere Musik einfügt. Vom 1945 geborenen Max Maxelon erklingt anschließend The Lonely Snake, ehe Hajdu Mihalys Kolomeika den Abschluss bildet. Das Publikum bedankt sich enthusiastisch bei den Nachwuchsmusikerinnen. Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der die jungen Leute neben ihren schulischen und privaten Aktivitäten ihre Instrumente erlernen, erwächst daraus ja keinerlei Verpflichtung, sich nun lebenslang damit zu beschäftigen. Aber was sie in ihrer Jugend im Umgang mit den Noten, Instrumenten und Mitspielern an sozialen Eigenschaften und Persönlichkeitsbildung erlangen, wird ihnen niemand mehr nehmen.
Da ist Porizko und Belowa nur reger Zulauf zu wünschen, dem sie jetzt auch formal den Weg freimachen, indem sie das rote Band durchschneiden, sehr zum Vergnügen der Gäste, die sich anschließend noch auf einen besonderen musikalischen Auftritt freuen dürfen. Bevor aber Porizko ihre Meisterschaft in der Improvisation am Klavier zu Gehör bringt, erfahren die Gäste in launigen Erzählungen noch so einiges über die Zukunft der Musikschule. Bereits mit anderthalb Jahren sollen Kinder in die musikalische Früherziehung eingebunden werden, nach oben gibt es keine Altersbeschränkung. Auch in der Sprache zeigen sich die beiden Kosmopolitinnen bewusst offen. Belowa erzählt, dass die Musiklehrer der Schule alle wenigstens zweisprachig kommunizieren können. Und, aus der Not der Pandemie geboren, haben inzwischen viele Musiklehrer gelernt, ihre Fähigkeiten in Internetsitzungen weiterzugeben. Das wollen Porizko und Belowa zum Programm machen und einen „hybriden“ Unterricht, also eine gekonnte Mischung aus Anwesenheit und digitaler Präsenz, anbieten.
Als Pauß sich verabschieden will, bittet Porizko ihn noch, ihr ein Thema aus seinem eigenen Werk vorzugeben. Überrascht greift der Komponist kurz in die Tasten – und staunt nicht schlecht, als Porizko einen Marsch als Improvisation anbietet. Sehr gelungen. Die Gäste wollen sich nicht verabschieden, ohne den beiden frischgebackenen Musikschulinhaberinnen noch persönliche Glückwünsche mit auf den Weg zu geben, und so werden aus der für anderthalb Stunden geplanten Veranstaltung kurzweilige zweieinhalb Stunden. Auch wenn die neue Musikschule sich in ihrer Bedeutung eher regional auf den Großraum Mönchengladbach erstreckt: Das Signal, das Porizko und Belowa aussenden, sollte in ganz Deutschland Gehör finden. Wenn der Staat die Bedeutung und Notwendigkeit der Kultur nicht erkennt, ist der Bürger auch in stürmischen Zeiten dazu aufgerufen, selbst die Initiative zu ergreifen. Um auch unseren Kindern eine kulturell gehaltvolle Zukunft zu ermöglichen.
Michael S. Zerban