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Foto © O-Ton

Stabübergabe am Marimbafon

Seit fast 50 Jahren findet das Moers-Festival zu Pfingsten statt. Aber bereits im Januar wird der neue Impro­viser vorge­stellt. Das ist eine Art Stadt­mu­sikant, der sich auf das Impro­vi­sieren versteht und für ein Jahr in Moers lebt. Im Rahmen eines Übergabe-Konzerts verab­schiedet sich in diesem Jahr Josephine Bode als elfte Stadt­mu­si­kantin und übergibt den Stab an Emilio Gordoa.

Foto © O‑Ton

Im vergan­genen Jahr bezog die Block­flö­tistin Josephine Bode das Haus an der Kleinen Allee 10, das dem jewei­ligen Stadt­mu­si­kanten als Wohnung zur Verfügung gestellt wird. „Als ich ankam, war alles verschneit. Der Schnee knirschte unter den Tritten. Ich war allein im Haus, und die Äste der umher­ste­henden Bäume streiften über das Dach des Hauses. Das ergab unheim­liche Geräusche. Und vor dem Haus stand ein Plakat, das darauf hinwies, dass hier eine Frau allein lebt“, erinnert sich Bode an ihre Ankunft in Moers. 1982 in Oldenburg geboren, wuchs sie in Münster als Tochter eines Flamenco-Gitar­risten auf, begann dort auch ihr Block­flöten- und Theater­studium. Beide beendete sie in Amsterdam, wo sie seither auch lebte. Block­flö­tistin und Perfor­mance-Künst­lerin? Die Bürger von Moers waren eher skeptisch. Dass Tim Isfort, Künst­le­ri­scher Leiter des Moers-Festivals, versucht, im Programm in erster Linie mit Musik abseits des Mainstreams zu überra­schen, geht ja in der Stadt zwischen Nieder­landen und Ruhrgebiet weitest­gehend in Ordnung, man hat sich gewöhnt, aber konnte man nicht wie sonst eine Geigerin oder einen Trompeter zum Stadt­mu­si­kanten küren? Bode gelang es binnen kürzester Zeit, sämtliche Bedenken zu zerstreuen. Schneller als gedacht, ist das Jahr um. Bode wird anschließend nach Toulouse gehen, um eine eigene Residenz zu gründen. Aber sie geht mit Wehmut.

Dabei sind die Anfor­de­rungen an so einen Moerser Stadt­mu­si­kanten durchaus hochge­steckt. Er – oder sie – bekommt nämlich keinerlei Vorgaben, sondern muss sich die Stadt und ihre Bürger erobern. Orte, Zeitpunkte und Arten des Zusam­men­treffens mit der Stadt­be­völ­kerung bleiben dem Künstler überlassen. Was nach größt­mög­licher Freiheit klingt, kann man auch erst mal mit Orien­tie­rungs­lo­sigkeit übersetzen. Bode hat es geschafft, sich in die Herzen der Moerser zu spielen. Und so kann sie in diesen Tagen den Stab des impro­viser in residence, eine weltweit einmalige Position, wie Isfort sagt, mit gutem Gewissen an ihren Nachfolger abgeben.

Der kommt gebürtig aus Mexiko, heißt Emilio Gordoa und lebte bislang in Berlin. „Wir freuen uns sehr, mit dem Vibra­pho­nisten und Schlag­zeuger eine außer­ge­wöhn­liche Persön­lichkeit der jungen zeitge­nös­si­schen Impro­vi­sa­ti­ons­szene als neuen impro­viser in residence gewonnen zu haben“, heißt es aus der Festi­val­leitung. Anlässlich eines Übergabe-Konzertes in der Aula eines Moerser Gymna­siums darf er sich auch gleich musika­lisch vorstellen. Ein schöner Brauch: Der sich verab­schie­dende und der künftige Impro­vi­sateur geben ein gemein­sames Konzert.

Konzer­tanter Wechsel

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Und das wird auch gerne angenommen. Schnell ist die Aula bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Zuschau­er­kreis ist vor der großen Bühne im Kreis aufgebaut, in dessen Mitte Künstler und ihre Instru­mente Platz finden. Auf der Bühne ist eine kleine Projek­ti­ons­fläche aufgebaut, auf der im ersten Teil der Veran­staltung Bilder aus dem abgelau­fenen Jahr gezeigt werden. Völlig versagt der für das Licht Verant­wort­liche. Vier rote Schein­werfer sollen genügen, dem Saal Atmosphäre zu verleihen, um einen Künstler zu zeigen, den alle sehen wollen. Der Erfolg: Es ist kaum etwas zu erkennen, und so braucht sich Gordoa nicht zu wundern, wenn ihn in den nächsten Tagen in der Fußgän­gerzone niemand erkennt. Da schaut man verwundert zu den Schein­werfern unter der Saaldecke hoch, die ungenutzt bleiben. Nach einer völlig überflüs­sigen Frage­runde durch eine vermutlich Verant­wort­liche des Moers-Festivals kann das Konzert beginnen.

Während Bode sich mit Block­flöten, Lautsprecher und Akustik­hilfen zurück­nimmt, zeigt Gordoa schon einmal die Bandbreite seines Könnens. Da wird ins Marim­bafon geblasen, Handsäge und Geigen­bogen kommen ebenso zum Einsatz wie elektro­nische Hilfs­mittel. Aber auch seine Fertig­keiten mit vier Schlegeln auf den Blättern des Schlag­in­stru­ments verdeut­lichen: Hier ist ein Profi am Werk, der mit viel Fantasie Geräusche erzeugt, die man im Verständnis der Neuen Musik als respek­tables Ergebnis verbuchen kann.

Nach kurzer Pause hält Bode ihre Dankesrede, ehe sie noch einmal ihre Instru­mente von der Piccolo- bis zur Bassflöte auffährt und sich mit eher medita­tiven Tönen von der Stadt verab­schiedet, in der die „Kommu­ni­kation bisweilen schwierig war, aber ich auch existen­zielle Gespräche geführt habe“, sagt Bode. Echte Höhepunkte bleiben an diesem Abend aus, aber Gordoa hat bereits erste Duftmarken gesetzt, die er in den nächsten Monaten wird ausbauen können. Zum Auftakt lädt er die Moerser Bürger zu einem jour fixe im Haus an der Kleinen Allee ein. Eine schöne Geste. Und während Josephine Bode sich von liebge­won­nenen Mitbürgern verab­schiedet, wird Emilio Gordoa schon von Musikern umlagert, die ihm wertvolle Tipps für die kommenden zwölf Monate geben. Was er daraus macht, wird man spätestens beim Moers-Festival zu Pfingsten sehen und hören.

Michael S. Zerban

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